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Neue jüdische Presse · 1912-05-31 · Heft 21 (31.5.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 21 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
Seite 5 (sequence 8)
Language
German
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Nr. 21. Baruch, der Bombeuwerser. Eine Skizze aus oen Tagen der-russischen Revolution von Andrzcj Niemojewski. Uebersetzt von S. Horowitz. (Schluß.) Ter angeschwollene Stroni des Publikunis ergoß sich übers Trottoir, sich aber gegenseitig auf die Füße tretend und anrempelnd. „Schneller!" riefen die Soldaten, mit den Gewehrkolben drohend. Tie Trambahnwagen klingelten, die stehen gebliebenen Wagen setzten sich in Bewegung, die zusammengedrängten Droschken rollten davon, und das blaßgewordene Publikum -glitt ans dem Trottoir rasch dahin. Der Kommissär ordnete an, daß man die Straße von den Verwundeten und ihrem Blute säubere, blickte auf die Uhr und ließ noch/ einttM den Blick nach rechts und links schweifen. Dann ging er nachder Mitte der Straße, gerade gegen die Mündung der Querstraße, postierte sich mit dem linken Fuße aus dem Rundeisen der Wasserleitung, wie ein Bezwinger der Straße, — die sichtbare Repräsentanz der Selbstherrschaft des linken Teiles des elften Bezirkes der inneren Stadt. Da ertönten in einer Entfernung von einigen hundert 'Schritten zwei Schüsse rasch auseinander. Der Kommissär wendete 'sich um. Polizeimänner kanten salutierend hcrbeigerannt. „Was gibt's? Wo denn?" „Es scheint, daß Schüsse ..." „Wo? Zn der Zlotastraße?" „Nein, in der Chmielnastraße." ,,Nikita, nimm zwei Mann und laufe an Ort und Stelle und erstatte mir sofort Bericht." Der Polizeimann und die Soldaten hielten eine der vorüberfahrenden Droschken an, sprangen hinein und hießen in Galopp fahren. Der Kommissär ließ den Blick rings um sich schweifen. Er hatte neben sich noch vier Soldaten und einen Polizisten. Er hatte es eigentlich schon eilig aufs Kommissariat. Er hätte das seine' schon absolviert und dem Publikum das liebe Entsetzen des Kriegszustandes in Erinnerung gebracht. Aber er stand noch immer, er ging noch nicht, er wollte noch auf diese Fluten botmäßiger Menschenmasscn, die schweigend jegliche Demütigung ertrugen, schauen; auf diese zivilisierte, großstädtische Menge, die irgend eine dumme Autonomie, eine Anteilnahme an der Gesetzgebung und solch ähnliche europäische Sachen heischte. Aus der Mitte dieser Menge hätte er sieben Todesurteile erhalten. 'Schrecken und Wut zuckten abwechselnd ‘ in seiner Seele wie zwei Siriusfarben. Die Wut dämpfte den Schrecken, und der Schreckeil milderte die Wut. - Seit' dem letzten Urteil lvaren bereits einige Monate verstrichen, und nichts war geschehen, und so schwoll in ihm das Gefühl des Stolzes' und' der Macht wieder an. Bor zwei Tagen hatte er eben das achte 'Urteil erhalten: „Du wirst nicht von einer Kugel sterben,- dcnn das -wäre für Dich ein zu edler Tod; Du wirst vor hem Hause, in dessen Hofraum Du vor einem halben Jahre zwei ganz unschuldige Dienstmädchen hast nicderstechen lassen, aufgeknüpft werden." , Der Kommissär schnitt eine verächtliche Grimasse. „Die Prahlereien irgend eines ohnmächtigen Narren," dachte er. Man wird ihnr nichts anhaben. Das Schicksal 'begünstigt ihn, er wird cs weit bringen, schon mehr als einer in seiner Stellung wurde Oberpolizeimeister, bah, Minister . . . Und obendrein in solchen Zeiten! Heute braucht .man Leute mit starker Hand, und er ist ein Mensch mit starker, eiserner Hand. Eigentlich ist er heute der Oberpolizeimeister von Warschau . Etwa nicht? Der Oberpolizeimeister wagt es nicht, das Rathaus zu verlassen. Ter General-Gouverneur hockt wie ein Ieigling im Schloß. Sic alle — was ist da viel zu reden — haben Furcht. Er aber fürchtet sich nicht, das weiß jeder und sieht jeder. Er hat eine Natur wie eine hochgestellte Persönlichkeit. Er hat französisch gelernt, hat eine schöne Geliebte, für welche er, nach Art der aristokratischen Kavallericoffiziere einen zweiten Haushalt führt, und' mit der er täglich parliert. Es geht nichts über eine — lebendige Grammatik. Hochgestellte Personen haben gewöhnlich einen hohen Wuchs und sprechen fließend französisch, auch'müssen sie ein Toupet haben. Er hat ein Toupet! Fvantfürker ZsvreliÜscheS. ZanMeMatk: Ihm hat! der Oberpolizeimeister selbst gesagt: „Peter Mexejewitsch, Ihrhabt ein Toupet. Ich zähle' sehr auf Euch-" Er zählt aufs Toupet und sagt „Ihr", obwohl er eiu .Baron ist, während der frühere ihm das üppige Toupet eben zum Borivurf - machte, ihn mit „Du" anredete und manchmal ihn sogar zum besten hielt. Nur damals gab es noch keine Revolution. Eine Revolution ist dasselbe für die Polizei, was ein Krieg fürs Militär ist —, die einzige Gelegenheit für eine rasche Karriere. Auch die Einkünfte sind während der Revolution ganz andere. Laut Vorschrift sollen die Restaurationen nur bis neun Uhr abends geöffnet sein. Hundert Rubel auf den Tisch, — und sie können bis zehn Uhr offen bleiben. Noch hundert Rubel — und bis elf Uhr. Dritte hundert Rubel — zwölf. Ein vierter Hundertrubelschem, — und du kannst die ganze Nacht schwelgen; — wer schlemMt, der macht doch keine Revolution!! Tiefes Leben ist zwar ein wenig gefährlich, man muß aufpassen, — damit - über hat die Sache ein Ende. Man Muß Glück haben. Wer eine hochgestellte Persönlichkeit werden will, der muß schließlich nur Glück haben. — Und er hat Glück, großes Glück. Aber warum meldet Nikita nichts? Warum hat er nicht wenigstens einen Soldaten mit einem Rapportgeschickt? Der Kommissär schaute auf feine Eskorte und zauderte, ob er mit den Polizisten nicht noch einen Soldaten wenigstens abkommandieren solle, konnte sich aber hierzu nicht entschließen. Er blickte auf die Uhr und beschloß, fiinf Minuten zu warten. Er wandte sich wiederum nach der Richtung des Sächsischen Gartens. Er stand wie eine Bildsäule, als er sich so mit dem Fuße aufs Rnndeisen der Wasserleitung stützte. Er hatte cs gerne, so zu stehen, auf einenl starken, eisernen Postament. An der Mündung der heiligen Kreuzstraße tauchte eben irgend ein junger Mensch in einer bis zum Hals zugeknöpften Pelerine und mit einenr weichen Filzhut auf. Wie ein Schatten glitt ec durch die Straße, an dem Soldaten vorbei, dem er fiir einen Verdächtigen zu ordentlich gekleidet vorkam, und passierte von rückivärts an dem Kommissär vorbei. In diesem Moment hob er irgend einen Gegenstand in die Höhe, und ohne für eine Sekunde im Gehen inne zu halten, schleuderte er ihn hinter sich, das Rundeisen der Wasserleitung treffend. Die Luft erbebte furchtbar. Eine rote Feuerzunge schoß empor, eine perlgraue Wolke entstand, zwei zusammengeballte Leiber wurden bis zur Höhe eines halbe,t Stockwerkes emporgeschleudert und fielen zerschmettert zu Boden. Die Menschenmassen, -Droschken, Trambahnwagen und Tiere, alles blieb von der höllischen Erschütterung wie gelähmt stehen. Wie ein Regen nach einem Donnerschlag klirrten tausende geborstene Fensterscheiben, ,md ein schrecklicher, würgender Brandgeruch durchzog die Lust. Plötzlich 'fuhr die gelähmte Straße zusammen. Zuerst begannen in der Ferne, soweit das Auge reichte, die Menschenmassen mit einem markerschütternden Geschrei zu flüchten. Manche rannten wie irrsinnig mit ausgestreckten Händen, und ihren Lippen entrang sich ein wahnsinniges: a-a-a-a. In der Mitte der Straße lag in einer Blutlache der Leichnam des gräßlich verstümmelten Kommissärs, und nebenan wand sich der Polizist im Todeskamps. In der Nähe stand irgend ein Passant wie erstarrt und betrachtete wie wirr seinen blutüberströmten Arm. Aber jemand zerrte ihn und rief ihm zu: „Entweichen Sie, solange es noch Zeit ist!" Ter Verwundete begann zu laufen, stolperte über eine eiserne Baumeinfassung und stürzte nieder. Auf der anderen Seite lag irgend ein Passant mit zerschmettertem Fuße. Unterdessen verflüchtigten sich die Explosionsgase. Die anderen Leute, die sich in der Nähe der Explosionsstätte befanden, begannen gleichfalls zu laufen, während der Flucht sich überwerfend und tretend. Jener junge Mann in der Pelerine aber schritt weiter fürbaß aus, trotz der furchtbaren atmosphärischen Erschütterung, wie ein wunderbarer, in Gang gebrachter menschlicher Mechanismus, bis er plötzlich von Angesicht zu Angesicht auf einen Soldaten stieß. Der Soldat holte mit dem Gewehrkolben zum Schlage aus. Er hätte ihm sicherlich den Schädel zerschmettert, aber irgend eine imsichtbare Hand schlug die Flinte zur Seite, und Baruch, "denn .er war es, schlug mit seinem in der linken Hand befindlichen Browning dem Soldaten ins Gesicht, ihm das -Nasenbein zertrümmernd. Der Soldat fiel blutüberströmt nieder. In diesem Augenblick feuerte ein Soldat sein Gewehr ab. Baruch fuhr zusammen, bückte sich und sank «eite 5. hin. lieber seinem Haupte erdröhnte ei» Browningschuß. Ter Soldat, der auf Baruch gefeuert hatte, ließ das Gewehr sinken, spreizte die Arme auseinander^ stürzte aufs' Pflaster und begann zu zucken. Jetzt begannen Soldaten von der . entgegengesetzten Straßenecke zu feuern. Baruch erhielt noch^ einen Schuß ins Bein. Aber die Brownings antworten wiederholt auf die Flintenschüsse. Baruch vernahm neben, sich ein Gestöhn. Einer der Schutzbegleitung fiel. Ba- ' ruch richtete sich mit übermenschlicher Anstrengung auf, das aus einer Brustwunde fließende Blut mit der Hand stillend. Er lief einige Schritte und sank wieder hin. Tötlich röchelnd, schleppte er sich auf allen Bieren auf dem verödeten Trottoir hin. Er hörte nichts mehr, ein Sausen füllte seine Ohren, und> er sah nur wie durch einen Nebel eiu Haustor. Er schleppte sich ' hin, wie einen roten Ariadnefaden hinter sich Blut, verspritzend. Er siel mit dem Gesicht aus die Steine. „Baruch!" ertönte es über seinem Ohr. Er wandte sein bestaubtes Gesicht mit den halboffenen Lidern, .und seine blauen Augen wurden trübe.. Tie Lippen flüsterten undeutlich: „Es scheint . . . es scheint . . . daß alles in Ordnung ist . .;,Ja, in Ordnung . . . teurer Freund." „Erlaube, ich werde Dich aufheben, vielleicht werde ich Dich verstecken können." Eben langte aus dem Orte der Katastrophe die. erste Militärabteilung an und begann nach allen Richtungen Salven abzufeuern, allenthalben Verwüstung und Schrecken verbreitend. Baruch, der dies nicht mehr Hortes stieß mit Mühe hervor: „Geh . , . denke nur an Dich ... es ist schade um Dich . . . mit mir ist es schon . . v' säg' den Eltern ... in Ordnung . . ." Bor dem Munde zeigte sich ein blusiger Schaum. Er verschied. *» um* «» muiiiuuj, Eck» Neu» Halnzeritr. o. WeUsfrauwutr- N. ' Elektr. Klembsleuchtung, Taschenlampen. Kaiser Friedrieb Quelle — — Offenbach a. X. — - Gegen Gicht and Bheamatlsmaa bewShrt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahls Frankfurt a. X., Stallbnrgstr. 9. TeL 259 n. 714. Wochen-Kalen-er. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 1. Juni (---18. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 50 Min. Sabbat-AuSgang in Framfurt a. M. S Uhr 25 Min. in Berlin S Uhr 15 Min. Wochenabschnitt: Behaalaus'cho. — Die Weihe der Leviten. — Der goldene Leuchter soll sieben Lichter tragen, täglich gespeist von reinstem Olivenöl, ein Bild des reinen Gottesgeistes und Thoralichts, das stets in Israels Mitte strahle. — Wer durch erneu Unfall verhindert gewesen, am 14. Nissan das Pesachopfer zu bringen, der darf zum Ersatz ein solches am 14. Jjar bringen. Auch.dieses sogen. Pesach-Scheini must mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräutern genossen werden. — Die ZngsoAmrng beim Ausbrnch des Lagers. — Das Volk ist mißmutig. Gott bestraft es mit Feuertod. Das Volk murrt, verachtet selbst das köstliche Manna und lobt die egypsischen Zeiten. Moses ist empört, verwünscht sich das LÄen. Gott.gibt ihm 70 Männer zur Mittegierung, darunter Eldad und Medad. Diese, durch besonderen prophetischen Geist ausgezeichnet, weissagen. Das erregt die Eifersucht Josuas, Moses treuen Dieners. Moses beruhigt ihn mit den schönen Worten: ,,£>, wäre doch das ganze Volk prophettsch üsw." — Das lüsterne Volk stirbt nach dem Gönnst von Wachteln. Der Ort ihres Begräbnisses führt dauernd den Namen ,Liwraus Hataawoh", Gräber der Lüsternhett. — Moses Demut zeigt sich wiederum, als Ahron und Mirjam seine Prophetie geringschätzig beurteilten. Moses, der „bescheidener war als alle Menschen auf der ganzen Erde", beachtet die Herabsetzung nicht; Gott aber tritt fitt ihn ein und erklärt ihn für den größten Propheten; rede ec. doch mit ihm von Mund zu Mund. Mirjam wird mit siebentägigem Aussatz bestraft. Nach ihrer - Wiedergenesnng zieht das Volk weitet. Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr (Häuptsynagoge 7 Uhr), Synagoge Königstemersttaße 7 Uhr 30 Min.). Abends: 7 Uhr 15 Min. (Häuptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königsteiucrsttaße 7 Uhr).' Offenbacher Orneklnft-Anlage Ottenbach L HL Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährtest* Tnpplchrnlnlgnng, 100,000 gm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinlgnng; mittelst Druckluft und Wasserdampf.

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