Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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zu Ik 9 cfes Iranftfucfec IsmßliMim lamittenßfattes. Unsere Oberschicht. Die ideelle Entwicklung einer Gesamtheit bestimmen die Tendenzen, die von der Oberschicht dieser Gesamtheit ausgehen. In der großen Masse liegen stets in. reicher Menge Goldbarren; die Oberschicht kann sie heben oder nutzlos .ruhen lassen. Bon der Oberschicht der westeuropäischen Judenheit gehen längst nicht mehr das Judentum fördernde, ja nicht einmal das Judentum erhaltende Tendenzen aus. Soweit überhaupt von Tendenzen gesprochen werden kann — zumeist ist die Oberschicht indifferent und versieht ihre dominierende Position in den jüdischen Gemeinwesen und Organisationen rein schematisch —, sind diese Tendenzen jede Entwicklung hemmend. So zeigen es gelvisse Ereignisse der letzten Jahre in großen jüdischen Organisationen, so das krampfhafte Erhalten der reaktionärsten Wahlsysteme in den Großgemeinden, wie diese Oberschicht jede Mitarbeit der Massen auszuschalten sucht und damit naturgemäß eine Entwicklung des jüdischen Interesses unterbindet. 1 Einer solchen Oberschicht muß jede Veränderung im jüdischen Leben schon deshalb ein Greuel sein, weil ihre Unwissenheit in puncto Judentum den Motiven der Veränderungen hilf- und ratlos gegenübersteht. Daß es heute ein drängendes Jndenproblcm gibt, daß die Entscheidung über die Zukunft beträchtlicher Teile der Judcnheit heute aus der Messerschneide steht, ihr ist cs Hekuba. Die Situation ist so kritisch geworden, daß sich selbst denkende Christen ernsthaft mit ihr beschäftigen, — doch die jüdische Oberschicht bleibt unbefangen und sorglos. Ihre jüdischen Interessen befriedigt die von halb und ganz getauften Juden redigierte, meist ihren Tendenzen nach, eine Vernichtung aller positiven jüdischen Werte, eine Auflösung der Judcnheit fördernde sogenannte „jüdisch-liberale" .Presse. Und die Folgen dieser Wirkungen haben sich ja bereits im Uebermaße gezeigt, >vie z. B. die Tatsache, daß heute in Deutschland jede vierte von Juden cingegangene Ehe eine.Mischehe ist, daß die Mischehen innerhalb der sieben Jahre 1902—1909 um 62 Prozent gestiegen sind, recht drastisch beleuchtet. Die Mitglieder dieser Oberschicht betrachten sich jedoch auch weiterhin als die geborenen Prätendenten aus die in den großen und kleinen Körperschaften der Judenheit zu vergebenden Ehrenstellen, mag die Vermehrung der Judenheit in Deutschland heute nicht allein mehr relativ, sondern auch fast schon absolut eine Unterbilanz aufweisen und damit ihre vollkommene Unfähigkeit, auch nur erhaltend auf das Geschick der ihnen anvertranten Judcnheit cinzmvirken, erweisen. Diese Oberschicht und ihr Denken ist. heute in ihrer ganzen Nacktheit sogar schon in der Christenheit erkannt. So schreibt Werner Sombart in seinem soeben erschienenen Buche „Die Zukunft der Juden"*): „Am besten daher, man spricht „über Thcnia" (gemeint ist das Judenproblem. D. Red.) überhaupt nicht und schweigt alles tot, was der Bcrtuschnngspolitik widersprechen möchte. Ich sagte schon, das; dies vor allen: auch der Standpunkt der großen, jüdischliberalen Presse sei, der cs zu danken ist, daß von der nationaljüdischen Bewegung nicht einmal in der Judenheit selber, geschweige denn in anßerjüd-ischcn Kreisen eine irgendwie genauere Kenntnis verbreitet wird. Wie viele Juden oder gar Christen wissen denn nur auch das Geringste von der umfangreichen nationaljüdischen Literatur, von den zahlreichen Wochen- und Monatsschriften, die den Standpunkt der „jüdischen Renaissance", eines aufrechten Judentums, vertreten'? Sie alle, die ihre geistige Tageskost in den Spalten der liberalen Zeitungen portionenweise zugewiesen bekommen, *) D i e Zukunft der Juden von Werner Sonubart. 92 Seiten. 