Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage fttt itt. Z6 rfes IsmeliWm FamiKMatks. Judentum und Sozialismus. Von Or. med. H. L. Eiscnstadt-Berlin. (Schluß.) Das rührte nämlich daher, daß sie zunächst trotz der Hinaufsetzling des Heiratsalters enthaltsam blieben; wer das Gegenteil gewagt hätte, wäre damals in seiner Gemeinde mit dem Eherem belegt, verfehmt ivordcu. In der Folgezeit aber wurde die Malthusschc Lehre ganz anders befolgt, als Malthns selbst es gewünscht hatte. Mit der Verallgemeinerung des Verkehrswesens breiteten sich Alkoholismns, Prostitution und deren gesundheitsschädlichen Folgen aus. ' Indem nun der Baustein sittlicher Reinheit aus dem Judentum entfernt wurde, hörte dessen Borbildlichkcit für die neue Generation auf. Als der Wert der Frühehc über Bord geworfen wurde, brach das ganze Gebäude der Religion zusammen. An die Stelle des Sozialpsyche trat die Sozicilpsychopathie und eine neue Definition der Religion. Die orthodoxe Richtung erklärte für das Wesentliche an unserer Religion den Monotheismus und die Ritualvorschriften, die Liberalen legten den Schwerpunkt auf den ethischen Teil, Die verderblichen Folgen der Assimilation, durch welche einzelne Glieder und ganze Familien dem Judentuni abtrünnig wurden, brachten den genialen Theodor H e r z l auf die Idee einer neuen Lösung der Judenfrage. Er sagte sich, die gegenlvärtige soziale Form der westeuropäischen Juden, ihre Emanzipation bedarf der Vervollkommnung. Wir braucheir eine E m a u z i p a t i o n ohne A s s im i l a t i o n. Haben ivir erst ein autonomes jüdisches Gemeinwesen, das von den Großmächten anerkannt wird, so ivürden endlich einmal "Antisemitismus, religiöse Assimilation und Judentaufe beseitigt werden. Kurzum, Herzls Vorschlag ging dahin, eine neue soziale Forni fiir die Juden in einem nationalen Gewände zu schaffen. Es ist bekannt, wie rasch und weit unter den Juden aller Länder dieses Altneuland Herzls Anhänger gewonnen hat. Allein für zwei Dinge ivußte Herzl keine Abhilfe. Erstens wollte er die Freiheit des Individuums in der Berufswahl nicht angetastet wissen. In dem rechtlich gesicherten Heim sollte es wohl Bauern und Gelehrte geben, aber einen Zwang zum Berufe des Bauern oder Handwerkers wollte der Berufs z lv a n g cingeführt werden, während den geistigen Arbeitern nur eine den Bedürfnissen der Siedlung entsprechende prozentuale Anstellung gemährt wird. Mit dieser sozialen Form kannallerdingsdasuraltesozialeGesetzderFrühehewohlvermähltwerdcn. Dieser Vorschlag ist dairk der erfolgreichen Kolonisation in Palästina auf fruchtbaren Boden gefallen. Allein es ist gegen ihn vor allem einz u w e ii d e n, daß der Zeitpunkt der Verwirklichung zu spät kommt. Bei der geographischen Lage Palästinas, bei seiner Bedeutung fiir ein großzügiges Verkehrsnetz, dessen Herstellung für das internationale Kapital nur eine Frage der Zeit ist, lassen sich dort isolierte Geincinwirtschastcn nicht lange aufrecht erhalten. Ferner ist hinsichtlich des sozialen Gesetzes folgender prinzipielle Einwand zu machen. Der Kapitalismus hat'die Hygiene der jüdischen lleberlieferung beschränkt. Er hindert wohl die Ausbreitung des Alkoholismns unter ihnen, weil das religiöse Gesetz nur Mäßigkeit, nicht Abstinenz im Alkoholgenusse gebietet. Er fördert das tägliche Fleischessen, so lange die Lebensmittel Waren des Weltmarktes sind; das tägliche Fleischesscn ist durch Born Wirken des Httssvereins der deutschen Juden. S. Btld: Schloffereiabteilung der Handwerkerschule Eiocanul, Bukarest. Die Handwerkerschule Ciocanul vcrsügtüver dreistattliche Gebäude, zwei vierstöckige, in die die Werkstätten gelegt