Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 44 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMSSS^SlSiSlÜMsiMssSl Mage za fit. 44 des fcanfefurtet IfmekWea famtlienölaftes. Brief aus Rußland. — Die Taufen. — Die Tausch die bei. uns cheiuals eine Seltenheit war, ist in den letzten Jahren eine gewöhnliche Erscheinung geworden, sodast die Verwandten des Täuflings und dessen Eltern sich ganz - gleichgültig zu diesem liebertritt verhallen. Noch - vor einigen Jahren betrachtete man den Uebertritt eines Familiengliedes zu der herrschenden Religion als einen Schandflecken für die ganze Familie, und der Durchschnittsjude hätte niemals eingewilligt, zu einer solchen Familie in irgendwelche Beziehungen zu treten. Heute aber ist es anders geworden. Heute ist es schon vorgekommen, daß' die Gemeinde es stillschweigend hinnimmt, wenn ein Vater, der dazu noch Gemeindevorsteher ist, seinen getauften studierenden Sohn in die Synagoge mitbringt und ihn zur Thora aufrnfen läßt. (Ein solcher Fall ereignete sich unlängst in einer Stadt in Südrußland.) Heute ist es sogar möglich, daß Väter ihre Kinder zwingen, sich vom Tarrfwasser bespritzen zu lassen, damit sie die Rechte bekommen, die den Jllden vcrtoeigert tverden. Der „Nowy Woschod" berichtet darüber folgcnden Vorfall aus Petersburg: Ein angesehener Herr kam jüngst, begleitet von einem eleganten Jüngling, zu einem berühmten, sehr. einflußreichen Rechtsanwalt und bat ihn, ihm in der Taufe seines Sohnes behülslich zu sein. „Dies ist mein Sohn. Er hat in diesem Jahre das Gymnasium absolviert und möchte nun auf die Hochschule kommen. -Wie Sie wissen, Herr Rechtsanwalt, wird es uns in einem solchen Falle sehr schwer gemacht, das Christentum anzunehmen. Man hat .jetzt dazu eine besondere Erlaubnis vom Minister des Innern nötig, und dieser zieht seine Einwilligung absichtlich in die ■ Länge, dalniit die Zeit, in. der man auf ..die Universität ausgenommen werden kann, vorübergehe. Ich tveiß, daß Sie in diesen Kreisen einen gewaltigen Einfluß haben, und ich bitte Sie daher, die Taufe meines Sohnes zu befürworten." Der Rechtsanwalt lehnte das Ersuchen schroff ab. Cr möge nicht den Vermittler iu einer solchen unmoralischen Sache spielen. Ec fragte den Juden, wie er es über sich bringen könne, mit der Religion so leichtfertig zu verfahren. Der alte Herr verstand ihn anfangs nicht und fragte ihn deshalb, warum ihm das Geschäft nicht gefalle, er verlange ja nicht die Gefälligkeit unentgeltlich. Erst als der Rechtsanwalt ihm die Sache eingehender auseinandersctzte und nochnials auf die moralische Seite des Schrittes hinwics, verstand er ihn. Er entschuldigte sich dann damit, daß er den stürmischen und leidenschaftlichen Bitten seines ein- , zigen Sohnes nicht habe widerstehen können. Aber der Sohn schaute den Vater ganz frappiert an, und 'seine .Augen sprachen deutlich: „Ich habe ja nicht gewollt, sondern dir drangst in mich." . . Noch ein Vorfall: In Petersburg wohnt ein angesehener aller Kaufmann, dessen Tochter mit einem Arzt ver- *mählt ist, der nicht den Titel Doktor hat. Als der Ukas veröffentlicht wurde, der auch den Juden mit akademischer Bildung den Besitz von Immobilien außerhalb des Ansiedlungsrayons versagt, kam der Greis zu seinem Schwiegersohn und verlangte von ihm, daß er sofort zum Christentum übertrete, damit er nicht seine Rechte an seinen Immobilien einbüße. Der Schwiegersohn und die Tochter, widersetzten sich anfangs einem solchen Verlangen, aber als es zu fortgesetzten unliebsamen Szenen in der Familie kam, fügten sichdie Jungen dem Willen des Alten und gingen zuM Popen . ... Diese Stichproben mögen genügen, zu zeigen,'welche furchtbaren Folgen aus der verzweifelteir sozialen und wirtschaftlichen Lage der russischen Judenheit entspringen,*) Ben-Kisch. Sitzung des zionist. grotzeu Aktionskomitees. Samstag Abend -begann iu Berlin, eine sür mehrere Tage 'berechnete ssitzung des großen Aktionskomitees. Anwesend waren die fünf Mitglieder des E.?l. C.: Professor W a r b u r g, Dr. Jacobson, Dr. Hantle/ Dr. Lev in und Sokolow und vom A. E. Dr. Bodenheimer, Böhm, Fi scher, Dr. Friede