Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 32 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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S2 Zeichen der Zeit. i .Wir. hatten kürzlich' Gelegenheit, in einem , unserer Taunnsbäder einen Chassidim-Rebbe Galiziens kennen zju^ lernen, und »vir waren erstaunt \ über den Wandel, der sich auch innerhalb d'r! galizischen Judenheit vollzogen hat.'. Da saß' vor uns kein weltfremder Einsiedler, der schon in Gebärde und Sprachst die Kluft, die zwischen seinem Leben und dem Getriebe der Gegenwart gähnt, kund tat. Vielmehr ein weltkluger Mann mit der Ruhe eines Westeuropäers stand uns in akzentfreiem Deutsch Rede und Antwort. Auch die CW ^sti d i m Galiziens haben ängefangen, zu sPurest/Mß sie, wenn sie nicht unter die Räder der Zeit kommen wollen, Herr der Zeit werden müssen. „Wir haben,,eingesehen, daß w>ir mit der bisherigen Erziehung"ünserer Kinder nicht mehr weiterkommen können. Unser Cheder bedarf einer Reform und zwar in der Hinsicht, darneben den bisherigen jüdischen Fächern auch; praktische. Fächer unterrichtet werden. Eine Art Gewerbeschule müßte dem Cheder angegliedert werden. Doch diese Reorganisierung kostet Geld, und unsere Gemeinden sind! weist zu arm, um die notwendigen Mittel aufbringen, zu können. Wir Haben einen Kredit nötig. Diesen KreW Müßten uns unsere besser gestellten westeuropäischen Brüder ge- . währen. Glauben Sie nicht, daß auch hie ärmste unserer Gemeinden das Geld geschenkt haben will! Da .keimen Sie unsere galizischen Juden nicht! Sie verlangen nur die Möglichkeit einer ihren Verhältnissen entsprechenden ratenweisen Rückzählung." Doch unser Rebbe ist auch ein Mann «mit Verständnis für die Erwerbsfragen der Judenheit seines Landes., ©oein Chassidim-Rebbe ist im vollsten Sinne des Wortes der Berater in all' den kleinen und großen Familien- und Erwerbs-Sorgen seiner Tausende von Anhängern. Auch dev westeuropäische. ^Rabbiner war dies, als er noch nicht sein Amt ausschließlich als das eines Predigers und Religionslehrers auffaßte. Unser Rebbe führte also aus, wie der furchtbaren materiellen Rotlage der galizischen Juden ab-, züh elfen sei. ' J „Galizien ist ein Land" —so begann er —, „das besonders sür Hausindustrien die glänzesten Vorraussetzungen erfüllt. Rohprodukte im Lande und billige Arbeitskräfte. Aber der polnische Schlachzize hat keine A-er von einem Geschäftsmann in sich, und dci er hie Regierung, des Landes stellt, so ist wlenig. behördlichst Förderung derartiger Bestrebungen zu erwarten. Aus Förderung aus Oesterreich wiederum darf deshalb keine Hoffnung gesetzt werden, weil die österreichischen«- Industriellen ein Interesse daran hoben, daß Galizien für ihre Erzeugnisse ein Absytzland bleibt. > Es ließe sich A. B. in Galizien eine blühende Herrenkonfektion- und• Spielwaren-Jndustrte schaffen. Doch Geld und Einführung müßten vom Auslande kominen. Man. -sollte Aktien-Gstsellschaften bilden; sie würden glatt 10 bis 15 o/ol Dividende verteilen. Wenn die in_rD!ründnng begriffene „AgüdäM Jisroel" in den^gezeichlneten Linien ideeller und materieller Natur uns helfen könnte, sie hätte ein großes, fruchtbares Arbeitsfeld!" * Man sieht, daß die schiefe Lage unseres Volkes and die Veränderung, die in seinem geistigen! sowie Materiellen Zustande Platz gegriffen, auch