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Neue jüdische Presse · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ä ju Nr. 7 des Frankfurter IsrneMslken Fnmilienklaiies. Eine „Moses Hetz" - Jahrhunvertfeier. Anläßlich der 100jährigen Wiederkehr des Geburtstages von Moses Heß veranstaltete der zion. Gruppenverband Rheinland - Westfalen am 28. Januar eine Gedenkfeier in Bonn, an der anch eine stattliche Anzahl auswärtiger Herren teilnahm. Eine kurze Ansprache des Herrn Dr. Edelstein- Bonn und die Rezitation eines Bialik'schen Gedichtes durch Referendar Meyer leiteten die Feier ein. Darauf hielt Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer- Cöln die Festrede. Der Redner führte n. a. folgendes aus: Im Lebenslauf des Moses Heß sind drei Perioden z,r unterscheiden: die philosophische, kommunistischpolitische und die zionistische. Als Philosoph gehörte Heß zu den Schülern Hegels, ging aber später, unter dem Einslnsse Spinoza's, über die Hegel'sche Weltanschauung hinaus. Seine ausgesprochene philosophische Veranlagung verband sich dann mit seiner tiefempfundenen Liebe zu den. Unterdrückten und den Enterbten, und er wandte sich, den sozialen Problemen zu. Mitten fir dieser Evolution überraschte ihn der. Angriff, den Marx und Engels im kommunistischen Manifest aus ihn richteten. Im Laufe seiner fortschreitenden Entwicklung gelangte Heß immer mehr 511 der Erkenntnis, daß die große Bedeutung des Nationalen als eines sozialen und moralischen Faktors in der Geschichte der Menschheit von dem komniunistischen politischen Gedanken verkannt wird. Schon in feinen Werken ^Heilige Geschichte der Menschheit" und „Europäische Triarchie" kommt diese Erkenntnis zum Allsdruck. Es kann also nicht wundernehmen, daß, als Heß sich dem jüdischen Probleme znwandte, er gleich ein 'so klares und vollgerichtiges nationales System entwickelte, tvie cs vor ihm noch kein moderner Geschichtsphilosoph getan hat. Redner gab darauf in gedrängter Form eine Würdigung der in „Rom und Jernsalenr" niedergelegtcn Ansichten, wies auf den Zusammenhang zlvischen dem Heß'schen Gedankengang und dem geistigen Gehalt des modernen Zionismus hin und' schloß init einem Appell, sich des großen Bahnbrechers würdig zu zeigen. David W o l f f s o h n sprach über das Thema „Der Zionismus seit Aioses Heß bis zur Gegenwart." An Moses Heß — begann Herr Wolfssohn — bcloahrheitet sich das alte talmudische Wort, daß es manchem vergönnt sei, in einem Momente sich die Unsterblichkeit z>l erwerben. Moses Heß arbeitete sein Leben lang für soziale Ideen, die Unsterblichkeit aber hat er nicht im sozialistischen Lager erlangen können. Mit der einzigen Tat indeß, die er durch sein Werk „Rom und Jerusalem" fiir fein Volk vollbracht, wird Moses .Heß für elvig durch den Zionismus fortleben. In kurzen und klaren Zügen skizzierte Herr Wolsfsohn die Geschichte des zionistischen Gedankens, wie er von Rabbi Kalischer in „Drischath Zion " von Pinsler in seiner „Auto-Emanzipation," von Rülf in „Aruchath Bas mm" verkündet worden ist. Nach einer treffenden Würdigung der „Chibath-Zion"-Bewegung ging er sodann auf den Werdegang des Zionisnms seit Herzl über. U. a. führte' er folgendes ans: Die politische Arbeit Herzls hatte freilich nicht das gewünschte Positive Resultat gezeitigt, wohl aber den Beweis erbracht, daß die zionistische Idee keine Utopie ist, indenr sie von Staatsmännern .und Fürsten als durchführbar und erstrebenswert erklärt wurde. Nach