Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 49 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ä „ ju llt. 49 tfes tft Der Zionismus als Wecker religiöser Werte. Von, Cheskcl Zwk. Man scheint sich nicht genügend darüber klar geworden zu sein, daß der Zionismus nicht nur nicht, relegionsfeindlich ist, sondern daß er auch geradezu zunr Wecker religiöser Werte werben kann. Ties ist umso verwunderlicher, als man sich doch sonst über den innigen Zusammenhang zwischen dem Religiös-Jüdischen und dem National-Jüdischen einer Meinung weiß. Nun muß aber eins doch >vohl von vornherein klar sein: besteht dieser innige Zusammenhang zwischen dem. nationalen und dem relgsisen Momente im Judentum tatsächlich! in dem Maße, als angenommen wird — und das wir sicherlich eher als zu niÄrrig taxiert betrachten als zu hoch —, so muß auch da, wo beide Elemente in einer Menschenseele sich finden, jede Stärkung oder Schwächung des einen Elementes eine entsprechende Wirkung auf das andere ausüben. Ein Beispiel aus der Physik wird als Bergleich zur Erläuterung beitragen. Gleicht das religiöse Moment dem stabilen weichen Eisenkern, das nationale Moment der stromdurchflossenen Trahtspule des Induktionsapparates, so wird die magnetische Kraft des religiösen Momentes umso größer, als der Strom nationalen Denkens und Fuhlens intensiver wird. Psychologisch bietet dieses Problem keinerle Schwierigkeiten. Um zunächst rein von der „mechanischen" Einwirkung auf die Geistestätigkei. zu sprechen: schon allein, daß gewisse Dinge uni Begriffe nun im doppelten Sinne interesseweckend sind, durch doppelte Assoziation miteinander in Konnex treten, wird ihre - Geläufigkeit bedeuten: erhöht, besonders da, wo das nationale Lenken einem religiösen Begriff erst einen konkreten Inhalt gibt. Als Paradigma kann wohl hier der Begriff „Zion" dienen; dem Nnr-Religionsjuoen ein körperloses Ideal, wesensverschieden wie dic Köpfe, in denen cs sich bildet, dem Nationaljuben ein erreichbares, notwendiges Ziel und imntit eine reale Form, eine Gestaltungsmöglichkeit für die religiöse Zionsidee. Religiöses Leben ohne nationales Leben, — das bedeutet für den Judeneine hochprozentige Abstraktion, die dem Abstrahierten selbst am meisten zunr Schaden gereicht. Wo wirklich jüdischreligiöses Leben herrscht, da wirkt auch der jüdische Nationalgcist. Laß seine eigenen Träger es nicht wissen oder sich gar gegen diesen „Verdacht" wehren, kann daran nichts ändern, es gibt eben Schätze, die ntancher als solche verkennt. Abstrakte Religion ist unfruchtbar, unfruchtbar die Klage um untergegangene Heiligtümer, wenn man nicht die Hoffnung auf ihre Wiedererncuerung hegt, uno selbst solche Hoffnung ist unfruchtbar, wemr sie einen Wechsel auf die Ewigkeit darstellt. Nichts demoralisiert mehr als untätiges Warten, nichts stärkt Mehr, als an der Verwirklichung großer Hoffnungen Mitarbeiten zu dürfen. Sicher, daß auch der nichtzionistische Gesetzestreue sein religiöses Judentum' stark und tief im Herzen trägr, aber dem Zionisten gibt das Nationaljudentum ein hoch einzuschätzendes Plus, das der Qualität seiner religiösen Empfindung zugute kommt, indem es sich ihm zur hosfnungsfrohen Zuversicht gestaltet, was jenem nur ein süßer Trost gegen Gegenwartsleiden zu sein vermag. Wo die Fäden hinüber- und herüberlaufen zwischen zwei Jnteressenkomplexen so verwandter Natur, da «erwächst aus ihrer Verschmelzung die Einigkeit der Starken, die Stärke der Einigen. Sicherlich, daß es dem Gesetzestreuen leichter gelingt — oder doch gelingen sollte! —, Zionist' zu sein, ebenso sicher .aber, daß es. auch dem Zionisten leichter ist, gesetzestreu zu bleiben. Las nenne ich religiösen Gewinn aus nationaler Quelle! Wichtiger aber lwch, als