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Neue jüdische Presse · 1912-06-07 · Heft 22 (7.6.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 22 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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W Nr 22 lle8 Frankfurter IsmMMm MiMMMes. Frankfurter Berichte. Dienstag abend fand eine gemeinsame Versammlung der Zion. Bereinigung und der Zion. Jugendgruppe statt. D. Dachauer behandelte das Thema „Zionisnins und Antisemitismus." Während die Assimilation den Antisemitismus ungeschichtlich betrachte, frage der Zionisnrus nach den Ursachen dieser Erscheinung.. Es stellte, sich da heraus, daß es neben dem' Pöbelhaften Radauantisemitismus auch einen Antisemitismus gebe, der die natürliche Reaktionsbestrebung der deutschen Rasse gegen das Eindringen der jüdischen Rasse bilde.' Der jiidischä Assimilant. mit .seinem Aufdrängen an die Nichtjuden müsse diesen letzteren Antisemitismus fördern; der Zionist mit seinem jüdischen Selbstbewußtsein, das im jüdischen und innerhalb der jüd. Knlturwelt sich genügt und ihm verbietet, sich zu intim anzuschließen, wo Man ihn nicht gern sieht, gebe diesem Antisemitismus leine 'Nahrung. In dieser Richtung bewegen sich auch die vielfach angegriffenen Worte Sombärts, der der Meinung ist, daß' die selbstbewußten, Juden die Gleichberechtigung, wenn sie sie erreicht haben, nicht voll ausnützen werden, — denn diese selbstbewußten Juden sehen nicht ihr Glück darin, Reserveoffiziere oder dergleichen zu werden, sie werden ihre Berufe nur nach ihren persönlichen Neigungen »nid Fähigkeiten suchen, und cs Iverde damit ein einseitiges Hinstreben der Juden nach gewissen Berufen aufhören. Sa ly Geis referierte sodann, über den Pos euer D e l e g i e r t e n t a g. Er gab einen chronologischen Ueberblick. über den Verlauf der Tagung und faßte die Ergebnisse wie folgt zusammen: Der deutsche Delegiertentag bildet das. Vorspiel des Kongresses. Der diesmalige Delegiertentag brachte die vollständige Einigung zwischenden bis dahin bestandenen zwei Strömungen/ und so darf man der festen Hoffnung sein, daß der nächstjährige Kongreß sich vollständig der positive zionistischen Arbeit widmen wird. Der Delegiertentag bewies' ferner, daß die zionistische Bewegung in Deutschland an Umfang nach außen und Vertiefung nach innen weüer fortgeschritten ist. Die sich den Referaten anschließende Debatte beschäftigte sich zuerst mit der vom Delegiertentag angenommene Resolution, daß die Ortsgruppen ein Zwangsabvnnement der „Jüd. Rundschau" einführen und daher einschließlich dieses Abonnements 12 M Jahresbeitrag erheben sollen. K a r l. R v s e n h e i in e r brachte diesen Beschluß zur Diskussion, indem er ihn einer eingehenden Kritik unterzog. Man dürfe die Mitglieder nicht mit so hohen Beiträgen belasten. Die englischen politischen Parteien feien. nur durch die freiwilligen Beitragsleistungen groß geworden; selbst ohne Beitrag könne man bei ihnen Mitglied sein. Die 'Resolution sei nur gefaßt worden, weil bas Zentralbüro für das Defizit der Rundschau Deckung suche; die Interesse» des Zionismus in Deutschland seien aber auch ohne Rundschau genügend vertreten, und es bestehe daher kein Grund, die Rundschau, die die Organisation finanziell belastet und die beiden anderen zionistischen Organe Deutschlands schädigt, zu halten. In noch schärferer Weise äußerten sich Fritz Selka und D. Tachaner, welch' letzterer erklärte, die