Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ihnen, meinen Kindern, sind meine- Gedanken, meine Sorgen, meine Gefühle und meine Leiden fremd. Ich bin für sie eine andere, als ich in Wirklichkeit bin. Wenigstens -vor meinem Tode wollte ich. deshalb, noch einmal nach dreißig Jahren in einem Leben der Lüge, ich selbst sein! Und nun eine Bitte! Wollen. Sie die Güte haben, mein Kissen ein hvenig hoch zu heben. — So . . dieses Päckchen, bitte, nehmen Sie es!" Ich nahm das Päckchen und wollte cs ihr geben. Doch sie wehrte ab. „Behalten .Sie.es! Es sind 1000 Rubel, die ich den Armen der jüdischen Gemeinde vermachen möchte. Wollen Sie die Uebermittlung besorgen?" „Gewiß!" „Und wenn möglich . . ." Sie wurde verlegen und kämpfte mit den Worten. „Ich weiß, daß Gott für alle Menschen .ist, daß ihm alle Menschen gleich sind. Zn ihm gelangt jedes aufrichtige Gebet, sei cs von einem Juden oder von einem Christen, — aber dennoch . . . ." Sie schwieg wieder, und ihre Augen blickten sinnend in die Weite. „Ich verstehe," sagte ich. „Sie wünschen, daß man Kaddisch sage." „Ja, das ist mein Wunsch. Aber nicht wegen des Kaddisch, sondern wegen der Rebccka Perlstein, damit, Iveim Alexandra Petrowna stirbt, auch die Rebecka Perlstein nicht vergessen wird. Denn sie war nicht weniger wert als die Generalsfrau, nach deren Tode man Messen lesen wird, und die von den höchsten Per-. sönlichkeiten der Stadt zur letzten -Ruhe begleitet werden >vird- .Eine große Pracht wird man für die Generalin entfalten, — doch was wird für die arme Rebecka, die. so unendlich viel gelitten hat, geschehen? Nichts! Wer auch das Andenken der armen Rebecka soll erhalten bleiben und zwar bei denen, die am besten eine Dulderin verstehen können. Ist das -möglich?" „Ich glaube!" „Versprechen Sie cs mir!" „Wenn die jüdische Tradition es erlaubt . . ." „Ich danke Ihnen für die Erfüll,mg n,eines letzten und größten Wunsches." Ich merkte, daß sie ihre geringe Kraft dein, Sprechen aufgezehrt hatte. Ich erhob mich. „Wollen Sie .schon gehen?" „Sie haben jetzt genug gesprochen und bedürfen der Ruhe." „Nitschewo", lächelte sie. „Bald ruhe ich aus. Aber ich habe kein Recht, Ihre Zeit noch länger in Anspruch zu nehmen. — Werden Sie mich nicht vergessen? Rebccka, die Tochter Davids." „Nein, ich vergesse es nicht!" Und wir schieden. * Noch lange erinnerte ich mich dieses Besuches. Eines Tages wohnte ich einer Beerdigung auf dem Friedhof des Mexandro Newsky Klosters bei. Wir gingen an einem prächtigen Mausoleum vorbei, das erst neu erbaut sein mußte. Mein Begleiter las: „Hier ruht die Generalsfrau Alexandra Petrolvna Dcnisenko." Unwillkürlich entschlüpften mir die Worte: „Rebecka Davidowna." „Was sagst Du?" fragte mein Begleiter. Ich antwortete ihm, daß hier die. Gebeine einer Frau ruhen, die ihr Lebelang nur ein Mensch war, und die sogar nach ihrem Tode noch gezwungen wurde, die Generalin zu markieren.. __ flmBrihaniscbBFits-u Pincenez üsäSf 2:1® Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J. V. Albert, Me Neue Mainzerstr. u. Weissfranenstr. 11. Aphorismen. Bon Leopold Perlmutter- Frankfurt a. M. Wäre das Sprichwort: „Das gebrannte Kind scheut das Feuer", richtig, so wäre die Lösung der .Judenfrage ein Kinderspiel-. . * Man sagt: durch Schaden wird man klug. Er macht auch a r m. Bislang hat er uns Juden nur arm gemacht. Wird er uns auch einmal klug werden lassen? * Wird er uns klug machen, bevor wir so am geworden sind, daß uns alle Klugheit nichts' mehr nütztr? | » M L! [ * Ich glaube, cs schwebt auf allen Lippen: die ' Judenfrage, zur Frage der Juden geworden, ist ihre Lösung. Es ist aber' eher zu erwarten, daß die solidarisch bewußten Juden Millionäre werden, als daß die jüdischen Millionäre — solidarisch bewußte Juden werden. * So bitter es klingt, wir sind versucht zu sagen: es gibt, Gott .sei Dank, noch bedeutende Zeitgenossen jüdischer Abstammung, die sich zuunserem Glücke nicht um uns kümmern. * Ihr Kosmopoliten: Ihr wollt ja nur das messianifche Zeitalter der Bibel. Verbrüderung aller Völker. Pardon! Ihr habt Euch das Lesen der Bibel abgewöhnt. „Es wallen in jenen Tagen alle. Völker gen Israel". Wo aber steht, daß Israel zu allen Völkern laufen werde? * Als ich klein war und vom Volke der Dichter und Denker las, war ich naiv genug zu glauben, daß damit das jüdische Volk gemeint sei, welches doch die ersten Dichter- und Denker-Könige besaß. Später erfuhr ich's. Dichter und Denker, das sind die Arier. Jude»!