Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Saller. „Gesegnet sei das Andenken jenes Mannes, denn wäre er nicht La, die Thora wäre vergessen von Israel:" So heißt es im Talmud*) von Josua brn Gamla, weil er sich um die Einführung von Volksschulen für die jüdische Äugend verdient gemacht hat. Wie die Volksschulen Au jener Zeit, zur Zeit der Entstehung des Talmuds) ausgesehen haben, davon wissen wir herzlich wenig. Wir wissen bloß, daß dieses „Beth-Hasefer" einen religiösen Charakter hatte. Zn späteren Zeiten wurden diese Volksschulen „Cheder" genannt und Thora und Talmud in.ihnen eifrig studiert, so daß die Jugend in religiösem. und nationalem Sinne (es gab damals noch keine Trennung zwischen religiös und national) anserzogen wurde. Durch aller Herren Zünder und Zeiten zog die traditionelle Volksschule auf der großen Wandederung der Juden, dabei höchstens die Formen, aber nie' den Kern ihres . Inhaltes wechselnd. Durch das Mittelalter hindurch hat sich ^„Weder" in die Neuzeit hinübergerettet, um im Westen^ Europas schließlich der modernen Kultur zu erliegen. Im Osten aber ragt diese alte,. im Laufe der Jahrhunderte leider degenerierte. Institution in das 20. Jahrhundert. hinein. Dort kann man noch zu sehen bekommen, wie in einer engen, schmutzigen Stube die zusammengepferchten jüdischen Kinder in der althergebrachten Weise die Thora singen und den Talmud „lernen", und ein bleichsüchtiger „Melamed" Mit gebogenem Rücken und tränenden Äugen und wildgewachsenem Bart in verschossenem Rock und schmutzigem „Talis-Koton", mit rotem Schnupftuch und vorsintflutlicher Tabaksdose ausgestattet, seinen Zöglingen die Gotteslehre hineinpfropft und manchmal auch hineinhaut. Dieser Typus vom - alten „Chederl" ist noch in vielen kleinen Orten Lithauens und Polens zu finden, und wenn sein Aeußeres an den größeren Orten freundlicher geworden ist, das System blieb überall dasselbe wie im vorigen Jahrhundert. Daß das „Cheder" in dieser Form sowohl in pädagogischer als in hygienischer Hinsicht ganz rückschrittlich war und viel Schaden stiftete, indem es den Körper seiner Zöglinge gebrechlich Machte und ihren Kopf durch „Pilpulistik" verdrehte, indem es dem jüdischen Kinde die Freude der unmittelbaren Anschauung raubte und den Sinn für die Schönheiten der Natur in ihm tötete, — kann nicht geleugnet werden. Haben doch die ersten „Haskaläh^ -- Kämpfer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zuerst beim „Cheder" eingesetzt und die ,-,Haskalah"-Schriftsteller diese Institution. zur Zielscheibe ihres bittersten Spottes gemacht, dessen krassesten Ausdruck wir beim bekannten Dichter und Orthodoxenfresser Jehudah-L eib Gordon finden. In seiner Vision „Rächt auf ddm Monde" sieht der Dichter eine Stange, von der viele geschachtete^ Hühner heruinterhängen und neben ihnen, einen grausamem Mann mit einem „Chalef" in der HandstHen. „Ist das. das Haus des Schochet am Crew ' Ihm - Kippur«?" fragt ' er seinen himmlischen Führer.. „Nein", , antwortet der Cngel, „es ist d'äs " Cheder des Melamcd. welcher die Jugend.abschlachtet." ' Andererseits Muß. ober.zugegeben Werden, daß dieses alte ),Cheder" trotz seiner ungeheuren Mängel doch den großen Vorzug hatte, daß in ihm der Grundstein zur nationalen, Denkweise und zu jüdischem Empfinden gelegt wurde. Und wenn viele seiner Zöglinge später in die große Welt zogen, das