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Neue jüdische Presse · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Mage M Nr. 1Z rfes fanftfiirfet IsmeMslkm MmikmklMs. Der HI. Talmudische Ferienkurs in Heidelberg. Von einem Teilnehmer. Das lange Wintersemester 1911—12 in der kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt ging -zur Neige. Gerne hatte ich mich dahin aus dem Getümmel der Großstadt geflüchtet, um meinen wissenschaftlichen Arbeiten in Ruhe obliegen zu können. Als ich schon daran dachte, meine Bücher zusammenzupacken, um aus der Musenstadt ju den heimischen Penaten znrückzukehren, erhielt ich eines Morgens einen Brief von meinem Vater, der in seiner stets väterlichen Fürsorge mich mit einem Ferienvergnügen eigener Art überraschte. Mein Vater hatte nämlich! vor einigen Tagen von einenr Geschäftsfreund einen Brief erhalten, in welchem ihm derselbe auch mitteilte, daß sein Sohn diesmal nach Schluß des Semesters nicht nach Hanse komme, sondern zuerst eine kleine Ferienreise nach Heidelberg unternehme. Torten sollte er sich nicht nur von den Strapazen des Semesters erholen, sondern auch —* und hies in erster Linie — am Talmudischen Ferienkurs, der mm schon zum dritten Male in Heidelberg abgehalten wird, teilnehmen. Mein Vater meinte nun, auch ich solle eine Ferienreise nach' Heidelberg antreten. Diesem famosen Plan war ich durchaus nicht abgeneigt. Vorsichtig aber, wie ich nun einmal bin. wollte ich doch schließlichkeinen Reinfall erleben' und erkundigte mich deshalb zuerst, ob ich als NichtV. I. A.er auch teilnehmen könne. Ich erhielt bejahende Antwort. Die Thüuroh sei ftei für jedermann, der danach verlange. Bei einem anderen guten Freunde, dessen kritische Anlagen es ihw gewiß nicht »erstatteten, mehr des Guten zu sagen als notwendig ist, fragte ich über die Heidelberger Art des Lernens an. Der mußte es ja wissen, da er eine Reihe von Semestern in Heidelberg studierte und auch im letzter Semester das Talmudische Seminar mit regem Interesse besucht hatte. Ich erwartete von meinem wortkargen Kommilitonen, zumal er augenblicklich mit Examensvorbereitungen beschäftigt ist, eine Postkarte, in deutlichem aber kurzem Stil, lind siehe da, — ich erhielt einen 10 Seiten langen Brief, worin mein Freund, der sonst nüchtern bis ins Mark ist, sich wie ein junges Mädchen in Begeisterung erging über die Genüsse des Heidelberger Lernens. So schnürte ich denn eifrig mein Bündel, um wenigstens am zweiten Dag nach Beginn des Ferienkurses in der Neckarstadt zu landen. Und ich pars es gleich verraten: Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern noch weit übertroffen. In Heidelberg war man schon eifrig beim Lernen. Ich war außerordentlich erfreut, schon ein Minjan von studierenden Kommilitonen an der Arbeit zu finden. Juristen, Mediziner, Mathematiker und Chemiker, nur keine „Theologen." Das wunderte mich! eigentlich, nachdem ein Anti-Talmudist es einmal getadelt Haben soll, daß in Heidelberg die „theologischen" Studien in einseitiger Weise bevorzugt würden, jedenfalls aber ist es höchst erfreulich daß auch im Kreise der sogenannten Laien das Talmudstudium mit solchem Eifer betrieben wird. Schon während des ersten Schiür konnte ich mich davon überzeugen, wie treffend mein Freund die Lernmethode in Heidelberg gekennzeichnet hatte und die Eindrücke der ersten Stunden wurden im Verlaufe des Kurses stets gesteigert und vertieft. Nach Mancherlei Richtungen hin ist nämlich die Art des Lernens, die Herrn Rabinkow, dem