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Neue jüdische Presse · 1912-06-21 · Heft 24 (21.6.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 24 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Frankfurter ZsMÄitisches ZauM«cklaÜ. Leite 5. Gerda. Novelle aus dem chassidischeu Leben. Bo» Terese Pomeranz-Elberfeld. (Fortsetzung.) Wae's möglich, konnte ihr sonst so lieber Papa so grausam sein? „Darüber habe ich zu bestimmen!" hatte er gesagt. Und sie mußte doch mit ihm leben, oder sollte sie ohne Liebe in die Ehe treten, ohne Glück, ohne Freude! „O, hätte ich doch eine Mutter, sie würde das nicht sagen, sie würde mit ihrem Kinde fühlen! — Wäre ich doch lieber nicht geboren! Warum mußte sie mich armes Geschöpf zur Welt bringen und ihr Leben dabei lassen? Nicht eine einzige Seele gibt es "in dem ganzen Nest, der ich mein Leid klagen dürste!" — * Gerda hatte recht, was Mußten die Juden ihres Städtchens voit Neigung oder gar von heißer Liebe! Mit einer Ehrlosen auf eine Stufe lvürden sie sie gestellt haben. Wie viele gab es, die mit wahrem Stolz erzählten, ihre Männer vor der Berheiratung nie gesehen zu haben. Ter Baker sei eines Tages nach Hause gekommen und habe „Maseltow" gesagt, „mein Kind, Tu bist Braut." Gerda hatte geglaubt, die jüngere Generation ließe sich das nicht mehr bieten. Ms sie aber vor einigen Tagen .ihrer Chedergenossin begegnete und sie im Scherz fragte: „Nun, Freidel, wie sieht Tein Bräutigam aus?", da antwortete Freidel Geldzähler stolz: „Ich bin doch nicht Ehaskel Schneiders oder des Barbiers Tochter, daß ich nach dem Aussehen meines Bräutigams gefragt hätte! Mein Vater hat ihn gesehen, — Mutter und ich noch nicht. Vater sagt zwar, er wolle ihil zu Pesach einladen, aber meinetwegen soll er's gewiß nicht 'tun; es ist für mich peinlich, mit ihm ganze acht Tage zusammen zu sein." — — „Das sind Mädchen, die noch nicht über die Grenze des Kreisamtes von R. gekommen sind," dachte Gerda. „Ich ober bin doch ganz anders erzogen als diese anderen. — — — Oder tue ich vielleicht doch Unrecht?" — — — Hier konnte niemand anders entscheiden als Tante Cärilie, die in Gerdas Augen die verkörperte Weisheit ivar. Sie schrieb also an ihre Erzieherin: Meine liebe Tante Cäcilie! Ich bin in großer Verzweiflung. Papa läßt sich gar nicht überzeugen, daß Richard ein guter Jude ist. 'Alle Beteuerungen prallen an seinem Fanatismus ab. Ich möchte niemals aüfhören, Richard zu lieben, aber auch kein Unrecht Papa gegenüber begehen. Sie sind die einzige, die immer und in allen Teilen Rat wußte, und ich hoffe, daß Sie auch dieses Mal den besten Rat erteilen werden Ihrer verzweifelten Gerda. Gerda drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel, die einzige von ganz R., eine Neuigkeit, die sie aus Deutschland mitzebracht, und die Koppel Klempner zuM Halbinvaliden gemacht hätte. Tenn als Koppel »ach Gerdas Angaben die Drähte zog, konnte er sich gar nicht erklären, zu welchem Zwecke das wohl geschieht, daß man ein ganzes Haus voll Drähte spannt. Koppels Kunst erstreckte sich hauptsächlich auf die Fabrikation von Teesamowars, Blechtöpfen u. dgl. Als aber Gerda zum ersten Male auf den Knopf drückte und die - Schelle durchs Haus schrillte, fiel Koppel vor Schreck von der Leirer und brach ein Bein. Koppel wollte nun seinen Kops wetten, baß das nicht mit rechten Dingen zuginge, denn wie er gehört hätte, >var Las Fräulein Goldstein in irgend einem Kloster erzogen, und in solchen Häusern ist es nicht geheuer. Das Dienstmädchen erschien und wurde beauftragt, den Brief nach der Bahnpost zu bringen. * Du, armes Kind, eine Mutter/ sie würde anders denken. Du handelst gewiß in ihrem Sinne, wenn Tu das Vaterhaus verläßt und Schutz suchst bei Deiner mütterlichen Freundin Cäcilie Oppenheimer. Fräulein Oppenheimers Brief flößte Gerda neuen Mut ein. Ms Onkel Jakob, der Senior der Fainilie, erschien, um ihr ins Gewissen zu reden, verteidigte sie ihren Geliebten und drohte, das Haus zu verlassen und zurück nach Deutschland zu gehen. „Dann lasse ich Dich in eine Heilanstalt bringen," schrie der Vater sie an, und Onkel Jakob blinzelte däbei mit den Augen und brummte: „Das wäre eigentlich noch das Richtigste." Gerda verhielt