Resolution sei gradezn eine Rücksichtslosigkeit gegen die Ortsgruppenmitgliedcr, denen man damit porschreiben wolle, welche Zeitung, 'sie lesen sollen, ihnen also die freie Wahl ihrer Zeitung unmöglich mache. ' Schließlich wurde einstimmig rin Antrag angenommen, der Vorstand möge bei dem Zentralkomitee dahin wirken, daß die Resolution auf Frankfurt kerne Anwendung findet. Zum Schluß entstand durch die Ausführungen des Herrn Stiebet eine Debatte über den Antisemitismus. Es sprachen hierzu n. a. Harburger, Goiteinnnd Tachaner. Der R h e i n a u s f l u g des Montefiore-Bereins, unseres Wissens der erste Versuch dieser Art in größerem jüdischen Kreise, vereinigte eine festlich gestimmte, die Erwartungen weit übertresfende Zahl' von Teilnehmern bereits 7 llhr früh Morgens im Hauptbahnhof, wo der Sonderzug bis Mainz-Kastel ihrer harrte. Die frohe Stimmung konnte selbst der bald' cinsctzende ziemlich starke Regen nicht beeinträchtigen, und sie kam überall zum Ausdruck in dem lustigen Durcheinander, das auf dem Schiffsdeck Gleichgestimmte zu verschiedensten Gruppen znsammenführte. Märchen und Lieder, darunter auch die Hatikwah, gespielt von einer Militärkapelle, halfen die Stimmung zu beleben. In Bingen stieg man aus, um über den i Niederwald nach Aßmannshausen zu marschieren. Am- Niederwald-Denkmal hatten sich verschiedene Vereine postiert, als der Montefiore mit her Musik an der Spitze, ankam. Herr Singer trat vor zu einer kurzen, kernigen Ansprache, in der er die treue Anhänglichkeit an die jüdischen Ideale als den besten Ausdruck der patriotischen Gefühle der jüdischen Jugend bezeichnete und mit einem stürmisch akklamierten Hoch auf das deutsche Vaterland schloß. Von Aßmannshausen ging es per Schiff bis nach Bacharach, von wo wieder die Heimreise angetreten wurde. In Mainz fanden sich die befreundeten jüdischen Jngendvereine aus Wiesbaden und Mainz zu einem gemütlichen Beisammensein ein. das trotz der Enge des Raums, durch die geschickte Leitung des Herrn Bergenthal allen Teilnehmern Unter itm 8diu| ckev ilefufe. Bon Jacob Levy. Es war ein bescheidenes Haus am Marktplatz, einer kleinen Stadt, in das Frau Vogel mit ihren Kindern, deni ' 12jährigen Heinrich und den beiden kleinen 'Mädchen Rosa und Lenchen, soeben eingezogen war. Sie wohnte früher in einem benachbarten Dorf, ihr Mann'war nach langer Krankheit gestorben, und die Witwe verlegte ihren Wohnsitz nach der Stadt, weil sie 'hoffte/ ihren Unterhalt durch feine Handarbeiten dort besser finden zu können. Nach einigen Tagen angestrengter Arbeit war das bescheidene Heim nett und wohnlich eingerichtet. Frau Vogel atmete erleichtert auf, als. sie sich endlich im gemütlichen Stübchen . ein Ruhestündchen gönnen könnte. Das kleine, fünfjährige Lenchen war der Mutter auf den Schoß geklettert und schaute sich seelenvergnügt um, während seine drei Jahre ältere Schwester Rosa ■ und' Heinrich' die bescheidenen Bilder, die das Heim zieren sollten, Betrachteten. „Jetzt kommt Las Wichtigste," rief der Junge eifrig, dabei eine große, altertümliche Mesuse ergreifend. Die Mutter seufzte. Dann sagte sie: „Rosa, putze sie besonders sorgfältig, sie soll am Eingang unserer Wohnung glänzen." Das Mädchen kramte im Putzzeug und suchte sich den .schönsten Lappen, mit deni cs das Messinggehäuse eifrig bearbeitete. Sie hätte rote Backen vor Eifer bekonmien und rief freudestrahlend: „Mutter, sieh', wie schön sic geworden ist, Erzähle uns Loch