— „orientalische Phantasie". * „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten." Was! uns wagt man mit Hunden zu vergleichen? wütet der Assimilant. Nein. Der Hund heult und wehrt sich, wenn er getreten wird. Der Jude duckt sich. Nein! Juden und Hunde sind nicht gleich! *- Unsere Väter liebten das Judentum noch bis in den Tod. Sie starben als Märtyrer. Die Enkel lieben das Judentum e r st im Tod. Sie lassen sich als Juden — nur noch begraben. Aus dem Stamm der Asra, die sterben konnten, wenn sie liebten, ist ein Stamm der Asra gelvorden, die nur lieben können, wenn .sie st erben. * Ein wahrer Gesetzestreuer kein „Zionist"? Wie ist dies möglich? Ein Gesetzcstrcuer, der glaubt, daß das jüdische Gesetz der gesunde Geist des jüdischen Volkskörpers werde. Schafft, daß der jüdische VolEkörper gesunde! In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Bunte Chronik. Die Juden ln Lxford. Oxford war von jeher ein jüdisches Zentrum. Besonders in den letzten zwei Jahrhunderten vor der im Jahre 1290 erfolgten Austreibung der Juden aus England. Die Juden scheinen um diese Zeit in Oxford großen.Einfluß besessen zu haben und auch Eigentümer von Häusern und Grundbesitz gewesen zu sein. Die drei Lehrhäuser der Universität um jene Zeit wurden nach ihren jüdischen Besitzern, von denen sie gemietet waren, Moyses Hall, Jacob Hall und Lumbards Hall genannt. Die Oxforder Judcngemeinde hatte eine weithin beriihmte Schule, welche auch von christlichen Schülern besucht wurde. Es wird behauptet, daß, als im Jahre 1290 die allgemeine Judenvertreibung aus England durchgeführt wurde, Oxford allein von dieser. Maßregel verschont geblieben sei. Allerdings seien die Oxforder Juden niangels jeder Verbindung mit ihren ausgewiesenen Brüdern allmählich in der übrigen Bevölkerung aufgcgangen. Interessant ist auch die Tradition, daß Roger Bacon seine hebräischen Kenntnisse den jüdischen Gelehrten von Oxford und der große» hebräischen Bibliothek zu verdanken habe, die er von Juden vor ihrer Vertreibung erworben habe. Auch später bis zu Beginn des siebzehnten Jahrhnnderts stößt inan auf historische Daten, welche den Aufenthalt von Juden in Oxford um jene Zeit Nachweisen. So zum Beispiel ist es erwiesen, daß am Ende des sechzehnten Jahrhunderts ein getaufter Jude Philipp Ferdinand Lehrer an der Universität war, und daß, als die große Bodleama im Jahre 1608 gegründet wurde, zwsi Juden namens Wolfgang und Jakob Lewita die Erlaubnis erhielten, die Bibliothek zu benützen. Lluch war ein ungetauster Jude namens Jacob Barnett während mehrerer Jahre Lehrer an der Universität. Cassubon, bei welchem Barnett Sekretärdienste versah, wollte ihnunter allen Umständen zur Taufe bewegen. Barnett schien nicht abgeneigt, diesen Schritt zu tun, und große Vorbereitungen für die Taufe wurden bereits gemacht. Der König und der Erzbischof nahmen großes Interesse an dem Fall, und auch der Vizekanzler äußerte den Wunsch, an dem öffentlichen Taufakt persönlich teilzunehmen. Alles war bereits vorbereitet, doch als der Tag der großen Taufparade gekommen war, war ' der Taufkandidat nirgends - aufzufinden. Er war spurlos verschwunden. Ungefähr zehn Jahre später finden wir den Juden Alessandro als Lehrer für hebräische Sprache und Literatur an der Oxforder Universität. Interessant ist awäf. die Tatsache, daß das erste Kaffeehaus in England in Oxford im Jahre 1650 von einem Juden Jacob eröffnet wurde. In verschiedenen Geschichts- Werken wird auch' behauptet, daß Samuel, ein Sohn des Manasse den Israel, derseinen Vater anläßlich seiner Mission nach England begleitet hatte, in Oxford zum Doktor promoviert worden sei, doch wurde diese Behauptnngbisher noch nicht dokumentarisch nachgcw lesen. - Nach der Wiederansiedlung der Juden in Englandsinkt die Bedeutung der Oxforder Juden immer mehr. Bekannt ist noch die anerkannte Tätigkeit des aus Ungarn stammende» Gelehrten Dr. Adolf Neubauer, der im Jahre 1868 mit der Absicht nach Oxford kam, die berühmten