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Neue jüdische Presse · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zu Ile. 11 des fmn&futtet fjmeßfifüien lamUteaßtatfes. 0 Kr die lugend. 0 Huf und H6. Bon S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) Ludwig freute sich, daß seine List, ihn auf ein anderes Thema zu bringen, so glänzend gelungen ivar, denn wenn Hcinemann erst auf eine Sache zu sprechen kam, die ihm in den langen Jahren, die seit seiner Schulzeit verflossen waren, nicht klar geworden, dann gab cs eine lange Betrachtung, die ihn wieder in seine philosophische Ruhe hincinwiegte. Ter Herbst kam heran, und es hatte sich für Ludwig noch immer keine Stelle gefunden. Frau Heinemann spürte bei dem kargen Einkommen ihres Mannes den nichtzahlenden Mitesser trotz der einfachen Küche, die geführt wurde, sehr empfindlich in ihrem Haushalte. Obgleich sie sonst schon alles so sparsam wie möglich eingerichtet hatte, fing sie an, noch mehr an allen Ecken zu knausern, und doch wollte es nirgends reichen, zumal da nun auch wieder der Termin herannahte, oaß das Schulgeld fiir Eduard bezahlt, die Kartoffeln und das Heizmaterial für den Winter beschafft und für die Kinder zu den Hcrbslfciertagen das eine oder das andere Kleidungsstück gekauft werden mußte. Zweimal im Jahre hatte sich bisher Frau heincmamt den Luxus erlaubt, außer Fleisch auch eine Fischspeise aus den Tisch zu bringen: am Pessach zum ersten Sederabend und am ersten Rauschhaschonoh- Abend. Als die Männer diesnial am Borabend des Neujahrsfestes aus der Synagoge kamen, sich alle gegenseitig ein gutes, süßes Jahr gewünscht und an dem feiertäglich gedeckten Tisch Platz genonimen hätten, erwarteten die Kinder mit Spannung die üblichen Weißfische. Ta setzte Frau Heinemann nach der Suppe einen in sechs Teile geschnittenen Hering auf den Tisch. „Ach, Hering," seufzten die Kinder enttäuscht, „ein gewöhnliches Werktagsessen." Ludwig empfand es mit Beschämung, daß die Familie sich seinetwegen eine Entbehrung auferlegte, aber hcincmann sagte mit seiner gewöhnlichen philosophischen Ruhe: „Warum? Was seid ihr undankbar! Ist Hering nicht auch ein Fisch?" und aß seinen Teil mit demselben Genuß wie andere Leute, die an diesem Abend Karpfen oder Salm aßen. Kurz daraus wurde aber auch die Ruhe des gleichmütigen Hcincmann gestört. Am Versöhnungstage nach Beendigung des Gottesdienstes kam die Familie Heinemann mit Ludwig von der Synagoge nach Hause, um den von Heinemanns Tochter zubcreiteten Kaffee 511 trinken, da sagte Berta: „Du sollst gleich nach dein Geschäft kommen." „Heute?" „Ja, Vater, heute noch, der Laufbursche war schon heute Mittag da und richtete aus. Du solltest gleich nach dem Fasten ins Büro kommen." „Ins Büro? Du meinst wohl das Magazin?" „Nein, der Bursche sagte ausdrücklich: ins Büro; Herr Schneider würde dableiben, auch wenn es nach Ende der Bürozeit würde, bis Tu da wärest." Heinemann wendete den Kopf hin mrd her, als ob ec jemand suche, der ihm dies Rätsel lösen könne. Mit dem Herrn Schneider und dem Büro hatte er als einfacher Arbeiter gar nichts zu tun, sein Vorgesetzter Ivar der Magazinverwalter Petersen. Daß eine so wichtige Verladung von Tabak vorliegen könnte, die von den anderen Magazinarbeitern nicht ebensogut getan werden konnte wie von ihm, und daß man sie so spät abends verrichten mußte, 'obgleich er heute an seinem hohen Feiertag dienstfrei war, das kam Heinemann seltsam vor. „Wir wollen erst einmal in Ruhe anbeißen," sagte er, „ich will meinetwegen hingehen. Sicher aber hat sich Berta verhört. Was gehen mich das Büro und der Prokurist an?" „Aber, Vater, Du mußt sicher gleich nach dem Anbeißen gehen, denn der Bursche