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Neue jüdische Presse · 1912-07-19 · Heft 28 (19.7.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 28 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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r Erscheint wöchentlich am Freitag. Btpxttspvtis pro Zliertrtjatzr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — frer ms Haus. Bei der Post abonniert SO Pfa., frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und CXpedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7, Fernsprecher Amt I. 10507. ■> r e Heeansgevev: Kaltz chets. Infrriionsprris für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heiraks-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 1«. Jahrgang. Freitag, de« S. Aw 5673 (19. Juli 1912) Rr. 28. Hermann Cohen. Von Dr. Jacob Klatzkin.*) Hermann Cohen ist trotz seiner mehr als vierzigjährigen schöpferischen Tätigkeit aus dem Gebiete der Milosophie keineswegs popickär und findet sogar unter Fcijchkollegen nur wenige Verständnis. Selbst all die Lexika, die, uni dick zit werden, auch von sehr zweifelhaften .Größen ausgiebigen Gebrauch machen, wollen von diesem großen Denker nichts wissen. In den GeschichMüchern der Philosophie wird er entweder totgeschwiegen oder höchstens mit einigen Worten, wie etwa ein „notwendiges Uebel", berücksichtigt. Auch. die Neukantianer, die in Cohen den würdigsten Interpreter und Reformator besitzell, umgehen meistens ihren Meister, — geschweige denn die Katheder-Philosophen anderer Schulen. i i i! 1 ■[! Zwar wird er als origineller und tiefer Denker stillschweigend anerkannt, aber nur stillschweigend. In der Dessen tlichkeit hingegen soll er kaum Beachtung finden, selbst weim man durch den Gegenstand der Behandlung in die Enge getrieben wird, die Ansichten Cohens in Erwägmig ziehen zN müssen. Denn mag man sich z. B. Logik, Ethik oder das System Kants zur Aufgabe einer gründlichen Untersuchung machein, so kann gnan beim schlechtesten Willen nicht umhin, die Gedankengange Cohens in der Betrachtung zu verwerten. Wer kluge Leute wissen sich! schon aus einer solchen Verlegenheit zu helfen, r— und es gehört wahrscheinlich nicht viel dazu, mit einem Juden fertig zu werden. Und dazu noch ein solcher Jude, der einen „auffallend" jüdischen Namen das ganze Leben hindurch mitschleppt. Wenn ein Philosoph das Unglück oder die Unverschämtheit besitzt, Cohen zu heißen, — da hört ja alle Gemütlichkeit auf. Und so hatte es auch tzie alte Exzellenz in Heidelberg -sehr leicht. „Mehr Rasse als Philosophie", sagte Kuno Mischer von Cohen. „Seine Exzellenz" kannte die Wirkung solcher Schlagworte: es genügt heutzutage, der Hinweis' auf die jüdischst Abstammung des Philosophen, um dessen Philosophie von vornherein als ta.lmudisch.es Pilpul zu .diskreditieren. Und doch ist in den etwas mehr oder weniger antisemitisch angehauchten Worten Kuno Fischers eine Dosis von Wahrheit enthalten. : Denn .die Meltanschchunng Cohen's ist in ihren. Grundprinzipien, wie es die folgenden Kapitel darlegen sollen, die Weltanschauung des Judentums. Die Ethik Cohen's verwertet in strenger Methodik die Grundsätze der jüdischen Sittenlehre. Und so istes ganz begreiflich, daß m.an diese „Verjudung" der Echik einem Katheder-Philosoph nicht verzeihen mag. Es kommt noch hinzu, daß Cohen sich' offen gegen die Lehren des Christentums ansspricht. Ohne jene kleinlichen Rücksichten weist er den ««ethischen Gehalt' der Lehre vom Sündenfall. nach, die dem Feinde aller Ethik, dem Pessimis- ° »ins, nur gute Nahrung gibt'; demgegenüber findet. er die Grundlagen der Sittenlehre in dem Gedanken ’ .der Propheten vom messianischen Zeitalter und von; *) Mit nachstehendem Aussatz hatte Dr. Jacob Klatzkin vor Jahren eine große Artikelserie über . Hermann Cohen in unserem Blatte eingeleitet. (Siche „Hermann Cohen" I—.V, in den Nummern: 40, 41, ' 42, 43, 48, 49 b. Jahrg. 