Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. Z rfes «franüfudet ffröEfififdirn ^ümificnöfaffrs. Eine Lilien- und Struck-Aur stelluug. Der Kunstsalon Trittler bietet gegenwärtig eine passende Zusammenstellung dreier graphischer Künstler, die das eine gemeinsam haben, daß sie sein benervte träumerische ' Stimmungsmenschen mit melancholichem Grundton sind. Die drei sind Ingwer C. Panlsen, Lilien und Struck. Panlsen — ein zukunftsreiches Talent — übergehen wir rasch. Flüchtig streifen wir ernste originelle Motive aus der Haide und Szenen aus dem fahrenden Molk, jenen lustigen, bedauernswerten Luftmenschen. Doch, wie gesagt, wir halten uns bei jenen fesselnden Blättern nicht lange auf. Wir sind der beiden anderen wegen hergekommen. Wir sind hergekommen, um Juden und Künstler zu sehen. Aber ist das nicht ein Widerspruch? . . . Wir wollen diese Frage hier nicht entscheiden. Sie ist sehr undankbar. Uebrigens würde sie den Rahmen eines Feuilletons übersteigen. Jedenfalls, dem modernen Kunstgeschmack nach — und seien wir einmal modern —. sännen wir jede Skepsis fallen lassen. Die Moderne wird aus seinen Nerven erzittert, ist Stimmungskunst! differenzierter Gemüter. Und daß ein so altes, schwer geprüftes und zerrissenes Kulturvolk wie wir Juden zur Moderne prädestiniert ist, das ist klar. Wohl kann man Struck und Lilien nicht modern im eigentlichen Sinne nennen, dazu sind beide zu ernst und zu eigenartig, aber sie zeigen den Grundton der modernen Kamst in ihrer .seinen Nervenarbeit und Stimmungsmalerei. Uebrigens Lilien nicht so sehr wie Struck. Ueberhaupt sind beide trotz der Würde .und des Ernstes ihrer Nadel recht verschieden. Lilien^ ist phantasievoller, reicher, orientalischer. Ganz Orient z. B. ist sein „Abraham", übrigens neben „An den Wassern Babels" vielleicht das prächtigste Stück. Und bann wie luftig sind Liliens Landschaften! Für Struck eine Unmöglichkeit. Struck ist ernster, schwerfälliger, er liebtdas düstere Helldunkel. Hierin, wie in vielem berührt er sich mit Israels. So ist Israels „Sohn des alten Volkes" überraschend von Struck in einer Kopie nachempfunden. Auch der Talmudgelehrte zeigt Aehnlichkeit mit jenem seines holländischen Bruders. Aber Struck fehlt die Größe der Auffassung. Hierin wie a» Reichtum der Phantasie steht er Israels nach Lilien und Struck sind nicht genial. Aber sie gehören schon jetzt zu den reichsten Talenten der modernen graphischen Kunst. Und beide sind noch jung und in ihrer Entwicklung sicher noch nicht abgeschlossen. W. Aus dem Frankfurter Bereiuslebeu. Verein „Mekor. Chajim." — Vierhundert Menschen — Männer, Frauen und herangewachsene Ju¬ Alts Mil Ab. Bon S. Luß-Mannheim. (Fortsetzung.) Tie Buchhalter waren dem Prokuristen gefolgt, I»ur die zwei Lehrlinge waren noch zurück. Ludwig!war für das Schließen der Büros verantwortlich und »blieb deshalb jeden Tag bis zuletzt da. Kaum waren Idic Herren weggegangen, als einige buntbemützte Gymnasiasten, Ottos frühere Kameraden, erschienen. „Otto, gehst Tu Mit, einen Frühschoppen petzen?" „Versteht sich." „Dann aber dalli." Sie stürmten lärmend davon, Otto eiligst hinterher. Als er eben das Hostor zuschlug, sah Ludwig, Idaß Otto die Depesche hatte liegen lassen. Ludwig Iwußte, wenn Otto erst einmal mit seinen Kameraden Izusammensaß, dann kam er