Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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",r.. zu ilt. 14 rfes fanfefutfet NmMWeu fftmitteu6[uffes. Der Streit «her das Judentum.*) Von Gustav Freytag. Wir Halten gegenwärtig einen ernsten Angriff aus das jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß-, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und Kunst; denn aus allen diesen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens werte Bundesgenossen nach guten Zielen, auf keinen Gebieten sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung, welche wir für gemeinschädlich halten müssen. Es hat Jahre gegeben, in denen die Stimmführer einer wüsten Demokratie zum großen Teile junge Männer jüdischen Glaubens waren —> wir wissen wohl warum, — jetzt bilden weit andere Elemente die äußere Linke, welche aus den arbeitenden Klassen der christlichen Bevölkerung heraufdringt. In Handel und Verkehr galten lange Zeit die Juden für die Hauptspekulanten bei gewagten Börsengeschäften und. einem großartigen Geldwucher,,' sie haben auch diesen Ruhm an Christen abtreten müssen; es sind bei uns jetzt Fürsten und Häupter alter Land^Bentry, welche unsolide Geldgeschäfte protegieren, den Unternehmergewinn einziehen und Aktionäre durch chren Namen verlocken: die Rothschild« sind beinahe auf das Niveau altfränkischer Geschäftsleute zurückgedrängt, und angesehene jüdische Firmen unserer Hauptstädte gehören zu den ehrbarsten Gegnern des modernen Aktienschwindels. In unserer Poesie und Literatur war an den Nachtretern von Börne und Heine eine Richtung zu bekämpfen, welche in dem Bestreben, witzig zu sein, frivol gegen die Kunst und unsere soziale Lebensordnung wurde; auch diese Verirrung einer schwachen und begehrlichen Zeit ist durch den politischen Ernst der Gegenwart überwunden. Es sind jetzt (1869) ungefähr hundert Jahre her. seit Moses Mendelssohn in Berlin nur darum geduldet *) Man sagt Gustav Freytag infolge der unsympathischen Figur des Beitel in seinem „Soll und Haben" nach, daß er uns Juden vorurteilsvoll und unfreundlich gesinnt gewesen sei. Nachfolgender Aussatz Frehtags, den wir dem in den nächsten Tagen bei Walther Fiedler-Leipzig erscheinenden "Buche „Deutsche Lebensführung. Lebensbilder und Leitworte von Gustav Freytag" (Preis eleg. geb. S.— J6.) durch gütiges Entgegenkommen des Verlags entnehmen, zeigt, daß dem nicht so war. Wie jedoch der Aufsatz zeigt, konnte Freytag, trotz seines Bestrebens, Juden gegenüber objektiv zu ihm, Mangels genaurer Kenntnisse des jüdischen Wesens und des Judentums sich von gewissen Vorurteilen und falschen Schlüssen über uns nicht befreien. D. R. wurde,- weil er im Manufakturgeschäft des reichen Schutzjuden und Seidenfabrikanten Bernard beschäftigt wurde,; und wo Abba Glozk, der jüdische Philosoph aus Polen, auf der Landstra^ vor Hunger umkam, weil ihn die orthodoxen Juden verflucht, gebannt, gegeißelt und seiner geschriebenen Werke beraiwt hätten. Wer mit -erhebendem Gefühldie Fortschritte Unserer Nation in den letzten hundert Jahren betrachten will, der möge vor allem auf die Wandlungen blicken, welche unsere jüdischen Mitbürger unter der befteienden . Einwirkung moderner Bildung gemacht haben. - Sie selbst haben jedes Recht, sich ihrer energischen Lebenskraft und Bildungsfähigkit zu freuen; auch wir dürfen mit einiger Befriedigimg -sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste älter Traditionen und Intoleranz zu überwinden