Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 41 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage za Hr. 41 des AMftM IsmckMea Famikeaklattes. Brief aus Rußland. — Nach S tv l y P i n. Seit denvorigen Frühjahr, da Stolypin mehrere Mißtrauensvoten erhalten hatte, wartete man aus den Ansgang des Kampfes zwischen dem Ministerpräsidenten und der Duma. Besonders in letzter Zeit erwartete man den Ausgang von Tag zu Tag und sah nur zwei Auswege: Auflösung der Duma oder Abdankung Stolypins. Aber es kam ein anderer, nach 5 Jahren der Ruhe für alle unerwarteter Ansgang: Stolypin wurde ermordet. Nach dem Falle des Mannes) der in den letzten 5 Jahren das gesamte politische Leben Rußlands in sich konzentrierte, stellte man sich naturgemäß zuerst die Frage: wie wird es nun in Rußland sein? Doch während man noch auf eine Antwort auf die Frage harrte, kam eine andere Erscheinung zum Borschein, der sogenannte „zoologische Nationalismus", d. h. die Pogromhetzen. Ein selten günstiger Vorwand war da: der Mörder Stolypins ist ein Jude.*) Die Regierung aber wünschte keine Pogrome. Die.Pogrome sind anscheinend aus der Mode^, inan benutzt heute andere Mittel: das Komitee für die Errichtung des Stolypin-Denkmals bestimmt, kein jüdisches Geld anzunehmen, eine Strafe, die man noch mit Mühe und Not wird ertragen können, und die Nationalisten befassen sich augenblicklich mit dem Plan, den verstorbenen Ministerpräsidenten durch die Äürsweisung aller Juden aus Kiew zu ehren. Die Vorgänge in Kiew nach Stolypins Ermordung haben uns ein überflüssiges Mal bewiesen, daß, wenn die Regierung will, sie die Pogrome unterdrücken kann. Sie haben uns ein überflüssiges Mal Projekt, das die materielle Lage Rußlands verschlimmern wird, nicht zulassen kann. Dieses Projekt wird also keinesfalls verwirklicht werden. Ueberhaupt kann mau annehmen, daß er nichts gegen die Juden unternehmen wird, was gleichzeitig den Russen unvorteilhaft sein würde, mit anderen Worten, bei ihm wird die Judenbedrückung, nur ein Teil seines Programms sein, wie es ja bei fast allen Ministern vor Stolypin war, der den Antisemitismus als Grundpfeiler der Politik ansah. Eine geringe Besserung der Lage der russischen Juden wird also zweifellos eintreten. Wenn inan nun bedenkt, daß viele Christen, sogar Antisemiten, aus materiellen Gründen gegeir den Ansiedlungsrayon protestierten, wenn man sich dessen erinnert, daß Stolypin selbst eine Zeitlang an eine Erweiterung des Rayoris gedacht haben soll, so erscheint es ja als möglich, daß Kokowzow bei der baldigen Verhandlung über das Projekt der Älbschaffung des Rayons eine Erweiterung desselben zulassen wird; doch kann man vorläusign kaum daran glauben, besonders da schon jetzt, also unter Kokowzow, in Tomsk Massenausweisungen stattgesundcn haben. Die nächsten Wochen werden lehren, was wir zu erwarten haben. L. K. Eine jüdischeVillenstadtinPalästtua. Das Palästinabüro beabsichtigt, dort, wo der Jordan den Tiberias-See verläßt und eine Art Halbinsel bildet, eine Billenstadt unter dem Nanien welche Entfernung sich bei Indienststellung eines Motorbotes — wie auch die Entfernung nach Semach — um die Hälfte ermäßigen läßt. Bor dem landschaftlich reizlosen Liberias die seit dem Altertume berühmten heißen Schivefelquellen, die ein Motorboot in 20 Minuten erreichen ' würde. Zn der landschaftlichen und geographischen Lage gesellt , sich als dritter Vorzug das Klima. Ein frischer Wind weht fast stets vom Hermon und vonr See herüber und macht, mit Ausnahme der Sommermonate, den Aufenthalt sehr angenehm. Die Temperatur wetteifert im Winter infolge der tiefen Lage des Sees — 200 Meter unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres — mit der Riviera und Aegypten. Das Thermometer zeigt im Winter 15 bis 20 Grad (Celsius), in den Uebergangsmonaten 20 bis 25 Grad und im Sommer bis 30 Grad und mehr. Die Halbinsel ist über 200 000 Quadratmeter groß und hat für mindestens 200 Villen mit Gärten Platz. Den Vkllenbesitzern wird durch die Nähe der Farmen Kinereth und Umdjani die Versorgung mit Milch, Butter, Geslügel, Eier und Gemüse gewährleistet. Der See liefert vorzügliche Fische. So sind denn die wichtigsten Voraussetzungen sür die Verwirklichung des Planes gegeben. Interessenten mögen sich an folgende .Adresse lvenden: Büro der Palestine Land Development Comp., Berlin W. 15, Bleibtreustr. 