dem Ableben Herzls wurde der Zionismris in dessen Sinne von der auf dem VII. jkongreß eingesetzten Leitung fortgesetzt. Diese Leitung vertrat den Standpunkt, daß vor allein die Organisation und die Institutionen ausgebaut und entwickelt werden müssen, bevor wir an neue Unternehmungen herantreten sollen. Der Verlust des Führers, der Abfall vieler Gesinnungsgenossen infolge Ablehnung des Ugandaprojekts und manche andere Schwierigkeiten haben die Aufgabe, die zionistische Organisation zu festigen und zu sichern, in den Vordergrund gerückt. Wir dürfen nunmehr sagen, daß es uns gelungen ist, diese Aufgabe ihrer Lösung näher zu bringen. Durch unsere Tätigkeit, die auf streng kaufmännischer Basis erfolgt, gewinnen unsere Banken immer größeres Vertrauen, und wir leisten auch eine Erziehungsarbeit, indem wir die jüdische Bevölkerung in Palästina, die durch Schnorrerei vielfach demoralisiert war, immer mehr an eine gesunde, selbständige Tätigkeit gewöhnen. Ganz besonders hat sich der Nationalfonds glänzend entwickelt, iuid in dem Maße, als seine Mittel von Iahst zrr Jahr -wachse», wird seine Arbeit für die Entwicklung der Kolonisation immer ausgedehnter rrnd erfolgreicher. Ich darf wohl sagen, daß ich in der glücklicheil Lage war, auf dem letzten Kongreß, der neuen Leitung in Berlin bedeutend mehr zu übergeben, als was ich seinerzeit in Wien übernonnnen hatte. Die Zionistische Organisation ist jetzt so sicher und fest gefügt, daß es ein Wunder lväre, ivenn sie nicht weiter fortschreitcn könnte. Ihr Bestand ist gesichert, obgleich noch nicht alles so ist, wie es eigentlich sein soll,' gewiß kein Wunder bei einer Organisation von. hunderttausenden Inden! ' . Viele Meinungsverschiedenheiten entstehen anch dadurch, daß wir an einem Uebcrmaß von Theoretikern (?D. Red.) leiden. Diese Sache ist ein ziemlich altes Nebel. Schon als die Chowewe-Zion praktisch zu arbeiten begannen. setzten Theoretiker sofort ein und erklärte», „dies sei nicht der richtige Weg," es sei ein „geistiges Zentrum" nötig, und diejenigen, welche diese Auffassung nicht als ausschlaggebend gelten lassen wollten, erfuhren die schärfste Kritik. Als Dr. Herzl auftrat, kamen wieder die Theoretiker, wie Achad-Haam, und behaupteten, Herzl hätte zu wenig vom jüdischen Geiste, sein Zionismus sei darum verfehlt. Ich erwähne Achad-Haam deshalb, weil wir in letzter Zeit von denjenigen, die den sogenannten geistigen Standpunkt vertreten, sprechen hören, Achad Haanr habe auf dem letzten Kongreß einen großen Sieg über den Herzl'schen Zionismus errungen. Eine klare Antwort auf die Frage, worin dieser geistige Zionismus bestehe, konnte man von den Theoretikern bis jetzt nicht erhalten, wohl deshalb, weil viele dieser Theoretiker selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich wollen. Man warf Dr. Herzl vor, daß er nicht viel vom jüdischem Geiste besaß/ doch ist es eine Tatsache daß als er auftrat, ihm nicht nur die besten jüdischen Geister im Westen, sondern auch die Massen des Ostens mit Begeisterung folgten und er allein es doch verstand, Ost und West zum ersten Male zu vereinigen. Wenn man aber fragt, was die Theoretiker in dieser großem Zeit seit dem Herzl'schen Zionismus getan haben, so wird man wohl kaum etwas Positives nennen können. Der zionistische Gedanke ist aber so einfach und zugleich so erhaben, die Idee einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina ist so klar, daß 'die sogen, geistige Vertiefung und das