Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mttfle yillt. 28 rfes Fmilkfarler IsmMMm lamilienfifaftes. Perso«Ltte» u. Kleine Mitteilungen. Fravkfurt a. M.. 13. Juli, Philipp Schiff, eine der ungesehensten Persönlichkeiten der Frankfurter' Judenheil, feiert heute, wie wir bereits vor einiger Zeit berichteten, seinen 70. G e b u r t s t a g. Philipp Schiss ist ein Bruder des bekannten Großbankicrs und Philanthropen Jakob H. Schiff- Newyork und ähnelt diesem in einein regen Wohltätigkcitssinn und in dem Interesse für die jüdische Gemeinschaft. Er gehört u. a. dem Vorstände der Achawa, des Almosenkasteirs der israelitischen Gemeinde, der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und des Israelitischen .Hilfsvereins an und ist Vorsitzender des Hilfskomitees für die notleidenden osteuropäischen Juden. Berlin. Für den ausgeschiedenen Geh. Justizrat Timendorfer wurde Justizrat Bernhard Breslauer, der Vorsitzende der Vereinigung für bas liberale Judentum in Deutschland, in den Vorstand der jüdischen Gemeinde gewählt. Berlin. Von den hier in den letzten Wochen ans dem Judentum Ausgetretenen seien verzeichnet: Dr. med. Bruno Plonsli, Dr. med. Kurt Henius, Dr. med. Ludwig Meyer und Dr. Phis- Kurt Löwenstein. Breslau. Ein tragisches Ende traf ein junges Ehepaar in Arnswalde. Ein junger Kaufmann namens Hecht war auf der Hochzeitsreise begriffen, um in Callics das Geschäft des Kaufmanns Manasse zu übernehmen. Kurz vor ihrem Ziele in Arnswalde stiegen sie aus und benutzten den Aufenthalt, um an einer Bootsfahrt tcilzunchmen, welche der Bahnhofswirt mit eincin Eisenbahn-Beamten unternahm. Als das Boot mitten im Wasser war, erhob sich ein furchtbarer Sturm, der das Boot zum Kentern brachte. Der Wirt und der Beamte retteten sich durch' Schwimmen und überließen.das junge Ehepaar seinem Schicksal; als nun derMann seine Fr au r e tt en w o llte, fanden beide (3 Tage nach ihrer H o ch - zeit) ein frühzeitiges Ende. Offenback. Geh. Kommerzienrat Ludo Mayer spendete 10 000 JL und Kommerzienrat Hein r i ch Merzbach 8000 Jf. der deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheimc. Reuenaür. Dr Albert Goldberg, der bekannte Badearzt, ist zum Stabsarzt befördert Ivordcn. Lobsens. Kaufmann MoseS Schehe, Mitglied des Magistrats, ist — 84 Jahre alt — verschie - i> cit. Mit ihm ist eine der markantesten Persönlichkeiten der Stadt und ihrer Verwaltung bahingegangcn. Petersburg. Das Ministerium des Innern versagte dem . Fürsten Wolkonski die Gen c h m iguug seiner 220 000 Rubel-Stiftung für eine Augenklinik, weil er die Bedingung daran knüpfte, daß nur christliche Kranke Anfn a h m e finden. — Diese Toleranz bei der russischen Regierutrg ist ja etwas ganz Neues. . Minsk /Rußland». Einem ewigen Bräutig a m ist endlich das Handwerk gelegt worden. Der Biedere, Cheikin mit Nainett, ernährte sich seit Jahren dadurch, daß er sich irgendwo mit einem Mädchen oder einer Witwe Verlobte, der Glücklicheit möglichst viel Geld abschtoindelte und damt verschwand. Rom. Der Kultusminister ernannte den bekannten Archäologen an der hiesigen Universität Professor Emanucl Loewy zum geschäftSfü.hrenden Präsidenten des internationalen A r ch ä o l o g e n k.o n g r e s s e s. Kairo. Alfred Cbalom. der berühmteste Advokat Egyptens, der Mitschöpfer jener Gesetzesreformen. auf betten gegetNvärtig der bürgerliche und soziale Frieden in Egypten ruht, ist im 60. Lebensjahre verschieden. Airs der zionistischen