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Neue jüdische Presse · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Vo« der erwachten hebräischen Sprache. Die hebräische Tageszeitung „Hed Häsin a n" in Wilna bietet ihren Lesern Nebersetznngen der hervorragendsten Neuerscheinungen der national-jüdischen Literatur. So erscheint jetzt in dem genannten Blatte fortlaufend eine Uehertragung der Schrift von Dr. Felix A. Thieilhaber „Ter 'Untergang der deutschen Juden". Demnächst tvird die Zeitung das bekannte Buch vonjDr. Arthur Ru PP in „Tie Juden der Gege.n- >o ftrly/, ferner T r. Ignatz Z o l l s ch a u' s „Ml« ss e n p r o b l e in" in hebräischer Uebersetzung veröffentlichen. Der hebräische Verlag „T n r g c m a,r", in Odessa veranstaltet Uebersetzungen der bedeutendsten Jugend- und Bolksschrifteil der Weltliteratur. In nächster Zeit erscheint im genannten Verlag „Don Quichote" von Cervantes in einer von dein Dichter Ch. N. B i a l i k besorgten hebräischen Uebersetzung. Im Druck befindet sich ferner die Märchensammlnng „Tausend und eine R a ch t", aus dem arabischeil Original übersetzt von dem bekannten Jerusalemer Hebraisten David Jeltin. Der Verein „Chowewe Sephath Ewer" in Petersburg gibt von Anfang ds. Js. ab eine Monatsschrift unter dem Titel „Hassapha" (Die Sprache) heraus, die ausschließlich der modernen hebräischen Sprachwissenschaft und den Bestrebungen zur Nenbelebunz nub Weiterbildung der hebräischen Sprache gewidmet sein soll. Die Zeitschrift wird ihr Augenmerk insbesondere der wissenschaftlichen Pflege unb, Ausgestaltung der Sprache des ■ täglichen Lebens, sowie der Sammlung und Bereicherulig der ivisscirschaftlichen Terminologie und des technischen Sprachguts zuwenden. Sämtliche hebräischen Neuerscheinungen sollen ferner in der Zeitschrift vom sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkte besprochen werden, wobei auf die gebräuchlichen Jrrtümer und Verstöße gegen die Sprachgesetzc — namentlich in der modernen Journalistik — tzingewiesen werden soll. Frankfurter Berichte. „M o 11 t e f i o r c" - V e r e i u. — Eine Aufmerksamkeit, die gradezu greifbar war, erzeugte dank seiner angeborene» Rednerbegabung und der Behandlung, die er seinem Stoffe augcdichcn ließ, Dr. med. D. Rothschild in seinen Zuhörern. „Die i ü d. Studenten ans den Hochschulen im Ka mpfe um die G l c i ch b e r e ch t i g n n g" lautete das Thema des Borträges, dessen Aufbau nachfolgend wieder gegeben sei. Von 184fi bis in die 70er Jahre genossen die jüdischen Studenten in allen studentischen Verbindungen Gleichberechtigung. Dann wurde der - Verein deutscher Studenten gegründet, der ausdrücklich Juden von der Mitgliedschaft ausschloß. Dieser Verein wurde bald sührcnd,- svdaß schließlich sämtliche deutsche Korporation:» den Juden die Ausunhine verweigerten. Es entstand die Freie wissenschaftliche Vereinigung, die die freiheitlich denkenden christlichen Studenten mit den jüdischen vereinigte. Doch es erwies sich, um vor der Außenwelt eine scharje Unterscheidung zwischen charakterlosen Kriechern und Fahnenflüchtigen einerseits und stolzen Inden andererseits zu machen, als notwendig, in einer besonderen jüdischen Verbindung strenge Tclbsterzichnng zu üben. So entstand dann der K. - C. (Kartell - Convent), der den Kampf gegen den Antiseinitismns und die Erziehung seiner Mitglieder zu selbstbewußten Juden zum Zwecke hat. Der „M o n t e f i o r e" - V e r e i n hat sich infolge seiner stets wachsenden Mitgliederzahl veranlaßt gesehen, bedeutend größere Klub-Lokalitäten zu mieten. Das neue Vereiiislokal — Bleichstraße 70 — wird in bezug auf Geräumigkeit und Ausstattung auch dein recwihule^en Geschmack genügen. — Schön eingerichtete Lese-, Schreib¬ und Spielzimmer ermöglichen den Mitgliedern einen angeiieymen und geniütlichen Aufenthalt. ,,T a l in u d Thor a" - V e r e i n. — Sonntag fand die diesjährige Generalversammlung statt. Der Vorsitzende, E m an n e l Le h ni a n n, erstattete den Bericht. Die Schiuriin und Vorträge waren regelmäßig und gut besucht. — Den Mikro- und Schulchan Aruch-Schiur leitete Herr Rabb. - Assessor Lipinsky. —. Die Freitag - Abend - Vorträge wurden von Rabb. Dr. Nobel, Rabb. -^Assessor