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Neue jüdische Presse · 1912-06-07 · Heft 22 (7.6.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 22 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I» -- ' Erscheint wöchentlich am Freitag. Vrnwsprris pro Vierteljahr : Zn Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei mS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HäuS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendimg durch. Streifband für Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.—. Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. J1 Redaktion und Expedition: Frankfurt s. M. rr Cangeftr.7. Fernsprecher Amt I. 10507. * --.13Cf Heransgsvee: Karg ch>sis. v .: ■■■■■■ =3 Insrrtnmspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für;■ die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. -Stellen-Ängebote und -Gesuche, Wohnungsinsrrate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne; jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Betbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. ■■ - - * Freitag, ve» 21. Siwan 5672 (7. Juni 1912) 10. Jahrgang. Rach der Konferenz in Kattowitz. Bon der „Agudath Jisroel" soll hier wiederum die Rede sein. In unserem vorigen Artikel über diese „Agudah" .sprachen wir von ihrer Zweckmäßigkeit, von der Möglichkeit ihres Bestandes sprachen wir nicht; — hier soll von beiden die Rede sein. In jenem Artikel haben wir bereits die Unzweckmäßigkeit einer Welt organisation bewiesen. Inzwischen hat die Kattowitzer Konferenz getagt, und die dortigen Verhandlungen konnten uns in unseren Anschauungen nur bestärken. Die Verhandlungen haben trotz der Diplomatie der Leitung, die alles Unbotmäßige, alles Agressive und Radikale geschickt ans den Verhandlungen zu bannen suchte, ergeben, daß gerade auf dem religiösen Gebiete, dem Lebenselement einer orthodoxen Organisation, grundlegende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der gesetzestreuen Judenheft herrschen. Die religiöse Erziehung der Jugend Muß die erste und vornehmste Aufgabe einer gesetzestreuen Organisation sein, und diese Erziehung ist heutzutage nur durch eine moderne Schule, auf der Basis von „Tauroh im derech erez" denkbar, — aber gerade dazu verhält sich der überwiegende Teil der östlichen Orthodoxie ablehnend. Der Brisker Raw, der größte Gaon der gesamten Diaspora, dessen Ansicht für die Orthodoxie maßgebend ist, weigert sich entschiede,!, den Cherem, der im heil. Lande gegen die Gründung von Schulen von früheren Gaonim besteht, aufzntzeben. Wie also will die „Agudath Jisroel" die Gründung von Schulen in Palästina bewerkstelligen?! ' Li J Man sieht demnach, daß auf dem eigentlichen Arbeitsgebiete der „Agudath Jisroel", auf dem Gebiete der Kultur, die Weltorganisation völlig versagt. Was bleibt ihr da noch? Hilfsaktionen! Allein Hilfsaktionen bedürfen doch keiner besonderen Organisation der Orthodoxie und dazu noch. als Weltorganisation! Das können der Hilfsverein, die Jca und die Alliance! — „Ein baudkin limesaunus" (Bei Ernährung wird nicht, nach Gesinnung gefragt), sagen unsere Weisen; — und geschweige denn bei Katastrophen, Pogromen oder Ausweisungen! Aber die „Vertretung nach außen", die so oft und so nachdrücklich betont wird'? Wir sagten bereits, daß hie jüdische Gesamtheit nicht von einer Partei, von irgend einer einzigen Richtung — auch nicht von der der gesetzestreuen — vertreten werden kann, — und die „Agudath Jisroel" kann doch nur im Namen der Orthodoxie sprechen! Glaubt man denn wirtlich, daß die Orthodoxie bei unseren geschworenen Feinden und Bedrängern mehr auszurichten vermag als