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Neue jüdische Presse · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Ausführungen über die Kultursrage im Zionismus (s. „Aus den Ereignissen des Tages") erklärt haben, muß der Zionismus Platz bieten für alle Juden, die auf nationaler Grundlage stehen, welcher religiöser Richtung sie auch seien. Das Gymnasium ist eben eine Schule für nationale Juden, die nicht unbedingt auf dem Boden der Tradition stehen, und ist als solche durchaus cxistenzberechtigt. Wir verurteilen daher die Agitation, die der Misrachi gegen das Gymnasium führt, verurteilen sie aber doppelt ivegen der unschönen Mittel, die er anweicket. Das einzige Richtige und Vernünftige, was der Misrachi und mit ihn« alle traditionellen Zionisten tun müssen, ist, eine Schule zu gründen, die auf unserem Boden steht, oder vielmehr, da diese Schule schon in Tachkemoni gegründet ist, diese weiter auszubaucn und sie zu einer wirklichen Mnstcraustalt nrit guten pädagogischen und zionistischen Lehrern auszubilden. Dies ist einerseits die beste Agitation gegen das Gymnasium und andererseits ist es die einzig berechtigte Agitation. Wird der Misrachi so arbeite», dann nützt er sich und dem Judentum. Tut er es nicht und behält seine bisherige Methode bei, so schadet er dem Zionismus, dem Judentum und nichtani wenigsten sich selbst. Herr Reiuach und die Aüiance. (Schluß). Im Grunde genommen, werden diese Rabbiner von einem erniedrigendem Beleidigungsgefühl befreit werden, wenn sie einmal die Tyrannie Reinachs lps werde». Uebrigens, gilt dies auch von manchen Mitgliedern der I. C.-A., wo er auch eine Art Terror ansübt. Wie bekannt, ist Reinach zugleich Akitglied der I. C. -A. Statutenmäßig ist Frankreich in der I. C.-A. durch die Alliance. und die Pariser Gemeinde vertreten. Der konfessionslose Reinach ist der Vertreter der Alliance in der I. C.-A. Wenn er aus der Alliance ausgeschaltet wird, muß er auch aus der $. C.-A. ausscheide n, was nur mit Freude begrüßt werden kann. Run wird seitens Rcinach's Verteidiger hervorgehoben, daß er über wertvolle Beziehungen zum Ministerium des Aeußeren verfügt. Mer ist er der einzige Jude in Frankreich, der nähere Beziehungen zum Ministerium des Aeußern hat? Uebrigens beruht sein Einfluß im Ministerium des Aeußern gerade auf seine Eigenschaft als Führer der Alliance, nicht umgekehrt. Wie bekannt, ist die Wliance bei der französischen Regierung im hohen Ansehen, weil sie die französische Sprache im Orient fördert. Jeder andere Vorsteher der Alliance wird deswegen denselben Einfluß genießen. Uebrigens besitzt auch der General-Sekretär der Alliance, der, bekanntlich, eine intellektuelle wie soziale Mittelmäßigkeit ist, denselben Einfluß bei der Regierung, eben weil er die Alliance vertritt. Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum Herr Reinach sich, so krampfhaft an sein Amt klammert. Seine Eigenschaft als Führer der Alliance vcrschafft ihm Macht und Einfluß in der französischen Gesellschaft. Und so entsteht ein komisches Circulus vitiosus: die französische Regierung glaubt, daß erals Führer der Alliance großen Einfluß auf die Jüdenheit hat. Die Juden hingegen glauben, daß er, da er Einfluß bei der französischen Regierung hat, Führer der Alliance sein muß. Seine engen Beziehungen aber zur Alliance haben ihm persönlich mehr genützt, als seine Beziehungen zur Regierung den Juden genützt haben. Andererseits: um bei den herrschenden radikalen Kreisen zu mehr Ansehen zu gelange», muß er als Bekämpser der jüdischen Religion auftrete,t. Die christliche Religion plump zu bekämpfen, hütet er sich wohlweislich, in . dem klaren Bewußtsein, daß die Religion in höherer französischer Gesellschaft Mode ist. Ja. er liebäugelt sogar mit. den Jesuiten in seine m Orpheus. Um so zügelloser aber zieht er gegen die jüdische Religion los. Ja, die Juden müssen der Tatsache eingedenk sein, daß die Mliance für Herrn Reinach nur ein Piedestal ist, uin Ehren und Macht in der französischen Gesellschaft zu erschwingen. Zu diesem Zwecke ist er bestrebt, die Macht der Alliance innerhalb der Jüdenheit auszngestalteii, insofern, daß er alle anderen jüdischen Bewegungen mid Jnstitutionenen als Konkurrenten zu bekänrpfen und zu zerstören sucht, so den Zionismus, den Hilfsvcrcin, den Bezalel usw. Und haarend er in seinem Orpheus die Jesuiten in Schutz nimmt gegen die Behauptung, daß sie die Regel: „Der Zweck heiligt die Mittel" lehrten, betätigt er zusammen mit seiner Kreatur Herrn Bigart diese Regel. Diese Herren verstehen auch, zur Förderung ihrer Ziele, die gehörigen Kreaturen ausfindig zu machen. So, um den Zionismus zu bekämpfen, mietet man einen Fresco in Kvnstantinopel, um in Rußland die Alliance zu vertreten, findet man keinen bessern als den bekannten Frankfurter Israelitisches FamMenblatk. Helfershelfer des Odessaer Satrapen Tolm a t s ch e f s, der schon als' Student, wie Burtzeff nachgeiviesen hat, im - Spionagendienst der russischen Regierung stand. Das Sündenregister der Alliance, Reinachj- Bigart'schen Regime's, ist allzulang, um in den Rahmen eines Artikel zusammengefaßt zu werden. Es sei nur noch bemerkt, daß die Alliance bei der jüdischen Bevölkerung im Orient verhaßt ist, und Hatz ist gewiß kein günstiger Boden, auf dein dieser jüdische Gesinnung beigebracht werden kam,. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Mainz. Kommerzienrat Mart. Moritz Mayer wurde zum Beigeordneten der Bürgermei sterei gewählt. Stuttgart. Das Königspaar übeiwies von der zu seiner silbernen Hochzeit gesammelten Spende von Jk 540000, den Betrag von M. 10 000 an beh ifraelit. Asylu n d Unterstiitzu u g s v e r e i n. (1.) Posen. Die hiesige Shnagogengemeinde hat für 1911/12 als Steuersatz 45°> der Staatscinkommensteuer festgesetzt. —. In Moschin ist Kaufmann Isidor Frankel zum Stadtverordneten gewählt worden. Soven 1. Tannns. Hier verschied im Älter von 25 Jahren Fräulein Fanny Hoffman», eine Tochter des bekannten Rektors des Berliner Rabbinerseminars. Breslau. Hier wurde Frau Amalie Rosenthal, die Gattin unseres Gemeindcrabbiiiers, und in Hohen salz a Frau Erna Levy geborene Weigert, die Gattin des Stadtverordneten - Vorstehers Dr. Leopold Levy, beide vornehme Frauengestalten und verdient um die jüdische Wohlfahrtspflege, zur letzten Ruhe gebettet. Wien. Im neuen Reichsrate werden folgende Juden sitzen: Dr. S t r a uche r (jüdisch-national), Hofrat K u r a n d a und Dr. Ofner (deutsch-freisinnig), G all, Dr. Groß, Dr. Kolischer. Rauch, Dr. Steinhaus u. Stern (Polenklub), Dr. Diamand, Dr. Ellenbogen, Dr. Lievcrma.nn, Leuthner, Löw, Dr. Schacher!, Dr. Winter und Max Winter (sozialdemokratisch). Marienbad. Verzeichnis der Häuser, deren Besitzer sich bei den letzten Reichsratswahlen in hervorragender Weise für den antisemitischen Kandidaten eingesetzt und agitiert haben: Der