Leiter unseres Kurses eigen ist, von der auch unseren großen Rabbenim üblichen ausgezeichnet. Die oft so unüberbrückbar scheinenden Gegensätze zwischen schwierigen Stellen des Talmuds, einzelnen Darlegungen seiner Erklärer und den sich darauf aufbauenden Entscheidungen der Deziseren werden gewöhnlich nach dem Beispiele mancher Acharaunim in geistreicher, aber allzu kunstvoller, nur auf die Einzelschwierigkeit zugeschnittener Weise behoben. Hier in Heidelberg werden die Rätsel, die uns, den Spätgeborenen, solche Stellen aufgeben, in prinzipiell anderer Weise gelöst: Eine neue Betrachtungsweise, die den gesamten Stoff, der zu behandelnden Materie zusammensaßt mtb ihm die Kraft eines lebendigen Organismrw einhaucht, erhellt den natürlichen Zusammenhang der talmudischen Einzelaussprüche. Da ist keine dialektische Spielerei, sondern diese einheitliche Zusammenfassung beruht auf der vorausgegangenen Erforschung der das gesamte Thema fundierenden Grundbegriffe. Der Stempel der Wahrheit wird dieser Behandlungsmethode aufgedrückt durch die ungekünstelte Einfachheit und nachträgliche Selbstverständlichkeit, in der sich uns der Zusammenhang der in Betracht kommenden Lehrmeinungen nunmehr darbietet. Bon den neuen Gesichtspunkten aus betrachtet, stellen sich dann auch viele vorher schwierige Stellen in den Rischaunim als einfache konsequente Verfolgung der Ausfassung der Gemoro dar. So hohe Anforderungen auch die Abstraktion der klärenden Ideen, zu denen mitunter scheinbar unverständliche Widersprüche bei den die Anregung gaben, aus den in der Gemoro verstreuten Einzelaussprüchen an den Forschergeist unseres Lehrers stellte, so systematisch klar, einfach und für jeden, auch den weniger Borgebildeten leicht faßlich, ja ganz wunderbar naheliegend erscheinen nachträglich die gewonnenen allgemeinen Gesichtspunkte. Einen ganz besonderen Anziehungspunkt müssen, wie mir scheint, die Methoden unseres Lehrers für jeden Akademiker bilden, der ja von seinen wissenschaftlichen Studien her an allgemeine leitende Ideen speziell an das Gesetz wie es heute in den Natur- und auch den Geisteswissenschaften das Ziel der Forschung bildet, und an gesetzmäßiges Denken gewöhnt ist. In begreiflicher Weise schrecken unsere jungen Akademiker, besonders wenn sie nicht von Kind auf die Süßigkeiten des Talmudstudium gekostet haben, oftmals vor den zahllosen scheinbar willkürlichen und regellos kasuistischen Einzelfällen der Gemoro zurück und haben wenig Lust und Liebe, einer ihrer bisherigen wissenschaftlichen Vorbildung so sehr zuwiderlaufenden Methode Zeit und Anstrengung zu opfern. Bei der Art unseres Lehrers hingegen, finden wir gerade die . Gesetzlichkeit auch in den Diskussionen des Talmud wieder, die überall die vielverschlungenen Wege ebnet und klärt. Aehnlich wie in der modernen Rechtswissenschaft läßt sich auch im Talmud die ratio legis aufweisen, ließ sich bei den von uns behandelten talmudischen Themen aus Nachweisen, wie aus einer konsequent durchgeführten Auffassung eines oder mehrerer Rechtsbegriffe auch die kompliziertesten Einzelfälle als naturgemäße Spezialisation erscheinen. Nicht nur für den Juristen, auch gerade für Philosophen und Naturwissenschaftler hat diese Behandlung etwas besonders Reizvolles. Mit all diesen methodischen Vorzügen, die mit Recht den Stolz der modernen Wissenschaft bilden, vereinigt unser verehrter Lehrer die Vorzüge eines Lamden alten Stils in hervorragendem Maße. Ist ja doch eine derartige Systematisierung überhaupt