mann, B. Goldbvrg, Br. Halpern, Dr. Hausmann, Jdelsohn, Kann, Dr. Klee, D.r, Marmorek, Motzkin. Podlischewski, Rososf, Rosenbanm, Schein, Simon, Stand, Tschlenow, llssischkin, Professor Wetzmann u. Wolsf - sohn. Es fehlten entschuldigt: Keßler, Kremenetzky und Naiditsch. Ferner nahmen an der Sitzung die Direktorien des I. C. T. Dr. Katzenelsohn, Cowen und F e l d st e i n, der Vorsitzende der Misrachi Föderation, Dr. Frank, und Herr Beza L cl Jas s e alls Palästina teil. Professor Marburg, der Vorsitzende, erinnerte in seiner ErösfNnngssprache daran, daß dies die erste Sitzung des Aktions-Komitees nach Pein Kongreß sei, die air dein Sitz der neu gewählten Leitirng stattfindet. Sokolow und Dr. I a c o b s v n erstatteten ausführlichen Bericht über die politische Lage. Eine bis 12 tltzr nachts währende D i s k n s - sion schloß sich an, die mit der Annahme der vo»l E. dl, K. zu diesem Punkt der Tagesordnung gestellten Anträge endigte. Die nächste Sitzung begann Sonntag vorinittag 10 Uhr mit deni Referat über die Palästinaarbeit, das Professor War bürg erstattete. Die prinzipiellen Richtlinien der Palästinaarbeit müßten festgestellt werden. Manche Tätigkeitsgebiete werden von anderen Organisationen bearbeitet, doch gebe cs Spezialgebiete, denen die zion. Organisation sich vorwiegend zuwenden müsse/ Als erster Punkt sei d iö E r f o r s ch u n g P a l ä st i n ä s zu nennen, für die jetzt von Fall zu Fall Ersorschnngsarbeiten angestellt werden, so oft eine Frage wirtschaftlicher Natur aktuell wird. Die Ideen- Propaganda werde hauptsächlich durch die Presse und interne Konferenzen geleistet. Bon größter Wichtigkeit seien P a l ä st in ar e is e n von Gesinnungsgenossen. Das Hauptinteresse richte sich naturgemäß vor allein auf die Schaffung größerer agrikultnrellcr Institutionen. Es sei ein Landkauf- und ein Okknpationsfonds n ö t i g; ersterer, um Landkäufe durchznführen, sobald sich Kanfmöglichkeiten bieten; lctzerer, um die Kredite zu gewähren, die nötig sind, um das Land sofort zu bewirtschaften. Für die Zwecke der Parzellierung bestehe ja die P a l e st i n e L a n d Development Co., aber ihr kleines Kapital liegt in der Farm Kinereth fest, und der Kredit, den ihr der Nationalfonds gewähren kann, darf nicht sehr hoch, bemessen werden, da das eigene Kapital der Gesellschaft zu gering ist, auch fehlt es ihr an dem n ötigen Ökkupationsfonds. Daher müsse die P. L. D.-E. ganz anders gestellt und mit viel größeren Kapitalien ausgestattet werden, um ihre hochwichtige dlnfgäbe durchführen ju können. Der Agrar-Kredit sei eine wichtige Frage, denn sowohl langfristiger Agrarkredit sür die ärmeren Ansiedler als auch ein Betriebskredit, der nicht für lange Jahre festliegt, sind erforderlich. Bczalcl, der Verband jüdischer Frauen, die geplante Gartenstadt die Siedlungsgenossenschaft k. verdienen gleichfalls das ernsteste Interesse der Zionisten. Dr. L-e v i n, erstattete das Referat über die kulturellen Aufgaben. Die zionistische Organisation könne mit anderen Organisationen philanthropischer Natur auf dem Gebiet des Schulwesens heute nicht konkurriere»., Wenn sich die zionistische Organisation aber damit befasse, die schulentlassene Jugend zu fördern und durch Einrichtung von Bolksrmiversitäten und Fortbildungskursen iin Orient Einfluß zu gewinnen, so werde sie in rascher Zeit und mit verhältnismäßig geringen Mitteln einen großen Einfluß ans die orentalische *) Soweit wir mit der Lage vertraut sind, müssen die vorstehenden krassen Fälle als vereinzelte Erscheinungen betrachtet tverden. Wenn auch die Taufe infolge des gewaltigen Druckes seitens der Regierung nnd der verzweifelten sozialen Lage häufiger geworden sind, so ist doch zu konstatieren, daß sich in der letzten Zeit eine Tendenz der Besserung zeigt. Die getaufen Juden Rußlands dürfen häufig im gewissen Sinn als Marannen angesehen werden, nnd daher dies Entgegenkommen der Juden». I heit. Dieses Entgegenkommen ist aber aufs schärfste zu mißbilligen: ein Täufling muß unter allen Umständen abgeschüttelt werden. D. Redakt. Judenheit gewinnen and sie in unserem Sinne eriziehen. In Palästina selbst bestehe die wichtige, Aufgabe, die Organisation der jüdischen Lehrer