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Neue jüdische Presse · 1912-06-14 · Heft 23 (14.6.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 23 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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GkMluugeu aus MM, und Talmud. Bon M. Pnlverma n n. W ie du mtr, so ich dir. Die Stadt Sodom und noch vier andere benachbarte Städte in der Nähe des Salzmceres waren von Menschen benwhnt, die der Sünde unddein Laster dienten. Doch sie mären nicht nur schlecht uno hartherzig, sondern auch heimtückisch, und verstanden es, mit lächelndem Munde ihren Nebenmenschen die gransantsten Qualen zu bereiten. Im Tale bei Sodom hatten sie einen wunderherrlichen Garten gepflanzt. Dort feierten sie viermal int Jahre ihren Götzen zügellose Zechgelage. Zu diesen Festen pflegten sie viele Fremde einzuladen, mit denen sie ihr Spiel trieben. Während sie selbst sich vorher den Magen vollgestopft hatten, suchten sie die fremden Gäste durch allerlei Borioände vom Essen abzuhalten, bis sie vor Hunger und Durst schier verschmachtet waren. Tann führten sie sie in den Teil des Garteits, dessen herrliche Früchte den Appetit noch mehr reizten; doch war cs bei Todesstrafe verboten, auch nur eine einzige zu pflücken. Bei einem solchen Feste war cs auch, daß ein junges Mädchen einem müden, schwachen Greis heimlich eine Frucht zustecktc. Ter eigene Bater sagte es den andern, und das Mädchen nntßte für seine Gutmütigkeit eine grausatne Strafe erleiden. Sie bestrichen ihnt das 'Gesicht, die Hände und die Füße mit Honig und legten es aus einen freien Platz, wo die Sonne recht, heiß brannte und es voir den Bienen und Wespen gar arg zerstochen wurde. Ihr Wehgeschrei stieg zum Himmel empor, bis sie durch den Tod von ihren Qualen und Schmerzen erlöst lvurde. . So verbrachten die Sodomiter ihr ganzes .Leben: Schwelgcreien für sich selbst und Grausamkeit uns Hinterlist gegen andere, Haß und Rachsucht gegeneinander, wenn sie unter sich waren, und Raub und Habgier, wenn eilt Fremder zu ihnen kam. Einst mußt: ein Handelsmann, der sich verspätet hatte, in Sodom übernachten. - Er hatte ein schönes Maultier mit wertvollem Sattelzeug und kostbaren Waren bei sich. Bergebens suchte er für Geld und gute Worte ein Unterkommen zu finden: überall lvurde er mit Schimpf und Spott abgewiesen. Er hatte bereits Anstalten getroffen, die Nacht im Freien zuzubringen, als ein Mann namens Hidud daherkam, dessen habgieriges Auge trotz der Dunkelheit das kostbare Gut erspäht hatte. Scheinheilig und mit geheuchelter Teilnahme fragte er: „Freund, woher des Weges, und wohin geht die Reise?" „Ich komme aus Hebron, und das Ziel meiner Reise ist weit von hier. Im ganzen Orte kann ich kein Unterkommen finden, und daher bin ich gezwringen, auf der Straße zu übernachten." „Nein!" rief Hidud. „Das sollst Du nicht! Komme mit mir, und Dir soll es an nichts fehlen! Bezahlung verlange ich nicht." Durch dieses freundliche Anerbieten getäuscht, ging der Fremde mit ihm und übergab chm vertrauensvoll seine Habe zur Aufbewahrung. Nach eingenomntener Mahlzeit begaben sich beide zur Ruhe. Frühzeitig am nächsten Morgetr wollte der Fremde die Reise fortsetzen, aber der schlaue Hidud sagte: „drein, das geht nicht! Erst müssen wir das Frühmahl einnehmen." Als auch dieses vorüber war, sprach -Hidud weiter voller List: „Siehe doch, die Sonne steht schon hoch anr Himmd, und Dein Weg führt über eine bäumtind schattenlose Wüste. Bleibe daher noch oen heutigen Tag bei mir, — morgen wollen wir dann als Freunde scheiden." Deut Reisenden war es zwar gar nicht recht, noch einen Tag zu vertrödeln, aber gegen eine solche uneigennützige Liebe wollte er nicht unhöflich sein. Auch am nächsten Morgen versuchte es Hidud, den Fremden twch aufzuhalten, doch der andere blieb fest uitd machte sich . reisefertig. „Hidud," ereiferte sich jetzt seine Frau, als der Fremde das Zintmer verlassen hatte, mir nach seinen'. Tiere zu sehen, „was ficht Dich denn an, dem Fremdling vier Mahlzeiten und zlvei Nachtlager umsonst zu geben? Weint Tn nicht Zahlung von ihm verlangst, werde ich Dich sofort bei dem Richter auzeigen, daß Du gegen das Gesetz einen Fremden beherbergt hast." „Sei ruhig," war seine überlegene Antwort. „Er wird schon, für alles reichlich bezahlen,.