bitte noch einmal alles von der Mesuse, wir hören es ja so gern!" Tie Mutter warf einen liebevollen Blick auf Las große Messinggehäuse und sprach: „Sie ist -fchjvn lange in unserer Familie und hat vieles mit uns erlebt. Euer , seliger Großvater brachte sie vor 50 Jahren an seinenk neuen Haus an. Als nacheinigen Jahren die Großmutter cinzog, war es ihre erste Arbeit als junge Hausfrau, die MesÜse glänzenL zu putzen. Ich war noch kein. Jahr alt, La lockte ihr Glanz mich .schon an, und ich' reichte danach. Später lehrte nnch meine Mutter, die Mesuse zu küssen. Wir lebten glücklich, als uns plötzlich einschwerer Schlag traf: meine Mutter starb. Ich kvär damals gerade 18 Jahre alt geworden. Unser Haus war uns verleidet, mein Vater verkaufte es. Die Mesuse aber nähm er mit und schenkte sie mir, als ich Euren Vater heiratete. Er befestigte sie am Eingang der Wohnung, und wir lehrten auch Euch,'liebe Kinder, sie zw küssen, als 'Ihr zum ersten Mal danach greifen wolltet. Unter ihrem Schutze lebten' wir glücklich' und zufrieden, bis Gott. Euren Vater zu sich' nahm.". Tränen / verdunkelten die Augen der Erzählerin, während die Kinder, dicht aneinandergedrängt, an ihren LitzM Mgen. . ... : , Heinrich aber tröstete die Mutter. „Weine doch nicht. Sic wird uns auch hier schützen, und wir, Deine Kinder, wollen Dir nur Freude machen. Jetzt befestige ich sie am Eingang unserer Wohnung." Er sprang auf den Stuhl. Nach einigen Minuten war die Mesuse am Pfosten der Gangtür befestigt. * Die beiden Mädchen spielten gern auf dem geräumigen Gang. Ihr liebstes Spieleckchen war an der Treppe. Unter der Treppe war ein kleiner Raum, den die Kinder das Hockchen nannten. Die Mutter hätte ihnen verboten, hineinzugehen, weil es dunkel darin war. ..Heinrich war häufig der Spielkamerad seiner Schwestern, aber jetzt lag er schon acht Tage. lang krank zu Bett. Die Mutter pflegte ihn Tag und Nacht, Loch Las Fieber vwllte und wollte nicht weichen. Der alte Arzt aber legte Len Finger an die Nase und sprach rühmend über den Tee, der vor vielen, vielen Jahren hierzulande im Walde wuchs und jetzt so selten sei- Die Kinder hätten ihninr Wälde gepflückt, zu Hause wurde er getrocknet und an cinenr kühlen Orte verwahrt, >vo er dann Jahre lang seine Kraft behielt. Die ältere Schwester wollte jetzt auch in dem Wälde suchen gehen. Die Nachbarn aber sagten: „Ihr braucht nicht, in den Wald zu gehen, dieser Tee wächst schon' viele Jahre nicht mehr hier." Rosa ivar sehr traurig darüber. Weinend sagte sie zum Schwesterchen, das am Hockchen saß: „Könnte ich doch der Mutter helfen, Geld zu verdienen, »veildie Krankheit so viel kostet und die Mütter nicht viel arbeiten kann, da sie Heinrich pflegen muß." . Das Chatte die Mesuse nun alles mit angehört und dachte: „Ich muß den armen, braven Kindern, die mich immer so blank putzen, Loch helfen." Sie sing die Strahlen auf, .die von der Sonne durch das Fenster geworfen wurden und hielt sie fest. Als die Kinder aufschauten, warf sie die Strahlen in ein Mausloch, das im Fußboden vor dem Hockchen war. Die Kinder sprangen neugierig näher, und siehe,' — da glitzerte und glänzte es in dem Lochlein. ' Tie Mädchen riefen jubelnd die Mutter auf den Gang. Tiefe sah auch verwundert den spiegelnden Glanz, der ays dem 'Mausloch drang. Sie kniete hin, nahm rasch das morsche Brett fort, und siehe, inr Boden war eine Höhlung, darin stand ein glänzendes Kästlein. Sie trugen es ins Zimmer. Es war nicht verschlossen. 