nur möglich, wenn man mit der Materie des gesamten talmudischen Stoffes und der Erklärerliteratur vertraut ist „wie mit den Straßen von Nehardes." Ich bedaure, daß meine Studienzeit schon zur Neige geht und ich deshalb fürs erste von Heidelberg Abschied nehmen yiuß, und ich beneide alle diejenigen, denen es vergönnt ist, noch eine Reihe von Semestern zu den Füßen eines solchen Lehrers zu sitzen, wie ich ihn hier kennen zu lernen das Glück hatte. Möge das Talmudische Seminar, das schon in seinem vorigen ersten Semester eine so stattliche Anzahl von Hörern aufzuweisen hatte, und in dem Herr Rabinkow auch während des kommenden Sommersemesters täglich eine Stunde vertragen wird, wieder diejenigen in recht großer Anzahl zusammenführen, denen es ein Herzensanliegen ist, ein fruchtbares Thorastudium zu pflegen!*) *) Auskünfte werden gern von dem Talmudischen - Seminar, Weberstr. 6, Heidelberg, erteilt. © liit " ~ © Huf und Hü. Don S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) „Sie haben recht, wenn Sie Hinreisen, Sie hoben in der Firma Ludwig Sichel einen feinen Kunden, und ich gehe nicht hin und habe auch recht, denn obgleich ich ihm schpn die günstigsten Offerten machte, fast ohne Verdienst, nur um einmal anzukommen, hat er mir noch nicht einen einzigen Auftrag gegeben." „Das kann ich mir erklären; Herr Sichel ist so befreundet 'mit Herrn Freudenreich, daß er ausschließlich bei ihm' kaust. An Ihrer Stelle würde ich einmal hingehen, wenn Herr Sichel fort ist; bei dem Schwiegervater und Prokuristen Heinemann kommen Sie vielleicht eher an." „Q weh! Wollen Sie mir sagen, wie man Geschäfte macht? Ich bin auch schon hingegangen, absichtlich wenn Herr Sichel nicht da war, — da bin ich noch schlechter weggekommen. Denn Herr Heinemann ist kein Geschäftsmann, das ist ein Schaute." „Wieso?" „Er hat' mir nichts abgekauft, auch recht) aber er hat mir noch eine 'Moralpredigt dazu gehalten und hat mir beweisen lvollen, daß es ein Unrecht ist, überhaupt Offerte zu machen. Er hat mir eine Abhandlung vorgepredigt über das Verbrechen des Grenzsteinverrückens, als wenn ich ein Raubritter wäre, oder er wollte als Staatsanwalt eine Anklage wegen unerlaubten Wettbewerbs gegen mich erheben. Und zuletzt fragte er mich noch: „Wissen Sie, was Raschi dazu sagt?" So ein Schaute! Ich soll wissen, was Raschi sagt! Da habe ich aber meinen Mnsterkoffer genommen und adieu! Mich kriegt er nicht wieder zu sehen, ich will seine Predigten nicht und will seinen Raschi nicht." „Das ist so schlimm nicht, Herr Oppenheimer, jeder Mensch hat seine schwache Seite. Ich höre dem Herrn Heinemann mit Vergnügen zu, — und auf Ehre, ich weiß nicht einmal,, ob Raschi ein Maler oder, ein Dichter gewesen ist,, ich kenne ihn gar nicht." „Wenn! er mir was abkaufen würde, würde ich ihm auch mit Vergnügen zuhören. Aber so? Er ist doch ein ganz ungebildeter Mensch." „Hören Sie einmal, Herr Oppenheimer, mit der Bildung, das ist auch so eine Sache. Herr Heinemann will nicht mehr scheinen, als er ist, und benimmt sich infolgedessen stets korrekt, das heiße ich nicht ungebildet." „Narrheiten sind das," sagte Oppenheimer wütend, „früher war er ein einfacher Arbeiter; weil er jetzt aber der Prokurist und Schwiegervater des reichen Herrn Sichel ist, glaubt er jedem Moralpredigten halten zu dürfen." „Stuß! das hat er auch schon früher getan, che er der Schwiegervater des Herrn Sichel war, das ist eine Manie von ihm. Und mit Raschi, das ist so: Sein Sohn und sein Schwiegersohn sind gebildete