Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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&ette 1Ö. Schlimmer und schlttnmer gestalten sich die Verhältnisse der Juden 'in Rußla n d. Es ist das System der richsischen Regierung, sie in jeder Weise niederzuhalten und niederMrücken. Der Gejetzesentwurs zur Abschass-, ung des Ansiedlungsrayons, der eine Besserung der traurigen'Lage der russischen Juden inaugurieren würde, ist nicht zur Verabschiedung gelangt und wird wohl kam» noch aus der Kommission, der er überwiesen ist, wiederkehren. Eine Anzahl Städte sind zu Dörfern erklärt worden, in denen der Aufenthalt den Juden versagt ist, nur um die Ausweisung der Juden zu ermöglichen. In allen Teilen Rußlands werden Ausweisungen in größtem Maßstabe und .in rigorosester Form vollzogen. Für die jüdischen Externen, die bisher Schulen frei besuchen konnten, ist jetzt die berüchtigte Prozentnorm eingeführt. Auch die Rechtsanwaltsgehllsen, als welche die Juden bisher eine beschränkte juristische Tätigkeit ausüben konnten, sollen "jetzt — gleich den Rechtsanwälten — einer Prozentnorm von 10«/« unterliegen. Tie wirtschaftliche Lage hat sich verschlechtert, insbesondere auch durch Ausbreitung des Genossenschaftswesens und der Boykottbestrebungen, die ihre Spitze direkt gegen die Juden richten. Es beweist, wie grausam die russische Regierung verfährt, daß sie bei diesen Verfolgungen und dem infolgedessen herrschenden großen Elend der russischen Juden sogar das Funktionieren der jüdischen Wohltätigkertsanstalten zu beeinträchtigen oder zu verhindern sucht. Ter Hilfsverein leiht seine Unterstützungen namentlich den vielen 'Tausenden russischer Juden, die sich eine neue Heimat suchen müssen. 1911 betrug die gesamte jüdische Auswanderung mehr als 100000 Personen, 70°/« davon aus Rußland. 41000 überseeische Mische Auswanderer nahmen chren Weg durch, Deutschland und erhiellen von den Schutzkomitees und Grenz- und Hastnkomitees des Hllssvereins Rat und Hilfe. Sie wurden beherbergt, verpflegt, belleidet, in Krankheitsfällen ausgehellt, und wo es nottat, wurde ihnen der Weg in die neue Heimat geebnet. Dr. Paul Nathan gab nunmehr einen Rückblick über die Gesamttätigkeit des Hilf^- vereins in den zehn Jahren seines Bestehens. Er führte »us: Es .war etwas Neues .für Deutschland, daß nicht mehr wie früher im Augenblick der Not erst Hilfskomitees gegründet und Gelder gesammelt wurden, sondern daß eine ständige Organisation in Funktion ist, die j die Verhältnisse der Juden verfolgt der ungünstigen Entwicklung vorzubeügcn und sich für den Fall von Katastrophen finanziell bei Zeiten zu rüsten sucht. Der Hilfsverein gewährt seine Unterstützung durch Geld und durch die Darbietung von Bildung. Er verfährt dabei rein im Interesse der in Frage kommenden ausländischen Juden. Er tut nichts, was deutschen Interessen widerspricht, aber er sucht das Deutsche nicht in den Vordergrund zu stellen, wo kein Anlaß dazu vorhanden und wo es unzweckmäßig wäre. Er geht nur von den Bedürfnissen der Bevölkerung der einzelnen .Länder aus und' wird nur von humanitären Ideen geleitet. Daher oktroyiert er nirgends eine Mldung aus irgend einer Tendenz heraus. .Redner gÄht alsdann auf die Organisation der Auswanderung näher ein. Vor Begründung des Hilfsvereins waren die Berhällnisse auf diesem Gebiete die allertraurigsten. Scharen russischer und galizischer Juden überfluteten die. deutschen Grenzen ohne genaue Kenntnis der Routen, der Landessprache. Sie wurden daher ausgebeutct und erlitten eine Fülle von Qualen. Infolge der Konferenz der jüdischen Organisationen in Frankfurt a. M. vom Jahre 1904 fand eine rationelle Organisation für die Zwecke der Auswanderung in ganz Deutschland statt. An allen Grenz- und Hafenplätzen wie an allen Knotenpunkten des Eisenbahnverkehrs in Deutschland wurden Schutzkomitees für die Auswanderer errichtete