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Neue jüdische Presse · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Artikel: Zur Chalukahfrage. — Aus den Ereignissen des Tages: Der letzte Schritt deS D. I. G. B. — Die Kunstgewerbeschule „Bezalel" ln Jerusalem. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Akiba. — Kalmon. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Spenden. — Familiennachrichten. — Allgemeine Mitteilungen.. Zur Chalukahfrage. Jeder Jude, der sich für Palästina interessiert, stößt bei offenen Attgen immer und immer wieder auf die Chalukahfrage. Und obwohl gerade sie für das heil. Land die wichtigste ist, fv hat doch niemand den Mut, ihr wirklich näher zu treten. Und es ist das auch begreiflich. Man weiß, daß die Art, wie die Chalukah heute organisiert bezw. nicht organisiert ist, die denkbar schlechteste, daß sie für unser Ziel, Palästina zu einem stolzen Zentrum des jüdischen Volkslebens zu machen, der denkbar größte Hemmschuh ist. Aber man weiß auch, daß die Chalukahnehmer von heute die jüdischen Kulturträger von morgen sind, 'wenn die Entwicklung günstig, daß an Wen das Palästinawerk scheitern kann, wenn sie ungünstig verläuft. Und bei der ungeheuren Tragweite jeder Tat scheut man vor der Verantwortung zurück. Und mm wird die Scheu noch vergrößert durch die ungeheure Schwierigkeit des Problems. Nachdem hauptsächlich durch Dr. Löwe und Dr. Friedemänn die Mißstände der Chalukah zuerst aufgedeckt würden, enthüllte sich ein solches Bild von Verkehrtheit und Rückständigkeit, daß man von zionistischer Seite im ersten Affekt am liebsten die ganze Chalukah unterbunden hätte. Tie Folge war ein heftiger und durchaus berechtigter Widerstand seitens der beteiligten Kreise. Denn die Ausführung dieser Idee hätte 40,000 Juden brotlos gemacht. Und da sich nicht auf einmal für '40,000 Menschen Arbeit finden läßt, so wären diese Leute buchstäblich verhungert. l Noch euren anderen Grund gab es für den Widerstand. Der Zweck der Chälnkä war die Förderung. des Thorastudiums im heiligen Land. Man .fürchtete, dieser Zweck würde durch eine Reform Schaden leiden können. Trotzdem entschloß.sich!, vielleicht um die Angrisfc zu entwaffnen, die Verwaltung der deutsch-holländischen Chalukah zu einerschwachen Reform. Befriedigt atmeten die zionistischen Kreise auf, daß sie vondieser unerquicklichen Frage befreit seien, uird sie überließen es dem I offenkundig guten Willen der Pekidnn und Amar- I kalim (die holländische Chalukahverwaltung) so- I wie der Freien Vereinigung, das schwierige Werk I durchzufiihren. Me Tätigkeit der Chalnkahverwal- I tung bedarf aber heute einer sachgemäßen" Unter- | suchung, und diese sei mir in den nachstehenden Zeilen gestattet. I * I lieber das Wesen, der Chalukah 'brauche ich! wohl nicht viel Worte zu verlieren. Es sind das I die Spenden, die aus der ganzen Welt für Palästina i zusammenlaufen und dort verteilt .werden unter I alle, die Chalukah nehmen wollen. Dabei bekommt I sozusagen jede Landmannschaft das Geld, das in I ihrer Heimat gesammelt wurde. Der Sinn war ur- I sprünglich. der, daß die Juden der Diaspora, die I sich mit alltäglicher Arbeit ihren Unterhalt erwer- I 8en mußten, einen Teil ihres Erwerbes Hingaben, »um es änderen zu ermöglichen, in Palästina nur | Thora zu lernen. Dadurch hatten die. Geldgeber » auch Wen Teil an dem Verdienst (SMiH der Ler- »nenhegi Durch die Chalukah angelockt, sammel- »W sich jWch unredliche Clemeüte an, die a ns bequenre