Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mlage zn Jlt. 29 des Imnftfnctec IsrMWm lamitienfilaftes. Jüdische Hygiene. Von Dr. K a l l u e r - Spandau.*) Wenn Heutzutage Juden orthodoxer Herkunft aus irgend welchen Gründen die 1000 jährigm Gesetze unserer Religion nicht inehr beobachten, so habe» sie — ganz gleich, ob sie Akademiker, Kaufleute, Handwerker ilsw. sind; ganz gleich, ob sie Bildung besitzen oder nicht —■. immer denselben Entschuldigungsgrund: „Wir modernen Menschen können .uns doch nicht an solche veralteten Gesetze halten," Ich kenile Juden, die in ihrer Anschaumig, Lebensweise, Kleidung usw. so veraltet sind, wie inan sie sich überhaupt heute in Deutschland kaum vorstellen kann. Aber trotzdem: „Wir modernen Menschen. . . ." Diese Leute wissen überhaupt nichts vom modernen Leben, aber sie sprechcil um so mehr davon. Und Niisere Gebildeten!? Wir rühmen ilns ja immer vor andern, den größten Prozentsatz der Intellektuellen zu stellen! Das ist sicher richtig. Leider kenne» unsere jüdischen 'Intellektuellen alles: Literatur und Kunst, Sprachen und alle Zweige der Wissenschaft: nur vom Judentum, seiner Lehre und seinen Gesetzen wissen sie liichts. Im vorletzten Jahre ivurde an einem kleinen Orte — wie überall jetzt —i ein jüdischer Jügeudverekn zur Erweckung neuen jüdischen Lebens gegründet. Als erster Antrag ivurde von der intelligentesten Dame der Vorschlag gemacht: „Italienisch zu treiben." Dazu der jüdische Jügendverein! „Warum, mein lieber Freund, halten Sie die Speisegesetze nicht mehr?" „Als moderner Mensch kann ich doch die alten Gesetze nicht mehr halten!" „Ja! kennen Sie denn die Speisegesetze der jüdischen Lehre?" Da hapert es. Die Leute aus der Kleinstadt kennen sie noch; die aus der Großstadt wissen meistens nur noch, daß die jüdische Küche surcht- Wenn der Tierarzt eine Lunge untersucht und sinket die Lunge stark schwindsüchtig erkrankt, so wird die Lunge beanstandet. Nur selten dagegen wird das Tier. verworfen. Findet dagegen der Schächter bei der Bedikah von der Lunge nur einen Teil so erkrankt, daß man annehmen mutz, daß ein ausgesprochen tuberkulöser Prozeß vorhanden ist, so ist nicht die Lunge allein verivorfen, sondern das ganze Tier ist sür uns ungenießbar. Ich will mich in keine Kontroverse modernen Fleischbeschau, einlassen. Nur will ich feststelten, daß der jüdische nach den alten Gesetze» der jüdischen Religion viel weiter und strenger vorgeht als der moderne Fleischbeschauer. Und fragt man, wer Recht hat, so vergegenwärtige man sich das eine: Ist etwa ein Mensch, dessen eine Lungenspitze schwindsüchtig ist, als gesund oder als krank anznsehen? Jedenfalls brauchen wir alten Juden uns mit unfern alten Gesetzen nicht zu verstecken. Während heute die Fleischbeschau bei den hochzivilisierten Nationen erst eingeführt wird, haben wir Juden eine ausgcbildete Fleischbeschau schon seit mehr als 3000 Jahren. mit der das eine Schächter Var fett ist, und daß nicht mit Butter braten Leute, die sich nun formiert haben, werden einen Kalbsbraten man darf. wirklich schon etwas innun ganz erbost. „Heutzutage haben wir doch eine moderne Fleischbeschaumig; da braucht man doch wirklich keine alten Speisegesetze mehr." Und schließlich kann man es nocherleben, daß man sich sogar entschuldigen soll, wenn man „als moderner Mensch" nach den alte» Speisegesetze» lebt. An diese letzteren wende id) mich heute mit der Frage: Ist wirklich