Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 18 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Huf und 16. ' : ,, Won S. Luß-Mannheim. (Fortsetzung.) „Ich werde Sie nicht auslachen, denn ich weiß, daß Sie gute Verbindungen haben." „Was uzen Sie mich denn, wenn Sie das wissen?" „Ich verspreche Ihnen, daß ich Sie nicht nze." „Nun, dann will ich Ihnen prophezeien, in acht Tagen, wenn Ultimo ist, werden dieBillen Goldwasser uitb' Freudenreich sich umtausen in Tränenwasser und Jammertal, so wahr ich Felix Oppenheimer heiße." „Nun, sagen Sie aber ernstlich, was geht vor?" fragte Löwenstein aufgeregt. „Wissen Sie, was Rio Tinto ist?" antwortete Oppenheimer, wie ein echter Prophet sein Wissen in dunkle, geheimnisvolle Rede hüllend. „Ich soll wissen, was Rio Tinto ist!" rief Löwenstcin, mit beiden Händen gestikulierend. „Lassen Sie mich in Ruhe, Sie wissen, was Rio Tinto ist." „Was habe ich mit Rio Tinto zu tun? Rio Tinto ist doch Kupscr." „Nun also, Sie wissen also doch, was Rio Tinto ist, Sie wissen also ja, daß es Kupferntinen-Aktien sind, und ich sage Ihnen, in acht Tagen wird cs' einen Krach geben, wie die Welt noch keinen erlebt hat, den wird man hören in Hamburg, in Berlin, in Frankfurt und in der ganzen Welt, und aus wird es fein mit allen Simches." „Reden Sie doch keinen Unsinn, Herr Oppenheimer." „Unsinn? Meinetwegen, Sie sollen recht haben. Rio» Tinto konnten an einem Tage fallen von 2400 aus 800, vielleicht geschieht ein Wunder, und sie werden in acht Tagen Widder stehen auf 2500." „Sie reden so, als 'ob Herr -Sichel ein Kupferminenspekulant wäre: Er ist doch ein ganz solider, fleißiger Zigarrenfabrikant, und Sie wollen mich nur ängstigen, weil Sie wissen, daß ich viel Geld von ihm zu bekommen habe." „Habe ich geredet von Ludwig Sichel? Ten Namen haben Sie genannt, ich habe nur gesagt, die Villa Freudenreich wird sich verwandeln in eine Billa Jammertal, und das wird geschehen, so wahr ich Felix Oppenheimer heiße; aber mehr bekommen Sie nichts-aus mir heraus, ich will mir nicht den Mund verbrennen." : Felix Oppenheimer war ,ein fester Charakter, — und er ging fort, ohne im geringsten zu verraten, worauf er seine schreckliche Prophezeiung stützte. Herr- Löwenstein raste in peinlichster Unruhe von Bekannten zu Bekannten, von Tabakhändlern zu Bankiers, von Bankiers zu Maklern, um zu erfahren, ob Ludwig Sichel stark an Kupferminenspekulationen beteiligt fei. Alle Welt lachte ihn aus. Sichel spekulieren? Lächerlich! Ultimo nahte, und Herr Löwenstein fing schon an zu glauben, daß er sich' ganz umsonst schlaflos auf seinem Pfühl gewälzt, daß Oppenheimer einfach geflunkert hatte. Aber ach, in einer Beziehung hätte Herr Oppenheimer richtig prophezeit; es sollte in der Stadt einen Krach geben, .wie man ihn schon lange nicht gehört hatte, und Tränen und Jammer sollten einkehren in Billa Goldwasser. Ein heftiger Donnerschlag, der bei heiterem, wolkenlosen HiMmel die Menschen aus der Ruhe aufschreckt, kann nicht mehr erschütternd, betäubend wirken, als es die Nachricht tat: Karl Freudenreich ist völlig zugrunde gerichtet. Für den Firmeninhaber war die Unglücksbotschaft so überraschend gekommen,- wie für alle Welt; er hatte keine Ahnung, daß sein in Habana wohnender Sohn, der volle Prokura hatte, sich in den Taumel der Kupferminenspekulation hatte reißen lassen) und zwar auf Len Namen der Firma. Bei den großen Verpflichtungen, dies er.in wilder, unverantwortlicher Weise eingegangen war, hatten die zu zahlenden Differenzen durch den nicht vorauszuahnendcn plötzlichen Sturz der Kupferminenakiien eine Höhe erreicht, die ein noch größeres Vermögen verschlungen hätte, als es der Millionär Freudenreich besaß. Er war in seinem Büro, als