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Neue jüdische Presse · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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MllW zn He. Zo ites MMfkM UmMMm FamlMklaiks. -Ein Wort in der Erziehnugsfrage au jüdische Mütter., Voit Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen. Man wird bei der Ueberschrift dieses Artikels sich zunächst fragen: spielt denn die Erziehungssrage, die doch eigentlich alle Mütter ohne Unterschied der Konfession angeht, bei den jüdischen Müttern eine besondere Rolle? Verfasser glaubt, dies in seinen Ausführungen Nachweisen zu können und wendet sich darum speziell an die jüdischen Mütter. Die ganze Erziehung liegt doch bei jüdischen Kindern — abgesehen davon, daß uns die besondere Aufgabe obliegt, unsere Kinder nicht nur zu guten, brauchbaren Menschen und Staatsbürgern, sondern auch zu treuen Anhängern des Judentums zu erziehen — im wesentliche» ganz anders als bei dem Gros der Andersgläubigen. Dies wird bedingt durch die besondere Stellung der Juden im Staate und der sich daraus ergebenden Konsequenzen für das wirtschaftliche Leben. Viele, die Gelegenheit haben, einen Blick in - manche jüdische Familie und deren interne Verhältnisse zu tun, werden die Beobachtung gemacht haben, daß die Erziehung vieler Kinder sehr im Argen liegt, daß nicht selten die Eltern die Herrschaft über ihre Kinder verloren haben, und daß dann die Kinder ihre Eltern „erziehen.". Ich will hier gar nicht von den vielen beklagenswcrten Zuständen reden, will auch! nicht die Zukunft vieler solcher Kinder, die aus solchen Verhältnissen hervorgcgangcn .sind, in grauen Farben malen. Ich will auch keineswegs die Schuld an diesen traurigen Erscheinungen ganz den Eltern zur Last legen, die heute nichr als sonst im Kampfe ums Dasein ihre Kräfte opfern müssen, nein/ die Schuld liegt fast ausschließlich an den eigenartigen Verhältnissen, welche die moderne Zeit für uns Juden besonders gezeitigt hat. Zu keiner Zeit war der Kampf unis Dasein so schwierig, wie in unserer materialistischen Zeit, und dieser Kampf ist heute bei den großen Anforderungen, die das moderne Leben an uns stellt, und denen wir entsprechen zu müssen glauben, -bedingt durch, die Art der Erziehung und durch das Milieu, aus welchem wir hervorgegangen sind, — ein ganz besonders, verzwickter. In sehr vielen Fällen ist der Mann durch feinen Beruf derart in Anspruch genommen, daß er sich fast gar nicht um die Erziehung seiner Kinder kümmern kann. Gar oft ist er längere Zeit auf Reisen, und weilt er dann kurze Zeit im Kreise der Seinen, so kann und mag er nicht die Freude der Kinder über die Anwesenheit des Vaters durch ein hartes Wort und durch strenge Erziehungsmaßrcgelu trüben. Seine treue Gattin hat ihm wohl von dieser und jener Ungezogenheit der Kinder berichtet, hat ihnl auch vielleicht erzählt, daß sie ihr nicht den nötigen Respekt entgegenbrächtcn, aber er kann es nicht übers Herz bringen, ihnen die nötige Zurechtweisung zukommen zu lassen. Und der Erzieher von Fach weiß gar zu gut, wie schädlich es gerade ist, wenn ein Kind den großen erzieherischen Einfluß des Vaters entbehren nmß. Dann ruhen auf den schwachen Schultern der Hausfrau allein die schweren Aufgaben der Erziehling. Mit guten Worten allein ist cs bei unseren Kleinen nicht immer .getan, zuweilen niuß auch Strenge walten. Und dann passiert es gar zu oft, daß die Strenge der Mutter von unseren listigen Kleinen nicht in der rechten Weise respektiert wird. Dann hängt cs in der Folge vielfach nur noch vom Zufall ab und von der Selbsterziehung in späteren Jahren, wenn ein solches Kind ein tüchtiges und brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft wird. Und wie viele Fälle gibt es, wo auch die Frau einen großen Teil ihrer Zeit und Kraft den Berufsgeschäften des Mannes widmen