in der ersten Stunde Inicht wieder los, und> da er nicht Geld genug bei sich Ihatte, um die Depesche selbst zu besorgen, lief er heiligst ans Tor und rief seinem Kollegen nach: „Herr Otto." Otto hielt sich verpflichtet, seinen Kameraden zu Zeigen, wie fest er noch an den in der 'Schulzeit gepflegten Grundsätzen hielt und rief, sich herumdrchend, zurück: „Halt's Maul, dreckiger Juo." Ludwig sprang in das Büro zurück, nahm die Depesche, schloß die Türen ab, lief so schnell er swnnte seiner Wohnung zu, und es gelang ihm, Heinemann unterwegs einzuholen. Bon diesem ließ er sich prei Mark leihen und brachte die Depesche auf das ^elegraphenamt. ' Die Antwort aus Rotterdam war um zwei Uhr F< und als Otto bald darauf ankam, sagte Herr Schneider: „Das haben Sie gut gemacht, Herr Otto, tzie Antwort ist schon da." I . »Donnerwetter," dachte Otto, „die Depesche! Ich k'uß sie im Bierdusel besorgt haben, das ist ja ein gend der Religionsgesellschaft — strömten Sonntag abend nach der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft, um in der Aula dieser Schule, durch deren Räume die Erinnerung an einen Rabbiner Samson Raphael Hirsch s.A. und an einen Direktor Dr. Mendel Hirsch s. A. schwebt, von Rabbiner Dr. Raphael Breuer-Aschaffenburg jüdische Erkenntnis zu empfangen. Das Thema des Vortrages „Frankfurter Eigenheiten. Zur Charakteristik der.Neuorthodoxie" ließ vermuten, daß der Redner das objektivere Urteil, das die Distanz von dem Objekte gewährt, den Gesinnungsgenossen, unter denen er seine Kindes- und seine Jünglingsjahre verlebt hat, unterbreiten wolle. Anfangs schien es auch so, denn daß er die Bezeichnung „Neuorthodoxie" als durchaus gerechtfertigt akzeptierte und die Selbstverständlichkeit einer im Rahmen des Gottesgesetzes sich vollziehenden Entwicklung der Orthodoxie im Laufe der Zeiten und bedingt durch die Veränderung der Zeiten betonte, schienen diese Aussassung zu bestätigen. Doch schon nach wenigen Sätzen änderte sich der Inhalt der Worte, und die» aufs höchste gespannten Erwartungen des Publikums machten einem Befremden platz. Es folgte nämlich eine sich bis zum Schluß der Rede hinziehende nicht grade würdige — man möchte fast sagen: profanierende Behandlung des Gottesdienstes in der Synagoge der Religionsgesellschaft. Die Frankfurter Orthodoxie habe aristokratische Züge und eine starke Berücksichtigung des ästhetischen Momentes in den Gottesdienst gebracht, und das zeigte Redner nun in einer Form, die dem religiösen Empfinden der meisten Zuhörer wehe tat. So kam es denn, daß, als er mit den Worten Stoltzes „Wie kann norr ein Mensch nit von Frankfurt sein" schloß, nur wenige Zuhörer klatschten. Schade, daß der Redner, dessen hervorragendes Rednertalent anerkannt werden muß, es unnötigerweise für erforderlich fand, zum Publikum hinabzusteigen, statt es an sich zu ziehen und emporzuheben. Der knappe Beifall bewies, wie sehr er sich verrechnet hat. Israel. Metzgergehilsenverein. — Am 6. Januar fand die Generalversammlung statt. Der Verein, dessen hauptsächliches Bestreben darin besteht, das kollegiale Einvernehmen zwischen den Gehilfen hoch zu halten, steht heute in hoher Blüte. Die Zahl seiner aktiven Mitglieder ist im letzten Jahre von 50 auf 70 gestiegen. Die Borstandswahl hatte folgendes Ergebnis: Hermann Frank (1. Bors.), Jakob Schön (2. Vors.), Julius Scheuer, Hermann Schloß, Otto Lehmann und Siegfried Rotschild. Der diesjährige Maskenball 'findet am 2. März in sämtlichen Räumen der Adler-Loge, Seilerstr. 