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Neue jüdische Presse · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. auch nicht, daß die Stimmung so bald wieder Umschlagen könne. In dieser Beziehung Hütte ihre ältere Verwandte doch mehr Erfahrung; sie wußte, daß, je maßloser der Ausbruch eines Schmerzes, er desto rascher vornbergeht. Nachdem die ersten sieben Traucrtage vorbei waren, wandte sich Kalba Sabua allmählich dem Leben Wieder zu. Er sprach zivar »och häufig von der Verstorbenen, aber er vermißte sic nicht allzusehr, denn Nahe! sorgte für alles, wofür ehedem die Mutter gesorgt hatte. Doch als vier Wochen vorüber waren, die sog. „Dreißig", da war er wieder ganz der Alte. Rahcl srcutc sich seiner Frische, aber begreifen konnte sie sie nicht, ihr Herz konnte sich der Lebensfreude nicht so bald wieder erschließen. Sie hatte seit dem Ableben der Mutter noch nicht gelächclt, ihr Antlitz glich noch immer mehr der Lilie als der Rose, obgleich bereits drei Monate verstrichen -waren. „Rahel, mein Kind, Du darfft Dich nicht so Lehen lassen, das tut nicht gut. Milkas Mutter hat mir erst iwch heute gesagt, ich müsse darauf sehen, Laß Du gehörig ißt und nicht so viel allein bist, das täte nicht gut. — Ja, Du lieber Gott, was kann ich denn dafür? Du bist so viel allein, weil die Mutter nicht mehr da ist, und iveil alle Deine Freundinnen verheiratet süid. Darum, Rahel, mein Kind, es geht nicht -anders, Du mußt auch heiraten." - Rahcl wechselte die Farbe. „Lieber, guter Vater, Las kann doch nicht Dein Ernst sein; jetzt, im Trauerjahr, kann ich doch nicht heiraten." „Wüßte nicht, warum nicht. Mir scheint, man kann sogar in den Schloschim heiraten." Rahel schüttelte heftig den Kopf. „Das tue ich nicht, um keinen Preis!" „Narrclc, Narrelc, das sollst Du doch auch nicht, die Schloschinr sind doch längst vorüber. Aber mir scheint, die Mutter hat gemeint, Du hättest einen gern, — wenn Du mir sagen willst tuen; vielleicht könnte ich rhu Dir schaffeir." Rahel ward bald blaß, bald rot. „Du weißt, lieber Vater, was die Mutter gewünscht hat." »Ich sollte wissen, was die Mutter gewünscht hat? — Wüßte nicht, woher ich das wissen sollte, gesagt hat sie mir's nicht." „Aber gewiß, lieber Vater, die Mutter hat Dir's gesagt, — erinnerst Du Dich denn nicht? — Noch, am letzten Abend — — —" Kalba Sabua ward dunkelrot. „Ach so, Dü meinst den Parach, den Meschorcs. — Rahel, mein Kino, von dem hättest Du nicht reden sollen, denn Du weißt, wie ich mich darüber gegiftet und vergessen habe, daß die Mutter — sic soll ruhen in Frieden! — leider Gottes krank gewesen ist. Aber wie kommst Du mir jetzt mit dem? — Weißt Du, was mir scheint? — Du hast doch gesagt, daß schon, bevor wir gegessen haben, die Mutter so Verschiedenes geredet hat, woraus man hat sehen können, daß sie gewußt hat, sie wird nicht mehr lange bei uns bleiben. Nun scheint mir, wie sie hernach von. dem Meschores zu reden angefangen hat, da ist sie leider nicht mehr ganz bei sich gewesen. Das soll doch öfters Vorkommen. Und sonst war die Mutter doch so eine gescheidte Frau! Mir scheint, es gibt heute keine mehr, die so gescheidt ist, wie sie gewesen war. — Wenn sie bei sich gewesen wäre, hätte sie nicht angcfangen, von solchen Narrischkciten zu reden, das