34/35. Vom Wirken des Hilssvereins der denlschenffJnden. 5. Bild: Kindergarten in Saloniki (Türkei). Der Kindergarten hat sich für die kurze Zeit seines Bestehens ungewöhnlich rasch entwickelt. Er wurde im letzten Jahre von ggSÄ iSr-V«] -V-\;iT. -»'»SÄ-'-' .-««CS5K 215 Kindern besucht, die in fünf Klaffen unterrichtet wurden. Darunter befinden fich auch einige mohamebanische Kinder, obwohl nur hebräisch gesprochen wird. Die Subvention des Hilssvereins betrug im letzten Jahre 4700 Francs. verständlich gemacht, von wem die Pogrome, wenn sie da sind, .ausgehen. Wir können ja auf einen nochmaligen Beweis dessen, daß 2 mal 2 — 4 ist, verzichten, aber für den zukünftigen Historiker der Pogromperiode werden die-Maßregeln der Regierung in Kiew und deren Folgen ein nicht unwichtiges Dokument. bedeuten .... ..Doch genug von den Pogromen. Suchen wir eine Antwort auf die Frage: wie wird die russische Politik jetzt sein? Der neue Ministerpräsident Kokowzow war bekanntlich von Anfang an Finanzminister im Kabinett Stolypins. Dies allein genügt, um jede Erwartung auf eine bedeutende Besserung derLageder Juden zu beseitigen. Nun war aber Kokowzow tatsöchlich in vielen Fragen Gegner Stolypins gewesen, z. B. iwcrr er gegen die Nationalisierung des Kredits. Dies ist natürlich nicht etwa seinein „Liberalismus" znzuschreiben, sondern ausschließlich dem Umstand, daß er als Finanzminister ein . *) Bogrow ist ein ungetanster Jude. Sein Großvater hatte sich zwar getauft, der Bater kehrte aber zum Judentum zurück. Bei der Hinrichtung Bogrows war der Kiewer Rabbiner auf Befehl des Gerichts anwesend. Bogrow wollte mit dem Rabbiner sprechen, aber nur in Abwesenheit der Polizei, was ihm freilich nicht gestattet wurde. „K e r a k a m S c e" zu errichten. Das Land gehört zu der Farm Kinereth und ist Eigentum des Jüdischen Nationalfonds. In ganz Palästina gibt es vielleicht keinen Ort von so eigenartigem landschaftlichen Reiz wie diese Halbinsel, aus der einst die Festung Tarichäa stand. Der von Wellen, Nachen und Wasservögeln belebte und sich in wunderbaren Farben spiegelnde See. Der Ausblick über die ganze Fläche des Sees von Semach im. Süden bis nach Topha und Kapernaum im Norden und von da bis zur. Kette des.Hermon, dessen Gipfel/ bis-lin den Hochsommer hinein mit Schnee bedeckt, greifbar deutlich zu'' sehen sind. Auf -der östlichen Seite des Sees--, dev, an dieser Stelle etwa 2 Kilometer -breit ist, die zerklüfteten Berge des-'Dscholan. Im südlichen Hintergrund der Jordan mit seinem starten Gefälle. Wahrlich, ein wundervolles Stückchen Erde! Aber auch hinsichtlich der Verbindung mit der großen Welt ist die Lage für die Ansiedlung reicher europäischer Juden eine gute. In einer halben Stunde Wagen- oder Bootsahrt die Bahnstation Semach, von wo aus 'die komfortablen Wagen der Hedschasbahn in drei Stunden Haifa und in neun Stunden Damaskus erreichen lassen. Die Stadt Liberias, in der die Juden die Mehrheit der Bevölkerung bilden, zu Wagen und zu Boot in knapp einer stunde Entfernung, Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus der gesttigen Sitzung des Ausschusses der israel. Gemeinde ist zu berichten: Infolge des Neubaues des Hospitals macht sich auch die Verlegung des Schwesternhauses auf das Terrain des Hospitals nöttg. Der Vorstand der Gemeinde ist mit dein Schwesternhause in Unterhandlung getteten; es ist seitens des Vorstandes beabsichtigt, das Schwesternhaus zu übbernehmen und dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen das Terrain zu einem Neubau unentgeltlich zu überlasse». Der Berttag mit Herrn Strecker, dem Bauführer des neuen Hospitals, wird genehmigt, ebendie Gemeinderechnung 1910/U, die mit einem Ueberschuß abschließt. Rußland. Petersburg. In Fergana (Rusfisch-Turkestan) kam es am 8. d. M-. auf das Gerücht von dem Raub eines Särtenknaben durch Juden zu einer Kundgebung gegen die Juden. Eine große Menge Eingeborener begawl, Stein; auf die Juden und ihre Häuser -n werfen. E i u