Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang. Ein Interview mit Professor Werner Sombart.! ' Berlin, 10. Mai 1912. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jW. Glaubens Veranstaltete jüngst zunt Zwecke der Bekämpfung Sombarts eine Versammlung, in der er Sombarts Reise nach Galizien behandelte. Es' iuurde da mit einer gewissen Ironie erzählt, daß. diese Reise Unc Geschäftsreise Sombarts gewesen sei, derselbe Vorwurf, den sonst die Antisemiten den Juden machen. Wer aber die wirtschaftliche Situation der Juden Galiziens kennt, der weiß, ivas er von einer solchen Verdächtigung zu halten hat. Schon die materielle Lage Sombarts bürgt dafür, daß er eine solche lange und wenig einbringende Reise wie die nach Galizien nicht nötig hat zu machen und seine Reise daher ganz anderen Zwecken gedient haben muß. Er ist nach dort gefahren', um das Land mit seinen Juden kennen zu lernen. Er wollte sich mit der Mischen Masse, mit der jüdischen Gasse bekannt Machen. Er wollte mit eigenen Augen jene natürlichen Juden, deren Zukunft ihn so sehr interessiert, kennen lernen. Welche Eindrücke hat Sombart in Galizien empfangen? Das ist eine Frage, die besonders uns Juden interessieren Muß, da doch in Deutschland gegen die Galizianer eine Art jüdischer Antisemitismus besteht. Der konservative Abg. Hammer hat offen im preußischen Landtag erklärt, daß viele deutsche Juden vvn den galizischen Hausirern befreit werden wollen. Man weiß zur Genüge, daß ,bei einem gewissen Teil der deutschen Jud'enheit das Wort „Galizianer" ein Schimpfwort ist. Mn gemeinsamer Bekannter, Dr. Arthur Landsberger, vermittelte mir ein Interview strit 'Sombart. Sombart empfing Mich in seinem Studierzimmer in der Hochschule.' Ich: Welchen Eindruck hat Galizien auf Sie gemacht? ' Er: Ich hakte es mir viel schlimmer vorgestellt. Die hohe Kultur des Landes hat mich', erstaunt. Schöne Städte, sogar in den kleinen Städten gute Hotels, und überall ein reges', geistiges Leben, das selbstredend von den Juden herrührt. Besonders die große Zahl der intelligenten Juden— ungefähr Vi aller — hat mich gewundert. Früher hatte ich-geglaubt, daß säst alle galizischen Juden streng orthodoxe Kaftanjuden seien. Die starke jüdischnationale Bewegung — viel stärker, als ich es Mir vorgestellt hatte — hat mir sehr imponiert. So viel Begeisterung, so viel Idealismus! Diese Bewegung .tritt, nach außen durch das Heb'räischlernen in die Erscheinung. Die Jugend lernt Mid großer Begeisterung hebräisch; junge Leute und junge Mädchen sprechen aus der 'Straße hebräisch .'mit einander. Es ist eine Jugend, die jedem aufrichtigen Menschen Achtung und'Bewunderung abringen muß. Ich: In welchen Städten waren Sie? ' Er: In Lemberg, Drohobycz, Tarnopol, .Stanislau, Czernowitz und Sadagora. Ich: Sadagora? Er: Ich habe den Sadagorer Rebbe sehen Wollen. Auch hier eine große'Enttäuschung. Er ist ein kluger, gebildeter Mann. 'Er hatte auch mein Buch „Die Zukunft der Jugend" gelesen, und er hat mit mir viel darüber gesprochen. Nur mein dickes Judenbuch hatte er nicht gelesen. Ich habe es ihm zugeschickt und. einen schönen Daukbrief von ihnr erhalten. Der Sadagorer Rebbe ist nicht vste die anderen RebbM Gegner. des ZroyiÄM; er verhält sich zu ihm neutral, erkennt aber an, daß der Zionismus eine wertvolle Bewegung ist. Ich: Werden Sie Ihre Eindrücke über Galizien veröffentlichen? Er: Vielleicht spater. Ich: Hat Ihre persönliche Bekanntschaft mit den ' galizischen Juden etwas in Ihren Ansichten betreffs der jüdischen Frage und deren Lösung geändert? 'Er: Im Gegenteil, der Eindruck, den ich vvn den Juden Galiziens mitgenommen habe, ist ein sehr guter. Ich stihle große Achtung für sie Und halte sie für viel wertvoller und interessanter, als unsere deutschen Juden. Alles, was ich frriher nur theoretisch gedacht habe, Hat mir jetzt die Praxis bestätigt. Aber ich will damit nicht gesagt haben, daß ich in Galizien leben möchte. Ich liebe überhaupt nicht große Massen, ganz egal, ob deutsche, amerikanische oder jüdische Massen. Ich liebe es, für mich zu 'leben. Ich: Was sagen Sie zu den Angriffen aus Sie? . - Er: Ich bedauere sie, aber ich begreife sie. Es ist doch selbstverständlich, daß ich Len assimilierten Inden sehr unbequem bin. Alle ihre Luftschiffe und phantastischen Gedanken zerstöre ich. Ich habe von vornherein ihre Bekämpfung erwartet; aber ich rechnete auf einen ehrlichen, würdigen Kamps. Aber ihre Kampfesmethoden sind ganz andere, als wenn ich garnicht existierte. Meine Vorträge befiehlt Man zu boykottieren. So die Rabb'- ner von der Kanzel herab. Gegen solche Kampfesmethoden kann sich kein anständiger Mensch verteidigen. Ich: Sie sollen das Judentum zu einseitig als Lehre