Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Map M Ile. ZI des Jmaftfnctot UrMWm IrnitiMtaftes. JVws aller Wert. Rußland. Petersburg. Der von Purischkewitsch geleitete iiltrarcaktionäre Verband „Erzengel Michael" druckte und verbreitete im Mai hundcrttauscnde Exemplare einer Proklamation gegen d c n R i t u a l - in o r d. Die Proklamation, die auch Bilder enthält, die Kinder mordende Inden darstcllcn, imirde auch auf dem Lande stark verbreitet. Die Petersburger und Moskauer lokalen Pcrivaltungcn befürchteten eine gefährliche Wirkung der Proklamation auf das Volk und ordneten ihre Konfiskation an. Dieser Tage nun verfügte die höchste Instanz die Freigeb ung der Proklamation und legalisierte dadurch diese aufwieglerische Agitation. Die Folgen dieser Stellungnahme, ivclche einer ivilden Hetze gegen die Inden freien Lauf läßt, sind nicht abznsehen. Schon iveiin die antisemitischen Umtriebe sich versteckt vollziehen, ist ihre Wirkung eine höchst verderbliche; umsomehr ist dies aber der Fall, wenn die absurdesten und insbesondere das ungebildete Volk aufregenden Anschuldigungen gegen die Inden auf breitester Basis ' unter Zustimmung der Behörden öffentlich, erhoben werden dürfen. „Rnss. Korresp." Warschau. Dieser Tage sind in Melawe etwa i>0 Häuser, , in Konskvwolje etwa 30 Häuser und in der Alexandrowskagasse in Lo d z eine Einzahl Häuser n i e d' c r g c b r a ii n t. Meistens wurden' .jüdische Familien ruiniert. In Lodz schoß hierbei ein Polizist eine jüdische Frau nieder, die aus ihrer Wohnung Sachen rettete mid ans seinen Anruf —> er hielt sie für eine Diebin, und sie hörte in der Verwirrung seinen Anruf nicht — nicht still stand. Warschau. Der Chef des Bezirkes Pultusk scheint den . Teil gelesen z u haben; er ließ nämlich in der Synagoge bekanntmachen, daß die jüdischen jungen Leute, da sic revolutionär gesinnt seien, vor i h in d cn H nt zu ziehen haben, Znwidcrhandlnngcn würden mit sieben Tage Gefängnis geahndet. Serbien. Belgrad. Von dem 10. allslavischen I v u r n a l i st e n k v n g r e s>, der hier abgchaltcn wurde, lind ans dem —> nebenbei bemerkt — die Vertreter der reaktionäre» Presse durch ihr rüdes Benchnicn sehr unliebsam ausfielen, erzählt die „Pravda" folgendes viel b elach tes Borko inmii is: „Es war beim Ausflug der Journalisten auf dem Schiffe Sumadija. Ein kleiner Junge von etwa 12 Jahren verkauft Fcnerrakcten und singt dabei alle möglichen slavischen Lieder, wie „Boze carja ch'ranin", ,,M), Moskwa, Moskwa. . .", „Kde domov inuj" und andere. Die Journalisten sind frappiert von der Stimme des Knaben und von den vielen slavischen Liedern, die er singt. Der Russe Stschawinski küßt und kost den Jungen vor Begeisterung, indem er zu ihm spricht: „Ach, du mein Täubchen, du liebe stavische Seele!" Der Slovene Gabrschck beantragt, daß der Junge zur Ausbildung nach Rußland geschickt tvcrde. Der Antrag wird angenommen. Jeder verspricht, etwas beizutragcn. Die Hälfte aller Kosten will natürlich Stschawinski tragen. Er küßt noch immer den überglücklichen Knaben. „Wie heißt du, mein Täubchen?" fragt endlich der begeisterte L-tschawinski. „Isaak F a r ch y", antwortet der Knabe. Da beginnt der Russe a n s z n s p u den, denn er, der Waschechteste Antisemit, den man sich denken kann, hatte einen Juden geküßt." Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. In die Liste der aus dem III d e n t u IN A n s g e t r e t c II e n hat sich ein Irrtum eingcschlichen: Herr I u l i u s B l n in e n t h a l ist aus der Liste zu streichen. Berlin. Nach längerem Leiden verschied Geh. Sanitätsrat und Stabsarzt a. D. Dr. S i e g - bert Marense, Schriftführer und stellvertretender Vorsitzender der Aerztekammcr. Berlin. iProfeffor Dr. Hermann Oppenheim wurde von der Universität Birmingham zum Ehrendoktor der Rechte ernannt. Prof. Dr. Oppenheim ist voriges Jahr nach 16 jähriger Tätigkeit als Privatdozent aus dem Lehrkörper der Berliner Universität ausgetreten, Iveil entgegen dem einstigen Vorschläge der Fakultät seine Ernennung zum außerordentlichen Professor noch immer nicht erfolgt war. (L.) Posen. In Strelno wurde der Kaufmann A. Leiser zum Magistratsbeigeo rdnete n gewählt. —> In Rakel verschied der Brancreibesitzer David Her m a n n. Hermann nahm im jüdischen Gcmeindclcbcu seiner Stadt eine führende Stellung ein. Wien. Dr. Heinrich N e u m a n n, Privatdozent der Ohrenheilkunde, Ehrendoktor der 3icchtc der Universität in Eincinnati, erhielt einen Ruf an die Stockholmer Universität. Pretzburg (Ungarn). Samuel Rosenakund Frau Dibvrah geb. Spitz, die Eitern 3i'abbincrs Dr. Roscnak in Bremen, feierten die goldene H v ch z c i t. Herr 3ioscnak saß lange Jahre im Vorstände' der Gemeinde und der Chewra Kadischa. Budapest. Professor Hirsch! er. der Neffe des berühmten Präsidenten des nngar. -jüd. Kongresses, ist plötzlich verschieden und hat seine Ruhe ans dem katholischen Fried Hofe gefunden. Er hatte bereits einmal einen Selbstmordversuch gemacht und zwar in Gram darüber, daß. sein Sohn Antiseinitcnführer geworden war. Zioni. London. Frau S. H. Cohen (32 Broadway. Westmiiister), die Großtante Sir RasuS Jsaacs'. feierte in Gesundheit den 102. Geburtstag. — Bern a r d B i r n b a u m , ein sehr verdientes Mitglied der Leitung der Peius' Tcmporary Sheltcr und der Redttians 3ioad Talmud Thora, Ivar anläßlich seines 30. Geburtstages der Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Petersburg. Die jüdische Gemeinde hat beschlossen, bei der großen Chorschule ein Muse n m ans den Namen Barons Horaz Ginzburg s. A. zu errichten. Aus der Lehrerwett. Butzbach. Lehrer Spiro feiert nächster Tage sein 25 j ä h r i g e s A m t s j n b i l ä u in. Kamen t. Wests. Mit der demnächstigen Pensionierung unseres Lehrers Goßel wird die hiesige öffentliche jüdische Schule aufgehoben werden. Kurnik. Die hiesige jüdische Schule wird aufgelöst. Pancsova (Ungarn). Hier wurde Dr. Aron Feld mann, Sohn des Pester Rabbiners Moses Fcldmaiin, ziim Oberrabbiner gewählt. Aus der zionistische« Bewegung. Köln a. Rh. Bisher ist die Wahl von 380 Delegierten zum Zion groß angemeldet worden. Die S a m m l n n g d er S ch c kc l dürste 100 000 Ai a r k erreichen. Wien. Hier ist ein Kongreß der P a u a l e i Z i j a ii ii (Zionistische Arbeiter - Partei) eröffnet worden. Aus Oesterreich, Rußland, 'Amerika, Palästina, England, Shniuiititii und Bulgarien haben sich Delegierte eingefunden. Die Stimmung unter den Delegierten ist sehr begeistert. Eingesandt. Neutralität. Berehrliche Redaktion! Nach meiner Ueberzeugung würden einem Zionismus, der. wie es in dem Artikel in dir. 27 verlangt worden ist, das reine Nationalitätsprinzig zur Grundlage machen würde, alle diejenigen die Gefolgschaft versagen, die auf dem Boden des überlieferten, des