Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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p Et. 16 des fmnfifutfet IsmMWu, fatiri[ien6Catfes. Depesche. Berlin, 25. April, 12 Uhr vorm. Das Zcntralkomiteeder Alliance Israel ite Universelle hat hunderttausend.Francs für die notleidenden Inden in Fez (Marokko) abgeschickt. Brief a«S Bern. Bern! Ein Name, der in der (beschichte der Renaissance des Judentums eine hübsche Anzahl von Blättern in Anspruch nehmen wird. Hat dochiBern schon so manche» jüdischen Pionier, so manchen Kämpfer für hebräische Sprache und Kultur hervorgebracht! ülnch hcntc kann inan hier die Töne der hebräischen Sprache im Bahnhof, in der Tram, in der ttnivcrsität, aus den Straßen vernehmen. Letztere Tatsache läßt schon, ahnen, daß unter den jüdischen' Studenten Berns, deren Anzahl sich jetzt ans ungefähr 350 beläuft, ein rege pulsierendes jüdisches Leben herrscht. Und in der Tat ist dem auch so. Bor allem ist hier der akad. zion. Verein zn nennen. Dieser .hat sich in der jüdischen Kolonie Berns, unter den alteingesessenen schweizerischen Juden und auch bei der christlichen Bevölkerung dadurch Popularität erworben, daß er alle zwei Wochen Referate über jüdische wissenschaftliche und aktuellpolitische Thenien. manchmal auch öffentliche Vorträge und llnterhnltimgsabendc veranstaltet. Eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet auch die Vereinigung „Jbriah" mit ihren hebräischen Sprachkursen und Vorträgen. , Ist nun auch das jüdische Leben unter den jüdischen Studenten Berns ein ziemlich reges, — freilich gibt's auch hier zahlreiche Assimilauteu —, so erreichte es in« letzten Monat seinen Höhepunkt, als vom 5.—9. März die erste Konferenz zion. Studenten aus Osteuropa und die Landeskonferenz s ü r hebr. Sprache und Kultur — ein Zweig der bekannten ,Histadruth lasafa ultarbnth ibrit" in Berlin —7 hier tagte. Die Geburtsstätte des Gedankens einer Organisation der zion. Studenten war der letzte Zionistenkongreß in Basel. Der. Initiator war Prof. Ornstein (Holland), der eine Weltorganisation zionistischer Studenten vorschlug. Freilich wurde diese Idee nicht in die Tai nmgesetzt. Jedoch eins geschah: Die zionistischen Studenten ans Osteuropa, die im Westen studieren, organisierten sich. Es wurde danials ein vorbereitendes Komitee aus .fünf Personen gewählt, das nun die erwähnte Konferenz einberief. Zn der Konferenz hatten sich Delegierte aus München, Basel, Genf, Lausanne, Nancy, Liege (Belgiens und Bern eingcfnnden. Die Verhandlungen nahmen einen überaus befriedigenden Verlauf. Es seien hier die wichtigsten Beschlüsse wiedcrgegeben: 1. Die Konferenz anerkennt das palästinensische Prinzip als den Hauptpunkt in der Arbeit der Organisation. 2. Die.Mitglieder der Organisation sind verpflichtet, Palästina zum Mittelpunkte auch ihres Privatlebens zu machen und zn diesem Zwecke sich allen Ernstes, wissenschaftlich und praktisch, sür Palästinaarbeit vorzubereiten. 3. Tie Zweigvercine sind verpflichtet, Kurse für Palästinakunde einznrichten, und die Mitglieder müsst» dieselben besuchen. Das Zentralkomitee hat die Aufgabe, einen Prospekt für Palästinakimde auszuarbeiten und ihn an sämtliche Zweigvereine zu versenden. I. Tie Zweigvercine müssen sich mit den Senaten der betreff. Universitäten in Verbindung setzen behufs Einführung von Vorlesungen über Palästinarunde. 