die heutige Fleischbeschauung derart, daß der moderne Mensch die alte jüdische Flcischbeschauuug wegwersen kann? Vor allem muß man noch zwischen Schächten (Schechitah) und der Fleischbeschaunng (Bedikah) unterscheiden. Noch ist es nicht eiuwandsfrci bewiesen, daß ein mit dem Hämmer oder der Schutzmaske getötetes Tier so dauerhaftes und gesundes Fleisch liefert wie das geschachtete Tier Arbeit über den Ausblutungszustand geschachteter und geschlagener Tiere habe ich schon angedcntet, daß der Kardinalpunkt bei dieser Frage nicht in dem mehr oder weniger ausgebluteten Fleische der Tiere liegt (sic sind übrigens beide gleich stark ausgebliltet), sondern in der Art des Ausbluten!" Beim rituell geschachteten Tiere strömt das Blut sofort beim Schneiden von dem (zwar sofort betvußtlosen, doch noch lange) atmenden Tiere schnell aus dem Körper. Es bleibt daher der Körper immer mit Sauerstoff gesättigt. Beim geschlagenen Tiere dagegen tritt eine Erstickung ein; es vergehen ein bis zwei Minuten, bis durch verschiedene Manipulationen das Blut des regungslos daliegcnden Tieres langsam aus dem Körper zu fließen beginnt. Dieses Blut ist nicht hellrot und sauerstoffhaltig wie beim rituell geschachteten, sondern, dunkelrot; cs ist mit Kohlensäure gesättigt. Genau so das Fleisch. Und ob dieses Fleisch nicht weniger haltbar ist als das hellrote der geschachteten Tiere ist zum mindesten fraglich. Man hört und liest heute beinahe täglich von Fleischvergiftungen in den Großstädten. Dieses Fleisch kommt aus den modernsten Schlachthofen. Es ist vom akademischen Tierarzt untersucht und in Kühlhallen aufbewahrt. Und trotzdem die Fleischvergiftung! Ja! Meine modernen Menschen, haben Sie schon von Fleischvergiftungen in den veralteten jüdischen Familien mit orthodoxer Haushaltung gehört? Ich erinuere mich, daß wir auf dem Dorfe im Sommer nur einmal in der Woche koscheres Fleisch bekommen konnten; wir hatten keine Eisschränkc; aber verdorbenes Fleisch kam nicht vor. Boil Fleischvergiftung habe ich nie gehört. Und nun zur Fleischbeschaunng im eigentlichen Sinne. Sicher steht fest, daß in unseren modernen Schlachthäusern jedes Tier genau' untersucht wird, lieber den Wert aber läßt sich streiten. *) Auf Anregung des Komitees für Hygiene der Juden habe ich eine Anzahl Nachbildungen von Tereifaus der Lunge und des Magens auf der Hygiene-Ausstellung in Dresden ausgestellt. Ueber den Sinn und den Zweck der Ausstellung sollen sich die nachfolgenden Zeilen auslassen. Personalreu u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Hermann Senator, Geheimer Medizinalrat, Professor an der Universität, leitender Arzt des Angustä - Krankenhauses, Vorsitzender der Berliner medizinischen Gesellschaft usw., ist nicht mehr. Die deutsche Aerztewelt hat einen ihrer hervorragendste» Vertreter verlöre»! Hermann Senator wurde am 6. Dezbr. 1834 in Gnescn geboren, habilitierte sich 1868 in Berlin, ivurde 1875 außerordentl. .Professor und Chefarzt der innere Mteilnng des August« - Krankenhauses später leitender Arzt der Universitätspoliklinik und der 3. medizin. Klinik der Charite und Direktor des medizin. - poliklinischen Instituts. ' Trotzdem Senator unzweifelhaft der hervorragendste Kliniker Berlins war, konnte er es nicht zum ordentlichen Professor bringen, da er es ab lehnte, sich taufen zu lassen. Senator hatte ein ernstes jüdisches Interesse und betätigte sich in verschiedenen jüdischen Körperschaften. So