bin ich sicher." Rahel versuchte vergebens, ihn über den wahren Sachverhalt aufzuklären, aber sie brachte kein Wort hervor, der Hals war ihr wie zugeschnürt. Wie eine Erlösung empfand sic cs, als plötzlich ein Strom von Tränen ihren Augen entstürzte. Sie barg das Anlitz in den Händen und verließ laut schluchzend das Zimmer. Schon am folgenden Tage nahm Kalba Sabua die Unterrünmg wieder auf. Rahel hatte inzwischen die Unmöglichkeit erkannt, ihn in nächster Zeft ihrem heißesten Wunsche geneigt zu machen, sie begnügte sich .daher vorläufig mtt der Wiederholung ihres festen Entschlusses, im Trauerjahr sich weder zu verheiraten noch zu verloben. Kalba Sabua glaubte schließlich sich fügen zu müssen, und Rahel hoffte, wenigstens für die nächsten ncmr Monate in dieser Beziehung Ruhe zu haben. Aber die Ruhe war nicht viel wert. Verging doch kaum ein Tag, an dem er ihr nicht klagte, daß er von den Schriftgelchrten gedrängt werde, aufs neue sein Hans zu erbauen. Rahel konnte cs nicht fassen, daß ihr Vater schon jetzt an dergleichen denken konnte, und noch weniger wollte es ihr einleuchtcn, daß die Gelehrten - ihn dazu drängen sollten. Er aber erklärte ihr, daß Frankfurter Israelitisches FanMenblatk. Nr. 8 er, da er keinen Sohn habe, nicht einmal die drei Wanderfcstc vor seiner Wicderverheiratung vorübergehen lassen dürfe. Rahcl schüttelte händeringend den Kopf, während ihr zivci große Tränen herniederglitten, „Rahcl, mein Kind, ich bitte Dich, mach' kein solch betrübtes Gesicht. — Du verstehst das nicht, na ja, was kann man dü tun? — Aber die Mutter, sic soll ruhen in Frieden, die hätt's verstanden. — Noch gestern hat Reb Schimine von ihr geredet. So eine, hat er gesagt, ivie die gewesen ist, die kriegst Du nicht ivicder, denn die hat zu den Noschinl Zidkonios gehört, die gibt's heutzutage nicht mehr. Aber darum, hat er gesagt, darfst Dir doch nicht länger unbeweibt bleiben, denn ein Mann ohne Weib ist ohne Ruhe und ohne Frieden, ohne Glück und ohne Segen und ohne Gottesfurcht. — Könntest Du da ivollen, daß Dein armer Vater länger so bleiben sollte? Glicht wahr, nein? Das möchtest Tu nicht. — Schon um der Mutter loillen, — sic soll ruhen irr Friedeil — darf ich nicht zugcben, daß man so von nrir sollte reden können. — So rede doch, Rahel, nicht ivahr, das möchtest Du auch nicht?" Nicht um die Welt hätte das arme Mädchen ein Wort über die Lippen gebracht, er aber nahm ihr halblautes Aechzeir für Zustimmung zu seinen Worten. „Ich habe ja gewußt, Du ivirst mir recht.geben, denn Du bist so fromm, ivie die Mutter gewesen ist, sie soll ruhen in Frieden, und um keinen Preis inöchtest Du, daß man von Deinem Vater sollte sagen können, daß er ohne Gottesfurcht ist, — und darum. Kindlieb — Du hast zivar gesagt, daß Dil nicht heiraten ivirst vor der Jahrzeit, — aber Dil siehst doch ein, ich kaml nicht so lange ivarten, ich darf das denr Andenken der Mutter nicht antun, von mir sagen zu lassen, daß ich vhnc Gottesfurcht bin. Und daruin, überlege Dir's, Rahel — ob es nicht doch besser sein möchte, wenn Dn vor mir heiratest. Man pflegt zu sagen, schöne Stiefmutter und große Stieftochter jagen nitteinander den Frieden aus dem Haus — das wäre mir gerade nicht recht. Wie? — Was meinst Du? — So rede doch." Rahel ivar auf