sind, um die Herzen und Geisternder deutschen Juden völlig in unser Volkstum einzuschließen. ... Die Juden haben auch in der Zeit ihrer Unfreiheit unserer .Wissenschaft und Kunst unter sehr ungünstig«! Verhältnissen eine merkwürdig große Zahl bedeutender Namen geliefert.. Wenn,wir nur bis auf Baruch Spinoza zurückblicken,. wie lang die Reihe, starker Talente aus ihren allen Familien! Es/, ist nicht schwer, an einer großen Anzahl derselben gewisse gemeinsame - Eigentümlichkeiten zu erkennen, sowohl an den Vorzügen, welche sie besitzen, als an dem, was sie entbehren, und die Versuchung liegt nahe, dies Besondere als jüdische Art gegenüber der germanischen zu fassen. Aber wir haben Ursache, mit Mißtrauen auch auf solche Schlüsse zu sehen, welche eine vorurteilsfreie Betrachtung dieser Eigentümlichkeiten nahe legt, denn es ist menschlicher Einsicht unmöglich zu entscheiden, was dem Wesen der Juden au sich, immer und für alle Zell von Vorzügen und Schwächen zugeteilt ist, und was nur deshalb häufig an ihrem Geschlecht zutage kommt, well sie sich alle aus einer unsicheren politischen und sozialen Existenz und aus einem. Bildungswege, der noch nicht ganz der unsrige ist, heraufgearbeitet haben. Es liegt nahe, eine häufig wiederkehrende übergroße Freude an Wortwitz und sophistischer Beweisführung als letzten Ueberrest einer Geistesrichtung aufzusassen, welche durch die tausendjährige Beschäftigung und durch massenhaftes Memorieren der spitzfindigen Dialektik alter Religionslehrer in die Seele der Juden gekommen ist: aber die scholastische Weisheit des Talmud ist keineswegs eine Blüte spezifisch jüdllchen Wesens, die Pedanterie der Byzantiner und die hölzerne Scholastik mittelallerlicher Klöster haben fast genau dieselbe Methode der Erörterung, der Beweisführung, der Definitionen hervorgebracht, und diese wunderliche Bildung dauerte bei den Juden nur länger und einflußreicher; sie wurde ebensosehr durch den Haß der Christen konserviert, als durch ihre enge Verbindung mll dem jüdischen Kultus. . Es ist ferner leicht zu beobachten, baß auch dem. warmen und ehrlichen Gefühl unserer jüdischen Landleute sehr Häufig der reiche und schöne Ausdruck fehlt, und daß sie, gemütlich erregt, zwar herbes und leidenschaftliches Pathos fiiwen, daß ihnen aber der Ausdruck inniger und schöngewogener Empfindung in Worten und Tönen, in plastischem Ausdruck, in mimischer Gestaltung besonders schwer wird, und daß sie aus der Befangenheit solcher Situation sich durch einen störenden Witz, eine kalte Reflexion zu befreien lieben. Dem armen Davison gelang nie, als Karlos in Clavigo die letzten beiden Worte seiner Rolle, die große Probe für Charallerspieler, gut herauszubringen, und Heine, der so meisterhaft verstand, die herzinnigen Klänge des deutschen Volksliedes in moderne Empfindungsweise umzufetzen, verdarb sich oft die reinen Wirkungen durch die abgeschmackten Difsonanzen, welche ihm für originell galten. Es ist endlich keine neue Beobachtung, daß der Tiefsinn und der Scherz unserer jüdischen Freunde echter Fröhlichkeit und des befteienden Humors häufig ermangeln. Aber wer darf sagen, daß voller Ausdruck schöner Empfindung ihrer natwnalen Anlage versagt ist, da ihr hartes Erdenschicksal sie bis. zur Gegenwart zwang, ihr ganzes kräftiges Gemütsleben vor Haß und' Spott heimlich im verschlossenen Hause zu bergen, und wie sollte die hellere Liebe zum Leben und das kräftige sichere Behagen, die Grundlage alles Humors, in einem