5. Tie Mitglieder der Organisation sind verpflichtet, sich zu bestreben, daß sie als Doktorarbeiten Themen erhalten, die mit Palästina .einen Zusammenhang haben, um auf diese Weist einen aktiven Anteil ju der Palästinakunde im engeren und weiteren Sinn des Wortes zu nehmen. Die Studenten der Jurisprudenz — über türkisches und arabisches Recht, über das hebr. Leben und dessen gesetzliche Fundamentierung in unseren paläst. Kolonien, die Naturwissenschaftler — über das Land, Fauna, Flora n. idgl., die Philosophen — über Themen aus der arab. Literatur und semitischen Philologie. 6. Das Zentralkomitee hat die Aufgabe, von Zeit zu Zeit Broschüren über Palästinafragen zu veröffentlichen. Die Landeskonferenz für hebr. Sprache und Kultur wurde durch Schriftsteller S. Al. H o r o d c z k y und den Dichter Jakob Kahn einberufen. Nach längerer Berichterstattung über die Tätigkeit der Jbriah-Vercine in der Schweiz wurden einige wichtige Resolutionen angenommen, die die Propaganda für Hebräisch in der Schweiz betreffen. M. B. Die 10. Generalver sarnmlung des Hilfs- Vereins der deutschen Jude». Berlin, 14. April. Zn der heute früh erösfneten Generalversammlung hatte sich ein zahlreiches Publikum cingefundcn. Dr. James S i m o n, der Vorsitzende, erstattete den Bericht, dem folgende Einzelheiten entnommen seien: Tie Mitgliedcrzahl ist auf 25 000 gestiegen. Die Ein- 4 nahmen.beliefen sich auf 335000 J&, denen Ausgaben ] in Höhe von 264000 JL für das russische; .j Hilsswerk und von 240006 JL für das Schul-- 'S werk des Vereins im Orient gegenüberstehen. f Der Mehraufwand mußte von: Vereinsvermogen bestritten . 3 werden. j Was die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern *j anbetrisst, so ist sie in G a l i z i e n trotz der von Seiten 4 des Staats am 25. Januar 1911 einberufenen ,Lonf fcrenz" keine bessere geworden. Die jüd. Organisationen. .j die für Galizien arbeiten, haben sich unter Führung der h Jca vereinigt, um ein rationelles Hilfswerk für dieses Land durchzusühren. Auf 'Anregungen dieser vereinigten j Organisationen' hat sich auch ein Landesverband zur 4 kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Be-- 4 völkerung Galiziens gebildet, da alles auf die Selbst- ) Hilfe und die Mitarbeir der gatizischen Kreise selbst an- ) kommt. Tie Tätigkeit des Hilfsvereins in Galizien be-! wegte sich 'im bisherigen Rahmen. 4 Das gleiche war in Rumänien der Fall, wo die Juden politisch immer noch entrechtet sind. Das Industrie- und .Handwerkergesetz, dessen Gestaltung für die Juden 4 von großer Bedeutung ist, hat verhältnismäßig eine günstige Fassung erhalten, insofern die Juden, die sonst ' in Rumänien als Fremde betrachtet und von G.setzeswegen behandelt werden, in diesen Gesetzen, wenn auch nutzt ohne Ausnahmeklausel, als Rumänien gelten sollen. Der '« Hilfsverein leiht seine Unterstützung für Rumänien insbesondere auf dem Gebiete des jüdischen Schulwesens, das von besonderer Wichtigkeit für die Juden Rumäniens ist, da ihnen die staatlichen und Gemeindeschulen so . ■■ gut wie verschlossen sind. In der Tü r k e i hat der Hilfsverein bei dem großen Brande in Konstantinopel im Juli vorigen Jahres tatkräftig eingegriffen. Er hat bisher 30000 Francs über- . wiesen. Für die geplante iveitere Hilfsaktion, die