gehört er der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde, dem Vorstände des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens und dem Ausschüsse des Hilfsvereins der deutschen Inden an. Die Beisetzung Senators gestaltete sich zu einer außerordentlich eindrucksvollen Kundgebung dhr Verehrung und Würdigung dieses bedeutenden Mannes. Das Kultusministerium, die Universität, die Kaiser Wilhelms-Akademie usw., sowie zahlreiche wissenschaftliche Vereine waren vertreten. Die angesehensten Männer der medizinischen Wissenschaft erschienen. Nachrnse hielten Rabbiner Dr. H ochse l d, Stadtverordneter Louis Sachs für das RePräsentantenkoUegium der jüdischen Gemeinde, Geheimrat L es s e r namens der früheren Assistenten des Entschlafenen, Geheimrat Kraus für die Berliner medizinische Gesellschaft und den Verein für innere Medizin und Dr. Franken- Häuser für die Balneologische Gesellschaft. Senator hintcrläßt seine greise Gattin und zwei Töchter, Frau Professor Silbergleit und Frau Dr. Ledermann. Berlin. Die Antisemiten haben Paul Singer häufig als jüdischen „Millionär" verhöhnt. Wie wenig Singer diese Bezeichnung verdient, zeigt jetzt sein Nachlaß. Er hat August Bebel und Hugo Hciinann zu seinen Erben gewacht und zivar mit der Bestiminnng, daß sie das Geld' für die Bestrebungen, denen er sein Leben widmete, verwenden. Die Erbschaft nun beträgt 48 054 die die beiden Erben der sozialdemokratischen Parteikassc 'absührtcn. Singer hatte den größten Teil seines Vermögens längst für sozialdemokratische und wohltätige Zwecke verausgabt: er selbst war für seine Person von einer bewundernswerten Einfachheit und Anspruchslosigkeit. Esten. In feierlicher Weise fand die Grund stein leg nn g der neuen Synagoge start. Jüllichau. LudwigBorn erhielt den Charakter als K o m m c r z i e u r a t. Paderborn. Im Alter von 84 Jabren verschied Henry K a ß, der langjährige erste Vorsteher unserer Gemeinde. Erlangen. Geh. Hofrat. Profeffor Dr. Nied et phil. Isidor Rvseuthal vollendete am 16 ds. Mts. das 75. Lebensjahr. Bresla«. Hier verschied, 90 Jahre alt, Louis Cohn, der Verleger der Breslauer Gerichtszeitung, ein Vorkämpfer demokratischer Ideen, und in Ratibor Fabrikbesitzer Jacob Berg, Vorstandsmitglied der. jüd. Gemeinde. FNehne. Durch den Wegzug ihres Vorsitzenden Sanitätsrat Dr. F r o n z i g, hat unsere Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. Pose«. Rentier Moritz Laboschin beging unter großer Zeitnahme seinen 70. Geburtstag. Herr Laboschin hat an den Feldzügen 1864, [ 1866 und 1870/71 mit Auszeichnung teilgenommen. Wien. Der Großindustrielle Dr. Harare Landau wurde in den Ritterstand erhoben. Der Schauspieler Benno Wünsch promovierte zum Doktor der Rechte. Der Heldenbariton sind. jur. Friedrich Scharr, Sohn des Oberkantors Mayer Scharr, wurde an die Große Oper in Philadelphia und Chicago engagiert. Au der hiesigen Universität hat sich nach langen Verhandlungen ein A k a d e nt. Verein j ü d. M e d i z i n i c r gebildet. Prag. Als vor einigen Jahrzehnten der Begründer des Riesenvermögens der Familie Kubinsky hier starb, da hatte er Vorsorge getroffen, das während des Trauerjahres Mischnajis gelernt werde. Jetzt kommt aus Wien die Nachricht, daß sein Nachkomme Alb recht Ritter von Kubinsky ein xifriger Katholike, vom Papste zum Geheimen Kämmerer di spada e cappa ernannt worden ist. Budapest. Im Mai sind in Ungarn 86 jüdisch-christliche Ehen geschlossen worden, eine erschreckend hohe Zahl. — In Lcvico starb die Reichsgräfin Marie - Sizzo-Noris, eine Tochter Barons Gustav Heine und eine Richte Heinrich Heines. 