und die hebräische Presse zu fördern. Für diese großen und wichtigen Aufgaben. seien: Wohl die Mittel nicht vorhanden, aber das E. A. C. betrachte es als seine Aufgabe, die Mittel hierfür zu schassen. An die beiden Referate schloß sich eine lange Debatte, aus der hervorging, daß das Aktiorrs-- Komitee darin übcreiustimmt, daß die Gesellschaften viel Gutes leisten. Sokolow führte in Ergänzung des Referates über die Knlturfrage aus, daß sich eine große Arbeit für die zionistische Organisation durch das Studium der Schnlfrage im Orient eröffne. Dies sei eine sehr ernste und wichtige Angelegenheit und müsse Gegenstand einer sorgfältigen Enquete sein. Don den Beschlüssen des A.-C. zur Frage der Palästinaarbeit sind folgende hervorznheben: 1. Antrag des E. A. C.: Bezüglich der praktischen Arbeit in- P a l ä st i n a ist das dl. C. der Ansicht, das alle Arbeit auf den Erwerb von Ländereien durch P r i v a t t e n t e und auf die Fürder u u g unserer P arz e l l i er n n g s g e s e l l s cha f t, der P. L. D. C., konzentriert werden muß. Das E. A. C. wird beauftragt: 1. in allen Landesverbänden nnd Sonderverbänden eine energische A r b e i t nach, dieser Richtung hin einzulciten, 2. den Kongreßbeschluß wegen Erhöhung des Kapitals der P. L. D. C. auf das schleunigste durchzuführen, 3. die A g i t a t i o n f ü r d e n R. F. einschließlich feiner Rebcuabteilimge» (Genossenschaftsfonds, Oelbaumspende, Arbeiter-Heimstättenfonds) dauernd mit allen Mitteln zu unterstützen. 2. Antrag T f ch l e n t> tv. . Das E. dl. C. wird beauftragt, alle nötigen Maßregeln zur Schaffung eines I n st i t u t e s f ü r dl g r a r - K r e d i t zu. trcssen. 3. Antrag Böhm. Das E. dl. C. wird beauftragt, gemeinsam mit den Leitern der verschiedenen zion. Institutionen einen Arbeitsplan anfznstellen, in nwlchem jeder der Institutionen ihre bestimmten dlufgaben zugewiesen werden nnd durch den ein einheitliches nnd reibungsloses Zusammenarbeiten der einzelnen Leitungen der Institutionen gewährleistet wird. 4. Antrag W e i z m a n n und M » tz k i n. Das E. dl. C. wird beauftragt, für eine der. nächsten Sitzungen des dl. C. alles erreichbare Material über dieMöglichkeitenderEin- Wanderungen nach dem Orie nt zu sammeln nnd zu bearbeiten. (Schluß folgt.) Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Carl Ehrlich, i. Fa. Friedrichsdorser Zwiebackfabrik B. Ehrlich, Frankfurt a. M.» wurde von Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Großfürsten Paul von Rußland zum Hoflieferant ernannt. Frankfurt a. M. Wir werden gebeten, darauf hinzuweiscn, daß im Beth Hamidrasch, Hinter der schönen Aussicht 11, an den Wochentagen um 1 Uhr M i n ch a h g o t t e s d i e n st stattfindet. Berlin. Prof. Dr. Adolf MagnuS-Levy wurde zuni dirigierende» Arzte des Krankenhauses „dlm Friedrichshain" gewählt. Berlin Die Hauptversammlung des B erb a nd es der deutschen Juden wählte folgende Herren in den Ausschuß: Justizrat Dr. H o r w itz-Berlin, Prof. Dr. Philippson, Justizrat Breslauer, Landgerichtsrat Lo e w e, Justizrat Mako wer, Justizrat'Dr. Eugen Fuchs, Geh. Regierungsrat A r o n, Geh. Jnstizrat Cassel- Berlin, Jastizrat Blau, Geh. Justizrat Geiger-Frankfurt a. M.. Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau, Landgerichtsrat Wollstein-Breslaü, Stadtrat Hombnrger- Karlsruhe, Bankier Goldschmidt -Posen, Justizrat Steinhardt - Danzig, Sanitätsrat Dr. A p f e l - Cöln, Stadtrat Aronsohn - Bromberg, Kommerzienrat Elb-Dresden, Rektor Feiner- Hamburg, Dr. dlbraham Hirsch- Halberstadt und Jnstizrat Berger- Königshütte, - Mainz Am k. Novbr verschied im 56 Lebensjahre Martin Mayer-Ganz, Mitinhaber der Metallfirma Cahn u. -Mayer und langjähriges Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde. Mannheim. Fabrikant Karl Bensinger wurde znm Ehrendoktorder Universität; Freibnrg ernannt. " - ‘i Stuttgart. In Küßnacht verschied im Hause des rumänischen Generalkonsuls Fleischmänn, ihres Schwagers, Anna Frey tag geb. Götzel geschiedene Strakosch. Sie war die dritte Frau Gustav Freytags und blieb, dem Verlangen ihres Mannes entsprechend, Jüdin. Gustav Freytag war auch darauf bedacht, daß die Kinder seiner Frau In-