sagte, Herr Schneider habe eine wichtige Depesche bekommen, die noch heute abend beantwortet werden müßte." „Schema Jisroel! eine Depesche!" jammerte Frau Hcincmann, und die Tränen traten ihr in die Augen. „Sie brauchen sich deshalb nicht auszuregen, Frau Heinemann," sagte Ludwig beruhigend, „es kommen jeden Tag mindestens zehn Depeschen im Geschäft an." „Allerdings," meinte Hcincmann bedächig, „aber merkwürdig ist cs doch, daß Herr Schneider mich zur Beantwortung einer Depesche braucht; — ich will doch gleich fortgehen." „Ich gehe mit Ihnen, Herr Heinemann. Ich muß' doch etwas Bewegung haben, ehe wir essen." „Es ist ein Unglück passiert, ich ahn's, mein Herz drückt mich so," sagte Frau Heinemann. „Tu ahnst gar nichts, die Angst drückt Dich, die Frauen regen sich bei allem auf für nichts und wieder nichts. Was kann für ein Unglück passiert sein im Geschäft, daß Du Herzweh zu haben brauchst?" „Ich fürchte, Tante Taube, Du wirst sehen, Tante Taube . . . ." „Stuß! Lächerlich! Der Parnes von Flatow wird gleich an Karl Freudenreich telegraphieren, wenn Taube Goldwasser schlecht fastet und ohnmächtig wird!" So töricht die Ahnungen Frau Heinemanns zu sein schienen, steckten sie doch auch die Männer an. Ludwig konnte sich 'nicht des Gedankens erwehren, daß die seltsame Bestellung des Magazinarbeiters ihn angehen könne, da Herr Schneider wußte, daß er bei Heinemann gewohnt hatte und nun vielleicht nur seine jetzige Wohnung zu erfahren wünschte. „Jetzt mache Dir keine Gedanken und besorg' das Essen; wir sind bald wieder da," sagte Heinemann benchigend zu seiner Frau, „es kann — will's Gott — etwas Gutes sein. Vielleicht habe ich das große Los gewonnen." „Hast Du denn ein Los?" „Rein! Aber wer weiß? Was brauch,' ich mir durch Angst eine unnötige Sorge aufzüladen? In einer Viertelstunde weiß ich's, und in wieder einer Viertelstunde sind wir zurück und lachen Dich aus über Deine Ahnungen." Heinemanns Ruhe war diesmal künstlich, — und als er draußen war, zeigte er Ludwig, daß er selbst nicht frei von Unruhe war. „Wir wollen etwas schneller gehen," begann er, „es rst mir doch, gar zu seltsam, daß der Prokurist mich rufein läßt, und daß er über die Zeit im Büro bleibt, weil er eine Depesche nicht beantworten kann, ehe er mtch gesprochen hat. Das ist eine meschuggene Sach'." Ludwig gab keine Antwort, aber er strengte sich an, mit den langen, wcitausschreitenden Beinen Heinemanns gleichen Schritt zu halten und wälzte alle Möglichkeiten in seinem Hirne hin und her, ohne dadurch klarer oder ruhiger zu werden. Ber dem Fabriktor blieb Ludwig stehen. Richtig, im Büro allein war noch Licht, und« durch, das hellerleuchtete Fenster sah man Herrn Schneider unruhig hin und her gehen. Kaum war Heinenrann cingetreten, als der Prokurist, ohne fidfjl nur die Zeit zu nehmen, auf Heincnranns Gruß zu antworten, fragte: „Wissen Sic, wo Herr Sichel wohnt?" „Bei mir, Herr Schneider!" „Herr Gott noch einmal, wenn ich das gewußt hätte, da hätte er ja gleich mitkommen können.-" „Er ist draußen vor dem Tor." „Schnell, rufen Sie ihn herein." „Soll ich draußen warten?" „Das können Sie machen) wie Sie wollen; ich habe mit Sichel zu tun. Sie können aber auch wieder mit hereinkommcn." Zwei Minuten später standen Hcincmann und Ludwig zusaminen im Büro. „Sie haben wohl schon von dem Unglück gelesen, Herr Sichel?" „Bon welchem Unglück?" „Ei, es stand doch gestern abend fti der Zeitung, und heute morgen sind ja die traurigen Details überall veröffentlicht." „Ich habe wegen des Festtages weder gestern abend noch heute nwrgen eine Zeitung in der Hand gehabt." „Im Manöver sind bei einem Reiterangriff drei Dragoner gestürzr, zwei sind tot und der dritte ist schwer verletzt; dieser