Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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«eilW M ilt. 27 Abs ItanÜfntfet IftaeKtifdieii lamitienötattes. W«e interessante Versammlung. In den zionistischen Kreisen Frankfurts herrschte vorige Woche lebhafte Erregung. Frankfurt ist die Zentrale der orthodoxen zionistischen Fraktion „Misrachi", und die Herren dieser Zentrale, die naturgemäß die Vorgänge innerhalb der zionistischen Bewegung mit der größten Aufmerksamkcit verfolgen, inszenierten eine heftige Agitation gegen einen von der der Deutschen Landsmannschaft unterstehenden zionistischen Ortsgruppe einberufeiien Bortrag, bezw. gegen die Person des Referenten. Da die zionistische Ortsgruppe an der Person des Redners sesthielt, so wurden die misrachistisch gesinnten Mitglieder der Ortsgruppe teils einzeln bearbeitet, teils zu einer vertraulichen Besprechung am Abend vor dem Vortrage eingeladen, um so am Vortragsabende dem Vorstände der Ortsgruppe eine Kollektivaustrittserklnrung zu überreichen. Ein in heftigsten Worten abgcsaßtes Flugblatt sollte das in das Versammlungslokal strömende Publikum zu einem Protest gegen den Redner veranlassen, und Lehrer Barnch Stern, einer der bestimmenden Männer des Misrachi, hatte sich zum gleichen Zwecke durch Einschreibebrief an den Vorstand der Ortsgruppe als erster Aiskussionsredner Vorwerken lassen. Die Erwartung des Publikums, daß die Versammlung eine interessante würde, erfüllte sich vollauf. Schon der Redner des Abends, Dr. Mossinsohn-Jaffa, fesselte. Eine imposante, sympathische Erscheinung, die an Herzl erinnert. Und ein Redner, dem man stundenlang zuhören kann. Dazu eine Schilderung des neuen jüdischen Lebens in Palästina von einem Manne, der seit Jahren selber den aktivsten Anteil daran nimmt. Nach Dr. Mossinsohn dann Frau P e v s n e r, eine ausländische Dame, die schon in allen Weltteilen zionistische Vorträge gehalten hat und nun ihren ^Aufenthalt in der Nähe Frankfurts gern benutzt hat, auch in Frankfurt für die ihr heilige Sache feurige Worte zu sprechen/ Bis dahin war es musterhaft ruhig gewesen. Als nun aber Lehrer Stern die Rednertribüne betrat und heftige Anklagen gegen Dr. Mossinsohn schleuderte, änderte sich das Bild; die Anhänger des Herrn Stern begleiteten dessen Anklagen mit lebhaften Aenßerungen. Herr Steril lvarf dem Hebräischen Gymnasium, dessen Lehrer für Bibelkunde Dr. Mossinsohn ist, vor, daß es schtimmer wie das Frankfurter Philanthropin sei, denn beim Frankfurter Philanthropin auf dessen Treppenaufgang das Wort „'Aufklärung" prangt, wissen wir, was wir von vornherein von der Schule zu halten haben, während das Gymnasium vortäusche, jüdisch zu sein. Die Thora werde im Gymnasiuni als Literatur (Sifrus) unterrichtet. Seine Anklagen richteten sich auch gegen den Vorstand der Zion. Vereinigung, der diesen Mann, der im Geiste christlicher Bibelkritik unterrichte, kommen ließ. Professor M. Weyl schloß sich in seinen Ausführungen dem Vorredner darin an, daß Dr. Mossinsohn nach lveitgehender Bibelkritik — folgend seinem Lehrer Professor Martin-Bern — unterrichte. Der Unterricht der Thora gehe in dem Gynmasium so vor sich, daß die allgemein menschlichen ßlnschauungen, aber nicht die traditionell jüdischen Anschauungen der Thora gelehrt werden. Ein solches Treiben müsse dazu führen, daß in Palästina noch Blut fließen werde. Es erwiderten Martin Levigard und Rechtsanivalt Dr. Kowalski. Ersterer gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß Zionisten, die doch ans dem Boden der Einigung stehen, solche den Zionismus schädigenden Szenen in der Oeffcntlichkeit aufführen; letzterer sagte, daß ihm Tränen geflossen seien, Tränen der Freude bei den Worten des Referenten, Tränen der Schmach bei den Worten Lehrer Sterns. Nunmehr ergriff Dr. Mossinsohn das Wort.' Er verwahrte sich aufs entschiedenste gegen die Beschuldigung,' er unterrichte christliche Bibelkritik, denn das sei doch für einen Nationaljuden undenkbar, und er habe dies auch in seiner Dissertation und in der Presse verschiedentlich ausgeführt. Er geißelte das anonyme Flugblatt, so- >vie das ganze Verfahren, das im Gegensatz zu der jüdischen Rechtsprechung steht, die erst den ^Angeklagten sorgfältig