Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692775--06751-2701783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Bierteljatzr: In Frankfurt a. M. Alk. 1.— frei ins Haus.' Bei der Post abonniert 90 Psg., frei ins Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, sür Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Psg.!• - — — - — 'J Reduktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgeber: Sa lg H»eis. ■ ■.— .- Jnsertionsprris für die snnfgespaltene Petitzeile 25 Psg., für die Rcklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate. Heirat s-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne . jeden Rabatt. Platz- und Taturn-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahine bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Freitag, de« 28. Sclnvat 5672 (16. Februar 1912) Rr. 7. 10. Jahrgang. Die Frankfurter Univerfität. Als voriges Jahr das Frankfurter Universitäts-Projekt ins Stocken geriet, glaubten wir, einen Triumph der jüdischen Ehre feiern zu können. Doch es scheint anders kommen zu sollen! Das deutsche Klima ist anscheinend für jüdische Triumphe ungünstig: — oder find es die deutschen Jude», derlei! cs an Standhaftigkeit fehlt? Das eine aber ist sicher, daß diese Standhaftigkeit dem Frankfurter Oberbürgermeister nicht mangelt. Wer diesem Manne Voreiligkeit oder raschen Verzicht auf die Durchsetzung einer großen Idee ivegen noch so großer Schwierigkeiten zutraute, der rvird durch die neueste Phase der Hochschulfragc eines Besseren belehrt rverden. In der letzten Zeit drohte das Interesse der Ocffentlichteit für die Frankfurter kkniversität rvieder einzuschlafcn, denn die Schwierigkeiten, die sich dein Projekt entgegenstellten, schienerl unüberwindlich. Tie Aussichtslosigkeit der von einigen Seiten erhobenen. Forderung, daß sich die Regierung mit dem Bestätignngsrecht der Dozenten begnügen möge, danach das Durchsickern von Gerüchten, die. besagten, daß die Reservatrechts heischende Klausel der Frankfurter Stadtväter keine Aussicht auf Gegenliebe bei der Regierung hat, schließlich und hauptsächlich die von Frankfurt allein zu lösende und noch ungelöste finanzielle Frage bedeuteten augenscheinlich eine Verschiebung des obcrbürgermcistcrlichen Lieblingsivurisches auf Jahre hinaus, wenn nicht gar seine Undirrchsührbarkeit, während seine Verwirklichung diesem den Lorbeerkranz der Ewigkeit ums Haupt rvinden rvürde. Da nun plötzlich die Nachricht, daß eine Koulmission des Kultusministeriums' tutd) Frankfurt gekommen ist, um die rvissenschaftlichen Einrichtungen, die sür die Universität in 'Aussicht genommen sind, zu besichtigen! Wenn die Aktien so stehen, dann muß AdickeS auch schon in der Geldfrage rveitergekommen sein, und da gab es für ihn nur einen Weg. Die christlichen Millionäre werden nicht auf einmal gebefreudiger geworden sein, die getauften indischen Millionäre auch nicht, denn diese pflegen bekanntlich nur für christlich-konfessionelle Institutionen zu zeichnen, um ihr Christentum öffentlich zu beglaubigen, — also konnte er nur bei den ungetansten jüdischen Millionären angcklopst haben. Urrscrc Kombination war richtig. Wie wir hören, hat eine bekannte alte Dame eine Million unter der Bedingung zugesagt, daß bei der Besetzung der Lehrstühle jegliche konfessionelle Beschränkung ausgeschlossen sei. Die Gabe dieser Dame wird bei noch einigen jüdischen Millionären die diesen sehr willkommene Wirkung haben, die ausgezwungene Zurückhaltung aufzngebcn. In nicht zu langer Zeit wird dann die Franko furter Judenheit durch Ordensauszeichnungen oder Titelverleihungen einiger