Religiöse von sich abschüttelten und über das „Cheder" und seine Lehrer spotteten, das nationale Empfinden aber, was sie dort eingesogen, blieb ihnen doch im Blute flecken und schlummerte in einer Ecke ihres Bewußseins oder auch stlnterbewußseins, um bei Gelegenheit zu erwachen. Das sehen wir in unserer Zeit bei den Vorkämpfern der nationalen Wiedergeburt, welche zum größten' Teil aus dem alten „Cheder" hervorgegangen sind. Auchl H e r z l und N o r d a u haben auf seinen schlichten und wackeligen Bänken gesessen, und wir werden vielleicht nicht fehl gehen, wenn wir behaupten, daß es in erster Linie den seelischen Eindrücken, . die sie im Cheder gewonnen haben, zuzuschreiben ist, wenn sie plötzlich wieder den Juden in ihrem Innern entdeckten. •*) Tr. Baba Bnthra 22a. Es tut also eine Neugestaltung des Cheders not! — Wie diese Neugestaltung jedoch zu geschehen Mt, ist ein schmieriges Problem, eines der schwierigsten, welche das zeitgenössische Judentum aufzuweisen hat, um so schwieriger daher, weil die national-religiöse Erziehung der Heranwachsenden jüdischen Generation nicht mehr im Vordergründe der Er-' ziehungsaufgaben der Juden steht, sondern von Forderungen der allgemeinen weltlichen Erziehung zurückgeschoben wird, so daß nur ein Bruchteil der für die allgemeine Ausbildung der Jugend notwendigen Zeit ihr zugeteilt wird. Auch im Osten werden die Orte imMer seltener, wo das jüdische Studium als allgemeine Pflicht gilt und der Knabe oder Jüngling seine ganze Zeit vom Morgen biß zum Abend im „Cheder" zubringt. Die Forderungen der Zeit, welche die Aneignung europäischer Bildung erheischen, der Kampf uMs Dasein, der immer schwerer wird, die Vorbereitung zum künftigen Berus stellen an die Eltern Aufgaben, die leider die religiös-nationale Erziehung in den Hintergrund stellen oder gar ganz Hei Seite schieben. In Deutschland, wo die Juden bereits seit 100 Jahren an dem allgemeinen Bildungsivesen teilnehmen und die jüdischen Kinder gleich den deutschen auf die Volks-' und Mittelschulen geschickt werden, entstanden an Stelle des „Cheder" die Religionsschulen verschiedener Art/ .die den religiösen Bedarf mehr oder weniger decken Mögen, aber keinesfalls auf die Herarwildung nationaltüchtiger Juden Anspruch erheben dürfen. In Osteuropa aber, namentlich in Rußland) wo das Gros des jüdischen Volkes lebt, liegen.hie Verhältnisse anders. Zwar hat auch dort der Geist der Zeit eine Revolution in den Gesinnugen hervorgerufen und auch dort die Bresche,, welche vor 50 Jahren die Berliner Aufklärung in die feste Mauer der Tradition geschlagen, immer Mehr an Umfang zugenommen. Auch dort beginnt die religös-nationale Erziehung, abgesehen von den streng, orthddoxen Kreisen, die immer mehr zusammenschmelzen, eine, untergeordnete Rolle im allgemeinen Bildungswesen der Juden zu spielen. Mer so öde wie in Mesteurope sieht es auf. diesem.Gebiet nicht aus.. Einerseits ist noch den Sinn für das religiöse und nationale Judentum, insbesondere im Mittelstände und in den breiten Volksschichten, so stark, daß es jeder Vater für seine Pflicht erachtet, seinem Sohne, auch, in dieser Richtung eine gediegene Ausbildung zu erteilen. Sogar diejenigen Eltern, welche in religiösen Dingen eine vollständige Gleichgiltigkeit an dein Tag legen, wollen doch wenigstens nationale Bildung in bezug auf Kenntnis der hebräischen