hört, ehe sie verurteilt. Der Misrachi selber hätte ihn einladen müssen, um sich mit ihm anseinaiiderzusetzen. All die Anklagen stammen nur vom Hörensagen. Die Herren der Tachkemonischulc sind eingeladen worden, dem Unterrichte im Gymnasinin beizuwohnen, sie haben es aber abgelehnt. Blut wird nicht fließen, denn die, die das befürchten, werden nie das Opfer bringen, nach Palästina zu gehen. Die vornehme Haltung Dr. Mossinsohns und seine Ausführungen, die logisch überzeugend und zu Herzen gehend waren, machten sichtlich einen tiefen Eindruck auf die Versammlung und wurden fortgesetzt von stürmischem Beifall unterbrochen. Als nun Lehrer Stern das Wort zur Erwidcrung erhielt, erhob sich die Versammlung und verlangte Schluß der Debatte. Vergeblich versuchte Fritz Svndhcimer, der Vorsitzende, die Versammlung zum Bleiben zu bewegen. Die Abstimmung, ob Schluß der Versammlung eintreten solle oder nicht, ergab eine erdrückende Majorität für den Schluß. Unter großem Lärm wurde die. Versammlung geschlossen.*) Das hebräische Gymnasium in Jaffa. (Ei» I n t c r v i c w.) Das -hebräische Gymnasium iu Jaffa kommt schon seit Jahren nicht von der Tagesordnung der Debatten innerhalb des Zionismus, besonders innerhalb seines religiösen Flügels. Wie man weiß, führt schon seit Jahren der „Misrachi" einen Kampf gegen das Gymnasium, den man — man beurteile die Absichten wie man will —, in seinen Mitteln vernrteilen muß. Durch die Berufung - des Herrn Dr. M off in f o {) n zu einem Bortrage in der zion. Ortsgruppe Frankfurts hat hier in den letzten Wochen die Agitation gegen das Gymnasium ihren Höhepunkt erreicht. Herr Dr. Mossinsohn, einer der Hauptlehrer und leitenden Männer des Gymnasiums, wird vom Aiisrachi als die Verkörperung des Geistes angesehen, der dort herrscht. Es ist kein Wunder, daß die leitenden Männer des „Misrachi" mit der Berufung des Herrn Dr. Mossinsohn unzufrieden waren. Wenn es auch für den Klardenkenden unverständlich ist, daß sie ihre llnzufriedenheit in solch unschöner Weise zum 'Ausdruck brachten. In der Agitation sind — es ist zu natürlich — unzählige Mären, Uebertreibnngen und Lügen in . die Welt gesetzt worden. Demgegenüber halten wir es sowohl im Interesse des Gymnasiums, als auch in dem seiner Gegner für dringend notwendig, daß endlich einmal Klarheit geschasfen werde und nicht mehr mit den tlnwahrheiten und Mißverständnissen weiter operiert wird. Wir lvandten uns daher an D r. Al o s s i n - sohn mit dem Ersuchen, um Beantwortung von 5 Fragen, die über den Geist, der im Gymnasium herrscht, über die Stellung, die er zur jüd. Tradition einnimmt, volle Klarheit Verschaffen. Wir halten es für überflüssig zu bemerken, daß an den Erklärungen des Herrn Dr. Mossinsohn nicht der geringste Zweifel zu hegen ist, und daß die Wahrheit seiner Antworten bezweifeln, eine unerhörte Jnfainie bedeuten würde. Wir drucke» im Folgenden die ö Fragen samt den Antworten ab: 1. Frage: Ist in dem Begriff „national-jüdische Erziehung", die im Programme als der Zweck des Gymnasiums angegeben wird, auch der religiöse Unterricht mit einbegriffen? Antwort: Da wir die jüdische Religion als eines der vornehmsten Erzeugnisse des jüdischen Geistes und als einen wesentlichen Bestandteil des jüdischen Nationalismus ansehen, ist in der jüdischnationalen Erziehung selbstverständlich auch der jüdisch-religiöse Unterricht enthalte». 'Allerdings nicht als spezieller Religionsunterricht, da wir einen solchen sowohl für unjüdisch, wie auch ünpädagogisch halten; vielmehr , ist' der religiöse Unterricht in allen anderen Unterrichtszweigen, besonders im Unterricht der Bibel, des Talmuds und der mittelalterlichen Literatur, enthalten. *) Deit Inhalt des interessanten und gedankenreichen Vortrags können wir leider aus Raummangel nicht wiedergeben. D. Redakt. 2. Frage: Werden die Ueberlieserungen der Thora den Schülern als geschichtliche Tatsachen oder' als religiöse Legenden vörgetragen? Antwort: Sie werden den Schülern genau ebenso .vörgetragen, wie sie die Thora lehrt. Es wird an den Worten der Thora nichts gedeutelt und geändert und nichts gegen sie gelehrt. 