Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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" " „ zu He. 4 des Irnnftfucfet “ """ lamilieaßiatfes. Daganja — eine genojsenschastliche Siedeluug jüdischer Landarbeiter am Tiberiasee. Daganja (früher »ach dem benachbarten arabischen Dorf Um-Djiiiii genannt) liegt am Jordan nnd am Tiber iassee. Die ungefähr fünf Kilometer lange nnd einen Kilometer breite Bodcnflächc eignet sich infolge ihrer gleichmäßig ebenen Gestalt zu intensiver Bewirtschasfnng. Anfangs wurde Daganja teilweise von den Arbeitern der jüdischen Farm Kinnercth bewirtschaftet. Dieser Modus stellte sich jedoch infolge zu großer Entfernung, als unzweckmäßig heraus. Vor zwei Jahren übertrug daher die „Palcstine Land Development Company" die Bestellung von Daganja einer Gruppe von sechs jüdischen Landarbeitern anS Galiläa, die die Bewirtschaftung ganz selbständig, ohne jede administrative Oberaufsicht, durchführen sollte. Dafür wurde den Mitgliedern der Gruppe ein fester Mvnatslohn gewährt, und außerdem sollten sie zur Hälfte an dem Reingewinn partizipieren. Der Versuch gelang sehr gut, obwohl die Ansiedler mit unzähligen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten nnd einzelne von ihnen an Fieber erkrankten. Das erste Bctricbsjahr schloß mit einem Reingewinn von -1600 Frcs. Ans verschiedenen Gründen verließ diese erste Gruppe nach einem Jahre den Boden von Daganja und fand auf einem anderen genossenschaftlichen Gut der Palcstine Land Development Companh in Galiläa Beschäftigung. An ihre Stelle trat eine andere Arbeitergenossenschaft von 9 Mitgliedern, die vorher in der Kolonie Chedera als Landarbeiter tätig gewesen und schon dort genossenschaftlich organisiert waren. Die zweite Grirppe übernahm die Bewirtschaftung von 1400 Dunam unter den gleichen Bedingungen wie ihr Vorgänger. Leider war die Regenmenge im letzten Jahre viel geringer als im vorhergehenden, und auch sonst hatten sich die Lcbcnsverhältnisse in der neuen Siedlung gegenüber dem Vorjahre nicht gebessert, trotzdenr wurde auch im zweite,! Betriebsjahre ein Reingewinn von über 2500 Frcs. erzielt. 'Vor kurzem ging der Jüdische Ratioualfonds daran, Wohnhäuser für die Landarbeiter in Daganja zu errichten. Diese Häuser werden in der Rahe des Jordans an einenr sehr schön gelegenen Punkte der neuen' Kolonie gebaut. Durch den Bail der Häuser ist denr Hauptübel, unter dem die neuen Ansiedler bisher ju leiden hatten, ab geholfen, und es besteht nunmehr die Möglichkeit, die Wirtschaft zu vergrößern. Einstweilen sollen noch weitere vier Genossenschafter eingestellt und die zu bearbeitende Fläche auf 2000 Dnnam ergänzt werden. Für später ist eine bedeutende Ausdehnung des Betriebes vorgesehen. Die Mitglieder der Genossenschaft sind voll froher Zuversicht nnd hegen die feste Uebcrzengnng, daß die . genossenschaftliche Betriebslveise Nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten, die jedem neuen Unternehmen anhaften, sich glänzend bewähre» und die einzige gesunde Basis für die künftige Kolonisationstätigkeit in Palästina abgeben wird. Aus dem Frankfurter Bereiuslebeir. Bereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit. -- Dieser ans jüdischen jungen Leuten bestehende Verein veranstaltet anr 18. Februar unter der Leitung des Herrn Alfred Anerbach vom Frankfurter Schauspielhaus einen zweiten „Modernen A Den ö." Zur Aufführung gelangt Hermann Sudermann's einaktiges Drama „Fritzchen" nnd eine in Frankfurt noch nicht gegebene Koinödie von Otto Julius Bierbaum. Es sind eine Reihe beruflich schauspielerischer Kräfte verpflichtet worden, n. a. Fräulein Jenny Schaffer vom Reuen Theater, die Gedichte von Dchmel, Ricke -und Liliencron zum Bortrag bringen wird. Außerdem sind in größeren Rollen beschäftigt, die Damen: Nellh Bamberger, Irma Carlebach, sowie die Herren: Dr. Alfred Carlebach, Edwin Frank und Fritz Lehr. Verein für jüd. Geschichte u. Literatur. Werner S o m b a r t ist ein klingender Name, von dem viel, vielleicht zu viel gesprochen wird. Sombart hatte das Unglück — vielleicht auch Glück —, uns Juden g ü n st i g zu beurteilen, das ist die