— mehr, als ihnt lieb sein wird." Er selbst ging jetzt nach, dent Stalle, führte das Tier heraus, reichte dem Reisenden die Hand und wünschte ihm eine glückliche Reise. „Gib mir schnell meinen Sattel und meine Wäre, damit ich endlich weiterziehe." Hidud sah ihn mit gut gespieltein Erstaunen an und fragte dann: „Was soll ich Dir geben?" ,/Meine Wären und meine» Sattel," wiederholte der Fremde. „Guter Freund, lvovon sprichst Tu denn? Was für einen Sattel soll ich Dir geben?" Ter Handelsmann wurde bleich und schrie zornig: „Ich habe Dir doch einen wertvollen Sattel mit neuen Schnüren und Riemen, einen Ballen Seide und einen Beutel mit Edelsteinen übergeben!" „Lieber Freund," sprach c»er Betrüger, „Deine Gedanken scheinen sich mehr und mehr zu verwirren. Was ist denn mit Dir? Bist Dü etwa krank? Ach so," fuhr er dann hinterlistig lächelnd fort, „Du hast in der Nacht geträumt, und da Du sicherlich erfahren hast, daß ich ein berühmter Traumdeuter bin, willst Tu meine Kunst in Anspruch nehmen. Meinetwegen. Wir sind ja Freunde, und da will ich Dir auch diesen Gefallen tun. Also höre. Tie Riemen und Schnüre am Sattel bedeuten, daß Dein Leben sich noch lange ausdehnen wird wie eine Schimr von einent Ende bis zum andern; die farbige Seide bedeutet, daß Tu bald einen schönen Blumengarten Dein eigen nennen wirst, und die Edelsteine endlich wollen Dir kund tun, Laß Du noch einen steinigen Weg auf Deiner Wanderung vor Dir hast. Deshalb will ich Dich nicht länger aushalten, und Tn kannst jetzt in Frieden weiter ziehen." „Laß mich in Ruhe mit Deinem Geschwätz undgib mir meine Sachen wieder," schrie der Reisende.. „Du scheinst auch jetzt twch weiter zu träumen," sagte Hidud mit oer Miene gekränkter Unschuld. „Da Oestlicher Chassidismus. Es ist eine schwere Aufgabe, über den Chassidismus wissenschaftlich zu schreiben. Man kann diesem Problem nur beikommen, wenn man intuitiv, mit dem Gefühl an es herantritt und sich! ganz in die Atmosphäre dieser Bewegung ztt versetzen sucht. Es ist nicht 'möglichvon dem weltlichen Verhalten des Chassidismus den wirklichen Erscheinungen gegenüber in Politik, Wissenschaft usw. einen Rückschluß zu ziehen auf seinen Charakter, seine .Volkssubjektivität, denn er hat in Wirklichikeit eine solche garnicht, wenigstens nicht in aktivem 'Sinne. Was die Anhänger des Chassidismus mit- und untereinander verbindet und sie einander gleichartig erscheinen läßt, ist ihre völlige Mkehr von uns, ihre Verständnislosigkeit für das Leben, ihr Jndifserentismus gegen höhere Interessen, welche nicht innerhalb .der religiösen Sphäre liefen, ihre Verachtung für fremde Kulturwerke, die ihren Begriffen entgegenzustehen scheinen. Der extreme Symbolismus, der sie beherrscht, ihre Neigung, allen Dingen, Worten und Zahlen mystische Deutungen zu geben und sie ihres natürlichen wesenhaften Kernes zu entkleiden, hat sie im Laufe der Zeiten dem realen Leben entfremden müssen. Daraus erklärt es sich vielleicht, daß die brennendsten Fragen des öffentliche Lebens, die aktuellsten Probleme, der Menschheit, die alle Völker und alle Klassen durchrütteln und Me Feuerströme reinigend und weckend durch die Welt gehen, arc ihren Ohren ungehört und unverstanden vorüberrauschten. Jeder. Mensch von heute hat seine Weltanschauung, seine politische Ueberzeugung, ob eine eigene, eine durch selbständiges Denken und Erfahren gewonnene oder eine aufgezwungene, entlehnte oder sonstwie angenommene, - kommt hier nicht in Betracht. Als Glied der Gesellschaft, deren Komplex aus verschiedenen. Kasten, Parteien, Gemeinschaften sich zusammensetzt, gehört er einer dieser Parteien, Kasten oder Gemeinschaften an, betätigt ihre Grundsätze und nimmt zu jeder öffentaber das Traumdeutcn mein eigentlicher Beruf iJV mit dem ich Weib und Kinder ernähren muß, so kannst Tu nicht verlangen, daß ich bei den vielen Wohltaten, die ich Dir schon erwiesen, auch dieses noch umsonst tue. 