Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Deutscher Nationalismus und jüdisches Selbstbewutztseiu. Zur Klarstellung und Erwiderung. ' Bon Nachum Goldmaml-Fraukfurt a. M. Man mag dem deutschen Juden vorwerfen, was man will, überreiche Empfindlichkeit wird ihm selbst sein schlimmster Gegner nicht zum Vorwurf machen können. Und wie. weiland Jung-Siegfried, das Urbild alles Germanischen, sich in Drachenblut gebadet hatte und so unverletzbar geworden war, so scheint auch dem deutschen Inden, dem Jung-Siegfried gar ein Ideal ist, die Assimilation vor .100 Jahren ein solches Bad. gewesen. zu-sein. Doch auch Jung-Siegfried hatte bekanntlich eine - verletzbare Stelle an seinem Körper und gleich ihm der deutsche Jude. Diese Stelle heißt bei ihm: Deutscher Nationalismus. Zweifelt an seinem Judentum, bcschnnpst es, zieht es in den Staub, und er wird sich gewiß wehren; aber wie! Aus Pietät, aus Pflichtgefühl, aus Not, aber ohne Feuer, ohne Leidenschaft, ohne daß. sein Innerstes aufgewühlt wird. Seine Abwehr wird eben apologetisch sein. Wagt es dagegen nur, seinen deutschen Nationalismus zu bezweifeln oder gar zu bestreiten, und wie mit einem Schlage erhebt er sich, der sonst so schwer zu Reizende, und mit Gift und Geifer überschüttet er feinen Angreifer. Und als tausendmal schlimmeren Feind wird er den ansehen, der das. Verbrechen begeht, seinen Patriotismus zu berühren, als denjenigen, der sein Judentum besrrdelt. Dieses Verbrechen, müh ich habe cs begangen. In der so rasch bekannt gewordenen hiesigen S o m b a r t - Versammlung erklärte ich in der Diskussion die Sömbartschen Ansichten über . die Stellung der westeuropäischen Juden zu. ihren Wirtsvölkern im großen uud ganzen — von einzelnen Unrichtigkeiten abgesehen — für selbstverständliche Konsequenzen der nationaljüdischen Idee? Die Folgen einer solchen „empörenden Dreistigkeit" ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Die Vorgänge in der Versammlung selbst sind. bekannt. Aber nicht genug damit, begann -sich auch die jüdische Presse Deutschlands zu rühren, und noch vor zwei Wochen, also einige Wochen bereits nach der Versammlung, mußte ich einen Entrüstungsausbrnch der „grünen" Allgemeinen über mich ergehen lassen. Es ist diese Erregung, die meine Äeußerungen hervorgerufen haben, die inich dazu veranlaßt, hier nochinals ans die Sache einzugehen, wobei ich einen. doppelten Zweck verfolge: den persönlichen, die groben - Mißverständnisse zu beseitigen, die jene Äeußerungen hervorgerufen haben, den sachlichen, die Frage selbst, die von nicht geringer . Bedeutung und bisher nur sehr wenig erörtert worden ist, etwas näher zu beleuchten. Es ist säst unglaublich, welche Mißverständnisse ein so einfacher und klarer Standpunkt, wie ich ihn vertreten habe, Hervorrufen konnte: Mißverständnisse, die nur aus der gradezn krankhaften .Empfindlichkeit zu verstehen sind, mit der der deutsche Jude diesen ganzen Fragenkomplex behandelt und die es ihm meist unmöglich machen, ihm ruhig und nüchtern gegenüber zu treten. Um was es sich handelt, ist doch so einfach und selbstverständlich. Ich sagte: Es ist kein Antisemitismus, wenn man fordert, daß der deutsche Jude an deutschnationalen Angelegenheiten sich nicht in dem Maße beteilige wie der Deutsche selbst, sondern sich hierin Takt und Zurückhaltung auferlege. Vielmehr sei dies nur eine selbstverständliche Folge der jüdisch-nationalen Idee. Und ebenso wie wir Juden es uns verbitten müßten, wenn Nichtjuden in unsere nationalen Fragen hincinredeten, dürfe auch der Deutsche