22 statt. Verein „Nachlaß Zwi." — Der Bortrag des Herrn Marcus Golde über Luzattos „Migdal Os", das Drama der Menschheit, machte die Zuhörer mit einem der bedeutendsten Dichterwerke der hebräischen Literatur bekannt. Referent, der Moses Chajim Luzatto — geb. 1707 in Padua, gest. 1747 in Palästina — ein dramatisches Genie nannte, sprach die Ansicht aus, daß Luzatto unter anderen Lebensumständen einer der größten Dichter der Menschheit geworden wäre; das beweise sein „Migdal Os." Referent beantwortete sodann an der Hand Lessings die Erfordernisse des Dramas, sprach dem „Migdal Os" all diese Ersordernisse zu und ging dann auf das Drama selbst, das er für das einzige wirkliche allegorische Drama hält, näher ein. „Montefiore"-Verein. — Einen anziehenden Stoff hatte sich Rabbiner Dr. Salzberger mit seinem Thema „Salomo in der Sage" gewählt. Während das jüdische Volk sich hauptsächlich mit der Person Davids beschäftigt, da es am meisten sittliche Motive anziehen, ist Salomo in die Sage anderer Völker übergetreten und ist dort ein Lieblingsgegenstand geworden. So besonders den Arabern, denen er der Vorläufer des Propheten ist, und den Abrssynsern, die die Abstammung ihrer Könige von ihm herleiten Interessant ist, in welch' gegensätzlicher Auffassung Salomo geschildert wird., Redner gab eine Fülle von Stichproben und erntete zum Schluß wohlverdienten lebhaften Beifall. Zion. Jugendgruppe. Im Austrage der Zion Jugendgruppe wird Parteisekretär Curt Blumenfeld Dienstag, den 23. Januar abends 8% Uhr in der Alemannia (Schillerplatz) sprechen Verein für jüdische Geschichte und Literatur. — Der Vortrag des Herrn R bbiner Dr. Hosfmann-Randegg in der Frankfurt-Loge findet Dienstag (nicht Montag) abend statt. Eine sehr interessante, in ihrem letzten Teile äußerst stürmende Versammlung fand Montag, den 14. Jan. statt. Die Tagesordnung lautete: „Zionismus und Christentum", und Referent war der durch feine alljährlichen Borträge dieser Art .bereits bekannte. Pastor Klose. Trotz der alljährlichen Wiederkehr dieser Missions- Versammlungen fand sich auch diesmal ein äußerst zahlreiches Publikum ein, von dem der größer« Teil jüdisch war. Der Pastor referierte recht vornehm und zurückhaltend in der Form, und vermied es aus Taktgefühl und Klugheit, irgendwie das Empfinden seiner jüdischen Zuhörer zu verletzen. Das Hauptinteresse konsentrierte sich ncturcemäß aus die Diskussion. Als erster sprach, mit Beifall empfangen, Herr Martin L e v i g a r d, der für die deutschen Juden in Anspruch nahm, durchaus gleichwertige wahres Glück, sonst hätte es von Papa eklige Schelte abgegeben." Als um drei Uhr Herr Freudenreich ankam, konferierte er mit Herrn Schneider längere Zeit im Privmkontor, dann kam er heraus und sagte: „Otto, Du hast heute Mittag etwas länger Dienst gehabt als die andern, sodaß Deine Mittagspause sehr verkürzt war, dafür kannst Du, besonders da die pünktliche Besorgung der Depesche einen, guten Erfolg hatte, heute Nachmittag etwas früher Weggehen; hier hast Du Geld für ein Theaterbillet." Ludwig lächelte spöttisch, aber kaum merkbar für die andern; nur Otto sah