Besitzer vom Hotel K l i n g e r, „ Delphin, „ C a r l t o n, „ Engl. Hof, „ Wagner, Cafö Panorama, ferner die Besitzer folgender Häuser: Quisisana, Windsor, Apollo, Palladio, Auge Gottes, Lissa, Kronprinz, 3 Linden, Haus Gustav, Haus Lucker, fyramide, Paradies Montreux, Bohemia, Nizza, önig von Bayern, Coburg, St. Paris. Prag. Bel der Rektorswahl wurde Professor Dr. Robert Zuckerkand! gewählt, lehnte aber ab. Es ist das dritte Mal, daß jüdische Professoren die Würde eines Rektors der hiesigen deutschen Universität ablehnen, — weil sie die antisemitische Stimmung der Kollegen und der Hörer gar zu gut kennen. o. Saloniki. Hier wütete ein ungeheurer Brand, der zahlreiche Häuser und Wohnungen von Juden vernichtete. Aus der Lehrerwett. Mühringe« lWürttbg.). Nach 27 jähriger Amtstätigkeit in unserer Gemeinde, ist Rabbiner Dr. Jaraczewsky verschieden. Ein Trauerzug, wie ihn Möhringen noch nie gesehen hat, folgte ihm auf deni letzten Wege, ein sichtbares Zeugnis von der Beliebtheit des Entschlafenen. Auf dem Friedhofe sprachen u. a. Rabb. Dr. Straßburger- Ulm, der katholische Pfarrer, der Vorstand des Militärvereins, Lehrer Spatz-Rexingen und israel. Kirchenvorsteher Hirsch- Tübingen. Salzburg. Hauptlehrer JosefBruchsaler ist verschieden. (L.) Lstrowo. Der jüdische Schulvorstand hat die Umwandlung der dreiklassigen jüdischen Volksschule Hierselbst in eine vierklassische beschlossen. Es unterrichten zur Zeit zwei Lehrer dreißig Schüler. Budapest. In Trenßen-Teplitz, wo er zur Kur weilte, verschied int Alter von 68 Jahren M. H.' Fuchs, der Oberrabbiner der orth. Gemeinde Nagyvarad. Der Verblichene war infolge seines hervorragenden Wissens und seiner Charaktereigenschaften einer der angesehensten Rabbiners Ungarns. Aus de» Vereine». Frankfurt a. M. Letzten Montag veranstaltete die „Jwriah", Verein gur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur" eine sehr stark besuchte Versammlung, in der Herr Dr. Nr. 27 B. M o s s i u s o h u - Jaffa, ein hebräisches Referat über „Die Grundlagen des jüd. Nationa lismus und der nationalen Arbeit" hielt. : . Redner zeigte, . daß . die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Nationalität garnicht im eigenen Willen des einzelnen läge, sondern durch verschiedene Faktoren.bestimmt würde; untersuchte dann die Frage, ob es gut wäre, wenn die Nationalitäten im allgemeinen, die jüdische im besonderen, verschwinden würden; was er in deduktivem wie induktivem Beweise als ein Unglück für die Mltur zeigte. Wir Juden sind allerdings kein Volk, weil dies ein politisch-staatlicher Begriff ist, wohl aber eine Nation, die nur eine kulturelle.Gemeinschaft darstcllt. Als Nation haben wir die Fähigkeit zuni kulturellen Schaffen, haben auch den Willen hierzu, aber uns fehlt die Möglichkeit. Unter lallen Kulturen zerstreut, haben wir hie kulturelle Enheiit verloren. Dieser Gegensatz zwischen dem Willen;uin Schaffen und der Möglichkeit zNin Schassen ist die größte Tragik des jüdischen Lebens. Unsere Kräfte gehen verloren, werden zersplittert und gespalten.!Ein Genie wie Heine wird zum Harlikin, minder begabte Talente« 'gehen zugrunde. Was wir noch schaffen, schaffeiij wir für die anderen, und schaden dadurch »ms. Im Mittelalter hatten wir noch eine Kultur, Ivenn auch eine Kultur ohne feste Basis, einer Hütte gleich, die der Wind umweht. Seitdem die europäischen Völker erwacht 'sind, wird für uns der Platz immer geringer. Aus