gedrückten und verfolgten Geschlechts gedeihen? Uns scheint, daß es ehrlicher und christlicher wäre, die tüchtigen Sellen des jüdischen Wesens, welche sich in einem langen Jahrtausend der Unfreihell und Isolierung ausgebildet haben, auf Rechnung ihrer natwnalen Kraft zu schreiben, als da eine natwnale Unkraft zu schelten, wo die wertvollen Leistungen einzelner unter ihnen etwa gemeinsame Mängel erweisen. Solche Behauptung ruht auf allzu unsicheren Annahmen, um mll feierlichem Ernst öffenllich ausgesprochen zu werden, sie kann jeden nächsten Tag durch eine imponierende Tatsache widerlegt wenden. Frankfurter Berichte. Der „Talmud Thora"- Verein veranstallet während der Sefirahzeit wochentäglich in der Zeit zwischen Minchach und Maariw bismanau durch Herrn Rabbiner Dr. Nobel einen Schiur im Hörsaal am Börneplatz. 0 lut die lugend. 0 Huf und Jt6. Bon S. L uß-Mannheim. (Fortsetzung.) „Na, Las gefällt mir, obwohl ich sonst kein Freund der Familie bin." „Sie nchmen es nur übel, daß man Ihnen nichts : abkaust." „Na, ich lebe doch," sagte Oppenheimer achselzuckend, „aber jetzt siiü> wir in Nahdorf, Sie müssen aussteigen, Herr Löwenstein. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen." „Danke, adieu, gute Geschäfte." Herr Löwenstein ging zur Billa Goldwasser. Me beiden Landhäuser, welche die stolzen Namen Billa Goldwasser und Villa Freudenreich in großen goldenen Buchstaben am Giebel trugen, waren mehr ein Beweis der Dankbarkeit als der PrachtliÄe des Besitzers. Es waren zwei einfache, prunklose Bauten, bescheiden versteckt in dem großen Baumum» Zier- : garten der Fabrik. In der Villa Goldwwsser war die ganze Familie versammelt, um die Gratulanten zu -empfangen. Nur ' Tante Taube eilte geschäftig Hm und -her, Hantierte in Küche -und Keller, damit das Jubelpaar sich ungestört den Besuchern widmen konnte. Das war wieder einmal so recht -ein Tag für Tante Taube, -wo sie sich für aridere nützlich machen konnte. Und wie würdig sah sie dabei aus in ihrem schwarzseidenen Kleide - und ihrer schwarzen Tüllhaube. Herr Löwenstein traf eine Menge Gratulanten, , die ihm bekannt waren, wie er Geschäftsleute und Lieferanten der Firma Ludwig -Sichel, Ferner waren zugegen der Vorstand zund der Lehrer der jüdischen Gcmeiride Nähdorf und eine Deputation der Angestellten - und der Arbeiter der Fabrik. Dann -war noch eine zweite Arbeiterdeputation erschienen, geführt iwn einem übermäßig dicken Herrn im schwarzen Gchrock, der seine schr aufgeputzte kleine Frau bei sich hatte. Diesen beiden wurde die besondere Auszeichnung -zuteil, daß; sie .aufgefochert wurden, zum Mittagessen zu LÄben. Der Dicke mußte im Hause sehr bekannt sein, denn er machte es sich in seiner Ecke gemütlich, wo er sich eifrig und lebhaft mit dem Vorstand der Mischen Gemeinde unterhielt mid fortwährend sein tiefes Lachen; hören ließ. „Wollen Sie mir nicht die Ehre erweisen, mich I dem Herrn dort vorzustellen, dem einzigen, den ich. nicht kenne?" fragte Herr Löwenstein. „Bitte, — Herr Joel Katz und Frau Katz, die die Güte hatten, die Arbeiterdeputation unserer Filiale. Staubheim hierher zu begleiten. Herr Katz ist unser Filialleiter in Staubheim und ein alter Freund meines Schwiegersohnes." Zuletzt fuhr auch Herr Freudenreich mll Gemahlin in seiner Equipage vor. Alle erhoben sich bei seinem Erscheinen, er drückte Heinmann herzlich die Hand und sagte: „Meinen besten Glückwunsch, Sie können mll Beftiedigung zurückschauen auf das, was Sie im ersten Jubelabschnitt