2- Paris. Levi-Ulmann, Professor an der Rechtsfakultät zu Lille, ist zum Kabinetts chef mid A r in and Masse zum Unterkabiuettschef des Arbeitsrniuisters ernannt worden. M i l h a u d bleibt auch unter dem neuen Handelsminister K a b i n e t t s ch e f. B r i s a c wurde zum Chef des Privatsekretariats des Baute nministcrs und Raoul Strauß, ehemaliger Unterkabinettschef des Justizministers,'zum Chef-Adjutanten des Zivilkabinetts des Kriegsministers ernannt. London. Louis Davidson, bekannt durch seine lebhafte Betätigung im jüdischen Gemeindeleben, seierte seinen 70. G e b u r t s t a g. Davidson, der ein Neffe Moses Montefiores und Nathan Meyer Rothschilds ist, wirkt u. a. seit Jahren als Präsident der Westminster jüd. Freischule und in der Leitungder Bereinigten Synagogen. Rew-Nork. Hier starb der Philanthrop Abraham Abraham, einer der bedeutendsten Kauflente des Landes, Abraham war Schatzmeister des Baron Hirsch - Fonds und betätigte sich außerdem in verschiedenen jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen lebhaft. — Dr. Abr. Jacobi wurde zum Präsidenten der A in e r i k a n. A e r z t e - G e s e l l - -ch a f t gewählt. r-* In Atlantic City starb Jacob Beruhet in c r, Präsident der Mississippi Southern Bank. Aus der zionistischen Bewegung. Rew-Nork. Unter Leitung des Rabbiners Dr. j. L. Ai agues wurde in .T a n n c r s v i l l e der Kongreß der Föderation der ainerik a n.i s ch c n Zionisten abgehalten. Ehrenpräsident Dr. Frieden Wald und Präsident Dr. F r i c d l a e u d e r befinden sich im Auslande, Dr. Friede u Wald auf dem Wege nach Palästina. Der Bericht konstatierte, daß alle Unstimmigkeiten beseitigt sind und ein Geist der Einigkeit und des Zusammenwirkens die Tätigkeit charakerisiert. Auch die administrativen und finanziellen chwicrigkciten haben sich vollständig geglättet. Der Bericht spricht de» Wunsch ans, daß in die Leitung mehr Geschäftsleute, als Männer des praktischen Lebens, gewählt werden mögen. Die Verhandlungen verliefen harmonisch, hatten jedoch keine die Öeffentlichkeit besonders interessierenden Punkte. Auf dem Kongreß sah mau zahlreiche neue junge Kräfte. Aus der Lehrerwett. Mainz. In diesen Tagen waren 25 Jahre verflossen, daß A b r a h a in Oppenheimer, Lehrer und Oberkantor an 'der Religionsgesellschaft, sein Amt angetrcten hat. London, 18. Juli. Hermann Adler, der Oberrabbiner der vereinigten jüdischen Gcnicinden des britisches Reiches, ist heute früh 7 Uhr nach längerer Krankheit v ersch i eden. Zwei Jahre sindverskossen, seitdem die englische Jndenheit ihrem Oberhaupte anläßlich dessen 70. Geburtstages und 50 jährigen Amtsjubiläums in glänzender Weise huldigte. Damals stand ein kräftiger Mann vor der englischen Jndenheit; doch diese zwei Jahre knickten den Aufrechtstehenden, denn ihnr starb sein einziger Sohn, der sein würdiger Nachfolger gewesen wäre, und er erlebte am Älbend seines Lebens in seiner ideellen Tätigkeit manche Enttäuschung. Besonders dürfte die Sorge um die Zukunft der englischen Judenheit, die eng mit seinem Nachfolger verknüpft ist — und er sah keinen Nachfolger —, an ihm gezehrt haben. Hermann Zldler war 1839 als Sohn des Oberrabbiners von Hannover und des britischen Reiches Dr. Nathan Markus Adler in Hannover geboren.