von uns fordern, daß wir uns vornehin im Hintergründe halten. Das sei natürlich nicht durch Gesetze und Paragraphe zu .bestimmen, sondern sei ausschließlich eine Frage des Takts. Der vornehme Jude werde von selbst diese Zurückhaltung üben. : In dieser Weise habe ich Sombarts Standpunkt aufgefaßt, und so habe ich ihn vertreten. Ob ich Sombart richtig interpretiert habe oder nicht, ist nebensächlich. Worauf es hier ankommt, ist nicht Sombart, auch nicht mein Alter, auch nicht meine Parteiangehörigkeit, sondern einzig und allein der Standpunkt. Und nun sehe man, was aus diesem einfachen und klaren .und keineswegs neuen Standpunkt nicht alles gemacht und verdreht worden ist. Es kain schließlich dahin, daß die „Allgem. Ztg. d. Judent." erklären konnte, ich habe den deutschen Juden das Recht an politischer Gleichberechtigung abgesprochen. ■ . Die Ursache, die alle Jrrtümer und Mißverständnisse verursacht hat, ist eine und dieselbe: sie beruht in der von allen Angreifern ausnahmslos durchgeführten Verwechselung der Begriffe Staat und Nation. Weil ich gesagt habe, der deutsche-Jude müsse sich in deutsch-nationalen Fragen Zurückhaltung auferlegen, wurde behauptet, ich hätte ihnen die Teilnahme am deutsch-politischen und staatlichen Leben verwehren wollen. Daß aber zwischen diesen zwei Standpunkten der denkbar größte Unterschied besteht, brauchte eigentlich nicht erst gesagt zu iverden. Der deutsche Staat ist nicht identisch mit der deutschen Nation. Denn der deutsche Staat umfaßt viele, die keineswegs der deutschen Nation angehören — ich nenne nur die Polen, Dänen und —> last not least die Juden. Der deutsche Staat ist lediglich ein juristische politisches Institut; das Verhältnis seiner einzelnen Mitglieder zu 'ihm wird lediglich durch Gesetze bestimmt. Es kennt juristisch festgelegte Rechte und Pflichten. Daß an diesen Rechten der deutsche Jude nicht vollen Anteil haben sollte, dies zu behaupten ist eine schreiende Ungerechtigkeit und empörender Antisemitismus. Und nicht nur dies; ich. gehe noch weiter. Antisemitisnius ist es auch, dem deutschen Juden das gefühlsmäßige nationale Verhältnis zum- Staate bestreiten zu wollen, das nicht besteheir muß, aber bestehen kann: die Vaterlandsliebe, den Patriotismus im genaue n Sinne dieses Wortes, das bekanntlich von patria — Vaterland herkommt und nur das Verhältnis zum Staate, zum Vater l a n d betrifft. ErMtimgeii. ans Wel unif Calmück. Von M. Pulvermann. Nichts ist nutzlos auf Erden. David, der königliche Held, saß einst in seinem Gemach, und ernste Gedanke beschäftigten seine Seele. Sein Blick fiel auf einen Baum, der dem geöffneten Fenster gegenüberstand, und er betrachtete ausmcrksani eine Spinne, die ihr feines Netz von Ast zu Ast fortspann. „Von welchem Nutzen mag wohl dieses häßliche Insekt für die Welt sein?" murmelte er. „Mir scheint, daß cs nur dazu da sei, um die menschlichen Behausungen unsauber. zu machen und zur Ansammlung. des gesundheitsschädlichen Staubes zu dienen." In diesem Gedankengang wurde er durch ein Geräusch gestört, das von der Straße zu ihm drang. Er ging zum Fenster und sah, wie ein Mensch, vom Irrsinn befallen, mit aller Macht gegen seine Führer und Aufseher sich wehrte und sträubte. „Wie unglücklich ist doch dieses Wesen," murmelte er, voni Mitleid aufs tiefste ergriffen. „Wohl weiß ich, daß der Weltenschöpfer jedes Wesen, groß und klein, mit Zweck und Absicht ins. Dasein gerufen hat. Doch das vermag mein BerstaLd^iMt^.zu" fassen, warum so viele Menschen mit beschränkter Vernunft, als