dieser furchtbaren Lage gibt es nur einen Ausweg: aus der jüdischen Nation, ein jüd. Volk zu machen, ihm ein Land zu geben. Welches Land? Natürlich nur Palästina. Palästina steht im Leben der jüdische» Nation im Goluth, sowohl in seiner Religion, wie in seiner Philosophie, in seiner Poesie, wie in seinen Bräuchen, überall im Mittelpunkt. Mit ihm ist der Lebensnerv der jüdischen Nation verbunden. Dort in Palästina erwacht auch die neue jüdische Kraft; sie kämpft und siegt dort. Der neue Lebensodem, der von Palästina ausgcht, belebt auch die Jüdenheit der Diaspora. Ihre Pflicht ist es, den Pionieren in Palästina beizustehen. Wir müssen den Juden des Goluth ein Gefühl des Hasses gegen das Goluth einflößen; sie müssen Tränen der Entrüstung über ihr bisheriges Dasein und Tränen der - Sehnsucht nach einem neuen Leben weinen lernen. Wenn die jüdische Jugend diese Sehnsucht und den Willen nach einem neuen Dasein nur haben wird, dann wird sie dieses auch zweifelsohne schassen. Der inhaltlich sehr gedankenreiche, sprachlich und rhetorisch glänzende Vortrag wurde mit stürmische»! Beifall ausgenommen. Herr Goitein forderte die Versammlung auf, sich zu Ehren des Dr. Mossinsohn von ihren Plätzen zu erheben und ihm ein „.‘gebab“ tzurufe». Die Versammlung erhob sich von den Plätzen und brachte dem Redner ein begeistertes „Hedad" dar. Nachdem N. G o l d m a n n die Rede ins Deutschs übersetzt hatte, wurde die Diskussion eröffnet. Es sprachen L. Perlmutter, der dem Redner einen reinen Nationalismus vorwarf und Dr. G o t t l i e b, der auf verschiedene Ausführungen des Redners näher eingiug und auf die Größe und Schönheit' der hebräischen Sprache hinwies, zu deren Erlernung er aufforderte. In seinem Schlußwort ging Dr. Moss i n f o h n auf die Ausführungen des Herrn Perlmutter ein. Der Vorwurf des reinen Nationalismus, den man ihm mache, sei lächerlich, denn im Nationalismus sind die Sprache, das Land, die Kultur und selbstverständlich auch die jüdische Religion enthalten. Aber auf der andern Seite gebe es natürlich auch keine reine Religion. Beides seien Begriffe, die die westeuropäische Orthodoxie von den Nichtjuden übernommen habe, und die im Jiidcntum gar nicht ^existieren. Frankfurt a. M. . „Montefiore"-VerelN. Nächsten Sonntag findet wiederum eine Führung durch Frankfurter Sehenswürdigkeiten statt. Diesmal sollen die Klärbecken- und Müllverbren-nungsanlagen besichtigt werden. Treffpunkt: Endstation der Trambahn dir. 15, Niederrad, 10 Uhr vormittags. Aus der zionistische» Bewegung. München. Die Zionist. Ortsgruppe veranstaltete am 27. Juni einen öffentlichen Vortragsabend, zu dem sich über 400 Personen jeingeftuiden hatten. Die Erwartungen der Zuhörer wurden im reichsten Maße erfüllt, indem Dr. M o s s i n s o h n. Direktor .des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, es verstand, in li/zstiindigen Ausführungen ein treffliches Bild des jüdischen Lebens in Palästina zu geben. Nachdem Dr. Mossinsohn i in Frankfurt a. M. über das gleiche Thema gesprochen, sei hier nur noch hervorgehoben, daß er «bei Besprechung der Schulverhältnisse dem „Bezalel",' der Tachkemonischnle und dem hebräischen Gymnasium in unparteiischer Weise, vollste Gerechtigkeit wiederfahren ließ und sie alle nutzbringend für das Land bezeichnet,:. Der große Beifall,, der seinem Vortrage von allen Seiten zu Teil wurde, zeigte, daß

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