Leute; nun will er wenigstens in einer Sache, von Ler sie nichts verstehen, ihnen seine Ueberlegenheit zeigen, und deshalb kommt jeden Tag nach Büroschluß der jüdische Lehrer von Nahdorf und lernt eine Stunde Raschi mit ihm, denn Herr Heinemann freut sich, wenn er seinem Schwiegersohn, der ihm gern zuhört, etwas von Raschi erklären kann. Das Vergnügen kann man doch den Leuten gönnen. Die beiden Famflien leben so einfach und bescheiden und haben ihre Leiden Vfllen so einfach eingerichtet, wie Sie sichK gar nicht vorstellen können." „Nun, die Villa Goldwasser, in der Herr Heinemann wohnt, sieht pompös genug aus; sie ist uoch einmal so groß als die Billa Freudenreich, in der Herr Sichel selber wohnt." „In Billa Goldwasser wohnen auch zwei Familien. Zu ebener Erde wohnt Herr Heinemann, und oben wohnt Frau Goldwasser mit ihren drei Kindern, von denen der älteste Sohn schon Lehrling in der Fabrik ist." „Wer ist Frau Goldwasser eigentlich?" „Eine Tante von Herrn Sichel, der er sich zu Dank verpflichtet fühlt, weil sic ihn erzogen hat, als seine Eltern früh starben." „Merkwürdig, wie schnell dieser Herr Sichel in die Höhe gekommen ist. Vor sechs Jahren mietet er einen kleinen Teil einer bankrotten Geschichte, und drei Jahre darauf kauft er schon das ganze große Anwesen, und wieder zwei Jahre später baut er sich zwei ,‘Bittet in den Garten." Herr Oppenheimer schwieg nach dieser etwas neidisch klingenden Deklamation eine zeitlang. Dann beugte er sich geheimnisvoll zu seinem Gegenüber hin, und um ganz sicher zu sein, daß die Umsitzenden ihn nicht hören oder ihm die Worte von den Lippen ablesen konnten, legte er die beiden Hände an die Seiten seines Mundes, bildete so einen Schalltrichter und flüsterte Herrn Löwenstcin zu: „Ich will Ihnen etwas im Vertrauen sagen, aber Sie dürfen es keinem Menschen wiedererzählen, ich will in kein unangenehmes Gerede hineinkommen. Sie sind doch verschwiegen?" „Reden Sie nur, ich mache keine Zwischenträgereien." „Gut, ich verlasse mich darauf. Ich habe gehört, . daß Herr Sichel selber als Junge schnorren gegangen. . und als Schnorrer von der Landstraße weg von Herrn Freudenreich zum Zimmerausfegen engagiert worden ist." ' ' Herr 'Löwenstein platzte heraus mit einem dröhnenden Lachen.; „Was lachen Sie? Glauben Sie es nicht? Es ist alles möglich in der Welt, außer einem hölzernen Bügeleisen." - „Nun fügen Sie nur noch hinzu," meinte Herr Löwenstein, noch immer lachend, „daß Frau Goldwasser auch schnorren gegangen ist." „Nun, was lachen Sie? Auch das habe ich gehört." ~ Herr Löwenstein lachte noch lauter. „Ich weiß wirklich nicht, warum Sie so lachen, l wenn ich Ihnen etwas anvertraue!" rief Oppenheimer ’ ärgerlich. „Wollen Sie mir nicht noch ein paar solche Ges Heimnisse erzählen, Herr Oppenheimer? Vielleicht haben \ Sie auch gehört, daß heute Montag ist, und daß' ) Hamburg größer ist als Posemuckel? — Was Sie mir ' da als großes Geheimnis anvertrauen, das erzählt Herr Sichel, wenn er gutgelaunt ist, mit allen Einzelheiten^ wie er als Schnorrer, als Laufbursche und als Lehrling mit Herrn Freudenreich zusammen war. Stolz ist er darauf, wenn er mitteflen kann, daß er Herrn Freudenreich, seiner Tante Goldwasser und seinem Schwieger- Vater alles verdankt." „Wirklich?"; „Natürlich ‘ Daher weiß ich doch auch, daß Herr \ Heinemann ihm als Junge schon Erklärungen von > Raschi gegeben hat, als der das Buch noch selber 'i nicht "kannte." (Fortsetzung folgt.) .

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