die Augen der Wunderrabbis geöffnet haben, sodaß sie nach rationellen Mitteln suchen, um der Misere abzuhelfen. Bedenkt man, daß der Chassidismus von jeher mit seinem unverwüstlichen, ja gar maßlosen Optimismus sich über alle Schwierigkeiten unseres' prekären Daseins hinwegzuhelsen pflegte, so kann .man sich! nicht genug fteuen über die Sinnesänderung" der neuzeitlichen Führer der Chassidim. Es sind Zeichen der Zeit, die dieses Wunder zu vollbringen vermochten! Auch das Herz des .Wunderrabbi, der. doch anscheinend in weiter Distänz von den Massen und. hoch sehr hoch über ihnen thront, beginnt sich zu regen angesichts des großen Elends seiner sich im Tiefstand befindenden Brüder, und so rufen auch sie nach. Reformen, nach Organisation! Nur das Herz der „Kleins" und Konsorten, der modernen rabbinischen Doktoren, bleibt unbeweglich trotz der verzweifelten Lage unseres Volkes, trotz der Not der Orthodoxie. . . . . Ihnen ist die Trennung und ihre eigene, durch die Trennung günstig gestaltete Position teuerer als die Rettung des Volkes, als das Heil der Orthodoxie. . . Aus de» Ereiguiffeu des Tages. 1. Die moralischen Schäden der Emigration. Auswanderungen großer Massen eines Volkes von ihrem Heimatland sind stets anormale, ungesunde Prozesse im Leben dieses Volkes und bergen dabei alle Schäden und Gefahren des ungesunden Anormalen in sich Diese Schäden sind nicht nur materieller, physischer und ökonomischer Natur, sondern auch geistiger und moralischer Art. Jede Emigration bedeutet einen Angriff auf die Moral der Emigranten, versetzt ihren moralischen Grundlagen einen Stoß und macht ihre ethische Lebensführung wankend. Denn jede, Emigration bedeutet eine Entwurzelung so nach'so vieler Auswanderer aus ihrem Heimatsboden, und es ist, nur natürlich daß dabei der große moralbildende Faktor, der in dem suggestiven Zwang des' alten Milieus besteht, verlustig gehen muß. Und mit ihm eine der vornehmsten Stützen der moralischen Lebensweise dieser Auswanderer. All dies sind Gefahren und Schäden, die ohne weiteres 'erkannt werden können: «M werden sie iM realen Leben 'oft und leicht übersehen, indem sie vor den unmittelbareren konkreteren/ leichter faßbaren Schäden materieller Natur zurücktreten. — Zudem läßt sich moralischer Tiefstand nicht so rasch wahrnehmen wie ökonomischer. Nur ab und zu in großen Katastrophen moralischer Natur wird der Nebel durchbrochen, und dann vermag selbst der Harmloseste einen Blick in die Tiefe zu werfen, der ihn erschaudern läßt. Eine solche Katastrophe moralischer Natur, eine Gelegenheit, die die Moralischen Gefahren unserer Emigration grell erkennen läßt, ist auch für uns Juden derFalt Ro.fenthal in New Jork. Ueber die Tatsachen und Zustände, die dieser Fall anfgedeckt hat, braucht hier nicht gesprochen zsU werden. Was uns daran interessiert, ist die «N-. bestreitbare Tatsache, daß neben vielen anderen Einwanderern anderer Nationalitäten auch Juden in starkem Maße am Ganzen beteiligt sind. Daß das von den offiziellen und inoffiziellen Anti-' semiten Amerikas gegen die Jrchen ausgebeutet rvird, ist'klar und' braucht uns nichtj wefterM kümmern; höchstens interessiert es uns als' Symptom für den Antisemitismus in Amerika. Selbst, der Bürger* meister New Jorks, G ä y n v r, ein fönst sehr 'liberal und judenfreundlich tuender Herr, hat