sind und eins jür Internat, Lehrschule für den theoretischen Unterricht rc. Die Schule umfaßt je eine Mechaniker-, Schlosser-, Spenglerabteilung. Die Zahl der Zöglinge beträgt 52. Die Dauer der Lehrzeit in derSchule umfaßt 4 Jahre. Der Hilfsverein bewilligt eine jährliche Subvention von 3000 Frcs. als Kosten für sechs Zöglinge. aus die allgemeine Gotteslehre, und endlich traten die Zionisten und Nationnljuden auf den Plan und erklärten die hebräische Sprache und die' traditionellen Gebräuche für nationales Eigentum. Aber alle diese Richtungen erklärten, wenn auch nicht mit Worten, so doch de facto das Sexualgesetz für überlebt, es wäre lächerlich, auf die jungen, Männer' einen Zwang auszuüben, sich mit 18 Jahren zu verheiraten, in ( einem Alter, da sie nochkeine Frau und Familie ernähren könnten. Selbst die frömmsten Väter drückten also bei dem Ledigbleiben ihrer Söhne ein. Auge zu, jeder Jude betrachtete es als ein unverletzbares Recht, seine Stellung zur Frau ganz nach seinenr Belieben und nicht etwa nach den Vorschriften des Talmuds zu halten. Da aber nicht jeder junge Mann sich eines Naturtriebes enthalten konnte, so war die Folge alsbald eine Ausbreitung von gewissen Krankheiten bei den Juden,und viele Mischehen indirekter Weise mit Christinnen. Auch ist wohl zu beachten, daß die Frühehe sowohl in körperlicher als in seelischer Beziehung die Menschen wesentlich 'anders beeinflußt als die Spätehe. er nicht ausüben. Bei der sozialpsychopathrischen Steigung der Juden aber in höhere Berufe einzutreten, würden die Kinder der in dieses Gemeinwesen einwandernden Stammesgenossen wiederum Akademiker aller Art oder Kaufleute werden, und damit das neue Gemeinwesen sein Fundament, die Bauernschaft, nicht erhalten, nicht fortlaufend aus dem eigenen Volke bilden können. Zweitens übersah Herzl, daß wenn die soziale Form gesichert würde, damit noch keine Garantien für. .die Jnnehaltuug des sozialen Gesetzes, nämlich der von der jüdischen Ueberlieferung geforderten Frühehe gegeben würde. Das Individuum seines Staates sollte frei sein in der Berufswahl, in der Auffassung von der Religion und in der Stellung zur Frau. In dieses Programm hat nun ein scharfsinniger Nationalökonom, Franz Oppenheimer, konsequent in seinen sozialen Theorien, eine Revision hineingetragen. Seine Siedlungsgenossenschast ist ein festes, massives Gebäude, kein verführerisches Traumbild. Gelingt das Experiment der genossenschaftlichen Siedlung, so soll es verallgemeinert, d. h. für die Genossen das religiöse Gesetz nicht verboten. Schließlich — und das ist. die Hauptsache — ist die überlieferte Frühehe zwar ein beträchtlicher Fortschritt gegen die moderne Spätehe der Juden, aber sie'steht nicht im Einklänge mit dem Verantwortlichkeitsgesühl, welches der Schein der modernen Geburtshilfe und' Säuglingsfürsorgc bei den Menschen der Gegenwart Hervorrufen müssen. Diese Lehren verlangen für den Säugling im Interesse seiner physischen und intellektuellen Entwicklung eine' genügend lange Ernährung mit Muttermilch. Leider geht die ftühere lange Stilldauer bei den Jüdinnen Osteuropas und selbst Palästinas intmer mehr zurück. Im Interesse der Erhaltung von Mutter und Kind liegt es daher, daß die Mutter in einem besonderen Heime (Mutters ch n tz g e n o s s e n s ch a f t), fern vom Manne während der Zeit der Mutterschaft untergebracht ist. Einen vielversprechenden Anfang eines jüdischen Mutterheimes besitzen wir schon in Berlin und zwar in Nieder - Schönhausen (Vorsitzender: Dr. William Levy, Berlin; Begründerin: Dorochea Wormann). Hier' finden Säuglinge und Mütter Aufnahme, welche infolge von Unglücksfällen verlassen