diese Vertiefung vorhandener religiöser Werte ist die Weckung dieser Seelenimponderabilien da, wo sie ehedem nicht vorhanden waren. Daß der Zionismus auch das vermag, ist eine allgemein anerkannte Tatsache, nur hat man diese Anerkennung in so überaus verklausulierter Forni, — man könnte auch sagen so naiv — zum Ausdruck gebracht, daß es immerhin gewisser geistiger Anstrengung bedarf, um einem sehr allgemeinen Wort einen sehr speziellen Sinn zu entreißen. Wenn man heute überall zugesteht „der ZionisMu s habe das Interesse an jüdischen Dingen wiederbe lebt", so ist es verklausuliert, weil maskiert unter einem nichtssagenden Begriff „jüdische Dinge", oder es ist naiv, denn von „jüdischen Trugen" könnte höchstens ein Kind sprechen, das es noch nicht versteht, die Dinge als die Außenseite alles Seins zu nehmen. Dieselbe Voraussetzung wie früher zeitigt hier eine ähnliche Konsequenz: hat der Zionismus wirklich das Interesse für „jüdische .Dinge" wachgerufen, dann muß er auch das Interesse für das Relrgionsjüdischc wachgerufeu haben, oenn an jedem „jüdischen; Ding" hängt ein Stück Judentum, und vom Judentum gilt für nns dir Voraussetzung, daß es ein Molekül sei, dessen Atome Religion und Nationalismus heißen. Vielleicht, daß eine Kathede Liese Atome zu trennen vernrag, nur glaube dev nicht, der eins von ihnen sauber inr Probierfläschchen gefangenhält, daß er reines Judentum sein eigen nenne! Selbstverständlich tvird der Zionismus nicht häufig aus einem Freidenker einen Orthodoxen zu machen vermögen, er wird vielleicht auch geringere Gegensätze nicht ohne weiteres zu überbrückcn vermögen, — aber ganz ohne schöpferische Wirkung für das religiöse Leben bleiben kann er ebensowenig! Und wenn! nur soviel beim Einzelnen erreicht wird, daß er lernt, Hochachtung und Verständnis da zu zeigen, wo Mitfühlen uno demgemäß auch Mithandeln ihm versagt ist, wenn >er seine Anschammgen nur dahin zu korrigieren vermag, daß ihm nun alt und ehrwürdig erscheint, was ihnr früher veraltet und drum nicht verehrungswürdig erschienen war, — es wäre religiöser Gewinn, religiöser Wert, geweckt durch die Schöpferkraft des Zionismtis! Daß solche religiösen Werte in Hunderten vou Menschen geweckt worden sind und täglich noch geweckt werden, das hat mancher von uns in der eigenen Seele erfahren. Besonders unsere akademische Jugend gibt hier Beispiele in Hülle und Fülle, und nicht genug hervorhcben kann Man das besondere Verdienst unserer jüdisch-nationalen akademischen Verbindungen, die das rechte Mittel gefunden haben, der „Erziehung zun: Judentum" -u dienen, indem sie von ihren Mitgliedern die Kenntnis des Judentums fordern. Denn nur das ist wertvoll, das der Erkenntnis entspringt, und viele Werte sind keine, weil die fehlen, die das Kostbare in ihnen erkennen. Tic gesamte zionistische Kulturarbeit aber läuft darauf hinaus, durch Erkenntnis des Judentums den Willen zum Judentum zu wecken. An den gesetzestreuen Zionisten ist es, dafür Sorge zu tragen, daß die religiösen Werte, die der Zionismus weckt, zur Entfaltung gebracht werden. Sie sind nicht absolut, ihre endgültige Gestalt gibt ihnen die Persönlichkeit, in der sie liegen. Wir können nur dic Entwicklungsg elegenheit geben. Helfen wir also, daß der Zionismus, der vielgestaltige, noch ein neues werde: die Gelegenheit zum Judentume, — auch im religiösen Sinne! Bo« -er erwachte» hebräische» Sprache. Der Verlag „Misrach U-Maarab" (Ost und West) in Wilna gibt eine Auswahl von Tolstois Werken in hebräisch er Uebersetzung heraus. Als erster 'Band erschien vor kurzem der Roman „Kindheit" in der Uebertragung von I. T. B er ko witz. Dem Buche gehen als Einleitung zwei literarische Essays voraus: „Tolstois Lebensgeschichte" von I. Eh. Rawnitzky