sich in den folgenden Tagen schweigsam. Sie sah ein, daß sie der Uebermacht unterliegen mußte. * Mein geliebter Richard! Tu weißt also von Tante Cäcilie her meine Lage. Ich werde trotzdem niemals einen andern Mann lieben als Dich, mag über mich der Himmel cinstürzen! Gestern war mein Onkel Jakob hier, Papas ältester Bruder. Papa drohte, mich in eine Heilanstalt zu bringen, und Onkel Jakob fand das für das Richtigste. Deshalb richte Deine Briefe nicht mehr an meine Adresse, sondern an meine Amme Chane Gewürz. Tie Alte ist die einzige Person, der ich vertrauen darf. Kann man ohne väterlichen Segen auch glücklich werden, Richard? Ach! Das Herz ist mir so schwer! Wie mache ich es recht? Das Aeußerste werde ich erst tun, wenn mir das Messer an der Kehle sitzt, denn, Richard, ich liebe meinen harten Papa sehr, trotz alledem! Bis dahin sei herzlich gegrüßt und schreibe bald ein liebes, tröstendes Wort an Deine unglückliche Gerda. „Was meinst Tu, Tante Cäcilie, ob ich wohl hinfahre gu dem alten Goldstein und ihn zu überzeugen suche, daß auch wir Juden sind, und dann noch einmal um Gerda anhalte. Bertveigert er sie mir aber, — nun, denn werde ich sie einfach entführen." „Nein, Richard, oas hätte gar keinen Zweck, würde nur den Groll noch steigern. Es würde dort in dem Nest zu viel Aussehen erregen, und der alte Mann könnte Dir die angetane Schmach nie verzeihen. Gerda muß selber handeln, dann kommt es später eher zu einer Versöhnung!" * Reb Mordechai nahm an, daß seine Tochter endlich kampfesmüde geworden sei. Leiser Rubin kam mit einer großen Auswahl Ehassanini in der Tasche und breitete seine Wäre vop Herrn Goldstein aus. Da waren Gutsbesitzer, Jeschiwa- Bachurim, Großkaufleute in großer Auswahl, und von jeder Sorte waren Orthodoxe und Aufgeklärte vertreten. ReV Mordechai, so sehr sein Herz nach einem Talmudjünger lechzte, wählte doch einen Gutsbesitzer für seine deutsche Tochter. Nun kamen die Verhandlungen betreffs der Mitgift. Wenn Reb Mordechai glaubte, daß von Gerdas Verhältnis nichts in die Oeffentlichkeit durchgesickert war, so befand er sich' in einem großen Irrtum. Leiser Rubin sagte es ihm unverfroren ins Gejicht, er müsse berücksichtigen, daß seine Tochter ein Mädchen von zweifelhaftem Ruf sei, was sich eigentlich mit Tausenden kaum verdecken ließe! Reb Mordechai stand da wie vom Schlage gerührt! Jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen. Cr nannte die Summe, die er Gerda geben wollte, Leiser Rubins Bemerkung anscheinend überhörend, und der Tag der Brautschau wurde festgesetzt. Gerda ließ alles über sich ergehen, des Vaters Vorhaltungen ließen sie kalt. Als der Bräutigam mit seinerMutter kam, erklärte He dem , jungen Mann, daß sie einen anderen liebe und niemals seine Frau werden würde. Doch der Bräutigam ließ sich nicht abschrecken. (Fortsetzung folgt). Nachdem Fräulein Oppenheimer den Brief gelesen hatte, kannte sie nur einen Ausweg. Voller Empörung über den polnischen alten Trotzkopf schrieb sie: Mein liebes Kind! Vergiß nicht, daß Tu bei mir eine zweite Heimat hast und mir jederzeit herzlich. willkommen bist. Wenn Tein Vater Deiner Verbindung mit meinem Neffen so feindlich gegenübersteht, so wird er siA eben mit der Tatsache schon versöhnen müssen/ . sobald er-'nichts mehr daran ändern kann. Hättest flmBFihanischB Fifs and Pincenez SÄ6 1- Grosse Auswahlln amerik. und deutscher Optik. J. W. Albert, Ecke Nene lainzerstr. u. ffeiafranenstr. II. Schlafzimmer-Einrichtungen Betteniabrikation, Bett-Wäsche. Georg Amendt, Nachf. Rleidenstrasse 10. 8 Schweizer Stickereien 9 F. C. Strnbberg «fc Co. q O 25 Nene Mainzerstrasse 25. Q Kunst und Literatur. Elias Auerbach: „Palästina als Jndenland." 