Die bisher planlose Auswanderung über die Grenzen Deutschlands wurde durch den Hllfsverein in enge und zweckentsprechende Kanäle gefettet. Freilich ist durch die Regulierung der Auswanderung die Judenfrage in Rußland nicht zu lösen. Aber die Auswanderung aus Rußland hat nichtsdestoweniger eine außerordenlliche Bedeutung; sie erlöst die Auswandernden von den Qualen, und der Willkür ihrer alten Heimat und erleichtert die Lage der Zurückgebliebenen und gibt ihnen mehr Raum und Licht. Redner erwähnt, daß bei Gesprächen, die er seiner Zeit mft den Premierministern Stolypin und Witte in Rußland hatte, auf seine Fragen bezüglich Lösung des russischen Judenproblems beste bemerkt hätten, man möge Rußlcmd nur Zeit zu dieser Frage lassen, auch sie werde einmal gelöst werden. Das sei leicht gesagt aber Leute, die am Verhungern sind, haben nicht soviel Zeit wie die russische Bürokratie. Es blestt daher nichts anderes übrig, als die Auswanderung zu fördern. In Hinblick auf die Möglichkeit, daß einmal auch die Vexeinigfen Staaten durch politische oder, wirtschaftliche Konstellationen vorübergehend der Einwanderung nicht mehr im bisherigen Matze offen stehen, kommt als Osteuropa Nächstliegendes Einwanderungsland das osmanische Reich in Betracht, das noch riesige unbcvölkerte Ländermassen hat. Der Hllfsverein hat von Anfang an die ungeheure Bedeutung. des Orients erkannt, und die Notwendigkeit, die einheimische Bevölkerung daselbst soweit wie möglich kulturell zu heben, damit sie geordnete Geineinwesen bilden kann, und er hat seine Fürsorge daher insbesondere der Jugenderziehung, zugevnmdt. Das türkische Reich" hat niemals eine Politik der Gewalttätigkeit gegen seine jüdischen Untertanen geübt, wie dies in Rußland und Rumänien der Fall gewesen, und es ist zuversichtlich zu erwarten, daß die Türkei dieser glorreich«! Traditstn treu bleiben wirb. Redner gibt alsdann noch! in groß«! Zügen einen Ueberblick über das Schulwerk des Hilfsvereins im Orient und hebt dabei besonders das Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina zu Haifa hervor, dessen Grundstein in diesen Tagen gelegt worden ist. Zwn Schluß appelliert Redner an den Opfersinn der Judenheit. . ' Bankdirektor Simon erstattet den Finanzbericht. Er teilt mit, daß aus Anlaß 'des zehnjährigen Bestehens des Vereins der Vorsitzende Dr. James Simon 100000 JL, Direktor Götz-Moskan 50000 Francs und Manuel Schwarz 25000 JL gegeben haben. Justizrat Dr. Horwitz spricht unter lebhaftester Zustimmung der Leitung des Vereins Dank und Bewunderung ans. Bei Schluß der Versammlung werden den Leitern lebhafte Ovationen dargebracht. Ter Generalversammlung ging eine Sitzung des Zentralkomitees voran. In dieser Sitzung wurden Professor Dr. Engen Mittwoch-Berlin und Julius Basch-München kooptiert. Frankfurter Berichte. Ter Moritz und Johanna Oppenheimersche Kindergarten für Israeliten, der von durchschnitllich 80 Mildern besucht wird und seiner ganzen Einrichtung nach eine Musteranstalt ist, hat soeben seinen Rechenschaftsbericht für 1910 und" 1911 im Druck veröffentlicht. Er verausgabte '1910 7433 JL für Haushaltung und 5553 JL für Gehälter, während er 1911 für die gleichen Posten 9589 .4L und 5079 JL verbrauchte. Für einen Betrag von 20000 JL wurde ein Teil des Nachbargartens angckaust und dadurch der Spielplatz erweitert und ferner ein hübscher Rasen und - Baumbestand gewonnen. Die Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden, eine Frankfurter Institution, verpflegte im Jahre 1911 216 Patienten an i. Sa. 9046 Tagen, eine Zahl, die bis jetzt noch niemals erreicht wurde. Baronin Wilhelm C. von Rothschist gewährte wiederunr einen groß«! Beitrag (9000 JL). Frau Lismann Fürth errichtete mit 5000 JL eine Freibettstiftung zum Andenken an ihren verstorbenen Gatten. Ter Rechnungsabschluß balanziert mit 92 356 JL Prof. Dr. A. Sulz buch erhielt den Kronenorden 