Theoretisieren ziemlich überflüssig sind. (?D. Red.) Es ist grundfalsch, wenn man behauptet, daß der geistige Zionismus den Kernpunkt bilden müsse, gerade so falsch wie die entgegengesetzte Richtung, welche das Wesen des Zionismus in der unmittelbaren praktischen Arbeit erblickt. Alle praktische und geistige Arbeit zur Förderung des zionistischen Endziels will jeder Zionist und uiuß jeder Zionist wollen. All dies darf aber nicht als das Endziel, sondern nur als Borbereitungsarbeit, als Mittel zum Ztmck angesehen werden. Ich bin indes der Ansicht, —> schloß Herr Wolsfsohm —, daß anch diese Meinungsverschiedenheiten auf die Dauer nicht viel schaden werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß der echte praktische Sinn sich behaupten wird und habe das volle Vertrauen, daß die neue Leitung sich nicht von der einen oder anderen Richtung vom Wege abdrängen lassen, sondern das Ziel im Auge geradeaus fortschreiten wird, —, dann wird auch die Arbeit schneller vorwärts kommen. Zum Schlüsse möchte ich mit einigen Worten eine Frage berühren, welche die äußere und politische Lage betrifft. Es ist dies die oft gestellte Frage, ob die Türken es zulassen würden, daß wir Juden uns in G Kr die 0 Huf und 16. Von S. Äuß-Mannheim. (Fortsetzung.) „Rein," sagte Herr Schneider bestimmt, „ich tue es unter keinen Umständen, Herr Otto, nicht der Summe wegen, sondern des Prinzips halber. Ich bin so lange im Hause Freudenreich und besitze so das Vertrauen des Chefs, daß ich es unverantwortlich finden Ivürde, gegen die Grundsätze desselben zu handeln! Sie müssen sich an Ihren Herrn Vater wenden!" In der Aufregung fuhren beide fort laut zu sprechen, ohne sich, durch die Gegenwart der übrigen stören zu lassen. „Sic wissen doch, >vie sehr mein Vater alles haßt, iras Spiel und Herausforüern des Glückes heißt." „Das hätten Sie vorher bedenken sollen, ehe Sie die Spielschuld machten." „Es ist aber jetzt geschehen, und ich werde es nie »nieder tun, — aber bezahlen muß ich sie oder nur eine Kugel vor den Kopf schießen." „Oder Sie offenbaren sich Ihrem Herrn Vater oder Ihrer Frau Mutter." „Ganz ausgeschlossen, Vater und Mutter sind darin gleich unerbittlich." „Bedmire, Herr Otto, ich anch." Otto stürnüe hinaus ins Magazin. „Gott! er wird doch nicht draußen iin Magazin eine Verzweiflungstat ausführen?" sagte Ludwig im Stillen und ging ihm nach. Im Magazin stand Otto und blickte finster zu Boden, als ob er überlege, >vie noch ei» Ausweg zu finden sei. „Herr Otto," redete Ludwig den Verzweifelten an, indeni! er dicht an ihn herantrat, „ich hörte, daß Sie dreihundert Mark brauchen, ich könnte sie Ihnen leihe,l und würde es mit Vergnügen tun, wenn Sie das Geld von mir nehmen wollen," Otto blickte Ludwig kalt an. „Gerade habe ich nachgedacht," begann er nach einiger Ueberlegung spöttisch, „ob mir nicht ein Jude cinfiele, an den ich mich wenden könnte. An Sie hätte ich nicht gedacht, — aber wenn Sie das Geschäftchen machen wollen, warum nicht? Sie oder ein anderer, geben Sie nur her." „Herr Otto! ich meinte es gut, denn Ihrem Vater danke ich alles, was ich bi» und habe." „Na, das ist ja ganz recht, also sagen wir zehn Prozent." „Herr Otto, wenn Sie mich beleidigen wollen, dann gehe ich." „Gott bewahre, wo will ich Sie beleidigen? Seien Sie nur nicht so etepetete,' wenn Ihnen zehn Prozent zu wenig ist, sagen wir zwanzig! Das Geld muß ich haben; geben Sic nur Ihren Schein her, ich unterschreibe soviel, wie Sie wollen." Ludwig