die Angelegen- , heit zu einem Vorstoß gegen die „Fremden" benützt; und hat daraufhin von der Leitung der KehillM ' :ht New Jork die gebührende Anüvort erhalten. Doch all dies sind nur Nebensächlichkeiten, gemessen an der Wichtigkeit der zentralen Tatsache, daß unter dcix korrumpierten Band«, die um den Fall Rosen* thpll drmn und dran hängt, sich zahlreiche Klden befinden, daß selbst .unter den verhafteten und verfolgten Mördern Inden sind. Dieses Faktum zeugt von einem moralischen Tiefstand gewisser/ jüdischer Kreise Amerikas, der wahrhaft er- - schreckend ist. Und wenn Mast nach den Ursachen die- / ses Tiefstandes forscht, so wird man nur Wer fdvden: der demoralisierende Einfluß der Emigration überhaupt und die korrupte Atmosphäre Amerikas und New Jorks" insbesondere. Es heißt einfach ■ die Dinge dreist auf den Kopf stellen, wenn mangleich Mayor Gaynor und den. anderen amerikanischen Chauvinisten behauptet, die Einwanderers hätten diese Korruption hervorgebracht. Röcht hie Einwanderer haben Amerika verdarben, sondern Amerika hat die Einwanderer korrumpiert. Dies! gilt von den Einwanderern überhaupt, von den jüdischen ganz besonders Man darf ruhig behaupten, daß von den vielen jüdischen Beteiligten die» meisten als ruhige, ehrliche Leute gestorben wären, wenn sie in ihren Heinmtstädtchen geblieben wären. Kaum könnNen sie nach. Amerika, entwurzelt, ftemd, allein, schwindet ihre Frömmigkeit, schwindet ihr. Judentum', schwindet ihr Moralisches Fundament. Unser Volk verliert jaMlich. nicht nur Tausende von Juden durch die Amerikaemigration, sondern auch Tausende von Menschen. Und dies ist erst das ..Entscheidende, gilt nicht nur.vow Ken Bereinigten Staaten. Hier, wo der korrumpierende Einfluß der ganzen politischen Atmosphäre hrnW-- konrmt, macht es sich nur besonders stark bemerkbar. In ihrer Art genau die gleichen Erscheinungen ober kann man auch in Südamerika wahrnehmen, und es ist eine Tatsache.^ die für uns tief beschämend, aber darum nicht wegWleugnen ist, daß in , dclr kurzen Zeit, da : M8m nach Argentinien cwA» wandern, sie in der Hauptstadt vereW tzen ganzen Mädchenhandel monopolisiert haben. Es ist eben überall dasselbe: die Emigration bedeutet für döe Masse eine nwralische Gefahr. Nur bei einem Emigrationsland nicht: Palästina. Unter all den Argumenten und Ursache«, die Palästina den ungeheuren Vorzug über alle anderen Emigrationsländer geben, ist dieses eines ^der roichtigsten, wenn auch am wenigsten beachtetem. Bedeutet die Emigration nach irgend einem anderen Lande eine sittlichaGvfahr für de,n .Emigranten, so stellt drs . Auswanderung nach Palästina eine sittliche Hebung jdar. Der Jude, der nach Amerika korchlrt, ist zum großen Teil ein Entwurzelter,.nu>- ralisch Schwankender; der nach Palästina emigriert, ist ein moralisch Gefestigter. In Palästina kowimt er efiem nicht als Entwjurzelter an;; imj Gegenteil, dort schlägt er noch fester und innigxr Wurzel tfßf in* " Heimatland, im Gblus. Das Mrhältnis 8er Emigranten M Palästina Hst eben völlig, verschiede« von dem zu jedÄn anderen Lande. HasJhn in andere Länder treibt, ist nur die Roh; undftrrc^ bare Not ist . der günstigste Boden für alle antimoralischen Keime; was ihn nach Palästina führt, ist neben der Not noch die Bezifferung; und Begeisterung ist einer der stärksten MbraWldentzchqKch!