'Die Mutter hätte es rasch geöffnet. Darin lagen in Papier gewickelte Rollen, beim Oeffnen fielen Goldstücke heraus. Sprachlos schauten sie auf die Goldflut. Nach der ersten Verwunderung prüfte die Mutter den weiteren Inhalt des Kästleins. Auf dem Boden lag ein versiegeltes Papier. Die Mutter öffnete es und las laut: „Es ist Krieg ausgebrochen, ich fliehe vor dem Feind. Wenn ich nicht zurückkehre, ist der Finder des Kästchens mein .Erbe, tzoch fo.ll 'er einige Goldstücke des Mverhofften Fundes den Armen geben. Wenn Du, Finder, eifrig suchst, wirst Du im Winkel unter der Treppe eine kleine Schachtel finden. Sie enthält kostbare Kräuter, aus denen man einen heilsamen Trank kochen kann, er lindert das heftigste Fieber." Das Schreiben war "der Jahreszahl nach' 60 Jahre alt. Die Mutter holte schnell ein Licht und leuchtete ins Hockchen hinein. Nachdem sie allerlei kleines Gerünipel fortgeräumt hatten, zog Rosa jubelnd ein Kästchen aus der Ecke. Sie fanden darin gut eingewickelte, trockene Pflanzen, die einen starken, angenehmen Duft ausströmtcn. Rosa wurde damit sofort zum Doktor geschickt. *2« wunderte sich außerordentlich. .Er roch daran, befühlte sie, nahm ein Blättlein auf die Zungenspitze, roch nochmals und sagte ernst: „Das ist der Tee, den Heinrich trinken muß. Wo habt Ihr den her?" Rosa erzählte ihm von dem wundersamen Fund. Der Doktor, der sich sehr über den Glücksfall der braven Familie freute, hieß sie schnell heim eilen und der Mutter sagen, daß Heinrich jetzt rasch gesund würde. Auch er beeilte sich, zur Frau Vogel zu stimmen, da er ihr zeigen »rußte, wie der Tee zu kochen sei. Es dauerte gar nicht mehr lange, da war Heinrich wieder gesund, und im kleinen Haus war die Zufriedenheit wieder emgekehrt. Die Mutter verwandte die gefundenen Goldstücke, nachdem sie den Armen reichlich davon gegeben hatte, zum Ankauf des Häuschens. * - Tie Jahre vergingen. Heinrich war ein geschickter Kupferschmied gewordyi, er hatte sich in großen Städten in künstlerischen Arbeiten ausgebildet und war nun z» den Seinen zurückgckehrt. Im Erdgeschoß hatte er einen. Laden eingerichtet, in dem seine Schwestern das verkauften, was aus seiner kunstfertigen Hand hervörlsing. Tie Mesuse hatte noch einmal Gelegenheit, ihren Freunden und Besitzern Gutes zu erweisen, aber sie opferte sich selbst dabei auf. Bei einem Krieg war der Feind in die Stadt eingedrungen und wollte durch Unterdrückung, durch Angst und Schrecken die Erobe-. rung vollständig machen. Tie Soldaten zogen durch die Straßen und schossen auf die Männer, von denen sie annahmen, daß sie Widerstand leisten könnten. Heinrich hatte den Laden geschloffen, weil er-sich zum Schutze der Seinen ins Zimmer begeben wollte. Er stand noch vor dem Hause, um das Fenster zu verriegeln. Da legte ein Soldat das Gewehr auf ihn an. Er schritt ins Haus zurück, der Soldat verfolgte ihn bis zur Treppe. Heinrich blieb aber auf dem Ganz stehen, um den Krieger zu beruhigen nnd ihm zu erklären, baß?r ein ruhiger Bürger sei. Der Wütende horte jedoch nicht auf die erklärenden Worte, zielte und drückte los. — Aber plötzlich sandte die Mesuse glänzende Strahlen aus. Ter Soldat taumelte zurück, sein Blick wurde unsicher und der Schuß ging fehl, die Kugel war in die Mesuse gedrungen. Der Schütze aber glaübte, Heinrich getroffen zu haben, und lies, zufrieden mit seiner Tat, aus dem Haus. 48

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