Weise zu Geld konuneu wollten. Sie gelangten teilweise auch Zu großen! Einfluß und bereicherten sich aus Kosten der anderen, die sich um nichts kümmerten als ums „Lernen". Durch die stark anwachsende Bevölkerung wurde der aus den Einzelnen treffende Teil immer kleiner, und jo begann durch die steigende Not ..das sittliche Niveau noch mehr zu sinken, als es durch Zuzug schlechter Elemente allein geschehen wäre. Diesen Mißständen hat man. zuerst von Seiten der deutsch-holländischen Chalukah-Verwaltung entgegcnzntreten gesucht. Um die Ungerechtigkeit in der Verteilung unmöglich zu machen, schickte inan einen Rabbiner als ständigen Vertreter nach Jerusalem. Dieser entzog, resp. verkürzte einer Reihe von Leuten die Chalukah auf Grund einer erzwungenen schriftlichen Angabe des Einkommens und Vermögens. Um das frühzeitige Heiraten cinzuschränken, änderte er das System der bisherigen Verteilung. Während bisher jede Person, ob jung oder alt, alleinstehend oder einer Familie gehörig, dieselbe Chalukah erhalten hatte, bekommt jetzt ein selbständiger Mmm 20 Fr. monatlich, ein Ehepaar 30 Fr., jedes Kind im Hause der Eltern 20 Fr. vierteljährlich. Dadurch vermehrt sich! die Chälukah im Verhältnis zum jvachsenden Verbrauch, und aus denr Heiraten kann kein Geschäft mehr gemacht werden. Und noch eine Neuerung wurde cingeführt, nämlich die Errichtung einer Handwerkerschule, mit die Knaben, die sich nicht für das Thorastndium eignen, einem anderen Berns znznführen. Diese Reformen trafen ans den heftigsten Widerstand der Chalnkahnehmer. Man konnte sich nicht genug entrüsten über-die Schlechtigkeit der' Jerusalemiten, die sich gegen jede Verbesserung sträubten und die heftigsten Vorwürfe gegen ihre Freunde von Amsterdam und Frankfurt erhoben. Und Palästinareisendc wissen nach. oberflächlicher Information zu Gerichten, daß die Palästinenser so verkommen seien, daß Rabbiner Horowitz, der Vertrauensniann der Ehälnkäh-Berwältung, kaum seines Lebens sicher sei. Da scheint es nun kühn zu sein, wenn ich behaupte, daß die Schuld an dein geringen Erfolg der Refornl nur zum kleinen Teil die Palästinenser, znm weitaus größten Teil aber die Chalukah- Verwaltung trifft. - Und doch verhält es sich so. Die gmizc Reforni ist vom grünen Tisch aus geniacht. Man ging tnit Gewalt vor und berücksichtigte nicht die Seelen- und Geistesverfassung der Beteiligten. Man bedachte nicht, daß die Jerusalemer frommen Juden an ihrer Uebcrlieferung genau so fest hängen wie die .deutsche Orthodoxie an der ihren, und daß jede Anwendung von Gewalt gegen diese Tradition dieselben Gefühle der Erbitterung und Auflehnung Hervorrufen müssen, . wie sie bei der deutschen Orthodoxie eine Unterdrückung ihrer Art auslöst. Eine Reform ist aber nur erfolgversprechend, wenn sie die Seelenversassung der Bevölkerung. berücksichtigt. Der Chalnkahnehmer betrachtet die Chalukah durchaus nicht als ein Almosen, und der ursprüngliche Sinn der Chäluknh gibt ihm recht Er glaubt, im Dienste des jüdischen Volkes zu stehen. Genau wie ein Rabbiner oder Lehrer sein Gehalt als Gegenleistung entpfängt fiir seine Dienste der Gemeinde gegenüber, so cinpfängt jener seine Chalukah im Dienste der Allgemeinheit. Was er dafür leistet, ist nichts Geringeres als die Erhärtung der jüdischen Lehre. Und das ist für ihn keine Phrase, sondern er. ist sich bewußt, die denkbar-' wichtigste Äusgabc zu leisten. Er bedauert die anderen, die um des Brotes willen die erste Pflicht des Juden nicht erfüllen