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Neue jüdische Presse · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Heitflge M llc. 26 des fnm&fttcfec Ifcaeiitifdien Iamitien6tftttes. AdoMMNtsMewm auf das „Frankfurter Israelit. Familienblatt" nehmen sämtliche Postanstalten des Jnunü Auslandes zu MK. 1,02 (iukl. Iiesenms frei iw Haus) für das dritte Vierteljahr 1911 entgegen. — Streifbandzusendung für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mark 1.50, für die übrigen. Länder Mk. 2.— vierteljährlich. Jüdische Führer und jüdisches Recht. Abgrundtief gähnts noch zwischen jüdischer und moderner Rechtsanschauung. Es ist gut, sich die Tistanz manchmal vor Singen zu halten; cs gibt das denr jüdischen Menschen einen Ruck vorwärts, und diesen Ruck hat er gar sehr nötig. Wohl drängt's und drängt's in der modernen Menschheit nach' den: Rechte; doch das bereits Vorhandene und das Erstrebte zeigen, daß noch gar weit der Weg ist, den die Menschheit bis zu denr Ziele znrückzulcgen hat, das in der jüdischen Welt- und Lebensanschauung schon vor Jahrtausenden seine Verwirklichung gefunden. Aber noch ein arideres komrnt einem da zu Bewußtsein; man erkennt, wie sehr unsere jüdische Volksseele von fremdem Fühlen und Denken durchsetzt ist, und daß lvir selbst einen revolutionierenden Umwandlungsprozeß durchzukänipfen haben, um wieder wir zu werden. Ja, wir sind gelehrige Schüler unserer Umgebungen. Gerade in letzter Zeit hat eine Reihe von Ereignissen — siehe Alliance/ Gemeindebnnd und die Wahlen in Oesterreich mit denr Trohobyczer Blutbad — mit scharfem Schein die Situation beleuchtet und gezeigt, welchen Kampf lvir erst in unseren eigenen Reihen zn kämpfen haben, ehe wieder der jüdische Genius des Rechts uns zum Volke des Rechts werden läßt. Noch herrscht wie bei den anderen Völkern auch in unserer Mitte die Macht als Recht in der Politik, in der Politik materieller Interessen sowohl als auch ideeller Anschauungen. Wie die reaktionärsten Völker haben wir eine Machtklasse, die sich in ihren Aemtern und Würden zu behaupten sucht, selbst wenn Verbrechen gegen das Recht nötig sind, selbst wenn der Untergang des Ganzen die Folge sein könnte, — und das nennt man dann Politik. Ein Reinach, 'der in sich einen Vorkämpfer reiner Rechtsansfassung, dem die Freiheit d er menschlichen Persönlichkeit heilig ist, sieht, scheute vor keiner Wahlmachination zurück, als es jetzt galt, ihm die Leitung der Alliance zu erhalten, und seine Werkzeuge bedienten sich der Unwissenheit der orthodoxen Juden des Orients, deren Orthodoxie ausgesprochenster Gegner Reinach ist, um die Wagschale der Entscheidung zu beeinflussen. Tic Gewaltigen des Gemeindebundes, die als Führer in ihren Gemeinden gerechte, menschenwürdige Wahlgesetze zu ihrem Vorteile von jeher zu verhindern wissen, haben erst gelegentlich des jüngst stattgehabten Genreindetages den Beweis geliefert, welch' gefügiges Instrument in ihren Händen die Politik ist und wie wenig ihnen in Wirklichkeit das Wohl und Wehe des jüdischen Lebens Sorgen macht. Sonst wären eben ihre Sorgen andere gelvesen; sonst hätten sie auch schon längst in ihren Gemeinden das gerechte, alle religiösen Richtungen zur Entwicklung bringende Proportionalwahlsystem Lur Durchführung gebracht. Und nun gar die Wahlen in Oesterreich! Krasser konnte sich nicht die ruinöse Politik unserer Machthaber zeigen als hier. Die Gemordeten von Drohobycz sind als ewiges blutiges Mene- Tekel in die jüdische Geschichte eingeschrieben. Träge reihen sich im Leben der Völker Tage, Monate und Jahre aneinander, bis plötzlich die Ereignisse eintreten, die da Kultnrbilanzcn sind. Die jüdische Welt hat in den letzten Monaten solche Kulturbilanzen erlebt, und daß diese Nicht spurlos an ihr vorübergegangen sind, vielmehr einen mächtigen Unwillen in ihren Massen entlodert haben, ist ein hoffnungsfrohes Zeichen. Das Rechtsbewußtsein lebt noch jm Volke des ab» oluten Rechts; dieses an den Maßstäbcn seines absoluten Rechts zu erziehen, ist ein Gebot einer Erhaltung und seiner Würde. G, Herr Reinach und die Alliance. Bon geschätzter Seite, die mit den Verhältnissen in der