52 Seiten. Preis: M0,30. Herausgegeben vom Aktions- Komitee der zionistischen Organisation in Kommission beim Jüdischen Verlag Berlin und Leipzig 1312. . Die theoretische Literatur über den Zionismus ist schon ziemlich umfassend. Namentlich seit dem Erscheinen von Ruppins: „Juden der Gegenwart" hat das zionistische Gedankensystem seine wissenschaftliche Fundierung erhalten. Im Verein mit Zollschans Rassenproblem und den Werken des hebräischen Denkers Achad Haam bildet das Ruppinsche Buch das geistige Rüstzeug des Zionismus. Aber auch die rein deskriptive Literatur hock in den letzten Jahren eine ziemliche Bereicherung er- Sren. So findet man z. B. die Tatsachen über die vegung, Organisationen, Institutionen, ihre Presse und positiven Erwerbungen in Palästina im ausgezeichneten zionistischen Merkbuch von Hugo Schachtel, das bereits in dritter Auflage vorliegt. Was aber bis jetzt noch gefehlt hat, ist eine Darstellung der zionistisch» Politik, welche aus Grund einer umfassenden theoretischen Anschauung, aber getragen von einem gesunden realistischen Sinn, die Möglichkeiten und die Aussichten der zionistischen Bestrebungen darstellt. Für 'einen Teil wenigstens der zionistischen Politik ist pieser Mangel nunmehr behoben. — Die Schrift von Elias Auerbach schildert, was die Zionisten in Palästina wollen, und was sie dort nach menschlischem Ermessen erreichen können. Es werden in sechs Unterabteilungen folgende Fragen behandelt: 1. Auswanderung und Kolonisation, 2. jüdische Bevölkerung Palästinas, 3. die Sprachenfrage in Palästina, 4. Schule und Erziehung, 5. Ergebnisse der Kolonisation, 6. Zukunft und Ziele der jüdischen Kolonisation. Man sieht, alles, was mit dem jüdischen Aolonisationsproblem in Zusammenhang steht, ist von Auerbach berücksichtigt worden. Die Darstellung ist systematisch und übersichtlich, die Fornmlierung prägnant und knapp. Im Anhang findet vran eine Kurte der jüdischen Kolonien Palästinas. Dokumente zur Emanzipation der Inden. Bier Reden von Th. B. Macanlay, Gabriel Rießer, Snter und Freiherrn Georg v. Vincke. 122 Seiten. 1,50 M, in Leinenbänd 2,50 JL Halle, Otto Hendel Verlag. Ein Engländer, der in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ' an hervorragender Stelle steht, ein Jude deutscher Kultur, ein amgesehener schweizer Ratsherr und ein Parlamentarier' aus altem westfälischen Adel, sie treten jeder an seinem Orte "mannhaft für die Beseitigung des Unrechts ein, das Jahrhunderte hin» durch den Juden zugefügt worden ist. Der Verlag hat mit der Zusammenstellung dieser Reden eine gute Auswahl getroffen. Die im März dieses Jahres stattgehabte Hundertjahrfeier der Emanzipation der Juden im Könige reich Preußen bot ihm die Veranlassung zur Herausgabe. Kaiser Friedrieb Quelle Offenbach a» 1. - Gegen Gicht and Bheamattam« bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrloh Stahl» Frankfurt a. L, Staübnrgatr. 9. TeL 259 n. 714. Wochev-Kalender. (Zeitangaben nach dem I.vach.1 SamStag, den 22. Juni (= 7. TamnsV: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frmckfurt a. M. 9 Uhr 40 Mi», in Berlin 9 Uhr 35 Min. Wochenabschnitt: Chukas. —•. Das Gebot der „roten Kuh." Eine vollständig rote Kuh, durch den Hohenpriester als Sündopser dargebracht, wird zu Asche verbrannt, und in den Brand wird Zedernholz, Asop und Karmesinwolle geworfen. Der opfernde Priester, ebenso wer sie verbrennt, wird dadurch tome (unrein). Die Asche der Kuh, die in Urnen aufbewahrt wird» dient aber zur „Reinigung" der Unreinen (unrein ist jeder, der einen Toten berührt, mit ihm unter einem Dache geweilt, ein Grab, einen Knochen oder sonstige Teile eines Toten. berührt hat usw.). Man warf von der Asche in ein Gesäß mit lebendigem Quelkwasser und besprengte die „Unreinen" damit am 3. und 7. Tage. Erst dann durften sie wieder ins Heiligtum treten oder verschiedene Opferteile genießen. jDies Gesetz führt an das größte Problem unseres Daseins: den Gegensatz zwischen Leben und Tod. Es wird verschieden gedeutet, doch stets im Grunde uns rätselhaft bleiben.) —, Mirjams Tod in Kadesch. Dort murrt auch die Gemeinde wegen Wassermangels. Mosche soll dem Volk Wasser geben, indem er einen Felsen anredet. In seinem Zorn. Wagt er jedoch zweimal den Felsen. Er-verscherzt sich s» die Erlaubnis und das Glück, das gelobte Land betreten zu -dürfen. Ebenso sein Bruder Ahron. — Ahron stirbt auf dem Berge Hör in Gegenwart Moses und seines Sohnes Eleasar. Letzterer wird Nachfolger im Hohenpriesteramt. Das Volk betrauert Ahron. — Das Volk wird durch Edom ziehen. Es erhält hierzu nicht die Erlaubnis und macht nun einen Umweg. — Das Volk murrt über denlangen Weg. Gott schickt giftige

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