durch Bau von gediegenen Häusern und die Gründung einer Leihkasse dauernde Besserung der Verhältnisse bringen soll, sind evtl, noch Mittel nötig. ■ ■■: Tie Schulen des Hilfsvereins in Konstantinopel wie in Saloniki gedeihen bestens. Das ausgedehnte Schulwerk des Vereins im ' Orient, insbesondere in Palästina hat eine be- > deutungsvolle Ausgestaltung durch Einführung des Handfertigkeitsnnterrichts erhalten. Gerade für den Orient ist die Heranbildung von tüchtigen Handwerkern, von besonderem Werte. Ter Hilfsverein unterhält uw» subben-; tioniert zur Zeit an 50 Bildungs- und Erziehungsanstalten aller Art, die von etwa 6500 Schülern besucht werden. > r 0 Er die lugend. 0 Huf und Nb. Von S. Lutz-Mannheim (Fortsetzung.) „Es tut mir leid, Ivenn ich Ihren Frcudentag trübe, aber ich kann mir nicht helfen, ich ninß mich mit eineni Menschen aussprechen, der solche Dinge versteht, und von dem ich weiß, daß er inein Freund ist in Not und Tod." Ludwig drückte dem erregten Manne die Hand, und das war ihm mehr Beruhigung, als viele Worte es gewesen wären. „Mein Reichstagsmandat und die Repräsentation nährerü» des Aufenthalts in Berlin," fuhr Herr Freudenreich fort, „haben riesige Summen verschlungen, und wovon Sie keine Ahnung haben, lieber Freund) meine zwei Schwiegersöhne haben auf ihren Gütern so gewirtschastet, daß ich, um sie wieder flott zn machen, ganz unglaubliche Opfer durch Barzuschüsse bringen mußte. Ich habe meine Barreserven erschöpft und habe nur noch das 'Betriebskapital, das im Geschäft arbeitet; was das bei meinem ausgedehnten Umsatz und den in unserer Branche üblichen langfristigen Zahlungsbedingungen bckeutet, 'das können Sie sich denken. Tie günstigen Gelegenheiten zu billigen Kassakäufen kann ich nicht mehr ausnützen, wenn nur ein einziger Verlust mein Betriebskapital schwächt." „Herr Freudenreich, lassen Sie sich nicht Ihre klassische Ruhe rauben, es müßte schon ein harter Schlag sein, der Sie in Ihren Dispositionen stören könnte, und davor werden Sie Gott und Ihre Umsicht behüten! Nur nicht durch Besnrchtungen sich unnötige Sorgen schaffen! Den Verlust bei Weber werde ich zu mildern suchen, und Reserven können Sie in Ihrem Geschäft bald wieder bei Seite legen." Sichels zuversichtliche Bestimmtheit übertrug sich auf Herrn Freudenreich, er konnte sichtlich beruhigt und fast erheitert in die Gesellschaft zurückkehren, um an der Festtafel teilzunehmen. Bei der Aufforderung zum Beginn des Mahles -glaubte der Gastgeber sich bei Herrn Freudenreich über dse religiösen TischgÄrüuche entschuldigen zn müssen. „Bitte, waschen Sic sich nur ruhig die Hände," sagte Herr Freudenreich, „ich kenne das, da ich in meiner Gymnasialzeit mit einem jüdischen Kameraoen die engste Freundschaft geschlossen hatte. Das Waschen der Hände ist lobenswerte Reinlichkeit, und das Danken für Brot und Ialz ein kurzes, vernünftiges Tischgebet." Der religiöse Gebrauch, einen Bissen in Satz getauchten Brotes zn essen, war vollzogen, und man saß in Ertvartung der Suppe, als Herr Freudenreich anfing, das eben augcknüpfte Gespräch weiter zu verfolgen. „Auch das Gebet nach dem Essen," fuhr er fort, „Sie heißen es Benschen oder so ähnlich» hat mir als Junge immer sehr gefallen. Das jüdische Beten ist nicht bigott; ich freute mich immer, wenn einer der Tischgesellschaft mehr