er die Nachricht von den ihm unversehens erlvachsenen Verpflichtungen erhielt und Ivar so verwirrt, daß er nicht einmal mit seinen!. langjährigen Prokuristen beriet. Er warf in der ersten Aufregung einige Zeilen aus ein Blatt Papier, cs waren nur die wenigen Worte: „Lieber Freund Sichel, komme, ich bin verloren." Er steckte das-Blatt in einen Umschlag, adressierte es und eilte ins Freie, wo er den Brief in den nächsten Briefkasten warf und aufs Geratewohl davonstürmte. Ohne cs zu wissen, lenkte er seine Schritte nach den: Hafen, toohin ihn oft geschäftliche Gänge führten. Die Wasser waren heute unruhig, der Wind wehte stärker, es stürmte draußen fast so heftig wie im Innern des aufgeregten Mannes. Trotz der starken Brise hatte Freudenreich den .Hut abgenommen und ließ sich den Wind um das glühende Haupr streichen, daß sein Haar so wild um ihn flatterte wie seine Gedanken im Innern. Als er am Stand des Bootverleihers vorbeikam, nahm er, wie das schon häufig geschehen, ein Ruderboot, um nur fortzukommen in die Einsamkeit;, fern von allen Menschengesichtern wollte er sich klar, werden und sich fassen, ehe er seiner Frau entgegentrat. „Wollen Sie sich heute nicht einmal einen Ruderer mitnehmen?" fragte der Schiffer, ,„es ist unruhig." „Sie wissen, daß ich das. Boot beherrsche." „Jawohl, Herr Freudenreich, Las weiß ich, aber heute . ." Er saß schon auf der . Ruderbank, er fuhr allein. War die Macht der Wogen heute stärker als seine Kraft und Kunst? Ließ er die nötige Aufmerksamkeit außer acht? Niemand weiß es, niemand wird es je erfahren. Am Abend sahen heimkehrende Fischer draußen ein gekentertes Boot treiben, und bald nachher trieb die Flut den Leichnam des unglücklichen Mannes an den Strand. * Unglücksnachrichten schwirren gedankenschnell über die weite Welt. Als Ludwig den schriftlichen Hilferuf Frendenreichs erhielt, hatte ihn auch schon das Gerücht von dessen Veranlassung erreicht. Felix Oppenheimer hätte sich rühmen können, daß wenigstens in einer Beziehung seine Prophezeiung sich buchstäblich erfüllt hatte. Wie Wasserbäche stürzten die Tränen aus den Augen der weiblichen Bewohner der Villa Goldwasser, zu ebener Erde bei Frau Heinemann und oben bei Tante Taube. Billa Freudenreich hingegen war nicht zum Jammertal geworden, Ludwig hätte nicht die geringste Anlage zum duldenden Klagen, kein Jammerlaut ertönte aus seinem Munde, der Hilferuf trieb bei ihm die vorhandene Willenskraft zu mächtigem Tatendrang. „Schnell, mach Dich fertig und komm mit, Tante," sagte Ludwig zu Tante Taube, „jetzt heißt es handeln und nicht klagen! Herr Freudenreich ruft um Hilfe, wir dürfen ihn nicht warten lassen!" „Was soll ich dort?" jammerte Tante Taube. „Dü Mußt zu FraU Freudenreich, ich elle ins Büro zu ihm." „Was kann ich helfen? Ich konnte klagen mit armen jüdischen Frauen, die fühlen und denken und reden wie ich; aber ich bin doch nicht gewöhnt, mit so feinen Frauen zu sprechen, La könnte ich nichts reden und nichts tun." „Komm nur, Tante, bei großen Unglücksfällen ziehen fich die bisherigen Bekannten oft plötzlich zurück oder senden kalte gedruckte Karten, und da sind manchmal die einfachsten Leute willkommene' Tröster. Geh' nur, Dante Taübe, Du fühlst den Schmerz der Frau ehrlich mit. Du wirst in Deiner Ehrlichkeit auch sicherlich die rechten Worte finden und Las Rechte tun, mchr als alle andern, die vielleicht nur aus Neugier oder aus herzloser Förmlichkeit ihren Kondolenzbesuch machen." Bei der Ankunft hörte man nicht nur! von dem materielleil Unglück, sondern vernahm das größere von dem Aode Freudenreichs. Ob Tante Taube die richtigen, zu Herzen gehenden Worte fand, läßt sich nur vermuten. Die vielen früheren Freundinnen waren fortgeblieben, Tante