Alliance aus's genaue ste vertraut ist, kommen uns, leider verspätet, die folgenden Aussührimgeii zu, die jedoch solch interessantes Tatsachenmaterial enthalten, daß sie auch jetzt noch die Ocffentlichkeit gewiß interessieren dürsten: Als unsere Weisen den Satz „Wer Israel bedrängt, wird zn seinem Anführer" prägten, dachten sie wohl kaum an einen jüdischen Bedränger. Nur müßte nia» diesen Satz auch im letzteren Sinne verstehen, und Herr Salomon Reinach liefert das krasseste Beispiel. hierzu. Dieser unser treffliche „Traditionsgenosse", der in seinem Orpheus vom Talmud sagt, daß „er um nichts den menschlichen Geist bereichert hat," könnte doch wohl seinen Geist um eine Weisheit bereichern, und auf die verwtmderte Frage, wie o ein Verleugner alles Jüdische zmn Führer eitler jüdischen Weltorganisation werden kann, sicl, auf den obigen Satz unserer Weisen berufen. Denn alle Attribute eines waschechten Judcnbedrängers kommen Herrn Reinach zu, trotz aller Verteidigungsversuche, die von Leven und anderen für ihn unternommen wurden, Sehen wir rms einmal diese Verteidigung an. Herr Reinach, heißt es in dem neulich veröffentlichten Briefe Leven's, sei nicht willens, seine lersönliche Auffassung in der Leitung der Alliance hineinzutragen. Wie kommt es nun, daß, als Herr Reinach 1905 einen Vortrag hielt, worin er nachzuweisen glaubte, daß es gar keine jüdische Rasse gebe (übrigens mit derselben gediegenen Gründlichkeit und dein unfehlbaren wissenschaftlichen Sinn, wie er zuvor die Echtheit der Tiara Saitepharnes nachgewiesen und den französischen Staat um 400000 Frcs. gebracht hatte), alle Schüler der alliance'schen Ccole orientale, also die zukünftigen Lehrer und Erzieher in den Alliaiiceschnlen, vollzählig, mit ihrem Direktor an der Spitze, zum Vortrag geführt wurden? llebrigens, haben auch die damals diesem Bortrage beiwohnenden Rabbiner den Redner mit rauschendem Beifall bedacht, . obwohl sie gegen seine Ausführung von Berufswegen protestieren sollten. Dies könnte nur denjenigen Wunder nehmen, der die französisch - jüdischen Verhältnisse nicht kennt. Die Schüler muhten zum Vortrag geführt werden, und die Rabbiner muhten applaudieren. Herr Reinach hat. nämlich sich eine überwältigende und gebieterische Stellung in der Alliance zu verschaffen gewußt. Als vielfacher Millionär, Mitglied des Instituts und verschiedener politischen Vereine, dazu noch als rücksichtsloser Drausgcher, beherrscht er alle öffentlich-jüdische Tätigkeit in Paris, um so mehr, da die höhere jüdische Intelligenz Frankreichs sich von jüdischen Dingen gänzlich abwendet, da sie freien Spielraum für ihre Tätigkeit und Ehrgeiz in der französischen Gesellschaft findet. Während ein Hermann Cohn in Deutschland ein wachsames Interesse dem Jndentume entgegenbringt, steht ein Henri Bergson ganz fremd dem Judentume gegenüber. Hat die Alliance ein ausscheidendes Mitglied zn ersetzen, macht sie irgend einen klangvollen Namen nach außen ausfindig, vorausgesetzt, daß sein Träger nur als eine dekorative Persönlichkeit figuriere und blut- und farblos in jüd. Dingen sei. Hat ein Kunstmaler oder dergleichen die Ehrenlegion erhalten, so wird er als Alliancemitglied ausersehen, obwohl er herzlich wenig von Juden und Judentum weiß, und nie in seinem Leben eine jüdische Zeitung gelesen hat. Solche blutlosen Inden passen dem Reinach und Bigart in den Kram. Bei so einem Regime sind die Rabbiner gesellschaftlich ohne jede moralische Autorität und müssen sich vor Reinach ducken, obwohl er der jüdischenGemelnde niemals angahört hat, da er öffentlich sich als konfessionslos erklärt. (Schluß folgt.) Personalien «. Kleine Mitteilungen. BerU«. Julius Rodenberg (Julius Levh gebürtig ans Rodenberg bei Cassel), der bekannte Herausgeber der Deutschen. Rundschau und Schriftsteller, feierte am 26. Juni seinen 80. Geburtstag. —i. In Pankow wird ant 2. Juli ein Mendel- Denkmal (zur Erinnerung an den berühmten Psychiater Mendel) enthüllt. T Berlin. In einem jüdischen Blatt tauchte die Nachricht auf, das Kuratorium der Lehranstalt für die Wijsenschaft des Judentums in Berlin habe dem Dozenten D r. I a h n d a untersagt, fernerhin