singend als sprechend vorbetete und an gewissen Stellen alle Ilmsitzenden in heiterer Melodie einfielen. Das jüdische Beten macht dadurch mehr den Eindruck begeisterten Lobgesangs für den himmlischen Spender als der egoistischen Bitte für den Empfänger. Ueberhaupt habe ich gefunden, daß die jüdischen Gebete, wenigstens die, welche mein Jugendfreund mir aus dem Gebetbuche vorübersetzte, mehr poetische Lobpreisungen sind als Bitten oder klagende, jammernde Zerknirschung, sodaß ich glaube, die jüdischen Religionsübungen sind mehr auf Heiterkeit und Gemütsausgleich gestimmt." „Gott! was ein gebenschter Goi," murinelte Tante Taube für sich, „mein David,, Friede sei mit ihm, hatte doch recht, wenn er ihn nie anders als den gebenschten Goi nannte, schade, daß mein Mann das mcht erlebt hat." Die Betrachtung des Herrn Freudenreich wurde von niemandem fortgesetzt. Bei Tisch sprach man nur von persönlichen Dingen, und nur ein paar kurze Tischreoen wurden gehalten. Dr. Eduard begrüßte namens seines Vaters die Gäste und knüpfte daran den Ausdruck seines eigenen kindlichen Empfindens für das Jubelpaar; Ludwig sprach als Schwiegersohn einige Worte der Liebe und der Dankbarkeit, und der Herr Lehrer machte kurze Ausführungen über den Dank, den man Gott schulde, erinnerte an die jüdische Sitte, bei Festlichkeiten der Armen nicht zu vergessen, und nannte auch gleich einen Zweck, für den er - um Gaben bat. 'Merkwürdigerweise sprach Heineniantt kem' Wort, er dankte nur durch Berneigen und Händedrücken. Das findet man häufig, daß Leute dem Einzelnen gegenüber e gemütlich plaudern, selbst in langen Ausführungen plandcrn können, aber nicht imstande sind, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen, wenn sie vor einer großej tc« Anzahl von Menschen nicht plaudern, sondern reden sollen. Einige Wochen später trafen Herr Felix Oppenheimer und sein Freund Löwenstein wieder einmal znsammen. „Haben Sie sich gut amüsiert in Goldwasser?" „Ja, danke, sehr gut." „Was danken Sie mir, danken Sie dem lieben . Gott, Sie werden nicht bald wieder eine solche Gelegenheit haben, dort zu gratulieren unv in nobler ■ Gesellschaft zu glänzen." „Selbstverständlich, die Gelegenheit kommt nur alle . 25 Jahre, und dann ist es auch noch keine silberne, sondern eine goldene Hochzeit." „Wollen Sie mich uzen? Ich weiß mehr als Sie und andere Leute." „Warum? Haben Sie wieüerein so großes Geheimnis entdeckt, wie damals das mit Herrn Sichelt „Nun, ich habe Ihnen auch schon Sachen prophezeit, die eingetroffen sind! Erinnern Sie sich nur, daß -■ Sie es mir ganz allein verdanken, wenn Sie bei Schmidt & Müller nichts verloren haben." „Habe ich Ihnen damals nicht gedankt?" „Das haben Sie. Aber Sie reoen mit mir» als trenn ich ein Kind oder ein gedankenloser Schwätzer wäre, und am Ende weiß ich doch immer mehr als Sie , und als alle andern." „Wieso?" „Wieso? Weil der Kvusin meiner Frau Prokurist beim größten Londoner Makler ist." „Nun sagen Sie, was wissen Sie?" „Ich weiß viel, ich weiß nichts, ich weiß gar nichts." „Was spannen Sie mich dann ans die Folter»; wenn Sie wirklich gar nichts wissen?" „Ich werde mir nicht den Mund v-rbrennen, es ) kann ja in den nächsten acht Tagen noch ein Wunder passieren, und dann passiert nichts, und Sie lachen _! mich wieder aus." (Fortsetzung folgt). -w >3 ^755