Beweavnp. Frankfurt a. M. Letzten Donnerstag fand die Protestversammlung des Misrachi gegen den Vortrag des Dr. B. Mossins o h n statt. Auf den Plakaten war die Versammlung als die Fortsetzung der vorigen bezeichnet worden. Der Vorstand der zionistischen Ortsgruppe war der Ansicht, daß die Fortsetzung der Versammlung nur von ihm aüsgehen könne, der Misrachi aber dazu kein Recht, habe, und beschloß, der Versammlung fernzubleiben. M. Levigard machte aus besonderen Gründen eine Ausnahme. Die Versammlung,-ziemlich stark besucht, wurde von Dr. .I. Feuchtwanger eröffnet und geleitet. In. seiner Eröffnungsansprache betonte er, daß der Kampf, den die Misrachigruppe führe, ihr voti der Zion. -Ortsgruppe aufgezwungen worden sei. Der Zionismus dürfe keine Kulturarbeit leisten. Der Kampf richte sich nicht gegen die Person des Dr. Mossinsohn, sondern hegen das Prin- .lip, das er verfechte. Er hoffte, daß die Diskussion .rwtzig und harmonisch verlaufen werde. An Stelle des Referenten Dr. Bamberger-Nürn- "erg, der im letzten Momente verhindert wurde, .zu erscheinen, sprachen Lehrer B. Stern und Prof. A. Weyl. Lehrer B. Stern führte folgendes aus: Das jüd. Volk ist nicht, wie andere Völker. Bei ihm waren Religion und Nation bisher unauflöslich verknüpft. Wohin der reine Nationalismus führt, zeigt Rabbiner Dr. Joseph, der erklärte, daß auch Christen gute Zionisten sei» könnten und der Fall Brenner. Das hebräische Gymnasium ist heute, tvas das hellenistische, Gymnasium zur Zeit der Makkabäer war. (?? D. Red.) Die Misrachisten gehörten bisher in ihrer Majorität der hiesigen zion. Ortsgruppe an und verlangten hierfür Berücksichtigung ihrer Wünsche. Sie ntußtcn die.Berufung Mossinsohns als Brüskierung empfinden. Für den Misrachi ist der Zionismus nur Mittel zum Zweck; er kämpft gegen all die, denen der Zionismus Zweck ist. Prof. A. Weyl: Der Misrachi durfte nicht den Bortrag Mossinsohns unwidersprochen lassen. Die Juden haben der Welt den Monotheismus und die Ethik gegeben, haben 2000 Jahre ohne Staat, nur durch ihr gemeinsames religiöses Ideal bestanden. Sie tnüssen dieses bewahren. Das Gymnasinm widerspricht der Tradition, tvas der Redner durch die Verlesung von Briefen des Rabb. Dr. E. L e v y - Berlin und Rabb. K u k - Jaffa, sowie durch Verlesung eines Berichtes von Dr. I. Thon au das Aktions-Komitee betoeist. Nach einer Pause von 5 Minuten beginnt die Diskussion. M. Levigard: Mossinsohn sollte sprechen, um Klarheit in der Sache zu schaffen. Der Kampf gegen das Gymnasium mutz in richtigen Formen vor sich gehen und innerhalb der zionistischen Beiregung, darf aber nicht in die Oeffentlichkeit getragen werden. B. Stern tritt dem Vorredner entgegen. Das Frankfurter Philanthropin schade nicht den .100. Teil wie das Gymnasium. N. Goldmanu: Der bisherige Kampf des Misrachi gegen das Gymnasium, sowie die vorige wie die heutige Debatte sind fruchtlos. Der Misrachi kämpft gegen cttvas, was uiemand behauptet. Er sucht seit Jahren zu beweisen, daß daS Gymnasium uttfromm sei, was ja niemand bestreitet, daß die Lehrer am Gymnasium nicht religiös seien, was ja niemand behauptet. Die Diskussion muß sich um die Untersuchung einer anderen, prinzipiellprogrammatischen Frage drehen: Soll der Zionismus Schulen und Institutionen, die nicht fromm sind, nnterstützcn oder nicht? Was ist der Zionismus? Das Baseler Programm und die Anschauung, die diesem Programut zur Voraussetzung dieitt, daß die Inden ein Volk