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Neue jüdische Presse · 1911-10-20 · Heft 41 (20.10.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 41 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei abonniert im In» und schließlich Bestellgebühr). Deutschland inS HauS. Bet der Post Ausland Mk. 1,02 (ein- Unter Streifband bezogen: und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ttrt Geschäftsstelle: Frankfurt a. m., . 10507. chera«sgever: Kals Geis. JnfertionSpreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Datrn-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter Ro. 4864. 9. Jahrgang. Freitag» de« 28. Visedri 5672 (26. Oktober 1911) Kr. 41. Inhalt deS HauptblatteS. Artikel: Entwurzelte. — Brief aus Ungarn. — Brief aus Palästina. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Ein neuer Gewaltstteich des Pariser Zentralkomitees der Alliance Jsraelite; 2. Der Krieg um äripolis und die jüd. Interessen. — Aus aller reit. — AusderztonistischenBewegung. — Feuilleton: Der Traum. — Wochen- Kalender. — Familien-Nachrichten. Entwurzelte. Zur Affäre Wertheim. Theorien sind immer farblos und kalt. Daher mangelt ihnen die Uebcrzeugungskraft, die Frische und Lebendigkeit, die nur Eigenschaften des realen Lebens sind. Ein Satz mag in 'der Theorie noch so überzeugend bewiesen sein, er besitzt aus die Menschen niemals jene unmittelbare Einwirkung, die ein Borsall des täglichen Lebens auf uns ausübt. Seit Jahren und Jahrzehnten beweisen wir theoretisch, daß, die Assimilation, die Entnationalisierung der westeuropäischen Juden diese nicht nur zum nativ nalenUntergang, sondernauch zum moralischen und menschheitlich en Schiffbruch führen muß. Denn der Mensch ist ein organisches Wesen, das seinen sichersten Halt in der unendlichen Reihe von Generationen besitzt, die ihm vorangegangen sind, dessen Wurzeln bis in che Urzeit der Geschichte hineinragen. Bricht er mit der Geschichte seines Volkes, wirft er all seine Traditionen über den Haufen, dann zerschneidet er den Zusammenhang zwischen sich, dem Stämmling, und seinen Wurzeln, als Entwurzelter steht er da, haltlos, stützlos, bar aller inneren Kraft, schutzlos gegen alle Versuchungen des Alltags. Doch ohne alle Wurzel vermag ein Mensch für die Dauer nicht zu existieren; und da er die eigenen nicht mehr besitzt, sucht er sich andere ' zu verschaffen, sucht sich anderen Stäminen aufzuptopsen, wird ein Schmarotzer und Parasit. All dies ist in der Theorie schon seit Jahren unzähligemal wiederholt worden und ist auch logisch so unbedingt folgerichtig, daß niemals ein ernster Einwand dagegen vorgebracht worden ist. Aber dennoch fehlte auch dieser Theorie die unmittelbare Uebcrzeugungskraft, die eben nur das Leben. und seine Geschehnisse besitzt. Nun ist eine Affäre an das Licht der breitesten Oesfentlichkeit gelangt, die der logischen Folgerichtigkeit der Theorie die lebendige Eindruckskrast des Lebens verleiht: -die Affäre Wolfs-Metternich oder vielmehr die- Affäre Wolf Wertheim. Tenn was uns Juden an diesem kulturgeschichtlich bedeutsamen Prozesse interessiert, sind, nur die Schilderungen und Verhandlungen über das Haus und die Familie des Herrn Wolf Wertheim. Denn im ihm oder noch mehr in seiner Frau trat uns jener entwurzelte Jude in ausgeprägter Ausbildung, in typischer Verkörperung gegenüber. Frau Wertheim — und dies ist es, was uns an ihrer Person Interesse nehmen läßt — ist ein TYpus', eben der Typus des entwurzelten, haltlosen, assimilierten Schmarotzerjuden. Es ist wahr: nicht alle asiimilierten Juden sind Wertheims. Darum eben sind letztere Typen. Bei den meisten ist eben der Entwurzelungsprozeß noch nicht zu Ende gediehen, sie verbindet noch manche Faser und' manches Fäserchen mit dem Judentum. A b e r d e r v o l l e ndete Assimilationsjude muß an innerer Haltlosigkeit, an sklavischer Titelsucht, an moralischer Nichtswürdigkeit Frau Wertheim gleichen. Es ist nicht nötig, die Einzelheiten und Verhältnisse aus dem Hause Wertheim hier zu schildern. Jeder kennt sie aus der Praxis und kann sie sich vorstellen aus der Theorie. Die Affäre Wertheim ist auch nicht der erste Fall, der uns das Assimilationsjudentum in seiner ganzen hohlen Haltlosigkeit zeigt; aber selten war ein Fall so typisch und schlagend wie dieser. In den Annalen der jüdischen Geschichte wird er als Musterbeispiel für den moralischen Wert der Assimilation