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Neue jüdische Presse · 1912-02-02 · Heft 5 (2.2.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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“ " „ zu Ilr. 5 rfes LmilMrler Maeklislkm Familienklalles. der Verwirklichung Assimilation oder Jndenstaat 1 In den nächsten Tagen erscheint bei Müller, München, unter dein Titel Jndenranfen ein Buch,' dessen Herausgabe Professor Lombart besorgt hat. Es enthält die Antworten folgender, von Dr. jZlrtur Landsberger an bekannte Persönlichkeiten gestellten Fragen: 1. Welches sind die voraussichtlichen Folgen geistiger, wirtschaftlicher, politischer Beziehung im; Falle der Assimilation aller Juden durch Massenübertritte, Mischehen usw.? 2 Welches sind eben diese Folgen im Falle der zionistischen Idee? a) für die judenreinen Staaten, b) für den Zionistenstaat. ö. Wenn weder 1 noch 2 eintritt: sind Konslilte zu befürchten? Falls „ja": welcher Art werden diese Konflikte sein? Schluß: „Ist demnach 1, 2 oder 3 wünschenswert?" Durch die Liebenswürdigkeit des Verlages ist cs uns chereits jetzt möglich, ans den Antworten einiges initzuteilen. Hein r i ch M a n n: „Assimilierung halte ich. für wünschenswert, sofern sie nicht Uufgehen bedeutet, sondern Annäherung und Einwirkung. Die Inden dürfen sich nicht mit dem Ideal durchdringen, Germanen zu werden. Nicht nur der Jude ist verloren, der sich tvtschießt, weil er nicht Reservcleutnant wird, sondern auch der, der es wird. Denn für ihn ist es zu Endemit dem /Zwang, Geist zu haben (wozu Fragwürdigkeit und Abseitigkeit ihn nötigten), m i t d e m Zwang, den Geist wenigstens zu lieben und ihn bei seinem „Wirtsvolk" geltend z u m a ch c n. Was aber soll, wenn auch die Juden versagen, aus einem „Wirtsvolk" werden, das schon jetzt an geistiger Unterernährung krankt? Wenn kein Jude mehr das öffentliche Leben ein wenig luf und 16. Bon S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) IV. Ludwig und Otto ivarcn nach Beendigung ihrer »zweijährigen Lehrzeit als Kommis eingestellt worden. I Ludwigs Gehalt wurde zwar auf hundert Mart Icrhöht, aber nun mußte er noch haushälterischer uiu- Igeheu mit seinem Einkommen als früher, er konnte liogar für Tante Taube nichts mehr erübrigen, denn Imin mußte er Kleider und Wäsche sich selbst stellen. »Herr Freudenreich bot ihur jetzt keine abgelegten Sachen Weines Sohnes mehr an, das hätte er, selbst wenn ^ie noch so gut erhalten gewesen, für eine Herabwürdigung der Standesehre seines Geschästsangestellten Whaltcn, und Ludwig wäre auch zu stolz gewesen, llcht noch derartige Zuweisungen anznnchnien. Außerdem mußte er nun auch etwas mehr für Kost und ^ogis zahlen, denn Heineinanii hatte noch ein Zimmerkm dazu genommen, in dem Eduard und Ludwig zusammen tvohnten, während Berta und Frieda, die Iiun elf und neun Jahre alt waren, inr bisherigen ktinderschlafziminer blieben. I Eine besonders große Ausgabe erwuchs Ludwig km Winter, als die Anschaffung eines feinen schwarzen W'esellschaftsanzuges notwendig lvurde, denn einmal im »ahre wurde das ganze Bureaupersonal in die Fainilie des Chefs zu Gast geladen, nämlich jedes Jahr kmii Lylvesterpuusch. Das war eine langjährige Gc- Ichäslsgepslogxnheit, und diesmal mußte auch Ludwig Arscheincu. Wochenlang spräche» Herr und Frau Heinemann kou dieser Einladung. Sie waren aufgeregter als f-ndivig. „Einmal bin ich von Herrn Freudenreich in seine k-ohuung geschickt ivorden, um etloas zu holen, — Ja» ich da gesehen habe, das vergesse ich nicht, Ww wenn. ich hundert Jahre alt werde," sagte Heine* vann, und schilderte immer wieder die Pracht der geistiger macht und keine Jüdin mehr die Liebe? Die Folgen der pollständigen Assimilierung nnd die der Trennung wären gleich schauderhaft." Mann zeigt ein Dilemma, aber keinen Ausweg. Den gordischen Knoten zerhaut Hlermann Bahr: ,,. . . Ich halte den Judenstaat