Ihrer Ehe erreicht haben; hoffentlich werden die folgenden Abschnitte ebenso reich und frieb» lich sein, immer vorwärts — aufwärts." „Ich danke Ihnen, Herr Freudenreich," antwortete . der Jubilar, ich sage dankbar, wie Erzvater Jakob: Ich bin zufrieden, ich habe alles, was ich wünschen konnte; mll dem Stabe bin ich Wer den Jabok gegangen und siehe, der Herr hat mich geteilt in zwei Lager." „Bravo, Herr Jubilar, ZufriÄenheit ist das beste Gut, aber es 'ist schade, daß Sie bei Ihrer Bibelkenntnis nicht Rabbiner geworden sind, natürlich, Ihr Schwiegersohn wird es nicht bedauern, dem haben Ihre Tabakkenntnisse und Ihre Kunst, ja wahrhaftig Kunst muß man sagen, des Zigarremnachens mehr genützt." Nach einigen Minuten des Schweigens sagte Herr Freudenreich: „Sie nehmen es mir doch nicht übel, Herr Heinemann, wenn ich mein heutiges Kommen, das .eigentlich nur Ihnen gilt und gellen soll, gleich zu einer geschäftlichen Besprechung benütze; ich;hütte mll Herrn Sichel gern eine kurze Besprechung." Ludwig erhob sich sofort und führte den Ehrengast in seine eigene Wohnung nach.der wenige Schritte entfernten Billa Freudenreich,. Kaum hatte Herr Freudenreich sich auf einem Sessel im Salon niedergelassen, als er sich auch wieder erhob urü> unruhighin und Her ling. Der Herr-Reichs- \ tagsäbgeocknete säh angegriffen aus, wenn man ihn näher bettachtete; seine Augen lagen fieser als sonst und waren mll dunüen Ringen umzogen, sein Blick war fiebfisch-unruhig, seine Hände zuckten nervös. Hätte er sich in den parlamentarischen Sitzungen überarbeüet? Hatte er private Sorgen? „Ach, lieber Sichel," fing er an, „als Sie voriges Jahr mich damit ehrten, daß Sie Ihrem Hause meinen Namen bellegten, da wünschte ich Ihnen, daß der Name ein gutes Vorzeichen für uns alle sein möchte. Für Sie ist es wahr geworden, Ihr heim ist an Freuden reich, aber mir ward der Wunsch nicht erfüllt, mich verfolgt Las Unglück förmlich und läßt mir keine Ruhe mehr." „Was ist geschehen?" ftagte Ludwig teilnehmend-. „Sie wissen doch, daß Weber & Co. vor einigen Wochen ihren Konkurs anmeldeten, und daß ich dabei mit 20,000 Mark beteiligt bin." „Leider, das weiß ich," „Nicht die Kosten des Verfahrens liegen in der Masse, meine Forderung ist verloren" „Sehr unangenehm, aber doch noch kein Unglück znm Verzweifeln, das ist doch eine kleine Summe für Sie."; „Das wohl, aber die Sache ist noch schlimmer. Wie Sie wissen, war Webers Kompagnon mein langjähriger Freund, aber ich habe meine Freundschaft einem Unwürdigen geschenkt, ich habe chm 300,000 Mark bei der Eröffnung geliehen, die als erste Hypochek eingetragenfind-, und man hat mich getäuscht, es war kein eigenes- Kapital vorhanden, man hat sehr schlecht gewirtschasted mll viel zu vielen, ganz unnöfigen, teuer bezahlten Beamten und -Oberbeamten, und nun muß ich nn Kvnknrsverkauf das unrentable Anwesen selbst kaufen, denn nicht einmal die erste Hypochek wird geboten; das. höchste Gebot, das ein Interessent abgab, ist mir 100,000 . Mark, also sind 200,000 verloren." „Das ist schlimmer, das tut mir schrecklich lew,, aber das wirft Sie auch noch nicht um, und vielleicht gelingt es mir doch noch, eine bessere Verwertung -für Sie zu erzielen." „Das hoffe ich, und darum bitte ich Sie. — Aber< lieber Sichel, ich muß Ihnen alles anvertrauen, auck das, was ich noch keinem Menschen gesagt habe, sonst^ begreifen Sie den Ernst der Lage nicht." „Großer Gott!" rief Ludwig, erregt aufspringend.' (Fortsetzung folgt.) 4780