Taube war allein mit Frau Freudenreich, und als es Mitternacht war, da ließ Tante Taube eine einfache Droschke kommen und fuhr mit Frau Freudenreich hinaus nach Villa Goldwasser. Dort blieb auch Frau Freudenreich, bis sie nach der Bestattung ihres geliebten Toten auf das Gut zu ihrer ältesten Tochter reiste. Nach' der Herzlichkei! zu schließen, mit der Frau Freudenreich die einfache Frau Goldwasser beim Abschied umarmte und küßte, nach den innigen Worten, mit Lenen sie ihr für den gespendeten wahrhaften Trost im Unglück -dankte, für die echte Menschenliebe, wie Frau Freudenreich sich ausdrückte, die in der Not sie vor Verzweiflung geschützt und ihr den Glauben an die Menschheit - erhalten hätte, nach all diesem darf man annehmen, daß Tante Taube auch für die vornehme Frau die richtigen Worte des Trostes gefunden hatte. Ludwig begab sich am folgenden Morgen ins Büro, wo Herr Schneider im" Begriff war, den Gerichtsherren alles zu übergeben. Ludwig hielt sich nicht verpflichtet, von dem Briefe zu sprechen, worin der verstorbene edle Freund und Wohltäter ihn als Helfer herbeigerufen, es sollte durch Ludwigs Schuld auch nicht der geringste Anlaß geboten werden zu der Vermutung, daß der edle Mann in der Verzweiflung seinen Tod absichtlich .herbeigeführt hatte. Als der erste Ueberblick dem Gerichte und den Gläubigern die Ueberzeugung brachte. Laß bei allmählicher Abwickelung des Geschäfts alle Forderungen voll befriedigt werden könnten, war alles damit einverstanden, daß eine Konkurserklärung vermieden und Herrn Ludwig Sichel mit Herrn Schneider zusammen die Abwickelung übertragen werden solfte. Die Beerdigung fand mit allen Ehren statt, die dem Reichstagsabgeordneten gebührten, und in dem langen Zuge, der dem Sarge folgte, war gar mancher, der chm in verdienter Liebe nachtrauerte und chm die tiefste Achtung Aber das Grab hinaus bewahrte. Die Familie verzichtete auf alles, auch auf den Privatbesitz der Frau; selbst aus die Lebensversicherung, welche von den Gläubigern nicht beansprucht werden konnte, leistete die Familie zugunsten der Nachlaßmasse Verzicht. Frau Freudenreich erklärte, daß sie nur das beanspruche, was nach Bezahlung aller Forderungen übrig bliebe. Es war nur ein kleines Kapital» im Verhältnis zu den gewohnten Ansprüchen an die Lebensführung, nur eine verhältnismäßig ganz unbedeutende Summe, die der Witwe übrig blieb. Otto hatte wie alle Angestellten des Büros das Gehalt erhoben, das er zu beanspruchen berechtigt war, und war dann gleich nach der Beerdigung seines Vaters wie vom Erdboden verschwunden. Alle Nachforschungen und Aufforderungen in den 'Zeitungen waren erfirlglos. Otto hatte seine Spur verwischt, er Nwllte nicht gefimden sein und wurde auch nicht gefunden. Vor der Abreise hatte er an LudwU geschrieben, daß er in die Welt wandere, um ein neues Gebäude des Hauses Freudenreich zu zimmern, und daß er schon von sich hören lassen würde, wenn Las' Hausglücklich unter Dach gebracht sei. Diesen Brief hatte er aber nicht zur Post gegeben, sondern ihn in seinem Privatzimmer in ein Pult gelegt, sodaß er erst gefimden wurde, als man zum Verkauf des Privateigentums schritt, als schon Wochen nach Ottos Verschwinden verflossen waren. Frau Freudenreich überlebte kcrum ein Jahr das Ereignis, das ihr Haus und chr Glück zerschmettert hatte. Bei der Verwertung des Nachlasses fand sich kein einziger Liebhaber für das Grundstück von Weber & Co., auf dem eine Hypothek zugunsten des Nachlasses ruhte; auch Iwr einzige Interessent, der Vorhänden gewesen, zog sich zurück, sodaß Ludwig es zur öffentlichen Versteigerung ausschreiben Mußte. Der einzige Bieter blieb Ludwig, dem es für 100,00V Mk. zugeschlagen wurde. (Schluß folgt.) ' 4785