sind. Wer diese Anschauung vertritt und auf dem Boden des Baseler Proglamms steht, ist Zionist. Auf seine religiöse Ueberzeugung komint es nicht an. Dasselbe gilt auch von jeder Institution. Da das hebräische Gymnasium auf dem Boden des Baseler Prograntms steht, ist es zionistisch; also hat der Zionismus das Recht, es zu subventionieren. Es fragt sich nur noch, ob der Zionismus überhaupt Kulturarbeit leiste» soll. Dies tnuß er. Denn er ist vor allem eine kulturelle Bewegung, die die Regeneration des jüdischen Volkes und der jüdischen Kultur in Palästiita erstrebt. Zionismus ohne Kultur. ist ein Wort ohne Inhalt. Es ist begreiflich, daß es den orthodoxen Juden schtver fällt, diese Sätze anzuerkennen; denn bisher waren im Judentum Religion und Nation eins. Die religiösen Juden müssen danach streben, das religiöse Judentum zu stärken; aber sie müssen auch die nichtreligiösen Juden, die national sind, als vollberechtigte Juden anerkennett. Tun sie es nicht, wie die Trennungsorthodorie und der Misrachi, so sind sie eben keine Zionisten und haben nicht das Recht, sich Zionisten zu uenncn. Dr. F e n ch t >v a n g c r erklärt, baß der Misrachi auch Juden, die nicht fromm sind, als Juden anerkenne, lind daß er ferner dein Gymnasium nicht die Existenzberechtigung absprcche, soitdern nur gegen die Subventionierung durch die zionistische Partei kämpfe. - L. Perlmutter: Der Zionismus darf noch nicht die Kulturfrage auf dem 10. Kongreß behandeln, sonst führt es zur Katastrophe. Der Misrachi kämpft für Thora und Tradition. Alle religiösen Juden müssen ihn darin unterstützen, indem sie der zionistischen Organisation beitreten. Prof) Ll) Weyl: Die Ausführungen Gvldmanns sind durchaus logisch; wird aber'diese Logik verwirklicht, so führt sie-zur Zerstörung-des Zionismus und zum Austritt'hes'Misrgchi. In Palästina wird es Bürgerkriege geben, falls, die Ansichten von Mossinsohn und seinen Gesinnungsgenossen bürchdringen. C h a w k i n verbreitet sich über die. vererbte ethische Natur der Juden. Er ist wegen der Unruhe im Saale am Journalistentisch unverständlich. v Levigard wirst dem Misrachi vor, daß er die heutige Versammlung einberufen und die vorige gestört hat. Er wendet sich in. scharfen Worten gegen den „Israelit" und seine Gesinnungsgenossen. I. Bamberger: Mossinsohn befindet sich auf einer Agitationsreise für das Gymnasium; also hat er in Frankfurt nicht als Privatmann, sondern als Vertreter des Gymnasiums gesprochen. Der Misrachi mußte daher diese Versammlung cinberufen, damit nicht beim Publikum Verwirrung entstehe. Der Zionismus ist eine kulturelle Bewegung; aber die neue jüdische Killtur muß auf der Tradition basieren, sonst ist sie ohne Wert. Die Referenten verzichten aufs Schlußtvort. Dr. Feuchtwanger gibt znm Schluß seiner Freude Ausdruck, daß die Versammlung harmonisch verlaufen sei. In der Tat nahm die Versammlung einen im großen ganzen würdigen Verlauf, was — wir erkennen cs an — zum guten Teil auf die objektive Leitung durch Dr. Feuchtwanger zurückzuführen ist, zum anderen Teil allerdings auf die ruhige Haltung der Gegiter des Misrachi, die in großer Zahl in der Versammlung vertreten waren. Frankfurt a. M. Die hiesige Schekelverkammlung der deutschen Landsmannschaft wählte Rechtsanwalt Dr. Schwarzschild, Fritz Sondh e i m er- Fraitkfnrt und H. B l o ch - Mainz zu Delegierten und I. L. Goitein, Saly Geis, S. H: G o l d m a n n - Frankfurt, Dr. Wolff-Obertshausen, Lazarus und Fried