'Allerdings, da wir Freunde sind, und damit Du niein gutes Herz erkennen sollst, brauchst Du mir anstatt der üblichen vier Silberstücke nur drei dafür zu geben." Außer sich vor Wut, lief der Fremde zum Richter. Dieser ließ Hidud holen, und als dieser gesprochen, fällte der Richter folgendes Urteil: „Daß Du diese Sachen Hidud übergeben, ist durch nichts erwiesen, und Hidud bestreitet es ganz entschiümr. Hingegen gibst Du selbst zu, daß er Dir Deinen Traum gedeutet hat. 'Hierfür hast Du ihm seine Gebühr zu zahlen!" „Und da Du ein solcher undankbarer Mensch bist," fügte Hidud mit gekünstelter Empörung hinzu, „so lasse ich Dir nichts nach. Du mußt mir die vollen vier Silberstücke bezahlen." Tie Wut des Reisenden kannte keine Grenzen; er stürzte sich auf den Betrüger, und beide begannen zu raufen. Natürlich waren die Sodomiter auf Hiduds Seite, sodaß der Fremde zuletzt den kürzeren zog. Arg zerschunden und seiner ganzen Habe beraubt, wollte er jetzt sein Maultier holen, — aber das war ebenfalls verschwuren. Verzweiflung int Herzen, von allen noch verspottet, wollte der Reisende gerade die Stadt verlassen, als Elieser, der Diener Abrahams, erschien, um sich itach dem Befinden Lots zu erktutdigen. Ter Reisende klagte ihm sein Leid, und Elieser rief zorm'g: „Ihr Halunken, die ganze Habe habt Ihr diesem -Ranne geraubt, wollt Ihr ihn auch noch totschlagen?" „Was geht das Dich an?" rief Hidud frech, und um seinen Worten noch mehr Nachdruck zn geben, sch leuderte er einen großen Stein gegen Eliesers Stirn, auf der eine tiefe Wunde entstand. Kaum aber hatte der Sodomite das Blut erblickt, als er Elieser festhielt und Bezahlung von ihm verlangte, da er ihn ja zur Ader gelassen und hen Beruf eines Heildieners bei ihm ausgeübt habe. Natürlich weigerte sich Elieser, auch noch .für die Wunde zn bezahlen, und er wurde zum Richter geführt. „Hidud 'hat recht," sprach dieser. „Er hat Dir das unreine, überflüssige Blut entfernt und nmß dafiir seinen Lohn haben." Elieser lächelte verschmitzt. Er bezahlte den verlangten Lohn und nahm dann ebenfalls einen schweren Stein, den er mit voller Wucht dem Richter ins Gesicht schleuderte, sodaß ein breiter Blutstrom hervorquoll. „Jetzt, Richter," sprach er gelassen, „befolge Dein eigenes Gesetz und gib mir meinen Lohn, daß ich Dir das unreine, überflüssige Blut entfernt habe." Er wartete aber keine Anttoort ab, sondern verließ die Stadt und nahm den Reisenden mit sich. Für solche Sünden und Laster erreichte die Stadt und noch vier andere in der Nähe ihr Geschick; Feuer und Schwefel vom Himmel zerstörten sie und machten sie dem Erdboden gleich. Nur Lot, der Brudersohn 'Abrahams und seine Angehörigen wurden durch Engek Gottes vom Verderben gerettet. lich erörterten Frage, die das Wohl der Mlgemeinheit, wie das des einzelnen betrifft, persönliche direkt. oder indirekt, Stellung. Nur beim chaffidischen Juden trifft dieser Fall nichtzu. Dieser gänzliche Mangel an Interesse für öffentliche Tinge, diese Teilnahmslosigkeit m Bezug auf politische und sonstige kulturelle Betätigung, entspricht ganz ihrer religiösen Lebensführung, ihrer Leugnung irdischer Werte, ihrer mystischen Versenkung und endlich ihrem tiefen, ^unerschütterlichen Wunderglauben. Der Meffiasglaube, der so tief in ihnen wurzelt, schaltet jedes weitere Streben nach Erlangung .irgendwelcher politischen Bedeutung von vornherein aus. Es kann dieser Glaube an ein Wirken nach dieser Richtung hin nur als menschlicher Vorwitz erscheinen, der Gott frevelhaft vorgreifen will. So erklärt sich auch ihr feindseliges Verhalten gegen jede nationale Bewegung. Mer nicht allein die religiöse Ueberzeugung, „daß rüan'Gott nicht vorgreifen dürfe", drückt ihnen M AHaM 0288

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