3. Frage: Wirb die Gesetzgebung der Thora den Schülern als für heute noch verbindlich gelehrt? ' A ntwo r t: Wir beschäftigen uns im Gymnasium mit dieser Frage überhaupt nicht. „Was würden Sie antworten," fragten wir Dr. Mossinsohn,, „falls ein Schüler Sie fragte, ob die Gesetze der Thora für heute »och verbindlich sind?" „Wir würden folgendermaßen antworten," erwiderte Dr. Mossiicsohn: „Die Thora erklärt die Gesetze als für heute noch für jeden Juden verbindlich. Die Inden betrachten sie heute noch als verbindlich. Sollte der Schüler fragen: Wie soll ich cs hakten? Dann würden wir sagen: Tue so, wie es - deine Eltern tun." 4. Frage: Wird im Unterricht der Bibel irgendwelche bibclkritische These vörgetragen? Antwort: Bis zu de» 3 oberen - Klassen (Obersekunda, Oberprima) keine einzige. In den 3 oberen Klassen trage ich in meiner Darstellung manche bibelkritische These vor. Natürlich keine ch r i stli ch-b i b e l kr i tische. Ter Vorwurf, daß ich christliche Bibelkritik Vorträge, ist eine Unwahrheit. Ich kann gar nicht auf dein Boden der christlichen Bibelkritik stehen, weil ich Nativnaljnde bin und von diesem Standpunkte ans die Bibel betrachte, >vas ja in striktem Gegensatz zu aller christlichen Bibelkritik steht. Ich betone, daß dies nur für die Zeit der letzten Propheten und der Zeit nach ihnen gilt. (So verlege ich die Abfassung von Koheleth, den Psalmen usw. in die Zeit nach de» Propheten.) Im Unterricht des Pentateuch jedoch wird — ich wiederhole cs, weil es so oft anders behauptet wird, — kein Wort gelehrt, das abweichend von den Worten der Thora wäre. Erst in der letzten Klasse werde ich den Schülern Bortrüge über die verschiedenen bibelkritischen Hypothesen halten und ihnen so einen Ueberblick über die Bibelkritik geben, ohne aber, daß ich irgend eine Hypothese ihnen als rechte, vortrage, damit sie skr die Bibelkritik, wie sie ihnen auf der Universität vorge-, tragen wird, vorbereitet sind. 5. Frage: Leben die Lehrer des Gymnasiums außerhalb der Schule gemäß den Gesetzen der Tradition? Antwort: 'Außerhalb des Gymnasiums lassen wir den Lehrern in ihrem religiösen Leben vollste Freiheit. Dabei will ich bemerken, daß die Behauptung, das Gymnasium sei am Sabbat geöffnet, eine glatte Lüge ist. Durch diese 5 Fragen ist — so glauben wir — Klarheit geschaffen. Wir wollen nun noch kurz iin 'Anschluß an sie das Ergebnis daraus ziehen, und dann unseren Standpunkt und unsere Meinung über das G.ymnasiunl präzisieren. Es ist dadurch bewiesen, daß der Unterricht der fünf Bücher Mose völlig auf der Basis der jüd. Tradition — also auch der Offenbarung — erteilt wird, daß also die Behauptung, man trage heu kleinen Kindern Bibelkritik vor, unwahr ist. In der ganzen Schule :—> bis zu den Vortrügen in der letzten Klasse —. hören die Schüler nichts über die bibelkritischen Hypothesen inbezug auf das Pentateuch. Der Unterricht der Propheten geschieht nicht auf der Basis der Bibelkritik, am allerwenigsten nicht auf der der „christlichen Bibelkritik", wie es von Seiten des Btisrachi behauptet wird. Der Unterricht geschieht vielmehr so, daß der Lehrer in diesem Falle Dr. Mossinsohn — den Schülern an Hand der Propheten ein Bild der Zustände im alten Israel gibt, «ine Methode, die viele streng orthodoxe Lehrer auch befolgen und die wir nur billigen können. Der Unterricht über die anderen Schriften der Bibel der „Ksnwim" — verwendet manche bibelkritische These, natürlich keine der christlichen Bibelkritik. Daß in der letzten Klasse den Schülern eine objektive Darstellung über die Hypothesen der heutigen Bibelkritik geboten wird, halten wir für richtig und haben es schon an dieser Stelle gefordert. (S. den zweiten Artikel aus der Serie: „Aus dev Welt der Gedanken," :,;Die Bibelkritik" von unserem Mitarbeiter Äen - Koheleth.) - Auf Grund dieser Tatsachen präzisieren wir unsere Stellung zum Gymnasium! Es ist klar, daß das Gymnasium keine traditionelle Schule ist: ihre Leiter wollen ja gar nicht als solche angesehen sein. Wir, die wir als nationale Zeitung auch durchaus auf dem Boden der Tradition stehen, können uns also mit dem Geiste, der am Gynmasium herrscht, nicht einverstanden erklären. Wir können dieses also selbstverständlich keinem traditionellen Jriden empfehlen. Dagegen erkennen wir das Gymnasium als völlig existenzberechtkgt an. Wie wir es in unseren