und „Tolstoi der Künstler" von Tr. I. Eljascheff. Fast gleichzeitig mit der hebräischen Ausgabe von Tolstoi's „Kindheit" ist im Berlage „Jepeth" in Jaffa eine hebräische llebersetzung der bekannten Tolstoi'schen Erzählung „Ter Tod des Iwan Jlitsch" aus der Feder von A. S. Rabbinowitz erschienen. — Armando Sora n i, ein junger italienischer Schriftsteller und Hebraist, von dem vor Jahressiist eine italienische llebersetzung ausgewählter Gedichte von Ch^ N. Bialik erschienen ist, veröffentlicht jetzt eine Studie über Saul Tschernichowsky mit Proben aus seinen Dichtungen. Demnächst gedenkt Sorani eine italienische Anthologie der modernen hebräischen Lyrik herauszugeben. Soeben ist im Verlage des Mercure de France in Paris ein beachtenswertes Buch er- „La poesie Iyrique hebräique Contemporaine 1882—1910" von Tr. Nahum 2 l o u s ch, Privatdozent für neuhcbräische Literaturgeschichte an der Sorbonne. Tr. Slousch hält übrigens gegenwärtig in Amerika Borträge über die moderne hebräischeRenaissancebewegüng. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Isaak Rosenbaum ist zum rumänischen Hofantiquar ernannt worden. i i Breslau. Die Repräsentanten Wahlen, zu der die beiden Wahlvereine der Gemeinde gemeinsame Listen anfgesdellt hatten, ergaben folgendes Resultat: Justizrat Ollendorf, Professor Dr. Leopold Cohn, Handelsrichter Georg Sachs, Samuel Kohn, David Schlesinger, Simon Schege, Hermann Neustadt und Sanitätsrat Dr. Reich, sowie eine Anzahl Stellvertreter. Der Kassen ab schluß der Gemeinde pro 1910/11 hat 636800 Jk in den Einnahmen und 600 082 Jk. in den Ausgaben. Hamburg. Zu emer gewaltigen Kundgebung gestaltete sich die Beisetzung des im 67. Lebensjahre plötzlich verschiedenen Dr. med. B. Levy. In ihm hat der Deutsch-Israelitische Shnagogenverband seinen Vorsitzenden und der Verein zur Unterstützung schwacher israelitischer Kinder und die Thcresienstiftung zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten den Begründer verloren. Aber noch manch' anderen Institutionen, besonders der Talmud- Tora-Realschule, hatte er seit Jahrzehnten seine Arbeitskraft und sein kluges Urteil geweiht. An der Bahre würdigten den seltenen Mann, der eine Zierde des orthodoxen Judentums gewesen ist, Oberrabbiner Dr. S pitz er-Hamburg und Rabbiner Tr. N. A. Nobel- Frankfurt a. M. Stuttgart. Fabrikant M. Richheimer erhielt das Ehrenbürger recht der Gemeinde Gemmingen. (LI Posen. Du'ch den Tod des Kaufmannes Louis C a l v a r y hat die hiesige israelitische Gemeinde einen herben Verlust erlitten. Der Verstorbene stammte aus einer frommen, angesehenen Familie und zeichnete sich durch große Wohltätigkeit aus. Einen gleich großen Verlust erlitt 'die Gemeinde durch den frühen Tod des Kaufmannes Josef Boß. Der Dahingeschied-cne war ganz besonders auf dem Gebiete des Armenwesens tätig und zeigte sich in seinenr Amte als Armenrat vorbildlich. Zur Beschaffung eines Ratssilberschatzes für die hiesige Stadt, hat der Großkausmann und Fabrikbesitzer Rudolf Petersdorsf 2000 .tk gespendet. Im Alter von 107 Jahren starb im Flecken Hlobuck jenseits der Grenze der jüdische Einwohner Abraham Berg. Wien. Sigmund Mayer, der Ehrenpräsident der Oesterr. Israel. Union und Präsident des Galiz. Hilfsvercins, feierte seinen 80. Geburtstag. — Archivdirektor Dr. Julius SÄ lag , der sich von jeher im jüdischen Gemeindeleben 'betätigt, wurde zum Hofrat ernannt. Budapest. Dr. Josef Banoczh, Dozent am Räbbinerseminar und Mitglied der ungar. Akademie der Wissenschaften, wurde zum ordentlichen Professor an der hiesigen Universität ernannt. Budapest. Das gleiche Stimmrecht wie die Männer, haben nach jahrelangem Kampfe die steuerzahlenden Frauen der jüdischen.Gemeinde Groß-Kanizsa errungen. 7288