Idioten geboren werden oder dem Irrsinn verfallen und so sich und ihren Angehörigen zur Last 'fallen." Müde und abgespannt von dem vielen Denken und Grübeln, ivars er sich auf das Ruhebett und versuchte ein wenig zu schlafen. Aber.vergeblich. Eine Mücke war ins Zimmer gedrungen, die ihn mit ihren Stichen peinigte und ihm den Schlaf von den Augen scheuchte. -Zornigsprang er wieder auf und rief: >,Welchen Nutzen bringen wohl diese Blutsauger, und zu welchem Zwecke sind sie vorhanden? Sie stören unser Behagen, und keiner vermag sich ihres. Daseins zu erfreuen." Wieder dachte er lange und angestrengt über diese Lebensrätsel nach, ohne aber die Lösung zu finden. Schon glaubte er, einen Fehler oder einen Mißgriff in der Weltschöpfung entdeckt zu haben, als er noch zur rechten Zeit die Nützlichkeit der Spinne, der Mücke und des Wahnsinnes am eigenen Leibe erfahren,' ja diesen dreien seine Lebensrettung verdanken sollte. * Es kam bald die Zeit, da König Saul seinen einstiger: Liebling David mit tätlichem Haß verfolgte, und David mijßte in das Land der Philister fliehen. Dort aber wohnten die Brüder des Riesen Goliath, den der Hirtenknabe David einst mit einem Schleuderstein getötet hatte, weil er Israel verhöhnte. Kaum halten diese David erkannt, als sie ihn gefangen nahmen' und zum König von Gath führten. In seiner Not und Verzweiflung kam David auf den Gedanken, sich irrsinnig zu stellen, allerlei ungereimtes Zeug zu reden, häßliche Grimassen zu schneiden und ganz wie ein Idiot sich zu gebärden. Sein Plan gelang, der Philisterkönig brach in ein Gelächter über die Possenrcißerei aus und ließ den Gefangenen laufen, da er . es doch nicht glauben konnte, daß dieser närrische Mensch der 'heldenmütige David sein könnte. Und abermals mußte David durch die Feindschaft Sauls die Flucht ergreifen und in einer Felsenhöhle sich verbergen. Kaum war er dort eingctreten, als eine Spinne am Eingang erschien und gerade dort ihr Netz emsig zu spinnen begann. Die Verfolger waren David auf den Fersen und bald erreichten sie die Höhle, wo er sich verborgen hielt. Schon schickten sie sich an, diese zu durchsuchen, als der Anführer spöttisch und zornig rief: „Ihr seid doch wirklich Dummköpfe! Seht da das Spinngewebe am Eingang! Glaubet ihr, daß ein Etwas ganz anderes ist der deutsche Nationalismus des deutschen Juden. Deutsch-national kann der deutsche Jude nicht sein, weil er nüchtMitglied der deutschen Nation ist. Darüber mag man klagen oder sich freuen; es ist einerlei, bestreiten kann man es nicht. Es handelt sich hier nicht um Wnnschfragen oder Werturteile, sondern um Tatsachen. Und Tatsache ist, daß der deutsche Jude nicht der deutschen Nation, sondern der jüdischen angehört. Und weil diese Tatsache besteht und noch für lange, lange Zeit weiter bestehen wird, ist es nur selbstverständlich, wenn man fordert, daß in der Anteilnahme an deutschnationaleil Angelegenheiten der Jude Zurückhaltung übe. Konsequenter wäre es, völlige Nichtbeteilignng zu fordern. Da dies aber praktisch unmöglich ist, weil yftr heute eine genaue Scheidung von deutsch-staatlichen oder politischen und deutsch-nationalen Angelegenheiten nicht, vornehmen können, kann man die Frage, an welchen Angelegenheiten er sich voll und ganz, an welchen gar nicht beteiligen soll, nicht durch Formeln und Paragraphe entscheiden, sondern muß sie dem Takt des einzelnen überlassen. Daß der deutsche Jude z. B. om- Wahlrecht zum Parlament genau dieselbe Anteilnahme üben darf wie der Deutsche, ist klar, daß er aber sich z. B. um die