Welt nicht gewöhnt, — daher so viel Lärm im Lager unserer Feinde, daher auch —7 so viel Lärm im Lager unserer Freunde, ja selbst in de» Zelten Israels, wo, wie die Verhältnisse es nun einmal verschuldet haben, immer Antisemitismus gewittert ivird. Dazu kommt noch ein weiterer Umstand: Werner Sombart hatte das Malheur, auf die Idee zu verfallen, die Judenfrage durch den Zionismus und nur durch den Zionismus lösen zu wollen, —7 und dies mutzte' naturgemäß in jenen Kreisen, die die Judenfrage durch unser Aufgehen in den Völkern lösen wollen, stark verstimmen. Huf und H6. Bon S. Lutz - Mannheim. (Fortsetzung.) „Das heißt," — fuhr HeiireManir fort, „Haß nachtragen, den Haß im! Herzen aufbelvahrcn! Sehen Sie, Herr Sichel, auch das Haßnachtragen ist »ns Inden verboten, gar nicht daran zu denken, daß >vir uns nicht rächen sollen. Es freut mich, daß Sie das Richtige getan haben, ohne daß Sie Raschi gelernt haben." Ludwig war 'schon so an Heinemanns lange Auseinandersetzungen gewöhnt, daß er ihn ruhig erzählen ließ : aber als Heinemann endlich fertig zn sein schien, fragte er seinen Kostgeber: „könnten Sie mich nicht auch Raschi lehren?" , Hcinemann schaute eine Zeit lang schweigend vor sich hin und zuckte schließlich verlegen mit den Achseln. „Um die Wahrheit zu sagen," begann er endlich, das Gesicht verziehend und sich hinter dem Ohr kratzend, „ich habe auch eigentlich keinen Raschi gelernt. Unser Lehrer hat es einmal in der Schule versucht, es war aber zu schwer für uns, wir konnten die Raschischrift nicht lesen lernen. Der Lehrer gab es auf und bedauerte nur, daß Raschis Erklärungen nicht so gedruckt wären wie' das Hebräische im Chumesch. Damit wir aber doch etwas von Raschi wußten, hat er bei den Versen, in denen eine allgemeine Moral vorkommt, uns gesagt, wie Raschi das erklärt, und das habe ich mir gemerkt, weil es mir so gut gefallen hat." Ludwig und Otto loichen sich in: Geschäft so viel als möglich aus; aber im Winter hatte Ludwig Gelegenheit, seinen: Widersacher einen Tadel des Herrn Schneider zn ersparen, und er tat es aus Dankbarkeit gegen seinen Wohltäter, ohne viel Aufhebens zu machen. Es sollten nämlich die Reiseavise der Geschäftsreisenden versandt werden, und zu diesen« Zwecke übergab Herr Schneider den beiden Lehrlingen die Notizbücher der Reisenden, an der Hand' derer sie die Adressen der Kunden abschreiben sollten. Ludwig bekanr die norddeutsche und Otto die süddeutsche Tour zur Bearbeitung. Nun hatte der Reisende für Süddeutschland! die Gewohnheit, hinter denr Namen der Kunden sich kurze Notizen zu machen über den Charakter und die Gewohnheiten seiner Kunden, nur sowohl für die Art der geschäftlichen Behandlung als auch des Privatverkehrs schon vor dem Besuch sich .klar' zu werden. Solche Notizen waren z. B. «chikaneur, Schwadroneur, Süffel und dergleichen. Ihm genügte ein Wort, um! zu wissen, ob bei der geschäftlichen Abmachung alle Bedingungen bei jedem Besuch wiederholt genau besprochen und niedergeschrieben werden nnrßten, oder ob es nötig war, den zu besuchenden Herrn vorher im Wirtshaus freigebig zu traktieren, um überhaupt einen Abschluß zn erzielen. Otto setzte diese privaten Benierkungen gedankenlos auf die.Adressen, und es märe gewiß für die Firma Karl Freudenreich unangenehm gewesen, wenn ein Kunde von ihr einen Brief erhalten hätte mir der Adresse: A. Schmidt, Schikaneur in München, B. Schulze, Schwadroneur in Augsburg, oder C, Lehmann, Süffel in Nürnberg usw. Ludlvig hatte durch einen Blick zufällig einen dieser groben Schnitzer bemerkt und hatte deshalb die Abwesenheit Ottos benützt, uni, alle seine Adressen durchzusehe». Er nahm die, welche Otto einen Tadel Hütten einbringen kötrnen, heraus, legte sie auf das Plllt seines Gegners nnd fügte einen Zettel bei, >vorin er auf das Fehlerhafte aufmerksam machte. Zuerst hatte er die Absicht gehabt, die unbrauchbareu Adressen einfach durch tadellose zu ersetzen, hatte aber dann überlegt, daß Herr Schneider fragen könnte, warum mitten aus den« Notizbuche des Reisenden für Süddeutschland auf .einmal Adressen von Ludwigs Handschrift wären, Otto änderte zwar die Adressen, aber