ihrer Mitglieder geehrt rverden. Ob sie aber in der fast nur durch jüdisches Geld ermöglichten Universität die Gleichberechtigung genießen wird? O ja, der Herr Kriegsminister beteuert doch jedes Fahr im Reichstage, es stehe verfassungsgemäß der Wahl der Juden zu Offizieren nichts im Wege, — und trotzdem war es sogar dein Sohne des Barons von Goldschmidt fast unmöglich, simpler Reserveleutnant zu werden! So wird auch bei der Anstellung an der Frankfurter Universität keine konfessioneUe Beschränkung nach dem Regulativ herrschen, - und trotzdem so leicht kein Jude eine definitivc,pensionsberechtigte Anstellung erhalten. Wie immer: Geld und leine Rechte! Aber wir fürchten, daß in unserem Frankfurt noch eine rveitere Gefahr erwächst; wir fürchten, daß durch die lluivcrsität die Frankfurter Juden ihre einflußreiche Stellung, die sie wie in keiner zweiten Stadt Deutschlands innehaben, einbüßen rverden. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich durch die elenden Schachertaiifen eines Teiles der sogen. Cröme der Frankfurter jüdischen Gesellschaft diese gebührende Position bereits erheblich ungünstiger gestaltet; dann wird sie wahrscheinlich den letzten Stoß erhalten. Bringt nämlich die llniversität für die Akademiker der deutschen Judenheit die papierene Gleichberechtigung oder die faktische Rechtlosigkeit, so muß das auf das Prestige speziell der hier ivohnenden Judenheit verschlechternd wirken. Daß auch das Ansehen des gesamten .Handelsstandes in gesellschaftlicher Beziehung durch die kommende 'Akademie degradiert wird und die Männer, denen Frankfurt seine Größe verdankt, in die zrveite Linie abzurückeir haben, ist eine gervis; sür viele Frankfurter Großkausleute und Industrielle betrübliche Begleiterscheinung, die int Gefolge der Geistesheroen kommen rvird, die aber mit der vorhandenen neuerlichen Entrechtuiig und damic Aechtung der Juden nicht auf gleiche Stufe gestellt rverden kann. Jrn Prinzip begrüßen wir und mit uns die Frankfurter Judenheit die Universität, die doch nur eine Befruchtung unseres geistigen inneren Lebens bedeuten kann. Allein hier handelt es sich um unsere Ehre, um unsere Staatsbürgerrechte, die beeinträchtigt rverden, — wenn die Universität begründet rvürde ohne Gewährleistung der tatsächlichen Gleichberechtigung jüdischer Dozenturbewerber. Die Delegation des Kultusministeriums wird sich rvohl davon überzeugt haben, daß von anderen Mängeln nicht zu reden - - selbst die schönen Räurne unserer medizinischen Institute, die als universitätsreis irn Vorentrvurfe stehen, noch erheblich vergrößert rverderi müßten, rvcnn sie bezüglich der Anforderungen und Fassungsvermögen auch nur. mit mittleren Universitäten konkurrieren sollen. Und da rvird der Herr Oberbürgernreister rvieder nach großen Geldzuschüssen lausen rnüssen. Wir aber raten wiederholt den jüdischen Geldgebern, der Uebcrreduugskunst des klugen Herrn Adickes die starre Forderung nach ri n z >v e i d e u t i g e n Garantien für die konfessionelle Gleichberechtigung aller Dozenturberverber der geplanten Universität eiitgegenzustellen. Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Die Demission Haim-Rahums. H a i m - N a h u m, der kluge Oberrabbiner der Türkei, hat demissioniert. Ob die Demission rvirklich zll seinern R ü ck t r i t t führen wird,- kann man nicht sicher Voraussagen. Denn bei Haim- Nahuin ist man nie einer Sache sicher. Heute so und rnorgen anders, ist das hervorstechendste Eharakterzeichen dieses Oberrabbiners. Der Grund, weshalb er seine Dennssion gegeben hat, soll in dem Vertrage bestehen, den -der Medschliß dschismani (das Konsistorium) mit der Konstantinopelcr aschkenasi^chen Gemeinde abgeschlossen hat. Dieser Frieden s sch lnß, für dessen Vollstreckung der Medschliß das höchste Lob verdient und auch tu seltener Einhelligkeit seitens der jüdischen Presse der Türkei erhalten hat, soll den Grund der Demission des Obcrrabbiners bilden. Ein seltsamer Oberrabbiner, der zurücktreten will, rveil im jüdischen Lager der Friede erzielt roordeil ist. - Ei» seltsamer Oberrabbiner, das ist Haim- Nahunr in der Tal stit dein ersten Tage seines 'Antrittes gcrvese», ein Rabbiner, der alle Fäbigkeiten besaß, nur die nicht, deren ein Rabbiner gerade bedarf. Klug, mit starken diplomatischerl Fähigkeiten, ist er die ganze Zeit über Diplornnt, aber nicht Rabbiner gewesen. Seinen diplomatischen Talenten verdankt er seine Erfolge, verdankt er seine Wahl zum Oberrabbiner, und sie haben ihn vielleicht zu der kleberzengung gebracht, daß es für Um besser sei, seine rveitercn Erfolge lieber ans rein diplomatischer Lanfbahn als ans der des Rabbiners und geistigen Führers zu suchen. Denrt das eine ist für jeden, der nur ein wenig das Wesen Haiin-Nahums kennt, klar: Der Friede mit der aschkenasischen Gemeinde ist vielleicht die äußere Ursache seiner D einission, der eigentliche innere Grund ist er nicht. Dieser ist vielmehr in dem ganzen Verhalten der Medschliß zu suchen, das eben in diesern Ariedensvertrage zum Ausdruck kommt. Dieser neugeivählte Medschliß dschismani, diese leitende Behörde der .türkischen Judenheit ist sür Hniin-Nahum zu rührig, zu energisch, zu ernst, zu jüdisch. Es hat vorn ersten Tage die ernste Absicht bekundet, in die verworrenen Zustände innerhalb der ottomanischen Judenheit. Klarheit und Ordnung zu bringen, den Jndifferentismus der Massen durch ein lebhaftes jüdisches Interesse zn ersetzen, das jüdische Gefühl neu zn beleben, rnit einem Worte, die Regeneration der türkischen Inden her be iz ufü hr eit. Ties ist es eben, was Haim-Rahum nicht paßt. Er, der würdige Zögling der Alliance, irtöchte alles beim alten erhalten rvissen, wenn nicht noch die Lage verschlimrnern. Denn überblickt man seine Tätigkeit, so kann man sich bei aller Objektivität der Vermutung nicht enthalten, daß Hairit-'Nahuin redlich bemüht war, die Unklarheit und Trostlosigkeit der Verhältnisse der türtischen Judenheit noch zn steigern. Wo er die Lage noch verworrener gestalten konnte, hat er cS getan, und wenn er jetzt rvirklich gehen sollte, so rvird mau ohne irgendwelche Feindschaft gegen ihn erleichtert aufseufzen und sagen können: Welch ein Glück, daß er gegangen! Fragt sich nun, ob er wirtlich gehen wird. Und solange nicht ein neuer Oberrabbiner gewählt ist, darf man dessen noch nicht sicher sein. In .Konstantinopel zirkulierten bestimmte Gerüchte, daß Haim-'Nahum nach seiner Demission einen Senator sessel, den er schon einmal vergeblich erhofft hatte, erhalten rverde: in diesem Falle wäre sein Weggang sicher. Denn Haim-Rahum wartet nur ans eine Gelegenheit, das leidige, unbequeme 'Amt eines Oberrabbiners mit dem bequemeren und aussichtsreicheren einer hohen politischen Stellung zu vertauschen. Wäre ihm dagegen eine solche nicht sicher, so wäre es noch sehr rvohl möglich, daß er sich eines besseren besinnt und bleibt. Und nach den letzten Nachrichten sieht es so aus, als ob es auch so kommen wird. Die Demission, durch die Haim- Nahum den Medschliß dschismani zur Nachgiebigkeit zwingen wollte, hat ihren Zweck verfehlt. Der Medschliß ist bei seinem Beschlüsse verblieben und hat die Demission akzeptiert. Nun scheint es, daß Haim-Rahum das Vergebliche seines Versuches ein-