es und zischelte leise zu ihm hin: „Frecher, mißgünstiger Jud." „Ich wünsch' Dir viel Vergnügen im Theater, Otto," sagte Ludwig laut. ' „Cs freut mich zu hören, daß Du mtt Sichel gute Kameradschaft hältst und daß Ihr Euch schon duzt," sagte Herr Freudenreich. Otto sah weg, wagte es aber nicht, den Irrtum seines Vaters zu berichtigen, da ihm immer noch nicht klar war, ob er die Depesche im Dusel besorgt hatte, oder ob er sie verloren und Ludwig sie gefunden. Sicher glaubte er, sie eingesteckt zu haben. Erst am folgenden Morgen wurde es ihm klar, da fand er näufl.ch einen Zettel von Ludwig auf seinem Pult, auf dem geschrieben stand: „Sie ließen die Depesche im Büro liegen, ich gab sie auf und mußte mir einen Taler leihen. Len ich heute zurückgeben muß; bitte legen Sie ihn auf mein Pult." Selbstverständlich schob Otto so bald als möglich das Geld vor Ludwig hin; aber er vermochte es nicht über sich, ein Wort des Dankes zu sagen. Er sah sogar den ganzen Tag weg, damit er Ludwigs Blicken nicht begegnete, weil er sich schämte, eine Belohnung empfangen zu haben für eine treue Pflichterfüllung, während er in Wirklichkett seine Pflicht schändlich vernachlässigt hatte. Es tat ihm wehe, daß gerade dem gehaßten Ludwig seine Schande am genauesten bekannt war. Wie das im Leben so häufig geht, steigerte sich durch diese geheime Demütigung sein Haß, — und anstatt ihn zu bekämpfen, redete Otto sich im Stillen in eine immer größere Wut gegen Ludwig hinein. Anfangs sagte er sich noch manchmal, Ludwig hä t: ihn ja beschämen können, als ihm für cine Pflicht, e.letznng noch eine Belohnung zut il wurde; ei re.r ’ Tuge.bl ck dachte er sogar daran, dag er bei dieser Gelegen!.ett Ludwig zweimal gekränkt hatte; — ab r rasch gingen diese guten Gedanken unter in dem Gefühl der Wtt, daß Ludwig seine Drohung wahr gemacht und chn in aller Ruhe im Büro öffentlich grdnzt h.tte. Als Heinemann diegeliehenen d ei Mark wieder bekam und auf seine Erkundigung e fuhr, wie schonend Ludwig sie von Otto zurückverlangt ha t-, frag e er: „Haben Sie Raschi gelernt? Ach so, daZ habe ich Sie ja schon einmal gef.agt. Sie haben ja keinen Raschi gelernt. Schade, daß Sie keinen Raschi gelernt haben!" „Warum? Was weiß Raschi von mir und Herrn Otto?" „Das ist gut," lachte Heinemann selbstzuf.ieden mit seiner Raschikenntnis, von der Ludwig gar keine Ahnung zu haben schien, „das ist wi-.kiich gut. Raschi soll von Ihnen und Herrn Otto etwas wissen." „Warum bedauern Sie denn, dag ich keinen Raschi gelernt habe?" „Ja, das ist so," begann Heinemann, , im dri ten Buch Mosis steht: „Du sollst Dich nicht rächen und keinen Haß nachttagen." Da erzählt Raschi ein f hr schönes Gleichnis. A. kommt zum B. und sagt: Leih' mtt Deine Axt! sagt B.: Ich will nicht. Am andern Tag kommt B. zu A. und sagt: Lech' mtt Deinen Spaten! sagt A.: Du hast mir gestern Dine Axt nicht geliehen, lech' ich Dir heute meinen Spaten nich k Das heißt sich rächen. Wiederum kommt zum Beispiel Rüben zu Simon und sagt: „Leih' mir Deinen Spaten! sagt Simon: Ich leih' ihn Di: nich! Am and.rn Tag kommt Simon zu Rüben und sagt: Leih' mir Deine Axt! sagt Simon: Da hast Du sie. Du hast mtt zwar gestern Deinen Spaten nicht g li.hen, ich leihe Dtt aber meine Axt doch. Siehst Du, ich bin ein besserer Mensch als Du!" (Fortsetzung folgt.)