muß. Dann sind die armen Kinderchen sich selbst und dem Müßiggang überlassen, oder die Dienstboten werden jetzt ihre Erzieher oder vielmehr „Verzieher", Bei vielen Eltern, die für die geschilderten Verhältnisse in Frage kommen, muß sich zunächst die Erkenntnis Bahn brechen, daß diese Verhältnisse tatsächlich so sind, dann kann man auch mit Erfolg bessern. Denn wieviele Eltern gibt cs noch, die in ihrer Kurzsichtigkeit die Meinung vertreten, der böse Geist stecke immer in den Kindern und von Seiten der Erzieher sei nichts dagegen zu »lachen. Daß dies ein großer Irrtum ist, bedarf wohl keines besonderen Beweises. Wenn es ' auch viele Kinder gibt, die durch eigene Kraft dem ihnen innclvohnenden guten Trieb zunl Sieg über de» bösen verhelfen, so ist doch mit ziemlicher Sicherheit zil konstatieren, daß bei dem iveitaus größeren Teil unserer Kinder erst sehr spät, ja fast zu spät die Erkenntnis von der eigeneil Kraft erlvacht. Und gerade in dieser Periode bedarf das Kind einer sachgemäßen Erziehung. Bor allen Dinge» muß dem Kinde — das wollen wir allen Müttern ans Herz legen — eine viel größere Beachtung von der Geburt bis zum Eintritt in die Schule geschenkt werden, und dabei muß man stets den Grundsatz vor Augen haben: Für unsere Kinder ist nur das beste gut genug. Dieser Satz soll nicht nur lediglich auf das „Körperliche", sondern in erster Linie auch auf das „Geistige" Anwendung finden. Darum sollen wir stets mit großer Ueberlcgung und größtmöglicher Vorsicht dem Kinde begegnen. Alles, was das. Kind sieht und hört, soll gut, schön und lvahr. sein. Der Eigensinn des Kindes soll. früh - gebrochen werden, es muß ihm rechtzeitig zum Bewußtsein gebracht werden, daß nicht alles, was es will, gut ist. Diese Erkenntnis muß den Kleinen, wenn erforderlich, mit den: nötigen Nachdruck beigcbracht werden. Diese zuletzt gestellte Forderung ist von besonders großer Wichtigkeit. Ja, alles, was dem Kinde von der Mutter mitgeteilt wird, ihr Leben und Handeln — sollen wahr sein — so lautet eine moderne pädagogische Forderung — und es ist eine naive Anschauung, wenn man glaubt, daß die oft verlangte Wahrheit verderblich würde. Ich glaube, es gehört wohl zu den Ausnahmen, daß ein Kind vor dem 6. Lebensjahre schon nach seiner Herkunft fragt; ganz ohne Aufforderung erzählt man ihm die Storchgeschichte. Biel richtiger ist es, wenn man dem Kinde auf seine Frage in kurzer, schlichter, ernster Weise die Wahrheit sagt. Das ist jedenfalls besser, als wenn das ,Kind von unberufener Seite die Wahrheit in schmutziger Form erfährt und dann die Mutter für eine Lügnerin hält und ihr dann lange Zeit mit Mißtrauen begegnet. Das Kind soll früh an eine bestimmte Ordnung gewöhnt werden und an einen unbedingten Gehorsam ohne Begründung. Darauf muß bestanden werden. Fast unnachsichtlich, aber doch liebevoll soll sich die Mutter gegenüber der Nichtbeachtung einer Anordnung verhalten, llnsere Mütter wollen das nicht Liebe nennen, wenn sie eine Ungezogenheit des Kindes als Drolligkeit erklären. Bei der Erziehung sollen die Gefühle die leitenden Faktoren sein, aber die Vernunft soll über ihnen stehen und die Entscheidung treffen. Biele Mütter werden mir entgegnen, daß das nicht so leicht sei; aber es ist auch nicht so schwer, wenn man die nötige Selbstbeherrschung und ein zielbewußtes Auftreten zeigt, seine Kinder wohl schätzt, aber nicht über- oder gar unterschätzt. Vor ’ allen Dingen müssen die Nerven unserer Damen soweit erstarken, daß sie auch mal ein kleines, zartes Wesen ein Stündlein schreien hören können, wenn sie sich überzeugt haben, daß es kein Bedürfnis hat. Eine Mutter muß auch soviel Festigkeit haben, einen Wunsch ihres Lieblings, den sic nicht gerechtfertigt findet, zu.versagen. Eine Mutter nmß auch den Mut haben, zurechtweisend und mit gewissem Nachdruck ihrem Kinde gegenüber anfzutreten. Sie soll