einen Sessel gesunken, sic barg das Antlitz in den Händen uild weinte leise. Kopfschüttelnd beirachtctc sie ihr Vater. „Du solltest gescheidt sein, Rahel, mit all Deinem Getn »lachst Du die Mutter nicht wieder lebendig. — Und ich kann mir's ja denken, es muß Dich schinerzen, lvenu Du die andere da wirst sitzen sehen, ivo die Mutter immer gesessen hat. — Darum wär's doch das beste, Du heiratest vor wir. — Reb Schimme hat mir noch, gestern seinen Jecheskcl angetragen." Rahels Tränen waren versiegt, aber ihr Schmerz war nicht milder geworden. Mit gcrllngcnen Händen saß sic da lind lauschte den Mitteilungen ihres Vaters, der, ivie er sich ausdrückte, die Angelegenheit endlich ins Reine bringen wollte. Doch wenn er aufrichtig hätte sein wollen, hätte er ihr sagen niüssen, daß die Sache bereits seit der vorigen Woche entschieden war, denn schon in der vorigen Wische hatte er sich verlobt, und aus den Ersten des kommenden Monats war die Hochzeit bestimmt. Er wußte, daß es Rahel schwer treffen würde, und da er ein Feind von allen Szenen war, so hatte er gezögert, es ihr mitzutcilen. Aber seine Braut hatte ihn schon wiederholt aufgefordert, sie in sein Haus zu ftihren und ihr seine Tochter vorzustcllen; von Tag zu Tag hätte er sie hingchalten, bis sie ihm heute erklärt hatte, daß sie ihn durch ihren Besuch überraschen werde; darum mußte er es heute zu einer cndgilttgen Aussprache in dieser Angelegenheit bringen. _(Fortsetzung folgt)._ flDTIK j. w. Hielt. Inh. P. «ante», d M H Ecke Neue Mainzerstr. u. Welssfrauenstr. 11. Elekir. Kleinbeleuchtung. Taschenlampen. Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Georg Amendt, Nachf. Bleidenstrasse 10. Plattfuss “deren Fussschmerzen verschwinden in unseren patentAintl. gesell. Angulusstiefel (individuelle Anfertigung). (individuelle Anfertigung). Eberhard Hüller 2 Söhne, Be,Xh""“6^‘48 ^osSmarKtl7. Haarfilzhüte von M.&50an. Jn feineren Qualitäten alle bekannteren Marken-Fabrikate. Kaiser Friedrich Quelle ■ Offenbach a. X. - Gegen Sicht and BheamatlBmaB bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M.. StaJlhnrgatr. 9. Tel. 259 n. 714. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem I,uacb.) Samstag, den 24. Februar {= 6. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 50 Min. in Berlin 6 Uhr 15 Min. Wochcnabschnitt: Ternmoh. — Der Wochenabschnitt führt seinen Namen nach der Hebe, welche die Kinder Israel brachte», um davon die Stiftshütte zu fertigen. Tie Stiftshütte ivar das erste Heiligtum in Israel. Sie ivar ein trag- und zerlegbares Zelt aus Brettern, die mit Teppichen nbcrhängt waren. Der Jnnenraum — 30 Ellen lang, 10 Ellen breit — ivar in das Heiligtum und das Allerheiligste geschieden durch eine» Vorhang, die vorderen 20 Ellen das ^Heiligtum, die hinteren das Allerheiligste. Um die Stiftshütte loar ein Hof, eigentlich „Umhof," 100 Ellen lang, 50 Ellen breit Die ersten 50 Ellen nach dem Eintritte ivaren freier Raum, in de» hinteren 50 Ellen stand das Stiftszelt, jedoch von allen Seiten frei. .Die Umhofswände waren aus durchbrochenen Umhängen gebildet. Am Eingang des Hoscs wie am Eingang der „Wohnung" befand sich ein von Säulen getragener Vorhang. Ueberhaupt hatte der Umhof auf jeder Längsseite je 10 Säule». Im Vorhof stand Opferaltar