für möglich. Aber ich glaube nicht, daß wir dann so sehr viel weniger Juden haben werden als jetzt. Er wird die' a r in e n Juden anziehen, und sie werden dort, was ihnen jetzt unter uns versagt ist, ciniinenschenwürdiges,Leben finden. Die Juden aber, die bei uns seßhaft geworden sind und sich eingewöhnt, sich akklimatisiert haben, werden hier bleiben, aber in einem besseren Zustand des Gemüts, innerlich beruhigt durch das Gefühl, einerNation anzugehören, die wieder ein Vaterland hat. Das wird sie nicht hindern, gute Bürger der Staaten zu sein, in denen sie wohnen, ganz wie die Deutschen in der Schweiz oder in Oesterreich ihre Liebe zum großen deutschen Vaterland nicht hindert, gute Schweizer oder gute Oesterreicher zu sein. . ." Im gleichen Sinne äußert sich der Zentrumsführer ' Mat thias Erzberger: „ . . Die Verwirklichung der zionistischen Idee kann rascher eintreten, als Freunde und Gegner derselben annehmen: aber nur für die Massen der russisch-polnischen Inden. Diese 6—7 Millionen Menschen, die der russische Bolksiörper nicht verdaut, die in anderen Staaten nicht ausgenommen werden, könnten zweifelsohne ein kräftiges Gemeinwesen in Vorderasien bilden, wo sie kulturell mehr nützen würden als an ihrem heutigen Wohnorte und wo es den einzelnen Gliedern weit besser ginge als jetzt. In diesem beschränktem Umfange hat der Zionismus eine Existenzberechtigung, ist vielleicht sogar eine Notwendigkeit. Wenn er eine jüdische Kolonisation i n V o r d e r a s i e n s ch a f f t, nützt Möbel, der Gemälde, der Spiegel und all der Dinge, die ihm so glänzend erschienen waren. Wenn er sich in der Erinnerung so recht an dem gesehenen Luxus berauscht hatte, schloß er gewöhnlich seine Rede mit der Versicherung: „Wie bei einem Fürsten sieht es aus, auf den Treppen, und Fluren ist mehr Reichtani zn sehen, als bei dem reichsten Mann in der Khille in der Schabbesstube." „Herr Sichel," fiigte er diesmal nach einigem Ucberlegen hinzu, „ich zittere wirklich vor Angst, wenn ich denke, daß Sic jetzt auf den Polstern sitzen und ans den spiegelglatten Böden gehen und mit dem Alten und mit ihr reden sollen. Sie sind ja im Haus so freundlich und sprechen wie unsereins, aber wie leicht können Sie sich blamieren." „Beruhigen Sie sich," sagte Ludwig, „wenn man sich nicht vordrängen will, sondern einfach spricht, wie man denkt und wie's einem ums Herz ist, dann blamiert man sich nicht." Der vielgefürchtete mW so oft besprochene Gcsellschastsabend ging vorüber. Ludwig erzählte, daß alles fürstlich gewesen sei, und Heinemann freute sich, daß sein Urteil von Ludwig bestätigt wurde, als ob Ludwig nunmehr maßgebend sei für das, was ftirstliche Pracht heißt. Am meisten rühmte Ludwig die echten Importen, die cs zu rauchen gegeben hatte, denn darin hielt er sich für sachverständig. Auch Heinemann gab er eine derselben zn versuchen, da der Gastgeber beim Fortgehen jedem noch sechs aufgenötigt hatte. Heinemann betrachtete sie mit Kenneriniene und rauchte sie mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. „Eine imitierte Importe von gleich köstlicheur Aroma könnte ich auch machen," bemerkte er schließlich selbstbewußt, „wenn ich Abnehmer dafür hätte. Ich mache bis jetzt billige Sorten für kleine Wirtschaften und für Privatleute, die billig rauchen wollen." „Probieren Sie es," meinte Ludwig, „nnd besuchen Sic mit einer feinen Probe-Sorte erstklassige Geschäfte, vielleicht entschließt sich doch einer, Ihr Kunde zu tverden." Der Versuch gelang. Nachdem zwanzig Ladenbesitzer ihn abgewiesen mit der Begründung, daß sie der besseren Kundschaft nur bekannte, eingesührte Marken anbieten könnten, sagte ein miternehmender Anfänger: „Ich wag's, aber nur unter der Bedingung, er der gesamten Knlturwelt» Wer judew-- reine Staaten wird es darum doch nicht geben; denn an eine iZwangsausweisung aller Juden denkt nicht einmal der rabiateste .Antisemit, uint so weniger ein objektiv urteilender Politiker. Der Abzug aller Juden könnte bei gewaltsamer propriation ihres Kapitalbesitzes gar nicht erfolgen, ohne unsere ganze Gesellschaftsordnung in den Grundfesten zu erschüttern. Gerade die große jüdische 'Geldmacht sollte es als ihre „nationale" 'Pflicht ansehen, die »flplichen Juden in einem selbständigen Gemeinwesen zu erhalten, weil sie schon! hierdurch am besten Selbstschutz treibt. . [ Diese kleine Auslese spricht bereits für die Bedeutsamkeit des Buches. Aus der Reihe derer, die zu dem Problem sich geäußert haben, seien hier noch genannt: die lkniversitätsprofessoren Köhler, Weber, Eulenburg und Natarp, und die Literaten Hauptmann, Ewers, Wed ekind und Mauthner. frankfurter Berichte. Verein „Tiferes Bachnrim". — Der Lichtbildervortrag des Herrn I. Kormes über ^.„Darstellung von Juden durch Rembrandt und Israels" lockte eine große Anzahl Freunde und Interessenten an, die ihre Erwartungen vollkommen befriedigt sahen. Der Referent behandelte im ersten Teil Rembrandts (1608—1669) Leben und Kunst. Er veranschaulichte die Rembrandt'schen Darstellungen an wohlgelungenen Lichtbildern, deren jedes er durch verständnisvolle Schilderungen ausführlich erläuterte. Er zeigte, wie Rembrandt aus einer schlichten Erzählung der Bibel eine reiche Fülle von phantasievollen Formen und Gestalten herauszubilden vermochte, wie bei „Abraham und die 3 Engel", „Josefs Traum" und anderen Gemälden. Der zweite Teil des Vortrages befaßte sich mit einem anderen ebenso bedeutsamen holländischen Maler, mit Israels (1824—1911), der sein Talent vorherrschend an den Werken Rembrandts, aber dennoch in charakteristischer Eigenart heranbildcte. Die Bilder Israels tragen meist den ernsten Ausdruck der Wehmut und Sehnsucht. Dardaß ich selbst die Ausstattung'der, Kistchen stelle meiner geschützten Originalaufmachung, — dann können Sie nur mir allein liefern, und der Lieferant bleibt inkognito." Heinemann nahm die beschränkende Bedingung an. Das Einkommen der beiden stillen Zigarrenmacher besserte sich allmählich, als ihr Fabrikat gern gekauft wurde. Durch den Erfolg entzündete sich Heinemanns Phantasie. „Herr Sichel," sagte er, „wenn Sie Geld hätten, könnten Sie die feinste Zigarrenfabrik anfange», und ich könnte Ihr Werkmeister werden; unser Fabrikat würde Löser & Wolfs erobern." „Wer ist Löser & Wolfs?" „Das wissen Sie nicht? Das ist die Firma, welche die meisten Zigarrenläden, besitzt» in Berlin allein ein paar Hundert, und man kann schon eine kleine Fabrik beschäftigen, ivenn man ein paar hundert solcher Läden als Kunden hat." Der erste Erfolg ist oft die Ursache mancher Not, und Sicgesfteude war schon Manchmal der Vorläufer bitterer Enttäuschung. Ludwigs Erfolge mehrten sich stetig. Im Geschäft freundliche Behandlung von allen Seiten und befriedigende Beschäftigung; selbst Herr Otto, der einzige stille Widersacher, unterließ seine Anfeindungen. IM Hause das wohltuende Gefühl, daß sein Arbeiten mit Eduard ihn förderte; konnte er doch jetzt schon ein französisches Buch ohne große Schwierigkeiten lesen und verstehen, und hielt er doch auch in den anderen Unterrichtsgegenständen -mit dem Realschüler Eduard gleichen Schritt. Selbst die ziemlich weit ausgespomienen Belehrungen seines Kostgebers waren ihm als geistige Anregungen lieb geworden. Es machte ihm Freude, daß die fünf Bücher Mosis und das hebräische Gebetbuch, die einzigen Bücher, die er je von der hebräischen Literatur kennen gelernt hatte, ihm jetzt bisher ungeahnte, interessante Fernblicke in die nwralischen Anschauungen des Judentums offenbarten, von denen er in der Schule nur dürftige Kenntnisse erhalten hatte, welche Kenntnisse noch obendrein durch die Mühseligkeit des Uebersetzens vom Hebräischen ins Deutsche beeinträchtigt worden waren. (Fortsetzung folgt:) 4285

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