Lipinsky, H. Schwab, Dr. Heinemann, Dr. May, I. B. Lery und Dr. Braun gehalten. — Rabb. Dr. Nobel setzte auch in diesem Jahre seine Borträge über Tehillim fort. Schon im vorigen Wintersemester hatte sich der Hörsaal für die Menge der Zuhörer als zu klein erwiesen, sodaß die Borträge in die Synagoge verlegt werden mußten. Die Zahl der Besucher, die den Aussührnngen des verehrten Redners lauschten, wuchs ständig. Der Vorsitzende sprach dem Herrn Rabbiner sowie allen andern Herren, die sich in uneigennütziger Weise in den Dienst der heiligen Sache gestellt haben, den Dank des Vereins aus. Die Vorstandsmahl ergab die Wiederwahl der Herren I a c o b H a m b n r g c r, Dr. I. H eine in a n n, E m annet Lehmann, Willy Mainz und Heinrich Rothschild. Verein f ü r i fi d. G e schichte und Literatur. — Der Vortrag, den Dr. med. Wilh. .Hanauer Montag abend hielt, wurde dem ausgiebigen Stoffe, der sich hinter dem Thema „T ie Krankenpflege bei den Iubcn" verbirgt, allseitig gerecht. Der Vortrag zerfiel in die Unterabteilungen: Krankenbesuch, Krankenvereine (Chewras), Armenärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen und Krankeiipsiegeriniien. Von den interessanten Einzelheiten sei folgendes wiedergegeben: Die Pflicht des Krankenbesuches sehen wir schon in der Bibel geübt, und an zahlreichen Stellen beschäftigt sich der Talmud mit ihr. Die Institution der Krankenvereine läßt sich in Deutschland bereits im 11. Jahrhundert Nachweisen und die einer Art Krankenhaus (Hekdesch) 1631 in Köln. In den Institutionen des 'Armenarztes, der Krankenkasse und der Krankenpflegerin gebührt Frankfurt das Prioritätsrecht. Heute ist bei den Jude» in Deutschland das Krankenpslegewesen auf allen Gebieten so durchgeführt, daß z. B. bei den Inden auf 75 000 und bei den Christen auf 1 Million Seelen eine Kinderheilstätte kommt. Freie L e h r g ä u g e f ü r 2 ch ü l e r i n n e n. — Bekanntlich stellt die Höher« Mädchenschule seit der Resorm vor drei Jahren wesentlich höhere Anforderungen an die Heranwachsende weibliche Jugend. Gerade in der Zeit, in welcher gesundheitliche Gründe am ehesten gegen eine starke Belastung der Mädchen sprechen, werden den 13—15jährigen.Schülerinnen durch den mathematisch-physikalischen llnterricht und die Unterweisung in zwei Fremdsprachen 'Anstrengungen zugemutet, denen nicht alle jungen Mädchen gewachsen sind. Äiif mil Nb. Bon S. Lutz- Mannheim. (Fortsetzung.) Das; Heincinann kein Gelehrter war, der die Weisheiten und Feinheiten Raschis aus der Urquelle geschöpft hatte, tat seinen Belehrungen in den Augen Ludwigs keinen Abtrag; im Gegenteil, durch die Einfachheit und den Mangel jeder Kunst im Bortrag machten die philosophischen Betrachtungen den Eindruck vertraulicher, verwandtschaftlich-gemütlicher Unterhaltung. Ludwig wurde die Familie .Heinemann imnicr mehr zum - trauten 'Heini, das seine Mußeftrmden wahrhast beglückend gestaltete. Und auch das Arbeiten im Hause war ihm keine Anstrengung, sondern ein Grünst, indem er dabei ivie Frau tzeinemann und die Kinder den Reden Heinemanns genr und ausmcrlsam lauschte. Die Arbeit Ivurde auch dadurch mehr zum angenehmen Zeitvertreib gestaltet, daß sie jetzt, seitdem die seinen Zigarrcnsorten ohne Formen nur in seiner Handarbeit hergestellt wurden, ausgiebiger lohnte, wenn man auch in derselben Zeit nur die halbe Stückzahl machen konnte. Auch die Sorge nm> Tante Taube, die manchmal Ludwigs heitern Sinn beunruhigt hatte, war glücklich gehoben. Tante Taube hatte einen Brief geschrieben, der in den dankbarsten Redewendungen gegen Gott und alle Welt ihre augenblickliche Lage pries. Ihre drei Kinder Ivaren ins Waisenhaus ausgenommen worden, und sie >var jetzt nicht mehr gezwungen, nmherzuwandern und erbetteltes Brot zu essen. „Obgleich unser Khilleche," schrieb sie, „fast gar keine reichen und nur wenige wohlhabende Mitgliedt hat, finde ich ein ehrenhaftes Brot und bin bei allen angesehen und beliebt. Wo eine Barmizwoh, eine Hochzeit, irgend eine Simche ist, werde ich gerufen und helft arbeiten uito kochen; wo Gott behüte ein Krankes ist, bin ich da und helft pflegen; oie Wöchnerinnen helft ich warten, und auch, in den allertraurigstcn Fällen wach' ich bei den Toten, koch' ich und führ' ich den Haushalt