dritte ist Herr Otto Freudenreich." „Ach, das ist ja schrecklich." „Unser Herr Chef ist gestern abend gleich äbgereist, und heute mittag erhielt ich diese Depesche. — Bitte lesen (sie!" Die Depesche lautete: Erforschet sofort Ludwig Sichels Anfenchalt, wenn gefunden, gleich dreihundert Mark an ihn telegraphisch aitweisen, Absendung des Geldes sowie Sichels Adresse sofort telegrapisch mir melden. Karl Freudenreich. „Hier sind dreihundert Mark! Bitte, quittieren Sie," sagte Herr Schneider, nachdem Ludwig das Telegramm zu Ende gelesen hätte. „Wie geht es Herrn Otto?" „Ich weiß nichts weiter als das, was in den Zeitungen steht. — Jetzt. entschuldigen Sie mich, ich muß die verlangte Depesche sofort aufgeben; Sie wissen ja, wie streng Herr Freudenreich auf genaue Einhaltung seiner Anordnungen hält." Einige Tage später erhielt Ludwig einen Brief von Herrn Karl Freudenreich, der wieder in der Stadt war und ihn ersuchte, sich am folgenden Abend in seiner Privatwohnung zu einer wichtigen Unterredung einzufinden. „Wie geht es Herrn Otto?" war Ludwigs elfte Frage nach der Begrüßung. „Besser, als man erwarten konnte nach den ersten, sehr übertriebenen Zeitungsberichten. Die Gehirnerschütterung und die schweren inneren Verletzungen, von denen die Zeitungen so drastisch berichteten, sind' — Gott sei Dank — nicht vorhanden; wahr ist nur der Bruch des Schlüsselbeins, und in wenigen Tagen, wenn das Dienstjahr zu Ende sein wird, kann Otto wohl auch aus dem Lazaret entlassen werden, um die Heimreise anzutreten." „Das freut mich, Herr Freudenreich, und ich bitte Sie, meinen Glückwunsch zum günstigen Verlauf des Unfalls entgegenzunehmen." „Ich danke Ihnen; ich ließ .Sie hierher bitten, weil ich Verschiedenes mit Ihnen zu besprechen habe. Otto hat mir, da er in seinen ersten Schmerzensstunden sehr weich gestimmt war, sein Unrecht gebeichtet, daß er Spielschulden gemacht hätte, und ich habe chm Las mit Rücksicht darauf, daß er nachher wirklich dem Häzardspiel völlig fern geblieben ist, verziehen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich denn auch, daß Sie ihm in seiner damaligen Bedrängnis dreihundert Mark liehen, dieselben, die Sie einige Tage vorher als Reujahrsgratifikation erhalten hatten. Ich mußte Otto versprechen, Ihnen das Geld gleich zukommen zu lassen, und das ist ja auch auf die schnellstmögliche Art geschehen; ich möchte Ihnen aber auch noch fiir den Freundschaftsdienst, den Sie Otto und vielleicht der ganzen Familie geleistet haben, meinen Dank aussprechen." „Dank habe ich nicht verdient, Herr Freudenreich, denn Ihnen versänke ich ja alles; aber ich glaubte. Sie hätten oas damals erfahren, weil -Sie mich ja deshalb entließen." „Wie? Weil Sie meinen Sohn in der Verzweiflung geholfen? Da halten Sie mich ja für einen sehr unvernünftigen, undankbaren Menschen! 'Aber auch Otto hät das als Grund Ihrer Entlassung vermutet; wie ich fiirchte, ist es allgemein so im Büro aufgefaßt worden. Ihnen selbst hätte der wahre Grund eigentlich bekannt sein müssen." „Ich wüßte auch jetzt noch keinen andern, selbst Herr Schneider vermutete, daß Sie mir grolllen, weil ich Otto iu einer Sache unterstützt hätte, in der er sich gegen Ihre Grundsätze vergangen." Herr Freudenreich schüttclle verwundert den Kopf. „Dürste ich Sie bitten, Herr Freudenreich, mir den Grund meiner Entlassung anzugeben, die ich mir jetzt gar nicht mehr erklären kann." „Nun, Sie haben inzwischen wohl einen andern guten Platz gefunden!" „Leider nein, ich bin noch stellenlos." „Das tut mir leid, da sind Sie fiir eine Verletzung des Anstandes allerdings sehr hart bestraft worden," (Fortsetzung folgt). 0755

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