Thora-Judentums stehen. Man bedenke: Der religiös gesinnte Jude, dem die Thora die Grundlage des Judentums ist, muß anerkennen, daß der Freigeist, der Atheist, der Materialist ebenso gute Juden sind wie er selbst, sofern sie nur das jüdische Volkstum anerkennen, und daß die Förderung ihrer geistigen Bestrebungen, die naturgemäß auf die Beseitigung des Gottesglaubens und „veralteter" Religionsgebräuche gerichtet sind, ebenso wichtig und ebenso berechtigt ist wie die Förderung seiner eigenen Ideale. Denn der Zionismus, also die Vertretung der Gesamtheit, unterstützt ja alle Kulturbestrebungen, wenn sie nur eine nationale Basis haben. Und ein orthodoxer Jude, der etwa im Aktionskomitee säße, hätte die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, jene atheistischen und materialistischen Bestrebungen nicht nur theoretisch als gleichwertig anzuerkennen, sondern auch materiell zu fördern. Man vergißt bei der Forderung der gegenseitigen Anerkennung der „Richtungen", sei es nun, daß sie von liberaler oder von zionistischer Seite erhoben wird, einen wichtigen Umstand. Der Liberale, der Freigeist, der nationalgesinnte Atheist, sie alle, können den orthodoxen Juden und seine Anschauungen unterstützen. Sie mögen ihn für rückständig halten, mögen die Opfer, die er für seine Ueberzeugung bringt» belächeln. — daß die Betätigung des überlieferten Judentums, die Erfüllung der Thora, das jüdische Volk schädige, daß hat weder ein Liberaler noch auch ein Zionist jemals ernsthaft behauptet. Im Gegenteil ist man auch auf der anderen Seite überwiegend der Ansicht, datz die Erfüllung der jüdischen Religion die sicherste Gewähr für die Erhaltung des Judentums bildet, wie sie ja auch während des ganzen Miltelalters das jüdische Voll erhalten hat. Anders stellt sich die Sache für den Orthodoxen. Ihm ist die Thora alles; seine nationale ist von seiner religiösen Gesinnung untrennbar. Wenn die Thora als' maßgebender Faktor aus dem Leben des jüdischen Volles eliminiert würde, so niüßte er dies für das größte Unglück, für den Weg zum Untergang betrachten, auch wenn dieses jüdische Volk in wiffenschastlicher und künstlerischer Beziehung noch so hoch stehen würde. Es ist danach klar, daß es etwas ganz anderes bedeutet, ob man deni Liberalen oder dem Orthodoxen zumutet, das nationale Moment als das allein Ausschlaggebende anzuerkennen. Für den letzteren bedeutet es das Ansinnen, Bestrebungen und Anstalten zu unterstützen, die er für schädlich und verderblich nicht nur für die jüdische Religion, sondern auch für das jüdische Volk ansehen muß. Ich sehe dabei von dem Spezialfall des hebräischen Gymnasiunrs ganz ab; aber das Prinzip, das in jenem Artllel verkündet wurde, enthält eben kiipp und klar die Forderung, daß die Orthodoxen der Unterstützung aller Bestrebungen zustimmen müssen, die aus nationaler Basis ruhen, auch wenn sie die Tendenz der Untergrabung der Religion offen auf der Stirn tragen. Eine solche Neutralität gibt es übrigens auch im Staatsleben nicht Das politische Leben ist für den Staat von größter Wichtigkeit. Es 'hat aber noch niemand die Forderung erhoben, daß der Staat etwa die konservative und die sozialistische Partei gleichmäßig unterstützen solle. Man verlangt im Gegenteil, daß er sich beiden gegenüber neutral verhalle, d. h. ihnen die Entwicklungsmöglichkeit lasse und kerne von ihnen gewaltsam