und Waschbecken. Im Heiligtum selbst der goldne Tisch mit 12 Broten, die jeden Sabbat erneuert wurden. Ihm gegenüber der goldne Leuchter, sieben Flammen tragend. Jn der Atitte des Raumes der goldene oder Räucheraltar. Im Allcrheiligstcn die ' Bnndeslade mit den beide» steinernen Tafeln. Im heutigen Wochenabschnitt nun hören wir von de» Spende» an Gold, Silber, Knpser, Wolle, Fellen, Ocl, Geivürzen und Edelsteinen. Näher beschrieben ist die heilige Lade mit dem goldne» Deckel und den Cherubimgcstaltcn darüber, der Tisch zu den Schanbrotcn samt den Bedicnnngsgejäßen, der kunstvoll aus einem Goldbarren getriebene Leuchter, ferner die Wohnung selbst. Die Bretter, i» je zivci Silberfüßen ruhend, init Gold überzogen, durch Haken und Riegel verbunden. Drei Lagen von Teppichen als Bedachung, durch Schleifen und Spangen zusammenhängend. Der Kupferaltar nebst seine» Zünglein, Pfanne» und sonstigen Gefäßen. Der kunstvoll gewebte Vorhang zur Scheidung im Heiligtumsinneril. Endlich der Umhof nach Größe, Einrichtung und Einteilung. Donnerstag ist Taanis Esther; diesmal verlegt, weil P u r i m auf Sonntag fällt. Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 0 Uhr 30 Min. (Hauptsynagoge, Synagoge Königsteinerstr. 7 Uhr 30 Min.). Abends: 5 Uhr 30 Min. (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königsteinerstr. 7 Uhr). o Schweizer Stickereien 9 ff F. €. Strubberg A Co. w nur Q 25 Nene Mainzerstrasse 25. Briefkasten. R. in B. S o m b a r t äußerte sich über den Vvrwurs, daß er A n t i s e m i t sei, in einem . Vorträge, den er jüngst in Hamburg hielt. Er sagte: „Als ich diese Ansichten vor einigen Wochen in Berlin vorgctragen habe, sind sie sehr verschieden beurteilt worden. Die einen nannten mich einen Zionisten, die anderen einen Antisemiten; einer sagte: „Das ist ja gar kein Widersprach." Was ist eigentlich Antisemitismus? Man vcrstht niiter diesen: Worte etwas außerordentlich Verschiedenes. Es gibt Leute —: namentlich unter de» Juden —, die denjenigen als Antisemiten bezeichnen, der bemerkt, daß es überhaupt Juden gibt auf der Welt. Wenn das Antisemitismus ist, bin ich Mid) Antisemit. Oder wenn man sagt: „Die Gruppe der Inden hat eine besondere Eigenart, die sie von anderen Volksgruppen unterscheidet, ja zum Teil sogar im scharfen Gegensatz, zum Beispiel zu den Germanen, steht." Andere betrachten., als Antisemitismus, wenn man behauptet, das; diese Gegensätzlichkeit zu Problemen, zu Kvnflikten führt, deren Lösung ernstes Nachdenken und Sorgfalt verlangt. Id) glaube, daß ich in diesen Anfsassungen mit den nationalen Juden übcreinstimme; dann wären also Antisemitismus und Zionismus das gleid)e. Diese Auffassung des Antisemitismus ist ein Produkt der Empfindlichkeit, die wohl historisch zu verstehen ist, heute aber überwunden sein sollte. Man muß auch die Konstatierung von einzelnen Unarten hören Können, die Germanen müssen sich z. B. auch den „Simplizissimus" gefallen lassen. Unter Antisemitismus dürste man nur verstehen eine grundsätzliche Gegnerschaft, eine Feindschaft mit dein Wunsch, die Juden —- lvenn möglich — aus der Welt zu schassen. Jn diesem Sinne bin ich kein Antisemit. Ich stehe Juden gegenüber, wie jeden anderen Arten und

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