Sprache, der jüd. «Geschichte rc. ihren Kindern' beibringen. Andererseits sind Mrt die Juden in ihrem, allgemeinen Bildungsgänge an die Landesgesetze gebunden, die bekanntlich Nur einen gewissen Prozentsatz der Juden in die geheiligten Pforten der' ruP fischen Schulen Anlassen. Das Gros der bildungsbedürftigen Jugend bleibt draußen und muß sich die für ihre geistige Ausbildung und den Lebenskampf nötigen Kenntnisse auf privatem Wegeerwerben. Das erschwert Wen natürlich sie Lage und den Erfolg im Leben, aber gerade dieser Umstand ist ftir die religiös-nationale Erziehung der jüdischen Jugend günstig, indem er hie Einschaltung einer tüchtigen Ausbildung in diesem Sinne ermöglicht. Es ist eben der Ausfluß der Mnormität unseres Eolus-Daseins, daß. wir den Verfolgungen die Erhaltung des Judentums-' und den Ausnahme gesetzen die Erleichterung unserer wichtigsten nationalen Ausgaben zu verdanken haben, — daß Mithin das Judentum' auf Kosten 8er Judenheit gedeihen muß. Nur in Palästina, wäre die, Herstellung des Gleichgewichtes zwischen den Interessen der Juden an sich und denen des Judentums nicht nur in bezug auf das nationale Sichaus-, leben, sondern auch auf religiöse Betätigung.möglich. Es galt nun die Aufgabe zu lösen, wie diese national-religiöse Erziehung in der verhältnismäßig - knappen Zeit, welche ihr zur Verfügung steht, ' in rationeller Weise zu> bewerkstelligen sei. Wie iMnier und überall, wo es sich um wichtige jüdische Fragen handelt, so auch in diesem Kille wärest' es nicht etwa die jüdischen Gemeinden oder sonstige. Organisationen, welche sich der Sache annahme»/ sondern es rpurtze einfach, alles her privaten Initiative überlassen. Privatlehrer der hebräischen Sprache, deren es in Fülle in Rußland gibt, ergriffen die Initiative ustd.eröfftleten an verschiedenen Orten Polens und Lithauens hebräische SWlen nach modernem Muster. Einige der fortschrittlicheren „Melamdiin" des allen „Cheders" sahen sich auch veranlaßt, dem Zeitgeist. Rechnung , zu tragen und ihre Schulen, zu reformieren. So entstand vor ungefähr 15 Jahren das sogenannte „reformierte Cheder", das den Stempel einer Modernen Schule, auf sich trägt und imMer Mehr Verbreitung findet. Das moderne „Cheder" - ist zuallererstrelativ hygienisch eingerichtet. Die Lehrer gleichen nicht mehr dem Typus des altey.^Melamed", es sind pädagogisch geschulte, in, ihrem Aeußeren und ihren Manieren durchaus nicht stbstoßende Leute mit mehr oder weniger europäischer BiMrng nutz Sprachen-: kensttnissen, die ihren Gegenstand, insbesondere das Hebräische — im Gegensatz Au deM alten ^Melamdim" — vortrefflich beherrschen. Das Programm dieser Schulen erstreckt sich auf folgerte Gegenstände: 1. Hebräische Sprache; 2. Bibel; etwas:, vomj Talmud (nur vom agadischen Teil); 4. Jüdische Gebete und einige Gesetze; 5. Mschichte(allgeMeineund jüdische) Und Naturkenntnise und,6. Turnen. Doch ists das Programm bei weitem nicht einheitlich»; es' verändert sich je nach den lokalen Berhältnissest und nach den Kräften, die-an der Spitze der betreffenden Schulen stehen. : . ■ Das einzige Merkmal dieser Schuten ist. das Prinzip: Hebräisch als Unterrichtssprache. Der-Ai.- B-C-Schütze sängt sofort an, hebräisch M sprechen^ und erst nachdem er' einigermaßen die hebräDhe Sprache beherrscht, beginnt dasricPige Studium der Sprache, der Mbel urchi der änderest Gegenstände: