Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692787--06955-2701995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
flu fl r 18 fe ii Frankfurter Berichte. Sombart in Frankfurt. Vor einem Publikum von iiber 600 Menschen sprach Montag abend Prof. Soinb a r t im Austrage der Franks. Zion. Vereinigung. Es scheint uns wertvoll, den Eindruck wiederzngeben, den Sombarts Ausführungen ans den gemacht haben, der von Len innerhalb der Judenheit bestehenden Parteiströmungen nicht berührt wird, und wollen wir daher den Bericht der „Franks. Nachrichten" sprechen lassen. Dieses von Christen redigierte Blatt schreibt: „Die Versammlung, die zum größten Teil aus Juden bestand, spendete dem Redner nach seinem ztveistündigen Vortrag lebhaften, ja begeisterten Beifall. Dies mutz veshalb betont tverden, weil sich in letzter Zeit sowohl in jüdischen Blättern, wie auch in den größeren liberalen Zeitungen, die viele fälschlich auch für jüdische Preßorgane halten, eine leidenschaftliche Sombarthetze entwickelt hat. Um diese leidenschaftliche Stellungnahme zu verstehen, muß man die Vorgeschichte dieses Vortrags,; den Sombart nicht nurhier, sondern schon früher in den nieisten großen Städten Deutschlands und auch des Auslandes gehalten, genau kennen. Werner Sombart ließ 1911 ein Buch von 600 Seiten unter dem Titel „Das Wirtschaftsleben und die Juden" erscheinen. Dieses Werk machte allenthalben großes Aufsehen. Bald darauf, anfangs 1912, erschien dann ein zweites „Judenbuch" von deinselbcn Verfasser, betitelt: „Die Zukunft der Juden", Leipzig, Verlag von Tnnker u. Humblot, 1912. Das erste Buch fordert zu sachlichem Widerspruch von seiten der jüdischen Gelehrten 'heraus, denn es waren Sombart, der toeder hebräisch, noch den talmudischen Idiom versteht, und also sein Material Uns Quellen zweiter Hand schöpfen mußte, große Jrrtümer über das Wesen der jüdischen Religion unterlaufen. Man setzte sich mit dem Verfasser sachlich und ruhig auseinander. Dieser Ton änderte s ich aber nach dem Erscheinen des zweiten Sombartschen Buches. NUn konnte man überall hören und lesen: Werner 'Sombart ist ein Antisemit, und zwar einer von der ganz waschechten, gesährlichen Sorte. Zuerst trat sie schüchtern und 'verschämt auf, diese Behauptung, dann immer apodiktischer und ganz offen. Ob mit Recht oder Unrecht? Ich glaube mit Unrecht, und ich glaube, daß alle diejenigen, die Werner Sombart heute sprechen hörten, derselben Ueberzeugung getvorden sein werden. Diese werden nun wissen, daß Werner Sombart nichts anderes über die Gestaltung des Judentums schreibt, spricht und wünscht, wie Theodor Herzl und somit hunderttausende von Juden. Wie diese glaubt Sombart, daß es weder für die 6 bis 7 Millionen osteuropäischen Inden, die in Rußland, Galizien und Rumänien weder leben noch sterben können, und denen .sich die bisherigen Einwanderungsländer immer mehr verschließen, noch auch für die westeuropäischen Juden eine andere Lösung des Problems gibt, als den Zionismus, der für die Juden eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen will. Denn auch die westeuropäischen Juden bilden ein Problem, ein schtveres Problem für Jilden und wie W. Sombart mit Recht behauptet, auch für Christen, in deren Mitte Juden leben. Diese müssen sich assiinilieren, d. h., ihre national jüdischen Eigenarten ausgcbcn. oder ganz im 'Organismus ihrer Wirtsvölker untergehen. Die jüdische Art ist aber für die Menschheit znwertvoll, als daß sie-untergehen dürfte. Es sollen daher auch die westeuropäischen Inden Zionisten werden, d. h. die Ziele des Zionismus fördern und vor allem sich nicht schämen Juden zu sein, sondern .im Gegenteil ihre jüdische Art betonen und - rein erhalten. Das ist alles, >vas Sombart sowohl in feiner Schrift wie auch in seinem Vortrag behauptete. Doch nicht alles. Ein Unterschied besteht allerdings zwischen Buch und Vortrag. In dem Puch kommt ein Passus vor, der im Bortrag .nicht erwähnt wurde, und diesen Passus kann kein Jude, auch der Zionist nicht, billigen. Dieser Passus bezieht sich auf die Gleichberechtigung der Juden. Sombart meint, der Staat müsse den Juden die Gleichberechtigung im vollen Umfang gewähren, die Juden sollten aber davon keinen vollen Gebrauch machen. In der D i s k u s s i o n, die sich dem Vortrage anschloß, wurde denn auch wit Recht von Herrn Justizrat E. Auerbach dieser Passus scharf zuriickgewiesen. Aber ist Sombart deshalb ein Antisemit? Wer ihn heute hörte, oder wer sein Buch mit Verständnis gelesen, wird diese Frage nicht nur bestimmt verneinen, sondern wird sich im Grunde seines Herzens schämen über die Ungerechtigkeit, die mit'dieserBehauptnng einem Manne angetan wird, der in seiner liebevollen Gesini?nng für das Judentum neben Lcssing genannt wer - d e n m n ß. Nur die A b n e i g n n g g e g e n den Zionismus hat diesen Vorwurf entstehen lassen; mögen ihn diejenigen, die ihn erfinden und diejenigen, die ihn nachsprechen, nicht zu bereuen haben. Das Judentum hat nicht so viele Freunde, als daß es ungee durch Mißtrauen zurückstoßen dürfe einen Werner Kart." Gleich dem Berichterstatter hatten auch die zahlreichen dem Vorträge beiwohnenden Christen volles Verständnis für die würdige, ernste und hochinteressante Behandlung des Judenproblems, an dem naturgemäß auch die Nichtjnden interessiert sind. Wir Juden sind ein viel zu. wichtiger Faktor im Dasein der Völker, unter denen wir wohnen, als daß die Frage unserer Zukunft diesen gleichgültig sein könnte. Besonders lebhaft war der Beifall der christlichen Zuhörer, als Sombart sagte, ein aufrechter, seine jüdische Eigenart betonender Jude sei den Christen zehnmal lieber als der jüdische Assinnlant. Infolge eines in seiner Familie eingetretenen Todesfalles mußte der Redner noch am gleichen Abend die Rückreise nach Berlin antreten. Es wäre daher angemessen gewesen, wenn die Diskussionsredner einzig das ernste Problein der Zukunft der Juden behandelt hätten; daran liegt aber den Gegnern nichts! Sombart mußte — trotzdem er in seinem Vorträge allen Vorloürfen der Gegner Rede und Antwort gestanden hatte — herabgesetzt werden. So gingen denn die ersten beiden Redner — Justizrat Dr. E. A il e r b a ch und Dr. I s a a c Breuer — mit _ keinem Worte auf die ernsten Fragen des Vortrages ein und brachten so die Diskussion zur Entgleisung, indem sie die zionistischen Diskussionsredner zwangen, auf Fragen einzugchcn, die außerhalb des Rahmens ^des Vortrages lagen. Ob Sombart an dieser oder jener Stelle seines Buches dieses oder jenes gesagt hat, war für die Diskussion genau so gleichgültig wie die Person Sombarts, denn für die Diskussion konnte nur der Vortrag als solcher i n F r a g e k o m m c n. Aber die beiden ersten Diskussionsredner waren eben — Juristen. Justizrat Tr. Auerbach suchte durch das Herausrciße» einer Stelle aus dem Sombartschen Buche diesen zum Antisemiten oder wenigstens zum Förderer des Antisemitismus hinzustellen: Wie wenig er mit dieser Behauptung recht hat, beweist die folgende Stelle: „Bon allen Einzelheiten abgesehen: Das Judenvolt ist es, das seit den Propheten den großen ethischen Ton in das Menschheits-- konzert gebracht hat und durch seine besten Söhne auch heute iimner wieder bringt." Und dann eine Stelle aus einem Buche Herausreißen und nicht das Buch als, Totalität nehmen, — kann ein solches Verfahren nun Anspruch auf Achtung erheben? Nach Herrn Justizrat Dr. Anerbach ist nur der e i n A s f i m i l a n t, der sich taufen läßt. Wenn einer imgetauft ist, aber kernen Funken jüdisches Interesse hat, wenn er sogar in Mischehe lebt, — auch dann ist er nach diesem Grundsatz ein guter Jude. Mit einem Herrn, der solche Anschauungen betätigt, mit dem kann man in einer jüdischen Versammlung wahrlich nicht diskutieren. Rechtsanwalt Dr. Gottlieb packte den Herrn Justizrat an seiner Achillesverse. Des Herrn Justizrats Erwiderung war beschämend, — aber nicht für Dr. Gottlieb; auf die Frage, wariun man ihn sonst nie in jüdischen Versammlungen sehe und ob er sonst — außer dem Sombartschen Buche — die Erscheinungen der jüdischen Literatur lese, erwiderte er, daß es ihm für die Versammlungen an Zeit mangle, und des ferneren, daß er auch Dr. Gottlieb nicht frage, welche Bücher z. B. er gelesen habe. Schließlich suchte er noch einenl andern Dis-' kussionsredner als russischen Inden za denunzieren, was die Versammlung mit Minutenlangem Pfenrufe beantwortete und wofür er sich von Martin Levigard sagen lassen mußte, daß er ihn für einen jüdischen Antisemiten halte. War Herr Justizrat Dr. Auerbach, wenigstens in der Form korrekt, so konnte man nicht einmal dieses von Dr. Breuer konstatieren, der „im Namen der I Religion" auftrat. Die Ausführungen dieses Herren I erweckten eine Entrüstung, die sich in lebhaften Ausrufen aus dem Publikum Luft machte. Er hätte Sombarts Rede in dem dritten Teil an Zeit 0 Ä die lugend. 0 Huf und H6. ' Non S. Lutz-Mannheim. (Schluß.) Ludwig gründete in dem Anwesen eine neue Fabrik unter der Firma Ludwig Sichel & Cie., und Joel Katz, der ihn einst, als er fast verschmachtet gewesen, gastfrei aufgenonrmen und verpflegt und ihm durch eine einzige trockene .Frage die Torheit eines jugendlich unbesonnenen Entschlusses gezeigt hatte, denselben Joel Katz, der sich mit der Zeit als Filialleiter zu einem verständnisvollen, geschäftsgewandten und treuen Verwalter ausgebildet und sich iimner treu bewährt hatte, setzte er nnt voller Prokura als Verwalter ein.. Joel Katz brauchte nicht wie Weber & Co. einen Ooerkellermeister, Oberwerkmeister und Obersortiermeister mit den dazu gehörigen Untermeistern, Vorarbeitern usw., er war alles in allem tit einer Person und verstand es, einfache, gewissenhafte Vorarbeiter gegen mäßige Ereshöhung ihrer Gehälter zu verantwortungsvollen, vertrauenswürdigen Beamten heranzubilden. Tie neue Firma stellte nur Wären in mittlerer Preislage her, sodaß sie der alten Firma Ludwig Sichel keine Konkurrenz sondern eine nützliche Ergänzung war. Allmonatlich kam Ludwig selbst zur Durchsicht der Bücher und zur Prüfung des Betriebes und überzeugte sich, daß die Fabrik rentabel war, trotzdem er den Wert des Anwesens nicht nnt dem Ankaufspreis, sondern mit der vollen Höhe der von Freudenreich hergegebenen Hypothckensumme in die Eröffnungsbilanz eingesetzt hatte. * Es waren fünf Jahre vergangen, und nicht nur Ludwig Sichel L Cie. hatte sich so vergrößert, daß mehrere hundert Arbeiter beschäftigt waren, auch die alte Firma Ludwig Sichel hatte eine Ausdehnung gewonnen, daß sie zu den größten Deutschlands gehörte. In den Büros ioar ein ganzer Stäb von Angestellten tätig, und wie einst bei Karl Freudenreich war der Chef so in Anspruch genommen, daß es nicht leicht!var, Zutritt in das Privatkontor zu erhalten. Der alte Herr Schneider versah sein Amt als Prokurist und Bürovorsteher auch bei Ludwig Sichel so treu und gewissenhaft, daßman dem erfahrenen Manne die Leitung selbständig überlassen konnte. Es war Winter, schneidende Kälte herrschte draußen, da trat in das wohldurchwärmte Büro ein abgezehrter, hagerer Mann mit verwildertem Haar und Bart, den: dünnen, schlechten Kleide nach ein Arbeiter, der seine Dienste anbieten wollte. Der junge Mann, .der den Schalterdienst zu versehen hatte, kam ihm nicht sehr freundlich entgegen, da draußen ein Schild angebracht worden war, daß zur Zeit neue Arbeiter nicht eingestellt würden. Der Fremde hatte die Kühnheit zu fragen: „KömRe ich den Herrn Chef persönlich sprechen?" „Ausgeschlossen," antwortete der Gefragte kurz. Aber schon schlüpfte der alte Herr Schneider, der die Frage gehört hatte, von seinem Stuhl herunter und trat in das Privatkontor ein. „Herr Sichel," sagte der alte Mann aufgeregt, ohne nur die Frage des Chefs nach seinem Begehr abzuwarten, „draußen steht ein dürftig gekleideter Fremder, der Sie persönlich sprechen will. So unglaublich es scheint, es kommt mir so vor, als wenn cs Otto Freudenreich wäre; er ist dann aber so verändert, daß er kaum zu erkennen ist, ich wenigstens bin nicht sicher, ob .. . . ." „Führen Sie ihn schnell herein." „Otto," rief Ludwig, der ihn trotz der Veränderung gleich beim Eintritt erkannte, „Ivo konknrst Du her in diesem Aufzugs?" Otto erzählte, wie er in der neuen Welt alles versucht habe, und wie alles mißlungen sei. Nun habe er sich endlich entschlossen, ihn, seinen ehemaligen Mitlehrling, um eine Stelle in seinem Büro zu bitten. „Aber Mensch, ich bitte Tich, warum hast Du Dich denn nicht auf meine Annoncen gemeldet, die ich die ganze Zeit her regelmäßig .in allen bedeutenden Blättern der ganzen Welt immer wieder nnd wieder erscheinen ließ? Du brauchst doch nicht in meinem Büro als Angestellter zu arbeiten, Tn bist doch selbst Teilhaber einer Fabrik, die fast so groß ist wie diese.!' „Ich?" fragte Otto und griff sich an die Stirn, als ob er wahnsinnig wäre, „ich Teilhaber einer Fabrik?" Ludwig setzte ihm auseinander, daß er die Hypothek seines Vaters übernommen, 100,000 Mark bar an die Nachlaßmasse von Karl Freudenreich abbezählt nnd noch ebensoviel hineingcsteckt habe, nnd daß er deshalb genau so viel, nämlich 200,000 Mark, in der Firma Ludwig Sichel & Cie. stecken habe wie Otto, den er als rechtmäßigen Eigentümer der von seinem Vater hergeliehenen Summe betrachtete. „Höre mal, Freund," fing Ludwig lachend an, Kapital hat sich übrigens ansehnlich vermehrt, da Du in der Welt herumgereist bist und nie etwas von Deinem Guthaben erhoben hast. Hier nimm mal die 1000 Mark und richte Dich kavaliermäßig her, damit ich Dich dem Büropersonal als den Teilhaber von Ludwig Sichel & Cie. vorstellen kan», llnd dann reist Du natürlich ab und übernimmst die Oberleitung! dort. Du kannst Dich ruhig einarbeiten. Du brauchst nur unseren Prokuristen Joel Katz gewahren zu lassen,' der alles kann und alles macht und mit Gehatt und Tantieme sich jedes Jahr ein kleines Ministergehalt verdient." 4785