in den sieben - Tranertagen. Etwas ist inriner los in der Khille; dadurch halse ich stets mein Essen und bekomme auch bas Geld, das ich für meine Kleider brauche. Mer das ist das wenigste; solange ich an fremden Türen war, war ich eine Fremde in der Welt, und Ivie glücklich bin ich jetzt, daß ich alle Siinches der Khille miterlebe und mich mktfrenen darf, wenn cs den andern gut geht, und daß ich mitweinen kann und mittrauern, ioenn die andern trauern und weinen. Was ist üer Mensch doch unglücklich, wenn er nicht tcilnehmen kann an dem Geschick der andern." „Ja," sagte Ludwig, als er den Brief zu Enoe gelesen, „das ist ein Glück für die gute Tante Taube, die iinmcr nur an andere, nie an sich selbst gesucht hat." Die glücklichen Tage verflossen Ludwig noch schneller als sonst, und ehe er sich versah, kam er zum zweiten Shlvesterpunsch in das Haus des Chefs. Jetzt wurde schon weniger von der Pracht der Zimmer und der Geräte gesprochen, das war jetzt schon etwas Bekanntes, Selbstverständliches, das er zu er-warten berechtigt war. An den äußeren Glanz des Lebens gewöhnt man sich schnell, und nur kurze Zeit findet nian ihn des Crwähnens wert, aber von der Herzensgute des Herrn und der Frau Freudenreich wurde noch viele Tage gesprochen. Mcnschengüte wird von dankbaren Gemütern nicht leicht und schnell vergessen. * Tie Zeit verfliegt. Auch das dritte Jahr, da Ludwig als .Kommis im Hause Freudenreich tätig war, neigte zu Ende, die Einladung der Büroangestelltr» zum Shlvesterpunsch mußte bald ergehen. Verdient hatten sic die Ehre und das Bergungen mehr als sonst, sic hatten eine besonders arbeitsreiche Zeit gehabt. Herrn Karl Freudenreich, der schon viele Ehrenämter inne hatte, war nun auch die höchste Bürgerkrone des Landes ziigcfallcn, er war zum Mitglied des Reichstages gewählt worden, und Otto Freudenreich! war im Herbste bei den Dragonern eingetreten, um sein Militärjahr abzudienen. Die Arbeit, die sonst den Fehlenden zugefallcn war, wurde auf das andere Personal verteilt, und ans den immer arbeitsfreudigen LudN'ig war ein großer Teil der Last gefallen. Die Angestellten hatten alle Arbeit gern geleistet, aber jetzt fragteil sie sich oft: Wird Herr Freudenreich uns wieder zumi Shlvesterpunsch laden wie in früheren Jahren, oder wird er die paar Tage, die er in den ParlanientSferien zuhause verbringt, nur seiner Familie widmen? Doch Herr Freudenreich, blieb Ler-"alten Gepflogenheit treu. Am Sylvestermorgen erfolgte die Einladung, und für Ludwig gab es eine besondere ileberraschung, als Herr Schneider ihm mitteilte, daß ihm eine Neujahrsvcrgütung von dreihundert Mark gewährt und außerdem sein Gehalt auf zweihundert Mark pro Monat erhöht sei. Am liebsten hätte er das Geld an Tante Taube geschickt, aber Heinemaiur philosophierte so viel über das Glück der Genügsamkeit und stellte eindringlich vor, Tante Taube sei jetzt so vollständig versorgt und zufrieden, daß es unrecht lväre, sie durch Uebersendung einer so großen Summe in Verlegenheit zu setzen. „Das ist der Grundstock zum Kapital, das Sie ansammeln müssen, um einmal selbst eine Fabrik anzufangen, Herr Sichel, — darum überlegen Sie sich das erst einige Tage, ehe Sie über das Geld verfügen." Wenn Heincinann geahnt hätte, was sich alles aus dem Zurückbehalten dieser dreihundert Mark entwickeln sollte, dann wäre er wohl weniger bestimmt in seinem Urteil und weniger vorschnell mit seinem Ratschlage gewesen. Beim Shlvesterpunsch war auch der einjährige Dragoner Otto gegenwärtig, der seinen Feiertagsurlaub zuhause verbrachte. Otto wahrte den 'Anstand des gastgebendcn Hauses und begrüßte Luowig, aber es wurde kein unnötiges Wort zwischen ihnen gewechselt. Am drittelt Januar kam Otto vormittags früh ins Büro und verhandelte leise nno dringend mit Herrn Schneider. Man sah es Ottos Mienen an, daß er aufgeregt war, und daß er cs demütigend empfand, so lange vergeblich zu bitten. In der Aufregung sprach er die letzten Worte der Unterredung so laut, daß jeder im Büro sie hören konnte. „Verflucht!" sagte er, „wegen lumpiger dreihundert Mark wollen Sie mich zugrunde richten, ich bin verloren, wenn Sie mir nicht helfen." (Fortsetzung folgt.) 48

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