mann-Mainz zu Ersatzdelegierten für den demnächstigen Kongreß. Es ivurde der folgende Antrag Goitein angenomnten: „Die Delegierten werden beauftragt, der Kulturfrage auf dem Kongreß nicht aus dem Wege zu gehen und keinen ablehnenden Standpunkt ihr gegenüber einzunehmen." Berlin. Jnkolae der Vorgänge in Frankfurt und Nürnberg gelegentlich der Borträge Dr. Mvssinsohns fand hier letzten Sonntag eine Plenarsitzung des Zentralkomitees der Zion. Bereinigung für Deutschland statt, die mit der Annahme nachstehender Beschlüsse schloß: 1. Das Zentralkomitee inißbilligt es, daß misrachistische Angehörige der Landesorganisation in Nürnberg und Frankfurt a. M. öffentliche zionistische Agitationsversammlungcn zu stören versucht und dadurch ihre Pflichten gegenüber der Zionistischen Gesamtorganisatton verletzt haben. 2. Das Zentralkomitee spricht den Ortsgruppen Frankfurt a. M. und Nürnberg sein Vertrauen aus und erwartet, daß die Ortsgruppen sich in ihrer zionistischett Arbeit nicht beirren lassen werden. 3. Das Zentralkomitee erwartet, daß das Zentralburean der Federation Misrachi die Disziplinlosigkeit von Misrachisten in Nürnberg und Frankfurt aufs schärfste rügen und insbesondere jede Genteinschaft init den Verfassern des anonymen Frankfurter Flugblatts ablehnen wird. Olkenbach a. M. Zionist OrtSgruvve, Anläßlich der Jahrzeit Dr. Herzls findet kontmenden Sonntag — nachmittags 3 Uhr inr Kaiser Friedrich-Hotel — eine Veranstaltung statt. Redner: Dr. W o l f f - Obertshauseit. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Der Israel. Lebrerverein im Großherzogtum Hessen hielt hier am letzten Sonntag seine Jahresversammlung ab. Wertheimer -Heldenbergen, der Vorsitzende, erstattete den Jahresbericht, dem wir entnehmen, daß Direktor Dr. Adler zur Gründung einer Darlehenskasse 30000 JL zur Verfügung gestellt hat. Das Fachreferat hielt Isaak-Hungen. Er behandelte die Fürsorge für die schulentlassene Jugend und führte hierbei folgendes aus: Die Notwendigkeit der Jugendfürsorge ergibt sich aus der Psychologie der schulentlassenen Jugend. Jedoch wird nicht nur das psychologische Moment viel zu wenig berücksichtigt, sondern auch das religiöse Moment. Die Arbeit muß schon in der Schule beginnen, denn Fürsorge ist Vorsorge. Insbesondere ist ein persönliches Vertrauensverhältnis mit den Schülern der älteren Jahrgänge anzuknüpfen, so daß die Schüler in allen wichtigen Lebensangelegenhciten, besonders in religiösen, den Rat des Lehrers gern nitd willig annehmen. Das muß sich auch bei der Berufswahl - äußern. Die Lehrer mögen ihren ganzen Eittslnß ausbieten, um die ins Leben Hinaustretenden nur zn solchen' Lehrherren zu bringen, die den Sabbat heiligen. Die Hanptfürsorge aber ist die, die Jugendlichen in Jugend- Vereinen zu sammeln, deren Amgaben sind: Erziehung einer gefestigten Weltanschauung, .alkgemeine, geistige und sachliche Fortbildung, soziale Schulung, gesellige Unterhaltung und Erholung. Die gefestigte Weltaitschauuna wird erzielt durch Vorträge aus der jüdischen Geschickte und Literatur und Fortbildung in der Apologetik. Das bezieht sich natürlich alles auch auf die weibliche Jugend. Die allgemeine geistige Fortbildung wird erreicht durch Borträge auf allen Wissensgebieten. Mit allem Nachdruck muß auch die Jugend auf ihre Staatsbürgerpflichten aufmerksam gemacht werden. Znm Schluß fordert der Redner die Gründung von Lehrlingsheimen, Unterstützung von Vereinen, die zur Erlernung eines