biß die Zähne zusammen und stierte eine Zeit lang auf den Boden. „Es ist traurig," sagte er, „daß Sie mir keinen -uneigennützigen Schritt zutrauen mögen; aber Sie können nichts dafiir, man hat Sie blind gemacht, daß Sie nicht sehen können. Ich gebe Ihnen das Geld, bis Sie es mir zurückgeben können, Zinsen nehme ich nicht." . „Was? Keine Zinsen?" „Nein, aber — — —" „Ah, jetzt kommt das Aber, Gott sei Dank, sonst hätte ich mich wirklich meiner vorherigen Worte geschämt." „Aber," fuhr Ludwig fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten, „Sie müssen mir versprechen, nicht mehr Hazard zu spielen. Sie haben das zwar schon Herrn Schneider gesagt; doch Sie sollen es mir nochmals in Ruhe und mit Ueberlegung wiederholen. Es ist mir nicht des Geldes wegen, es ist wegen Ihres Vaters, daß ich Sie bitte, das Versprechen sich recht oft ins Gedächtnis zu rufen." „Das kann ich ruhig versprechen, ich spiele nicht wieder, denn das Hazardspiel ist Blödsinn. Aber daß Sie Geld ohne harte Bedingung geben wollen, freut mich, Sie sind ein weißer Rabe." „Warum? Wieviel jüdische Wucherer kennen Sie denn?" „Ich? Keine, aber man sagt doch . . ." „Man sagt . . . Wieviel Erfahrung haben wohl Ihre 16jährigen Kameraden im Gymnasium gehabt? Denken Sie einmal darüber nach!" „Sie haben recht, Sichel! Hier meine Hand, von jetzt ab will ich mein Urteil nur nach genauer eigener Beobachtung und Erfahrung bilden, das Nachbeten geläufiger Vorurteile soll hiermit ein Ende haben." „Gut," sagte Ludwig, „ich habe das Geld in meiner Wohnung. Soll ich es Ihnen gleich nach Büroschluß heute Mittag in ein Cafe bringen?" „Unsinn, ich gehe mit Ihnen in Ihre Wohnung." Die Ueberlieferung des Geldes vollzog sich rasch, und da Otto sich über die unerwartete, so uneigennützig angebotene Hilfe verlegen fühtte, sagte er: „Hören Sie einmal, Sichel, lassen Sie uns wirklich Freundschaft schließen, und lassen Sie uns gleich darmit beginnen, daß wir uns duzen." „Topp! Es gilt," antwortete Ludwig, „da hast Du meine Hand, und da ich kein Bier mö> keinen Wein im Hause habe, um unsere neue Freundschaft durch einen Trunk zu besiegeln, wollen wir wenigstens eine Friedenszigarre zusammen rauchen." Mit diesen Worten reichte Ludwig einige seiner selbstgemachten Importen hin. Otto steckte sich eine an, wehte sich den Rauch zu, hielt die Zigarre direkt an die Nase und rief begeistert: „Donnerwetterl Was rauchst Du für ein feines Kraut! So etwas kann ich mir nicht leisten, höchstens wenn Papa mir manchmal in guter Laune einige seiner Stengel austoartet." Ludwig drängte, daß der neugewonnene Freund . sich noch einige Zigarren einsteckte. ' „Ich werde einige Wochen lang keine rauchen," dachte Ludwig, froh, daß er einmal Gelegenheit gehabt hatte, fiir die vom Vater des neuen Freundes empfangene Wohltat eine Gefälligkeit zu erzeigen. Otto schmauchte die zweite der von Ludwig gereichten Zigarren im elterlichen Hause nach denk Mittagsmahle. Herr Karl Freudenreich, der ein leü«nschaftlicher Raucher war, bemerkte den lieblichen Dust und fragte seinen Sohn gleich nach der Bezugsquelle. „Ein Geschenk von meinem Freunde Sichel," sagte Otto. „Von Deinem Freunde Sichel?" fragte Herr Freudenreich, das Wort Freund stark betonend. „Ja, wir haben uns befreundet, und das ist die erste Freundschastsgabe; ich habe noch eine von derselben Sorte, die ich Dir hiermit ergebenst anbiete." (Fortsetzung soll.) 4788

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