des Kapitalismus, als ständige Zwe<^ bedingtheit hingestellt haben. Er: Man vergißt, daß ich nicht ein Buch über das Judentum im allgemeinen, sondern Mer den Einfluß der Judenauf das Wirtschaftsleben geschrieben habe. Ich habe dabei speziell die juridischökonomischen Anschauungen vom Judentum behandelt; ich weiß sehr wohl, daß im Judentum noch viele andere Anschauungen und moralische Ideen vorhanden sind. Auch der Chassidismus ist nicht materialistisch. Aber das hat doch keine Beziehungen zur Wirtschästslehre. Ich: Auch die Mischen Zitate Ihres Büches sollen nicht richtig sein! Haben Sie die Kritiken gelesen? Er: Einige habe ich bekommen. Diese Vorwürfe kommen von den deutschen Rabbinern. Aber die deutschen Rabbiner halte ich zum großen Teil nicht für kompetent, über das Judentum zu urteilest, besonders aber die Reformrabbiner, die aus dem Judentum ein gutes Christentum machen wollen. Was haben diese Herren auf dein Gebiete der Wissenschaft des Judentums geleistet? Die ganze Bibelkritik z. B. ist von christlichen Theologen gefpiftet worden. Es ist möglich, daß in Meinem Buche das eine oder andere Zitat falsch ist:, damit ist jedöch nicht gesagt, daß nun alles falsch ist. Mer die ganze Niedertracht dieser Art Kritik liegt darin, daß inan nur jenen Teil, wo ich über das Judentum schreibe, kritisiert; wer das Buch! gelesen hat, weiß aber, daß 'man diesen Teil, der ein Teil für sich ist, ruhig bei Seite legen kann und doch die ganze Theorie von dem Einfluß der Inden auf das Wirtschaftsleben dieselbe bleibt. Diese Art Kritik ist nicht zufällige, sondern gut berechnete Niedertracht. * 7r~* * j Ich: In der hebräischen Presse ist Ihr Buch ganz anders beurteilt worden.. Nur einige Artikel von Dr. Vernfeld machten eine Ausnahme. Er: Ja. Dr. Bernfeld? Ich kenne ihn! Wäh, rend ich das Buch schrieb', habe ich ihn einige Male gesprochen; ich habe sogar Manches Material von ihm erhalten. Ich hatte ihm s. Zt. alle Hauptgedanken meines Buches nritgeteilt, und , er hat ihnen zugestimmt. Daß er mich jetzt hinterrücks Wersällt, muß mich im beste» Falle Wunbet* nehmen. _ j 1 :_l Ich sprach noch mit Sombart Wer einige seiner anderen Angreifer. Er wünschte jedoch nicht, daß ich seine Ansichten Wer diese veröffentliche. Aus de« Ereignisse« des Tages. 1. Politisch« uuv geistige Befreiung zum SchewnauSfefte. Jedesmal, wenn wir Juden uns anschicken, das Schewuausfest, das hohe Fest der Gesetzgebung aM Sinai, zu feiern, schweifen unsere Gedanken unwillkürlich zum vergangenen Pesachfeste zurück. Mehr noch als die gesetzliche Institution des' Omer», zählens, die schon allein diese zwei Feiertage eng verknüpft, bindet sie beide ein innerer, ihrem Wesen entspringender Zusammenhang. Ohne Pesach ist uns Schewuaus kaum denkbar; das eine Fest erscheint fast als die notwendige, harMon'sche Ergänzung des anderen. 'Dieser tiefer, enge, innere Zusammenhang zwischen den beiden Festen ist jedoch äußerst charakteristisch für das Wesen des Judentums überhaupt wie für dessen Auffassung von her nationalen Befreiung.- Pesach und Schewuaus stellen nur Anfang und Ende eines einzigen, gewaltigen Prozesses dar: der nationalen Befreiung Nuferes Volkes. Pesach bedeutet seine materielle, politische Befreiung, Schewuaus aber macht diese erst zjn einer völligen, wahrhaften; er stellt seine geistig^, ideelle Befreiung dar. Beide Feste sind aberunzertrennnlich verknüpft. 'Beide nehmen sie dieselbe Stufe, den gleichen Rang ein, und darin tritt uns ein tiefer Wesenszug des JuidenteMs gegenüber: die intime, unzertrennliche Verbindung des Materiellen Mit dem Ideellen, des Praktischen mit d er Idee. Man kann das ganze Judentum letzten Endes als den gigantischen Willen auffassen, die zwei großen Fakwren und' Sphären dieser Welt zjn einen und zu binden, eins auf das andere harmonisch einwirken zu lassen, mit einem Worte: die Synthese des Materiellen nnt dem Ideellen zn schaffen. Aus diesem Grundzng ergeben sich fast alle anderen Eigenarten des Judentums von selbst. Sein Ziel ist die Heiligung des Lebens; nicht die Verwerfung der Materie, die Verachtung des Praktischen und die Flucht in das rein Geistige-, aber auch nicht das Ausgehen im Materiellen, das Hastenbleiben am Tatsächlichen, sondern die Heiligung und Versittlichung dieses Materiellen Lurch die Idee, die Weihung des Natürlichen durch das Ideal, die Verknüpfung von Natur und Geist. Seine Ethik ist nicht eine solche absoluter Imperative, die aus das Leben keine Wcksscht nimmt, keine reine Ethik des Sollens; aber auch keine solche eines reinen Hedonismus und ^oismus, also eine reine Ethik des Seins; vielmehr-' wieder eine Verknüpfung beider Elemente, eine Ethik des Sollens auf der Basis des Seins.