Tank wußte er Ludwig nicht für seinen Zettel, im Gegenteil, er fühlte sich in seinem Stolze gekränkt. -.Dieser elende Judenbengel," sagte er sich, „erstecht sich, meine Arbeiten durchzusehen, .'als ob er mehr verstände als ich. Er muß hinmis, ich ruhe nicht, bis ich's erreicht habe." Otto war von Kameraden zur Unduldsamkeit gegen Juden verhetzt. Wie leicht sind in jugendlichen Jahren Vorurteile zu erwecken und schiefe Ansichten einzuimpfen! Wäre es nicht ein Jude gewesen, der ihm den Dienst erzeigt hatte, so wäre er für die zarte Art, mit der er auf. seinen Fehler aufmerksam gemacht worden war, von Herzen dankbar gewesen; gegen den Juden aber empfand er nur Groll, weil er sich durch seinen eigenen Fehler gedemntigt fühlte. Immerhin war der Kern in ihlm ein guter, die Liebe und Duldsamkeit gegen alle Menschen, die er im Hause seiner Elterir vor sich sah, verhinderten ihn selbst dann noch, als er den Vorsatz faßte, Ludwig unter allen Umständen aus dem väterlichen Geschäft zu vertreiben, zu unlauteren, hinterlistigen Mitteln zu greisen; er tvollte nur alle Sinne schärfen, um Ludwig auf einem Fehler zu ertappen. Biele Monde vergingen, das erste Jahr der Lehrzeit war längst abgelaufen, und die Tage waren schon wieder herbstlich rauh geworden, da sah Otto eines Mittags beim Verlassen der Fabrik in der Nähe derselben eine Bettlerin unter einem Baume stehen, die nach dem Fabriktor starrte. Das schien ihnr verdächtig, sollte ha ein Einbruch in das. Geschäft seines Vaters geplant sein? Tie Bettlerin war eine Jüdin, konnte also nach Ottos Meinung sehr wohl zu einer Einbrecherbanoe gehören, fiir die sie die günstigste Gelegenheit ausspionierte. Ec ging nachdenklich weiter, blieb aber in nicht allzugroßer Entfernung stehen mit zn beobachten, was diese Bettlerin inr Schilde führte. Plötzlich, als das Tor sich öffnete nnd Ludwig heraustrat, stürzte die Bettterin auf den Eingang zu, — und was mußte Otto sehen? Ludwig umarmte und küßte die Bettlerin wieoer und immer wieder, schloß dann das Tor, das er gerade geschlossen hatte, wieder aus und ließ sie in den Fabrikhof eintreteu, Otto überzeugte sich, daß Ludwig eine halbe Stunde mit der Bettlerin zusammen im Hofe blieb, und daß er dann mit ihr im eiftigen Gespräch seiner Wohnung zuging. Bon dieser Entdeckung erzählte er gleich nach seiner Heimkunft seinem Vater. „Laß das," sagte Herr Freudenreich, „SichelS Ehrlichkeit ist erprobt nnd über jeden Zweifel erhaben." „Vater, ich habe die Bettlerin selbst gesehen." „Es tvird seine Tante gewesen sein» die ihn auf ihren Rundwanderungen wieder einmal besucht hat." „Seine Tante?" fragte Otto mit hörbar verächtlichem Tone. „Ja, mit der er damals hiertzerkam, als er ins Geschäft eintrat." „Mit einer solchen Tante sollte er nichtüber die Straße gehen,' das wenigstens wäre er doch der Ehre unseres Geschäfts schuldig." „O, ein Lehrling ist keine so wichüge Person, die das Geschäft zu repräsentieren hat. Wenn er als Reisender für das Geschäft tätig wäre, müßte er zweiter Klasse fahren, dann zahlt das Geschäft auch die Repräsentattonskosten, privat könnte er aber auch dann noch mit seiner Tante vierter Klasse fahren." „Ich würde mich schämen, mit einer solchen Tante über die Straße zu gehen." „Würdest Du? Wirklich? Würdest Du Dich Deiner Familie schämen, wenn sie plötzlich verarmte? Dann würde ich Dir raten. Dir Deinen Freund Sichel als Vorbild zn nehmen." „Sichel ist nicht mein Freund." „Nicht? Und Ihr duzt Euch doch?" „Nein, wir duzen uns nicht, das hat er nur einmal in Deiner Gegenwart getan, um mich zn ärgern." „Dann Mußt Du seinen, Stolz gar schwer gekränft und Du mußt Dich im Unrecht gefühlt haben, sonst hättest Du wohl den Mut gehabt, eine nicht gewünschte Vertraulichkeir auf der Stelle zurückzuweisen." „Vater — — —" „Ich will das gar nicht wissen, Unterhaltungen über das Geschäftspersonal wünsche ich zn Hause nicht." Otto merkte sich diese entschiedene Zurückweisung und wich seinem 'Mitlehrling so viel als möglich aus. Er war ihm nicht fteundlicher gesinnt worden, aber er unterließ, vorerst weitere feindliche Aeußerungen und Betätigungen. . (Fortsetzung folgt:) ^56394