3. Klasse mit der Zahl 50. Die Stadtverordneten nahmen mit 43 gegen 26 Stimmen die Universitätsvorlage an. Ta-' gegen stimmten 22 Sozialdemokraten und von der Fortschrittlichen Volkspartei Bernecker, Fromm, Heue und Sittig. Aus der Debatte seien hier die folgenden uns speziell interessierenden Ausführungen des Bericherstatters Tr. Heilbrunn wiedergegeben: Alles in allem entspricht der Vertragsentwurf in sämtlichen Punkten den Bedingungen der Stadtverordneten, mit Ausnahme der Berufungssrage. Immerhin ist, entsprechend dem seinerzeitigen Antrag Fromm, in den § 1 und 4 grundsätzlich festgelegt, daß religiöse und politische Motive ausgeschlossen sein sollen. Das bedeutet sehr viel bei einer Gründung, bei der alle Leistungen ans Grund eines zstilrechtlichen Vertrags erfolgen. Das Kuratorium hat nach dem Vertrag durchaus die Möglichkeit, über die Beachtung der Grundsätze völliger Parität zu wachen. Beim Vorschlagsrccht war 'der Eincrvorschlag nicht zu erlangen, well nach der bestimmten Erklärung des Ministers dazu ein Gesetz notwendig gewesen wäre, das bei der Zusammensetzung des Landtags wesentlich schlechtere Bedingungen gebracht hätte. Immerhin ist auch in Bezug auf das Vorschlagsrecht der Fortschritt erzielt worden, daß die Vorschläge der Fakultäten vom Kuratorium begutachtet werden, wobei die Minderheit ihre abweichende Ansicht zum Ausdruck bringen kann. Das Votum des Kuratoriums, dessen neutrale Zusammensetzung garantiert ist, erhält durch die Tatsache Nachdruck, daß ihm die Verfügung über "die Geldmittel, das Etatrecht, zusteht. Noch weiter gehende Sicherungen sind für die Städtischen Krankenhäuser, sowie für die Vereinsinstitute geschaffen worden. Mittwoch fand eine Sitzung des Ausschusses der israelit. Gemeinde statt, deren Hauptgegenstand der Haushaltungsplan pro 1912 war. Vorher führte Leo Fsaac, der Vorsitzende, das neue Ausschußmitglied Baron von Goldschmidt-Roths ch i l d ein. Justizrat Baer, der. Syndikus» erörterte den Häushaltungsplan. Jnsbesoistere verweille er bei der Steigerung des diesjährigen Etats gegenüber dem vorjährigen um 76 000 JL, welche Steigerung auf. die Aufbesserung der Beamtengehälter und Mehrausgaben für Religionsunterricht u. d. M. zurückzuführen ist. Ilm die Mehrausgaben zu decken, sieht sich die Verwaltung der Gemeinde genötigt, die Kultus steuern von 5 pro Mille auf 6 pro Mille zu erhöhen. Redner findet diese kleine, Erhöhung als billig in Anbetracht der weit größern Steuern der anderen jüdischen Gemeinden. Dr. R. Merzbach bemerkte dazu, daß die großen Gemeinden anderswo für Wohltätigkeitszweckc viel ausgeben, während Frankfurt nichts ausgibt. Tr. Baer erwsterte darauf, daß Frankfurt mit seinen zahlreichen Vereinen für das Wohl der Armen im ^reichen Maße sorgt. Des weiteren berichtete Dr. Baer, daß die Mehrkosten ,von 8000 JL für Unterhaltung der Gemeindegebäude sich auf Renovierung d«: Häuptsynagoge ersticken, da die Hauptsynagoge ver- Ar. 16. altet ist und durch! die neue Synagoge Königsteiner straße zurückgeht. Die Synagoge Königsteinerstraße ist fast vollständig vermietet und rentiert mit 50 Prozent. Zum Posten Schlachtwesen entstand ein Austausch der Gedanke» über die jüngste Erhöhung um 3 Pfg. pro Pfund Fleisch. Es wurde eine Anfrage prinzipieller Natur an den Syndikus - gerichtet, in wie fern die Verwaltung auf die Metzger Einfluß hat; oielleicht könnten diese die Preise noch weiter steigern. Tr. Baer erwiderte, daß iveitere Erhöhungen nicht zu befürchten seien, da dadurch! den Metzgern viel Kundschaft verloren gehen würde. Hugo Frankel nahm die Metzger in Schutz, da sie nur aus der dringenden Notwendigkeit heraus aufgeschlagen haben. Nach seiner Ansicht könne den Metzgern seitens der Ritualkommission nur in rein rituellen Dingen Vorhaltungen gemacht werden, aber nicht in Dingen finanzieller Natur. Die Israelit. Religio ns sch ule (Dirigent: Rabb. Dr. I. Horovitz) unterrichtete in ihrem abgelaufenen Schuljahre 512 Schüler und Schülerinnen (346 in der Schule am Hermesweg, 75 in der Schule an der Unterlindau, 30 im Kursus für galizische und russische Knaben, 15 in der Hölderlinschule imd 46 in der Adlerflycht- und Mingerschule). Zum ersten Male seit ihrem 32 jährigen Bestehen folgte die Religionsschnle dem längst gegebenen Beispiele der übrigen "Schulen und verzichtete auf eine öffentliche Prüfung. Selbstredend wurde eine Schlußfeier veranstaltet. Die Errichtung von Parallelklassen für Schüler höherer Schulen hat sich bewährt. Es ist dadurch ermöglicht worden, den Unterricht zu individualisieren und allen berechtigten Wünschen bezüglich der Unterrichtsstunden so weit als inöglich Rechnung zu tragen. Zu dein soeben begonnenen Schuljahre werden noch Anmeldungen entgcgengenommcn. Isr. Stellenvermittluugs- und Versicherungs-Verein (Schomre Schabbos). — Aus den Einnahmen und Ausgaben des Jahres 1911 seien hier folgende Posten wiedergcgeben: Einnahmen: Beiträge der ordentliche» und der außerordentlichen Mitglieder 2928 JL Ausgaben: Leistungen an 14 stellenlose Mitglieder 875 UL, 15 Darlehen bezw. Unterstützungen 288 JL, Kostenbeitrag zur Zeitschrift „Sabbath" 600 Mark, Kosten der Stellenvermittlung 1774 JL,- Äerwaltungsspesen 330 JL Die Zahl der ordentl. Mitglieder ist von 418 auf 401, die der außerordentl. Mitglieder von 283 auf 260 zurückgegangen. Das Vereinsvermögen beträgt 33144 JL Die Stellenvermittlung konnte 155' Kommis und 38 Lehrlinge unterbringen. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Prof. Dr. UlrichFriedemann ist zum Vorsteher der bakteriologischen Abteilung am städt. Kranken Hause Moabit ernannt worden. —, Ghmnasialprofessor Tr. Ludwig Lewinski erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Berlin, 24 April Heute verschied Geh. Kommerzienrat Emil Jakob im 68. Lebensjahre. König i. Odenwald. Im Alter von 72 Jahren verschied der Kaufmann Max Herrmann, Veteran der Kriege 1866 und" 1870/71 und Ehrenmitglied des hiesigen Kriegcrvereius und des hiesigen Turnvereins. Die "ungewöhnlich große Beteiligung bei der Beerdigung zeigten das hohe Maß von Liebe und Verehrung, deren sich der Verblichene in allen Kreisen der Vcvölkerung erfreute. Lehrer W olp er t-Neustadt i. O. und Lehrer Bick-Michelstadt entwarfen eine Charaktcrzeichnniig des prächtigen Mannes. Hagenau. Das Baruch Dreyfus'sche Ebepaar in Hagenau und das Aron Weill'sche Ehepaar in Zaborn "feierten in Rüstigkeit die goldene Hochzeit. (Li.) Posen. In Schwetz ist in der Synagoge ein gebrochen worden; jedoch vermochten es die Einbrecher nicht, den Almosenkasten aufznbrechen. — In P o g o r z e l a ist infolge Wegzugs der dortigen Jichen die Synagoge verkauft worden. Wien. Der Maler JsidorKaufmann erhielt für sein Bild „Der Magid" die Große goldene Staats Medaille, die höchste Auszcichnnng, die ein Maler in Oesterreich erlangen kann. Wien. Advokat Dr Gustav Kohn, 1. Dizeprästdent der Kultusgcmeinde, 'erhielt den Orden dcrEisernen Krone 3. Klasse. — < Königl. Ungar. Rat Dr. Sigmund Rüna wurde zum Direktor der Königl. Ungar. Meteorologischen Anstalt in Budapest ernannt. — Vom 14—21., April fand in Przcmysl eine Bezalel-Ansstellüng statt. Budapest. An den Folgen einer unscheinbaren Verletzung Lei einer Operation starb der angesehene Arzt Dr. Egm o nt Baum garten. Prag. Zum Andenken an den. dieser Tage verstorbene Hofrat Prof. Dr. Alfred Pribram wollen dessen Schüler und Verehrer eine Bettstiftnn g i üi israel. Krankenhau.se errichten. Paris. Der rumänische Generalkonsul Leopold Louis Dreyfus ist zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt worden. London. Das durch das S Millionenlegat des süd. MilliouärsBarnato errichtete Hospital für Krebskranke ist nunmehr eröffnet worden. Für die jüdischen Kranke enthält es «ne besondere rituelle-Mche.' ni dl