gegen die Leiter des Pariser Zentralkomitees der A. I. U. zn agitieren. Aus eine daraus bezügliche Anfrage unseres Berliner Korrespondenten erklärte Herr Dr. Jahuda: „D i c s e Nachricht beruht auf U n - w a h r h e i t." Es wäre auch verwunderlich, wenn eine Lehranstalt, die es sich zuin Ziele gemacht hat, eine Freistätte der jüdischen Wissenschaft zu sein, einem Dozenten Lerbieten würde, nach seinen Ueberzcngungeu zn handeln und zu wirken. (e.) Berlin. Es wäre vielleicht nicht uninteressant, den inneren Lebensgang eines Juden zn kenne», der — Antisemit geworden. Ja, es wäre wohl sehr interessant, zu wissen, was den Schriftsteller Robert I ä f f e, den Verfasser des Romans „Ahasver", bewogen hat, dem Judentum nicht nur den Rücken zu kehren, sondern sogar ein Judengegner zn werden. Unglücklich wie er war (er war verwachsen und gelähmt), so unglücklich endete auch sein Leben: Der 4ljährige schnitt sich vor einigen Tagen die Pulsadern aus. Breslau. In Jauer wurde dieser Tage ein öffentlicher Park eingeweiht, der infolge einer Spende von 50000 Jk des Kaufmanns Bruno Fuchs-Dresden errichtet worden ist. —, Hier verschied Siegmnnd Sachs, Handelsrichter, Stadtverordneter und Vorstandsmitglied der Israel. Waisen-Verpflegungs-Anstalt und in F i l e h n e auf dem Wege nach dem Friedhose A. Kleitzner, Vorsteher der jüd. Gemeinde. München. Bayern har nary der lehren Volkszählung 55 065 (= 0,8 °/o) Juden. Königftein i. Taunus. Jacob H. Schiff- Ncwyork ist im hiesigen Grand-Hotel zn längerem Aufenthalte eingctrossen. Kronberg t. Taunus. Die Stadtverordneten beschlossen den Ankauf der alten Synagoge zum Preise von 7000 Jk Herne i. Wests. Anläßlich der Einweihung der neuen Synagoge erhielt Moritz Gans, Vorsteher der jüd. Gemeinde, den Kronenorden 4. K l a s s c.' Lffenbach. In Anerkennung der Verdienste, die sich der Geheime Kommerzienrat Lndo Mayer durch seine verschiedenen gemeinnützigen -Stiftungen um seine Vaterstadt erwarb, beschloß die Stadtverordnetenversammlung, die neue Straße, die vom Mainuser zwischen Jsenburger Schloß und Schloßkirche zur Stadt führt, Lndo M a y e r st r a ß e zn benennen. (L.) Pr.Stargard. Aus Anlaß seiner Silberhochzeit schenkte Kommerzienrat Goldfarb der Stadt, die ihn zum Ehrenbürger ernannte, 109 000 Mark für Verpflegung alter Bürger und Bürgerinnen. <L.) Znin. Hierselbst starb im Alter von 100 Jahren die Kanfmannswittve Johanna Salomo n. Dieselbe war noch vor einiger Zeit geistig und .körperlich rege und verstand es, die Leute mit den Erlebnissen aus ihrer Jugendzeit gut zn unterhalten. Namentlich die Kriegszeit von Napoleon I., >vie seine Soldaten nach Moskau zogen und elendiglich znrückkehrten, war ihr Lieblingsthcma. Luzern. Simon Erlanger-Braun, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, wurde i n den Großen Stadt rat gewählt. Budapest. Avgeorünetec Dr Alexander N a g y (Nagy - Groß) und Großgrundbesitzer Dr. Emerich Groß wurden in den Adelsstand erhoben. —: ■ Das Ansuchen der orthod. Kultusgemeinde in So pro» wegen Errichtung eines eigenen Friedhofes wurde abschläglich beschicken. Die Dezentralisierung der Friedhöse sei vom hygienischen Standpunkte zu verwerfen; auch wahre die Chewra Kadischa die Interessen der beiden jüdischen Gemeinden, lautete die Ablchnnngsbegrnndnng der Behörde. Ezeruowitz. Der jüdische Landragsklub hat sich "konstituiert und Dr. S t r a u ch e r zum Obmann gewählt. Prag. Pro» Dr. Samuel Oppenheimer ist als ordentl. Professor der Astronomie nach Wien berufen worden. Prag. Dr. Leopold Ascher, Chefarzt der Buschtehrader Bahn, einer der geachtesten Aerzte Prags, ist im 59. Lebensjahre verschieden. Pöftyeu l Ungarn). Der Sohn der Sekretärs der Pester orthodoxen Gemeinde, Heinrich Löffler, ein Zögling der hiesigen Jeschiwa, ist in den Wellen der Weg ertrunken. Zioni. Petersburg. Nisselowitsch in für die kommende Session in die Budgetkommission der Duma gewählt worden. Sofia (Bulgarien). Hier ist der jüdische Kandidat Apotheker Farchi ins Parlament gewählt worden. London. Anläßlich der Königskrönung wurden Herbert S. Leon zum Baronet, Schrift-

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