die Nichtgesetzestreuen? Richtet sich etwa nicht das Ritualblutmärchen in erster Linie gegen die Orthodoxie? Glaubt man im Ernst, mit dem' Dr. Breuer'schcn dreimaligen „Hoch" und oberpatriotischen Beteuerungen sowie Mit der geradezu gefährlichen Unterstreichung der eigenen Zuverlässigkeit die Gunst..einer Zaren-Regieru ng zu erreichen? Als die russische Judenheit eine Abordnung von russischen Gaonim mit dem Baron Ginzburg an der Spitze an wejland Stolypin delegiert hatte, da brüskierte der Premier die Abordnung, den jüdischen Patriarchen ignorierte er völlig und nur dem jüdischen Baron schenkte er einige Aufmerksamkeit. . Wozu also die Weit organisation? „Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen der jüdischen Masse in den Ländern der Diaspora und in Palästina", heißt es unter anderem. Dies kann nur so aufzufassen sein, daß diese wirtschaftlichen Hilfsaktionen auf traditioneller Basis und zum Zwecke, das Leben der Massen im Sinne der Religion zu gestalten, geschehen sollen, — sonst wäre die Frage am Platze, wiefern diese Aufgabe eine ausschließliche Sache der Orthodoxie und nicht Sache der jüdischen Gesamtheit ist. Die wirtschaftliche Besserung der Lebensoedingungen der jüdischen Massen in der Diaspora und Palästina beansprucht Riesensummeu; diese Summen kann die Orthodoxie in Anbetracht der vielfachen örtlichen Bedürfnisse für Zwecke der Thoraförderung und Wohltätigkeit, die doch immer Vor ausländischen Zwecken vorzuziehen sind, schwerlich aufbringen. Mer selbst wenn sie diese Summen aufbringen sollte, müßte diese Aktion immer eine h a l b e bleiben, wenn die religiöse Erziehung der Massen durch die Kurzsichtigkeit der Führer der Orthodoxie aus bleibt. So die Zweckmäßigkeit einer Weltorganisation! Wer auch das Zustandekommen und die Dauerhaftigkeit einer solchen Organisation stehen auf schwachen Füßen! A l l e g e p l a n t en g r o ß e n Aktionen und weittragenden Pläne Müssen im Sand verlaufen, wenn die „Agudath Jisroel" auf einen beschränkten Kreis von Streng-Orthodoxen sich erstreckt. .Um nur die Hälfte ihres Programms zu verwirklichen, muß die Agudah ihr Gesichtsfeld und "ihr Arbeitsgebiet weit, weit ausdehnen; ihr muß jeder Jude — gemäß dem Spruch der Weisen: „Kol Jisroel becheskas kaschrus" — recht und gut sein. Eine solche Praxis würde im Einklang mit der „Agudath Jisroel" nn gut jüdischen Sinne stehen. Doch mit dem Wesen der Organisation, die gesetzestreu sein will, wird sich eine solche Praxis in krassen Widerspruch setzen! Die Leitung der Agudah .trägt zwei Seelen in ihrer Brust: die eine ist Magyarisch, kommt vom Lande der „Polonyis" und „Tiszas", ist engherzig, unduldsam, streitbar und scharf wie eine scharfgeschlisfene Messerspitze; die andere ist .jüdisch vom Lande der Juden, weitherzig, Versöhnend, tolerant. Die Frage ist also, welche von den beiden in der Organisation maßgebend werden wird. Wird erstere die Oberhand bekommen, so ist die „Agudath Jisroel" ein totgeborenes Kind; wird aber die zweite obsiegen — was durchaus nicht leicht ist —, so ist Ungarn Mit seinem ganzen Troß und all das, ivas Ungarn ähnelt, der „Agudah" entrückt. Dies wird zwar der Agudah einigen Schaden verursachen, aber sie wird den Schaden tragen können. Die Frage ist nur, ob die Männer der zweiten Richtung sich stark genug fühlen, die streitbaren Herren abzuschütteln? Zwar hat der „Streitbare" mit seinen Brandreden wenig Anklang gefunden, während die andere Mchtung viel Verständnis und Sympathie erntete. Auch ist der sichtliche Wille der Leitung, die „Agudah" demokratisch zu fundieren, ein weiteres Zeichen für den überwiegenden Einfluß der gemäßigten Richtung. Aber in der Rabbonimkommission ist auch Ungarn vertreten, und auch sonst ist diese Kommission mit wenigen Ausnahmen aus ziemlich scharfen Elementen zusammengesetzt; Männer wie die Rabbiner Lipschitz aus Kalisch und SchMelkes aus Przemysl sind in ihr nicht vertreten, und was nrisrachistisch angehaucht ist, ist weder in der^Rabbonimnoch in der Laienkommisfion zu finden. Rr. 22. So die praktisch.Ausführbarkeit der „Agudath Jisroel"! Wir haben nunmehr unsere Einwendungen und Bedenken ohne Zaghaftigkeit, aber auch ohne Uebelwollen, rein sachlich, im Interesse der uns allen heiligen Sache geäußert. Wir hoffen, daß man uns in Kreisen des Agudath Jisroel ebensoviel Verständnis und Wohlwollen entgegenzubringen verniag, wie wir ihnen entgegenbringen. Aus Le» Ereignissen des Tages. 1. Der X». Delegierteulag. Der XII. Delegiertentag der deutsch-en Zionisten hat bereits getagt und — nehmen wir das wichtigste Resultat gleich vorweg — ist in vollster Harmonie auseinandergegangen. Dieses Resultat ist umso erfreulicher, als in vielen mit den internen Verhältnissen vertrauten Kreisen des deutschen Zionismus die Angst bestand, daß dieser Delegiertentag wieder Zank und Streit, ein Aufeinanderprallen beider Richtungen vom vorigen Kongresse bringen und so das große FriedenÄverk des letzten Kongresses wieder halb zerstören würde. In der Tat ffnd auch in der Debatte die beiden Richtungen aufeinandergestoßen, aber der Kampf hat nicht mit einer Majorisierung der einen Richtung geendet, sondern die vollste, aufrichtigste Einigung ist zustande gekommen. Die Resolutionen zum Referate Motzkins über Paläsünaarbeit geben dieser Einigung^ ihren äußeren, die Wahlen zum Geschästsführenden Ausschuß mit Hantke, KeyMann und Blumenfeld auf der einen Seite, Klee und Motzkin auf der anderen ihren politischen Ausdruck. Dieses Resultat aber ist .Von der größten Bedeutung; die Synthese vom „politischen und praktischen" Zionismus, die in Posen vollzogen worden ist, ist geeignet, ein neues Stadium in der Entwicklung des Zionismus herbeizuführen. Einmal ist damit für den deutscher Zionismus.selbst erst die Möglichkeit gegeben, mit ganzer Kraft und ungehemmt durch alle inneren Streitigkeiten aufzutreten und zu arbeiten. Die Kongreßbeschlüsse selbst waren an sich noch nicht fähig, alle inneren Gegensätze auszusöhnen; der wirkliche, positive Anfang mutzte vielmehr innerhalb der einzelnen Landsmannschaften gemacht werden, vnd!mnt, da die deutsche vorausgegangen ist, darf Man hoffen, daß die anderen bald folgen werden; und dies ist das zweitebedeutsame Moment bei diesem Resultat. 'In keiner Landsmannschaft ist der Gegensatz von „praktischen" und „politischen" Zionisten so klar zutage getreten, wie in der deutschen. Während fast bei allen übrigen die eine oder andere Richtung fast ganz überwog, standen sich beide Richtungen in der deutschen Landsmannschaft fast gleichstark gegenüber. Wenn nun hier die Einigung erzielt werden konnte, warum soll es anderswo unmöglich sein? Und noch ein drittes, vielleicht das wichtigste Moment, ist zu berücksichtigen: Die deutsche Landsmannschaft hat sich ftaft ihrer straffen Organisation immer mehr zu der maßgebendsten aus dem Kongresse herausgebildet, und auf dem letzten Kongreß war sie es ja gewesen, die die eigentliche Entscheidung herbeigeführt hat. So darf man zuversichtlich hoffen, daß die Einigung, die in Posen erzielt worden istauch richtungweisend und maßgebend für den nächsten. Kongreß werden wird; wie andererseits die vornehmste Gefahr eines etwaigen unausgesöhnten Auftinanderprallenh der beiden Richtungen auf dem'

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