2,50 ,/t. Leipzig, Dunckcr u. Hcmbtot. Ein hoch interessantes, aus selten klarem Schauen geborenes und zu ernsthaftein Nachdenken anregendes Buch, mit dessen Einzelheiten inan nicht in jedem Falle einverstanden zu sein braucht, dem .man jedoch als Ganzes ii»d in seiner Tendenz nur zustimmen kann. werden systematisch in Unkenntnis erstalten über die große nationale Bewegung, die in der Judenheit mächtig ihre Glieder reckt. Die Welt wird eines Tages erstaunen, wenn sie verninrmt, daß. in der Judenheit ganz andere Kräfte rege sind, ganz andere Ziele erstrebt werden, als man nach bm Verhalten der liberale» Presse heute vermuten sollte." So Werner Sombart.— Nun soll aber durchaus nicht die Stellung pro oder contra Zionismus zum Maßstabe für die jüdische Bewertung gemacht werden. Vielmehr ist das das Entscheidende, ob einer den erlisten Willen hat, das Seine zur Erhaltung des Judentums zu tun. Der Wille, die Tendenz, um die handelt es sich, — und dieser, Wille, diese Tendenz ist leider bei der Oberschicht, der westeuropäischen Judenheit im allgemeinen entweder nicht oder gar in negativer Form! vorhanden. Doch schon bildet sich langsam eine'neue Oberschicht. Eine, voir denr Willen der Erhaltung des Judentums getragene Jugend wird älter und gelangt allmählich in immer größerer Zahl in die Oberschicht, deren Gepräge bisher die Llssimilierung, die Borstllfe zll Mischehe und Taufe, war. 8. b. 0. Austritte aus dem Judentum im Jahre 1!H1 iu Frankfurt a. M. 12. Jan. Fräulein Jenny Fischer, Frankfurter Hof: t7. Jan. Kaufmann Karl Becher, Scharnhorststraße 17; 28. Jan. Referendar Adolf Tchottländer, Beethovenstr. 64; 8. Febr. Frau Willi, Bürbach, Betty geb. Jonas, Zeit 12: 11>. März Kanfmann Heinrich Kaufmann, Herinesweg 43: 11. März Kaufmann Mar; Wertheim, Elkenbachstraße: 17; 11. März Ehefrau des Schneiders Lina Heimberger geb. Dornhard, Haidestraße 1; 28. März Kaufmann tkarl Sichet, Schillcrstraße 26; 29. März Kaufmann Mbert Straffer, Hochstr. 36; 6. April Kaufmann Bernhard Paul Metz, Körnerwiese 13: 20. April die ininderjährigen Kinder Lotte, Rudolf, Liese und Hans Ederheimcr durch Erklärung ihres Paters Dr. Adolf Ederheimer, Wolfgangstraße 105; 27. Mat Dr. Phil. Fritz Hallgarten, Bockenheimerlandstr. 100; 13. Juli Dr. Phil. Hans Geisen- Mil Ab. Von S. Luß-Mannheim. (Fortsetzung.) Aber trotz des zur. Schau getragenen Gottvertrauens lvar auch Heinemann in: Innern nicht ruhig, denn gar oft jammerte er im Innern: Ach, hätte ich doch nicht den falschen Rat gegeben, die drcihiuiderr Mark zurückzichehalten. Hätte er sie gleich an Tante Taube geschickt, wie er es wollte, dann hätte er sie nicht herleihen können und hätte noch jetzt seine Stelle; ich bin allein schuld an dem Unglück. „Herr Sichel, seien Sie mir nur nicht böse darüber, ich habe es gut gemeint," fügte er dann in Fortsetzung seiner Gedanken taut hinzu. „Das loeijj ich," tröstete Ludwig. Ostern kam Otto nicht auf Urlaub und Pfingsten nur auf zwei Tage, iliid da erst wurde ihm ans Befragen mitgeteilt, daß Ludwig nicht mehr im Geschäft war. Otto hatte jedoch nicht die Zeit, nach Ludwigs Aufenthalt zu forschen, unr ihm mitzuteilen, daß er das geliehene Geld vor. Beendigung seiner Dienstzeit nicht zurückzahlen könne. Herr Schneider hatte ihm angedeutet, daß Ludwig wegen Gewährung des Darlehens, wovon der Alte irgendwie erfahren haben müsse, die Stelle verloren habe. Das schmerzte Otto am meisten, aber auch erkannte die Unbeugsamkeit seines Vaters »ich schtoieg. „Er wird ja eine Stelle haben," tröstete sich Otto. Der Sommer verging, Ludwig hatte den letzten Pfennig verbraucht, und wenn er auch einige Stunden länger Zigarren machte, der Absatz ließ sich nicht willkürlich vergrößern, er hatte das drückende Gefühl, daß Heinemann ihm schon Opfer genug brachte, wenn er ihm Kost und Wohnung für den Arbeitslohn gab. Da kam ein neuer Janimer. Tante Taube schrieb, sie sei einige Monate krank gewesen, habe nichts verdient und Schulden beinr Arzt und Apotheker gemacht, ob Ludwig ihr nicht etwas schicken könne. Ludwig war tiesbekümmert, daß er nicht in der Lage war, auch, nur einen Pfennig abzugeben. „Wenn Sie von mir nun einen oder z>vei Taler leihen würden," meinte Heinemann, „Sie haben doch noch immer die dreihundert Mark von Herrn Otto in Aussicht, sie müssen doch einmal kommen." „Was sind ein oder zwei Taler, ivenn sie