Frage, wie das deutsche Volk das.Andenken Hermann des Eheruskers ehren soll, nicht bekümmern soll, ist auch klar. Aber dies sind extreme Beispiele. Meist läßt sich die Scheidung nicht generell feststellen. Dann entscheidet eben der Takt. Dies ist mein Standpunkt, dies ist Sombarts Standpunkt, dies ist der Standpunkt jedes einigermaßen konsequent denkenden Menschen, —sei er Jude oder nicht"—, der die Tatsache anerkennt, daß wir Inden eine Nation sind. Darum also handelt es sich eigentlich. Dieser Streitfall aber ist doch wirklich schon so alt, daß die heilige Erregung und die pathetische Entrüstung über meine Äeußerungen nicht nur unangebracht, sondern — geschmacklos sind. Und damit wäre ich eigentlich fertig. Ich wollte nur meinen Standpunk präzisieren und Kar stellen. Ihn zu verteidigen wäre unangebracht. Wer die jüdisch» Nation anerkennt, wird ihm von selbst beistimmen müssen, wer aber durchaus die Angen schließen und die Existenz einer jüdischen Nation bestreiten will, mag es ja tun. Es hieße Eulen nach When tragen, wollte man jetzt nach 15 Jahren Zionismus die Existenz der jüdischen Nation noch beweisen wollen. Nur eins möchte Ich noch kurz streifen, weit es wie ein roter Faden sich durch alle Erörterungen und Debatten über die Frage hindurchzieht: es ist dies der Borwurf, daß ein solcher Standpunkt wie der eben Dargelegte wohl nicht Anti- . semitismus sei; wohl aber Antisemitismus Hervorrufen könnte. Dieser Vorwurf, der ja nur taktischer Natur ist und eigentlich gar nicht beachtet zu werden brauchte, wiederholt in neuer Form nur die alte Litanei: der jüdische Natronalisnnrs macht „Risches". Auch dies ist so oft erörtert worden, daß ich ganz kurz sein kann. Wie bei den meisten Agumenten gegen die jüdisch-nationale Idee, handelt es sich auch Mensch da eindringeu könnte, ohne es zu zerstörend Auf! Lasset uns nicht länger die Zeit hier.unnütz verbringen, während der Feind einen immer größeren Vorsprung gewinnt und eine sichere Zufluchtsstätte inzwischen findet!" Beschämt folgten die anderen dem Führer, David verdankte seine Lebensrettung einer häßlichen Spinne. Ihm fielen jetzt die Gedanken von früher ein, und er bereute es aufrichtig, auch nur einen Augenblick an, der Allweisheit Gottes gezweiselt zu haben. Er sollte bald in dieser 'Erkenntnis noch mehr bestärkt werden. Wieder befand er sich in einer dunkeln Höhle. Da drang in die gleiche Höhle der ihm noch immer feindlich gesinnte Saul ein, ohne ihn Aber zu bemerken. Saul war bald fest eingeschlafen, sodaß David Gelegenheit hatte, dem schlafenden König das Schwert zu rauben. Er wollte sich gerade damit entfernen, als Abner, Sauls Feldherr, der ebenfalls im der Seite des Königs eingeschlafen war, eine Bewegung mit dem Fuße machte und dieser dadurch gerade auf den knienden David zu liegen kam. David erschrack heftig. Was sollle er machen? Rücksichtslos aufstehen? Dann erwachte Abner, und Davids letzte Stunde hätte sicherlich geschlagen. Sollte er da bleiben? Bald bricht der Morgen an, und. der Flüchtling mußte fürchten, den Tag nicht mehr. zu überleben. Schon hatte er jede Hoffnung anfgegeben und war zum Sterben bereit, da kam ihm die Rettung auf wunderbare Weise: eine Mücke stach Abner ins Bein, sodaß der Schläfer es schnell emporhob und David fliehen konnte. Nach überstandener Gefahr war er voller Dankbarkeit gegen Gott und sang den Psalm: „Alle meine Glieder preisen dich, o Herr, und sie sprechen: Wer ist dir gleich an Güte und Erbarmen, der du den Schwachen ans der-Hand des Starken zu retten vermagst!" 4780