figurieren. Man hat uns von antisemitischer Seite aus der Affäre Wertheim einen Strick drehen wollen. Dies ist ungerecht und töricht. Aus dem Abschaum eines Volkes darf man nicht auf den Wert desselben schließen. Und ebenso wie der Staatsanwalt erklären konnte: „Gott sei .Dank gleicht nicht der Kern des deutschen Volkes der Familie Metternich," so dürfen wir noch sagen: „Gott sei Dank gleichen nicht der Kern und die Mehrzahl unseres Volkes der Familie Wertheim." Der Fall' Wertheim enthält für uns nicht so viel Schande wie Tragik. Eine Tragödie ist er; nicht die Tragödie der Familie Wertheim, sie ist nicht mehr zur Tragik fähig,' aber eine Tragödie des jüdischen Volkes, die. Tragödie eines großen Teiles des modernen Judentums. Tragödien sollen uns reinigen, läutern, bessern und belehren. Darin beruht auch der Wert des Falles Wertheim. Lernen sollen wir aus ihm. Ein Schreckensbeispiel soll er uns sein, ein abschreckendes Mahnwort, ein Ruf zur Besserung und Umkehr. Er hat uns gezeigt, wohin der Weg schließlich führt, auf dem sich so viele unseres Volkes noch befinden: zur inneren Haltlosigkeit und moralischem Tiefstand. Er hat uns gezeigt, was aus entwurzelten Juden naturnotwendig werden muß: Kriecher und unmoralische Anbeter von Aeußerlichkeiten. Eine Mahnung geht von ihm aus, die die ganze gewaltige Kraft in sich besitzt, die uns das Leben verleihen kann, eine Mahnung an all die, die noch nicht ganz entwurzelt sind, die noch Fasern und Fäserchen mit dem jüoischen Mutterboden verbinoen, eine Mahnung zur Umkehr und Rückkehr, zur. Pflege dieser Fasern und Fäserchen, zur Beendigung - des Entwurzelungsprozeffes. Die Familie Wertheim können wir bemitleiden und mildernüe Umstände für sie anführen: Sie sind nun einmal entwurzelt, und als Entwurzelte mußten sie so .handeln, wie sie handelten. Damals aber, als sie sich entwurzelten, waren sie sich der Konsequenzen ihrer Tat nicht bewußt, waren es nur wenige, die sie warnten, waren keine Beispiele, oie sie belehren konnten. Für diejenigen, die aber heute sich aus dem Judentume entwurzeln, fällt dieser Entschuldigungsgrund fort; heute sind der Warner genug da und der Beispiele ebenfalls. Sie müssen die volle, ganze Verantwortung für ihr mutwilliges Zerstören der Wurzeln selbst tragen; für sie wird es nur eine gerechte Strafe sein, wenn sie einmal zu Wertheims werden sollten. Sie Nüssen, welches das Schicksal der Entwurzelten sein muß; wenn sie die Entwurzelung dennoch wagen, die Schuld falle auf ihr Haupt! Brief ans Ungarn. Der Klerikalismus arbeitet mit Dumdumgeschossen, und die Liberalen antworten mit Seifenblasen. Eine mörderische Schlacht wird geschlagen gegen alle Aufllärung, gegen die Gleich-. berechtigung der Konfessionen, und die Liberalen predigen inzwischen weihevoll den Frieden und die nationale Eintracht. Eine verkehrte Welt: Tie Klerikalen kämpfen, die Liberalen predigen; die Klerikalen arbeiten, die Liberalen beten; die Klerikalen schaffen eine fürchterliche uns brutale irdische Machtorganisation, die Liberalen vertrauen selig in Gott, dessen Allmacht und Liebe alle Wunden heilen wird. Es verhallen im Parlament glänzende Reden, die als Liebesgeständnisse für den Fortschritt vielseitig bejubelt werden, und in der Praxis ist es eine peinliche Wahrheitt, oaß der schwärzeste Klerikalismus sein Werk Schritt für Schritt vervollständigt. Der zielbewußten. Arbeit des Kultusministeriums ist es gelungen, das Schulwesen mit antisemitischem Gehalt zu erfüllen. Das „gewählte" Lehrerpersonal sorgt dafiir, daß im Bewußtsein der schulpflichtigen Jugend der Gedanke der jüdischen Bollberechtigung nicht aufkomme. Tie Lehrmeister für Mathematik, Physik, Erdkunde und Turnen betreiben wie der katholische Religionsprofessor erfolgreiche Propaganda für die alleinseligmachende Lehre. In den Budapester städtischen Schulanstalten, die zumeist aus jüdischen Mitteln erhalten werden, wagt man es, das jüdische vom christlichen Schülermaterial ganz zu sondern, und die Stadt mit ihrer liberaltoleranten Majorität ist diesem Treiben gegenüber ohnmächttg. Tenn hinter der Phalanx der streckenden Schulklerisei steht der finstere Schatten Barkoczys, der wieder nur zu gut die Intentionen seines obersten Vorgesetzten, des Ministers Graf Zichy, kennt. Die in den Mcktelschulen verbildete Jugend findet an den ungarischen Hochschulen schon ganz

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