können. Er hält sich für den gebenden Teil, wenn er den erwerbstätigen, Juden die Möglichkeit gibt, durch Sorge fiir seinen Unterhalt Teil an der Erhaltung der .Lehre zu haben. Er sagt tiicht, er könne keine Arbeit finden und sei ans das Geld der anderen angewiesen, sondern er glaubt, die anderen finden keinem Zeit zum Lernen und sind darum auf ihn angewiesen. Mmr znag zu diesem Standpunkt stehen, leie man will, cs steckt eine Größe der Weltanschauung, darin, die seltsamerweise die westliche Orthodoxie nicht mehr zu begreifen scheint, so nahe sie ihr stehen sollte. Sonst würde sie sicher nicht mit solcher Schroffheit Befehle und Verordnungen erlassen und den Palästinensern den Glauben an ihre Gevertätigkcir nehmen. Freilich wird inan fragen: Wie ist denn dann überhaupt eine Reform möglich? Nun, dies ist eine Frage für sich. Es ist schon viel gewonnen, wenn man weiß, wie sie nicht sein darf. Urch s« darf nicht so stattfinden, daß. man diese AnschauuM der Palästinenser zerstört, bevor man sicher weiß, daß man etwas Besseres an deren Stelle setzen kann. Denn aus ihr bericht es, daß das moralische Niveau doch noch verhältnismäßig hoch ist im Vergleich z» anderen Vevölkerungsschichten in dieser wirtschaftlichen Lage. Bringt man den Chalukahnehmern die Ueberzeugung bei, daß sie nur Almosen bekommen, dann nimmt man ihnen die Menschenwürde. Und wenn es nicht sofort gelingt, Arbeit an die Stelle des Almosens zu setzen, so wird ein gewaltiges Sinken des moralischen Niveaus die Folge . sein. Man wird vielleicht erstaunt sein, wenn ich das nioralische Niveau verhältnismäßig hochstehend nenne. Man muß aber -bedenken, daß gemeine Verbrechen fast gar nicht Vorkommen. Man muß ferner bedenken, daß manches, was wir für verwerflich halten, unter den dortigen Verhältnissen gar nicht umnoralisch ist. Wenn z. B. die Chalukah kein Almosen sondern eine Art Gehalt ist, dann ist es keine Schande für einen reichen Mann, Chalukah zu nehmen, so wenig es für einen reichen Rabbiner eine Schande ist, Gchalt zu nehmen. Deshalb ist es eine bitter empfimdene Ungerechtigkeit, wenn jeder gezwungen wird, sein Vermögen anzngcben, und dann die Chalukah verkürzt wird.. Es beginnt jetzt unter den Mitglickern der deutschholländ. Gemeinde die Erkenntnis auszudämmern, daß man ihnen nur Almosen reichen will, rmd eine furchtbare Niedergeschlagenheit macht sich unter ihnen breit. Es herrscht eine Stimmung wie in einer vom Feinde eroberten Stadt. Die jungen Leute möchten einen Erwerb finden, um von der Chalukcch loszukommen. Wer die Verhältnisse machen es ihven unmöglich. Die meisten sind verheiratet, haben Weib und Kinder und wagen es nicht, das Gewisse gegen das Ungewisse zu vertauschen. Erbeln ist an Handwerkern imb Kleinkaufleuten Uckerfluß, und zum Landwirt oder sonstigen PrMmzenten für den Export fehlt Wen das Geld. Eine: Lehrzeit können sie überhaupt nicht durchmachen, da sie eine Famllie zu ernähren haben. Und dann darf man eines nicht vergessen: Die Chalukahnehmer hielten sich bis jetzt für eine bevorzugte KlaW und eine solche Klaffe steigt an demselben Ort nicht auf einmal in eine niedere hinab. Mit dem Handwerk geht es dort wie überall: In der Theorie ist es hochgeehrt, aber so wenig es beispielsweise die vielen brotlosen Aerzte in Berlin über sich gewinnen, auf einmal Handwerker zu wertem s» lvenig haben die Meisten dieser jungen Leute die sittliche Kraft, die Standesvornrteile zu überwin-

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