1904; 2, 3 — 1905. Ferner: i »Die Grundlagen der jüd. Religionsphilosophie" usw.! I-M, 48 — 1907; 1, 18 — 1908. „Religion und; Sittlichkeit" 25, 26, 27, 29 des Jahrg. 1907). Anläßlich des 70. Geburtstages Cohens - erachten j wir eine": Wiedergabe des ersten Artikels der Serie als angebracht. D. Red.! der Transcedenz Gottes, welche die Immanenz im Verhältnis zum Menschen eknschließt. Auch wendet sich Cohen gegen das praktis ch e Christentuni, das in der letzten Zeit mit aller Gewalt das Judentum zu verleumden bemüht ist. Er stellt die Exegese bloß, die von christlichen Theologen mit einer unverzeihlichen Leichtfertigkeit an der Bibel geübt wird. Als markantes Beispiel dafür führt Colstn die Exegese am Gebot der Nächstenliebe an, welches im Evangelium nur als Zitat ans denr Alten Testanient erscheint bnd von vielen Theologen als eine evangelische Neuerung gepriesen wird, während düs „W'ohawto l'reacho komancho" auf die Volksgenossen bezogen wird, obwohl es deutlich heißt: „Denn wie euer Bürger soll der Fremdling euch sein, der mit euch wohnt, und du sollst ihn lieben wie dich, selbst." Nun. ist es einleuchtend, wenn man den Philosophen über dem Juden tvohl vergessen ntag, den Juden über den Philosophen nie vergessen kann!. Cohen findet aber seine moralische Genugtuung in dem Bewußtsein, daß er diese ungerechte Verkennung seiner Bedeutung als Jude zu erdulden hat. Und es ist ein erhebendes Bewußtsein, an dem jahrtausendelangen Martyrium der jüdischjen Ideale mitbeteiligt p feilt. Konnte nun Cohen als Philosoph keine richtige Beurteilung finden, weil er Jude ist und die jüdische Weltanschauung lehrt, so läßt diese Erklärung die Frage umso bedeutender erscheinen: Warum findet dieser Verfechter der jüd. Sittenlehre selbst .in der jüdischen Welt nicht die ihm gebührende Beachtung? Seine methodische Begründung i^s Judentums hat in der jüdischen Literatur noch keine Würdigung erfahren. Auch die „Jew. En-, cyklopedy" hatte einen sehr bemessenen Raum für Cohen übrig, der nur mit einer kurzen Biographie und einer Aufzählung seiner Werke abgefertigt wird. Selbst diejenigen jüdischen Kreise, die das Wesen des Judentums zu ergründen bestrebt sind, kennen wohl Lazarus, nicht aber seinen überlegenen Gegner Cohen. Indessen liegt die Schuld für diese Verkennung nicht blaß an uns, sondern zu einem gewissen Teil an Cohen selbst. Die Darstellungsweise und die literarische Form seiner Werke sind durchaus lischt geeignet, den. feinen und koniplizierten Ideen Cohens die wünschenswerte Popularität zu verschaffen. Es scheint, als ob Cohen in seiner Stilart von der Befürchtung geleitet wird, daß seine Ideen durch Popularisierung an Vertiefung einbüßen könnten. llnd ans Furcht, mißverstanden zu werden, wird nian oft unverständlich. So fchreibt Cohen für einen, anserwählten Kreis, eine geistige Elite, für die wenigen, allzu wenigen, für die Aristokratie der Philosophie. Indessen dürfen wir nicht davor zurückschrecken, vielmehr sollen wir uns durch diesen Umstand angeregt fühlen, den Jdeengang Cohens in den weiteren Kapiteln zu verfolgen. Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Zur vierten Duma. Rußland steht vor den Wahlen zur vierten Duma; es ist daher wohl angebracht, einen kurzen Rückblick auf die Tätigkeit der dritten Duma zu werfen. Der Rückblick kann in allgemeiner Hinsttht sehr kürz sein: denn völlige Ergebnislosigkeit ist die Signatur dieser Arbeit. Nichts Positives'hat die dritte Duma geleistet, keine der in Angriff genommenen Gesetzesvorlagen zu Ende geführt, und über die Kommissionsberatung ist keines ihrer Projekte gediehen. Die Geschichte der dritten Duma ist aber zugleich, die Geschichte ihrer stetigen Entwürdigung. Bon Tag zu Tag ward sie in immer steigenden Maße zu einem willigen Werkzeug in der Hand der Regierung, und es ist so auch zu verstehen, daß diese jetzt garnichk mehr — wie zeitweffe früher — an den Gewaltstresch der Abschaffung der Duma denkt. Sie ist mit ihr recht zufrieden, denn sie hat erkannt, daß sich mit ihr recht gut schatten und walten läßt; wobei sie zudem noch den Vorteil hat, alle Gewaltatte mit dem Mäntelchen des Konstitutionellen umhüllen zu können. ' .; Mit dieser Kennzeichnung der Duma ist ihre Bedeutung für das russische Judentum schpn eigentlich gewertet. Zluf keinem anderen Gebiete der Gesetzgebung war sie so sehr Wertzeug der Regierung wie auf dem der Unterdrückungder russischen Juden, und das System deren systematischen Schikanierung, das das Programm der Regierung seit Stolypin bildet, hat durch die Duma ihre virtuoseste Vervollkommnung erlangt. Fast keine Gesetzesvorlage wurde angerwmmen, ohne daß nicht durch irgend eine Klausel den Juden ein Hieb versetzt wurde. Ja, wenn überhaupt einmal die Duma irgendwelche Aktivität und Initiative gezeigt hat, so war es in der Judengesetzgebung. Meist jedoch überließ sie die Taten der Regierung und reservierte sch das Schimpfen. Was an Beleidigung und Beschimpfung der russischen Judenheit in der dritten Duma geleistet wurde, spottet aller Beschreibung; die Markows und Purischkew i t sch haben geradezu Orgien der Besudelung alles Jüdischen auf der Dumatribüne gefeiert. Es ist unter diesen Umständen klar undbegreiflich daß die russische Judenheit von der vierten Duma nichts erhoffen kann u n d w i l l. Ja, wenn eine Verschlechterung der Verhältnisse noch denkbar ist, so dürste sie von der vierten Duma zu erwarten sein. Durch die wohlvorberettete Wählmache — durch die skandalöse.Wahlrechtsberaubung der meisten außerhalb des Llnsiedettmgsrayons wohnenden Juden und ähnliche andere Ge- ' waltakte — wird die Regierung es leicht haben, eine Duma nach ihrem Wunsche zu erhalten, und so wird die vierte Duma voraussichtlich nichts anderes als die würdige Nachfolgerin der dritten sein. Was hat die russische Judenheit nicht alles einst von der Konstitution erhofft? Wie viele Ströme jüdischen Blutes sind um ihretwillen geflossen, wie viele unserer Besten haben wir nicht ihretwillen geopfert? Und das Resultat? Eine Duma, in der Markow und Purischkewitsch das große Wort führen, . und die ihre vornehmste Aufgabe in immer neuen Verfolgungen der Juden erblickt. Mit der russischen Konstitution ist eine neue Hoffnung des jüdischen Volkes fehlgegangen, eine neue Illusion zerstört worden. Hoffen wir, daß sie die letzte sein wird, und daß an die Stelle aller Illusionen und trügerischen Hoffnungen aus fremde Hilfe die Selbsterkenntnis tritt, die lehrt, daß nur eines uns helfen und retten kann: Selbsthilfe! 2. Klarheit lut «ot! Was wir von Anbeginn an als, die erste Voraussetzung für die Existenzmöglichkett der „Agudaß-Jisroel" vorausgesagt haben, be-

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