Arzt und Apotheke zu bezahlen hat?" entgegnete Ludwig, „und >vie darf ich selber Schulden machen, wenn gar keine Aussicht ist, daß ich sie wieder bezahlen kann? Die dreihundert Mark von Herrn Otto werde ich Ihnen, ehe ich sie bekomme, ftir Essen und Wohnung schuldig sein." „Ich Unglücksmensch mußte Ihnen abraten, oas Geld an Tante Taube zu schicken," klagte Heinemann als Antwort, „von diesem falschen Rat kommt alles Unglück her." „Wenn Herr Sichel min zu Felix Oppenheimer,. Freudenreichs Konkurrenten, ginge, der ivürde ihn gleich nehmen, wenn auch gerade kein Platz frei wäre, schon um die Kundschaft von Herrn Freudenreich kennen zu lernen," meinte Frau Heinemann schüchtern fragend. „Was? was? was?" fragte Herr Heinemann so aufgeregt bei diesem Vorschlag, daß seine Frau es nötig hielt, eine Aufklärung zu diesem unschönen Vorschlag hinzuzusügen, „denn ich glaube, man muß doch in erster Linie selbst' leben können; so, hast Du gesagt, steht cs im Chnmesch." Heinemann schlug die Arme unter und legte den Kopf hinten an die Stuhllehne, indem er seine Frau mit einem spöttischen Lächeln ansah. „Wahrhaftig! Das sind echte Weiberreden. Weil ich einmal gesagt habe, es steht geschrieben, daß man die Religionsgesetze zwar halten muß, daß man deshalb aber nicht sein Leben aufs Spiel zu setzen braucht, außer wenn cs sich um einige Grundgesetze handelt,' da habe ich doch nur von religiösen Vorschriften gesprochen, aber nicht von dem, tvas allen guten Menschen als Recht und Moral gilt. So könntest Du ja auch sagen, ich darf rauben und stehlen, damit ich keine Rot leide! Solch' ein Unsinn kann nur aus Weibermund kommen!" „Weibermund?" fragte Frau Heinemann spitz, „bin ich es geiocsen, die so kluge Ratschläge gegeben hat? Du brauchst stolz-zu .sein auf Deine Männcrklngheit, Du - Ludwig erschrack; er sah mit Bedauern, daß sein Mißgefchick noch den trauten Frieden dieser Ehe, das Glück dieser braven Leute zerstören würde, wenn sie schon aufingeii, sich zu beleidigen und! Borwürfe zu machen. Er wollte deshalb die Unterhaltung aus ein anderes Gebiet lenken, und dazu schien ihm nichts geeigneter als Heinemanns Vorliebe für Raschi. Da gerade über Frauenklugheit gesprochen worden war, tam ec auf oen Gedanken, Heinemann dadurch abznlcnken, daß er fragte: „haben Sie schon gemerkt, Herr Heinemann, daß jetzt in den Zeitungen viel darüber geschrieben wird, die Frauen hätten dieselben Rechte wie die Männer?" „Warum soll ich das nicht gelesen haben?" „Und was sagt Raschi über diese Sache?" „Das ist gut, das ist' wirklich gut, Raschi soll etwas sagen über die Frauenfrage. Glauben Sie Leim, daß man sich vor tausend Jahren über solche Dinge den Kopf zerbrochen hat? Da war man ftoh, wenn .man seine Ruhe und sein Leben hatte." „Aber es kommen doch auch in der Bibel Frauen vor, und ich habe schon in den Zeitungen gelesen, daß iu der jüdischen Religion die Frauen besonders gering geachtet wären." „Stuß! Herr Sichel, haben Sie schon gesehen, daß ich meine Frau schlecht behandle, oder haben Sie überhaupt schon gesehen, daß die jüdischen Frauen schlechter behandelt iverdcn als die Frauen der anderen Menschen?" „Herr Heinemann, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Sie jetzt nicht genau meine Frage beantivortet haben. Sic brauchen mir nicht zu sagen, daß das jüdische Familienleben sich durch tiefe Jnn^keit auszeichnet, und daß es darin den Vergleich mit jedem andern aushalten kann, das wollte ich Sie nicht fragen, sondern ich wollte wissen, ob Raschi gar nichts sagt über den Unterschied im Wert des männlichen und weiblichen Geschlechts." „Wie kann ich wissen, ob Raschi etwas darüber sagt, ich habe doch selbst keinen Raschi gelernt, sondern mir nur das gemerkt, was mein Lehrer erzählt hat; er hat uns doch nicht von jedem Vers gesagt, trmZ Raschi dazu meint; aber wissen Sie was, Herr Sichel, einmal hat mein Lehrer so etwas gesagt, und darüber spreche ich nicht gern, weil ich's damals nicht recht verstanden habe, und ich verstehe es auch heute noch nicht, so oft ich auch darüber nachdenke^" (Fortsetzung folgt). 0780