möglichst wenig loben, dann hat sie auch selten Gelegenheit zu tadeln. Sie soll möglichst wenig versprechen, dann kommt sie nicht leicht in die Verlegenheit, etwas halten zu müssen, was ihr schwer fällt, und wenn sie verspricht, soll sie das nur bedingungsweise tun und dann aber auch unter allen Umständen halten. Was unsere Kinder sehen, muß gut sein und was sie hören, muß nicht minder gut sein. Darum lieber nichts sehen, als Schlechtes sehen, lieber nichts hören, als Schlechtes hören. Ich hatte cs mir nur zur Aufgabe gemacht, hier über die Erziehung der Kinder bis zum sechsten Jahre zu reden. Manche Mütter trösten sich auf die Schule und hoffen, daß die Erziehung durch den Lehrer alles Versäumte nachholen, alles Verfehlte verbessern werde. Doch das ist natürlich grundfalsch. Die Hanpterziehungsfaktoren bleiben immer die Eltern. Noch verfehlter ist der Trost anderer Mütter, wenn das Kind älter und vernünftiger werde, werde es schon seine Fehler ablegen. Daß dies ein falscher Trost ist, werden mir alle die Mütter zugeben, die leider das Gegenteil erfahren haben. Doch , um nun znrückzukommen auf die Verhältnisse, so liegt es leider nicht in unserer Macht, hier Wandel zu schaffen. Wenn es schon schwer ist, — wie die Erfahrung lehrt — einem einzelnen Menschen eine andere Gesinnung anznerziehcn, um wieviel mehr einer ganzen Generation. Wir leben in einer materialistischen Zeit, überall ein Jagen und Hasten nach Erwerb, nach Mwinn, und das ist nicht gut für die Erziehung unserer Kleinen, die in ruhiger, sachgemäßer Weise vor sich gehen, muß. Das sind Gegensätze, die nicht zu überbrücken sind. Es wird wenig nützen, wenn wir den Menschen zurufen: Ihr sollt bescheiden sein, denn bescheidene Forderungen erfordern einen geringeren Aufwand - an Zeit und Kraft, die »vir dann den Kindern widmen können. Wenn es nun Eltern durch die Macht der Verhältnisse nicht möglich ist, ihre Kinder in der rechten Weise zu erziehen, so ist es im Interesse des Kindes erforderlich, daß es möglichst frühzeitig, nicht oft, wie es leider vielfach geschieht, in späteren Jahren, wenn die Fehler und Untugenden schon so eingewurzelt sind, daß sie nur sehr schwer wieder auszurotten sind, anderen geeigneten Erziehern übergeben wird. Man wende nicht dagegen ein, daß das Kind dem Elternhause dadurch entfremdet wird, im Gegenteil, ich möchte behaupten, daß das Band zwischen Kind und Eltern viel inniger wird, wenn das Kind zu einem tüchtigen Menschen heranwächst und die Einsicht gewinnt, daß es seine gute Erziehung eigentlich doch nur seinen Eltern zu verdanken hat, während ein Kind bei schlechter Erziehung seine Eltern mit Borwürfen überschüttet und nachher gänzlich von ihnen abfällt. Rechtzeitige Einsicht findet hier immer die richtige. Hilfe. Ich schließe meine Aussichrungen mit Rückert: Etwas liegt in der Art, die Gott dem Keime verliehen Und etwas auch davon, wie du ihn wirst erziehen. Das erste ist die Gunst, mit der der Himmel schaltet; Das andre ist die Kunst, mit der der Gärtner waltet. Austritte aus dem Judentum in Frankfurt a. M. 1911: 12. Januar: Frl. Johanna Jenny Fischer, Opernsängerin, Kaiserstraße. 17. Januar: Karl Becher, Kaufmann, Scharnhorststraße 17. 28. Januar: Adolf Schottlaender, Referendar, Bethovenstraße 64. 8. Februar: Frau Willy Burbach, Betty, geb. Jonas, Zeit 12. 10. März: Heinrich Kaufmann, Kaufmann, Hermesweg 43. 11. März: Max Wertheim, Kaufmann, .Eschenbachstraße 17. 11. März: Eheleute Wilhelm Heimberger und Lina, geb. Dornhard, Schneider, Haidestr. '1. 28. März: Karl Sichel, Kaufmann, Schillerstr. ’26. 29. März: Albert Straßer, Kaufmann, Höchste. '36. 6. April: Bernhard Paul Metz, Kaufmann, Körnerwiese 13. 20. April: Die minderjährigen Kinder des Dr. Wolf Ederheimer, R«htsanwalt, Lotte, Rudolf, Liefe und Hans, Wolfgangstr. 105.

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