unterdrücke. Man hat es von zionistischer Seite den Orthodoxen oft zum Borwms gemacht, daß sie sich dem Zionismus gegenüber zurückhalten. Das Baseler Programm enthalte doch absolut nichts, was vom jüdisch-religiösen Standpunkt zu beanstanden wäre. Das ist an sich richtig. Aber man hatte eben vielfach instinktiv daS Gefühl, daß dieses Programm nicht das Wesentliche am Zionismus sei. Das wird jetzt von jenem Artikelschreiber offen zugegeben. „Das Baseler Programm ist nicht der innere Kern des Zionismus, cs stellt nur den Ausdruck der erreichbaren Forderungen dar.. Das Baseler Programm ist nicht Voraussetzung, sondem Folge des zionistischen Ideals." Sollte der Kongreß sich auf diesen Standpunkt stellen, so würden diejenigen Recht behalten, die den Zionismus als von Anfang an als eineGefahrfürdieReligion bezeichneten. Der 10. Kongreß würde dann einen Wendepunkt in der Geschichte deS Zionismus bedeuten, den ich mit vielen anderen auss tiesste bedauern würde. _ Ein Nlchtzionist.* *) *) Faßt mau die Ausführungen deS gesch. Schreibers zusamiiieii, so erhält mau als Kernpunkt die Anschauung, das; ein Nichtsromnier wohl einen Orthodoxen unterstützen kann, nicht aber umgekehrt; denn ein Nichtfrommcr wird nie die Bestrebungen eines Orthodoxen als schädlich ansehen, wohl aber umgekehrt. Wir halten einen derartigen Standpunkt für prinzipiell falsch. Jedes Volk, jede Gcnieinschaft die als solche existieren will, muß die Töleranz üben. Toleranz heißt aber die Duldung und Anerkennung solcher 'Anschauungen und Äestrebuiigcii, die zu den eigenen im Gegensatz stehen. Diese Toleranz ist mit dem traditionellen Glaubensbekenntnis durchaus vereinbar. Der orthodoxe Jude darf und muß seine religiöse Ueberzeugung für die einzig richtige halten, nichtdestowenigcr muß er auch anderen religiösen Ueberzeugungen das Existenzrecht zusprechen. Der orthodoxe Jude kann und muß — und dies ist auch das Bestreben unserer Zeitung —. danach streben, die anderen von seinen Anschauungen zu überzeugen, ebenso wie auch der andere dasselbe Recht beanspruchen darf, aber er darf sie nicht einfach unterdrücken wollen. Dieser Gedankcngang hakten wir für durchaus cinlcuchtcud und unwiderleglich. Nur der kann seine .Richtigkeit bestreiten, der die 'Anschauung vertritt, daß wir Juden kein Volk, sondern nur eine Religionsgcineinschaft sind. In diesem Falle hätte der Verfasser recht. Dann muß er aber auch konsequenter Weise behaupten, daß jeder Jude, der nicht auf dem Boden der Thora steht, kein Jude mehr ist, -— und damit Iväre er auf den Boden des konsequenten, strengen TrennnngSjudentuins augelangt. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: entweder konsequentes T r e n n u n g s j u d e n t u m oder das N a t i o - n a l c als einigende Basis der jüd. Gemcinschaft anerkennen. Ein drittes gibt es nicht. Wir stehen auf dem Boden des Aationaljndentnins; der Verfasser muß auf Grund seiner Ausführungen, wenn er nur konsequent ist — auf bellt Boden des strengen Trennungsjndentnms stehen. Fragt sich nur: welches Judentum das jiidische ist. Sicher das der Propheten, der Talmndisten und der Gaonim, —> und daß dieses unser Judentum ist, dies glauben wir in unserem 'Artikel „Schreckschüsse" in den angeführten Talmudstellen gezeigt zu haben. Dies wird auch der gesch. Schreiber, sofern er sich nur in den Geist der Propheten und des Talmuds vertieft hat und