und bis dahin unbekannten hebräischen Manuskripte der Bodleama zu katalogisieren, und der Bibliothekar - und Dozent an der Universität wurde. Knust und Literatur. Die M i n d e r st e r b l i ch k e i t der Jude n. Unter der Ueberschrift „Ursachen und Bedeutung der Mindersterblichkcit der Juden" bespricht Dr. Eisen st «dt in der Zeitschrift „Fortschritte der Medizin", Dr. Teilhabers „Mortalitütsstatistik der Juden." Dr. Eisenstadt bestreitet, daß die verminderte Sterbe lichkeit der Juden auf Rassendisposition zurückzuführen sei, vielnrehr seien es „die Anwendung der religiöscn Borschriften im ehelichen Leben und in der Ernährung sowie die gesamte jüd i s ch e S o z i a l h y g i e n e, die so tiefgehende, statistisch festgcstcllte biologische Wirkungen haben, daß die Juden bei der Beachtung dieser Vorschriften über jedes bestimmte Territorium, über jeden bestimmten Beruf hinaus wachsen müssen." Dies zeigt sich nach den Zahlen der Statistik schon darin, daß die nach der jüdische Tradition lebenden Ostjuden trotz ungünstigster Lebensverhältnisse günstigere Mindersterblichkeitszahlen haben als die Wcstjuden, die unter günstigen Lcbensbedingüngen leben, aber sich von der jüdischen Tradition entfernt haben. Kaiser Friedrich Quelle .- Offenbach a. L»; — Gegen Gicht and Bheumatlsmna bewährt.;' Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl« Frankfurta.X.j Günthersbarg-AIlae 37. TeL259 tu 714. . Wochen-Kalenver. (Zeitangaben nach dem Imach.) Samstag» den 24. August (— 11. Mal,: Sabbat-Anfang kn Frankfurt a. M. 6 Uhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr IS Min. in Berlin 8 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Ki-seize. — Zunächst wird uns von der Aneignung eines kriegsgefangeneil Weibes berichtet. (Die Erlaubnis sie zu ehelichen, ist nach der: Tradition gleichsam eine Konzession an den „bösen Trieb.") Das Erbrecht des Erstgeborenen. Die Bestrafung des ungeratenen Sohnes. Schonung der Menschenehre auch beim Delinquenten, der gehängt wird. Zurückerstattung gefundenen Gutes. Strengzüchtige Geschi«- denheit der Geschlechter in Kleidung. — Eine Bogelmutter nicht samt den Jungen und Eiern nehmen.. Am Hausdach Geländer anbringen, um Blutschuld zu', verhüten. Im Weinberg keine Mischgattungen säen. Tiere verschiedener Gattung nicht verbinden, ebenso Woll- und Leinenstoff in Kleidern. — Aufnahmefähigkeit heidnischer Volksgenossen in Israels Gemeinschaft. (Ammoniter, Moabiter, Edomiter, Egypter.) — Menschlich-züchtiges Verhalten bei Verrichtung menschlicher Bedürfnisse. Unzucht nie dulden in Israels Kreis. Nicht Zins von, Volksgenossen nehmen. Heiligkeit getaner Gelübde. —- G'enußerlaubnis für Arbeiter in Feld und Weinberg, Vorschriften für notwendig gewordene Ehescheidung. Dispens vom Heeresdienst für Männer im ersten Ehejahre. Vorschrift für vom Aussatz befallene Personen. Pfändung von Schuldnern. Lohnauszahlung an Arbeiter bctzw. Taglöhner. Armenrecht an „vergessenen" Feld- und Weinbcrgfrüchten. Die Geißelungsstrafe 'und ihre Ausführung. Die Pflicht der Schwagerehe, wenn der Bruder kinderlos, starb. Richtiges Maß und Gewicht gebrauchen, falsches, muh wenn unbenutzt, nicht im Hause dulden. — Stets eingedenk zu bleiben des tückischen Ueberfalls Amaleks nach Israels Auszug aus Egypten. Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr 30 Min.). Abends: 6 Uhr 30 Min. (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königsteiiwrstraßc 7 Uhr). Spenden. Für den Nationälfonds gingen ein: Zur Vermählung von Frl. Dina Dunin, Paris und Herrn Max Goldflanm, Paris, spenden einen - Oelbanm, Familie Salomon Dunin. Paris und Familie S. Goldflaum, Frankfurt a. M. 6.—,/& Allgemeine Mitteilungen. Im Hause Wronker ist eine Kunstaussteklung eröffnet worden, die das' lebhafteste Interesse aller Frankfurter Kunstfreunde beansprucht. Die Münchener Künstlerv erein igung „Mosaik" zeigt sich in ihren hervorragendsten Schöpfungen, — und cs sind wirklich hervorragende Schöpfungen darunter. Offenbaeher Druckluft - Anlage Offaobach a. M. Telefcn 123. (Anächlnsa mit Frankfurt). Bewährteste TapDlChralnlBang, 100,000 qm jährlich s»wie nnSbertroffene Betten- und Bettfedernreinignng" mittelst Druckluft nnd Wasserdampf. - .