Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage p fit.22 rfes Frankfarier Ifraefttififteti Iflmitiea61atte.s. Vom Wirken des Hilfsvereins Ser deutschen Juden. I Um die junge Generation im -Orient für den wirtschaftlichen Wettbewerb bereits auf der Schule auszurüsten, sucht der Hilfsvercin die intellektilelle Ausbildung durch Einführung von Handfertigkeitsnnterricht zu fördern. Er machte vor einigen Jahren den Anfang damit in der Or- Thora-Schule in Kvnstantinopel und hat rum — mit Unterschhung der Alexander- und Fmniy Simon- 'schen Stiftung in Hannover —. die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in de» Orientschulen in weiterem Umfange in Angriff geiioiumen. Am Anfang des neue» Schuljahres sandte der Hilfsverein den Gewerbelehrer Arthur W. Schmidt, einen Schüler von Georg Korschcnsteincr in München, nach Palästen er, um zurörderst im dortigen Schulwerk des Hilfsvereins den Handfertigkeitsunterricht zu organisieren. Jetzt irird bereits au drei Anstalten des Hilfsvereins ron Herrn Schmidt Unterricht erteilt: an zwei Knabenschulen, in Jerusalem und dem benachbarten Jaffa, dein er zwei Tage in der Woche widmet, und dem Lehrerseminar in Ierusale m. Der Unterricht wird alsdann auf weitere Institute des Hilfsvereins in Palästina wie im europäische» Orient ausgedehnt werden. In erster Linie wird er in der Mittelschule des Hilssvereins in Haifa zur Einführung gelangen, die den Unterbau für das Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina bildet. Durch die fachgemähige Handfertigkeits-Ausbildung der Zöglinge des Lehrerseminars, die berufen sind, in der asiatischen Türkei Ivie in den Balkanländern als Lehrer zu wirken, ist zu erwarten, daß dieser für die Regeneration der Judenheit int Orient höchst bedeutungsvolle Unterrichtszweig bald eine tveite Verbreitung erfährt. * Für die Opfer des schweren Unglücks (cs stürzte bei der Lag b'Oiner-Feier ein Dach mit der darauf versamnielten Festgesellschaft ein) in Meron bei Saffed in Palästina, bei dem 11. Personen getötet und 25 verwundet worden sind, hat der Hilfsverein eine größer Unterstützung zur Verfügung gestellt, die namentlich für die bedauernswerten verwaisten Kinder verwendet iverden soll. Gegen die geplante Entrechtung der kleinen Gemeinden. Frankfurt a. M., 31'. Mai 1911 Gestern Übend tagte eine Mitgliederversammlung des Zentralvereins Israel. Gemeindemitglieder, in der Dr. I. Heinemann in geradezu glänzender Weise mit der vom D. I. G.-B. geplanten Entrechtung der kleinen Gemeinden abrechnete und Direktor Dr. Adler, der Frankfurter Delegierte des D. I. G.-B. und seit mehr als 25 Jahren — davon 10 Jahre im Ausschuß — eines der tätigsten Mitgliedes des D. I. G.-B., eingestand daß der vorgeschlagene Wahlparagraph in der vorliegenden Fassung unannehinbar ist. Da in unseren Spalten die Materie schon eingehend behandelt worden ist, seien aus den Reden nur Teilstücke wiedergegeben. Dr. Heinemann: Wir wünschen Bezirks verbände wie in Hessen, dagegen keine den Pro testanten nachgeahmte staatliche Zwangs organisationen. Der Fall Jatho zeigt, wie froh die Protestanten wären, wenn sie aus der staatlichen Zwangsjacke herauskämen, und Wir sollen hinein. Der D. I. G.-B. macht es wie eine Regierung, deren Antrag avgelehnt worden ist; er ändert das Wahlrecht, um eine gefügige Mehrheit zubekommen. Jahrzehntelang hat sich das Wahlrecht bewährt, plötzlich ist man mit ihm unzufrieden. Der D. I. G. - B. ist keine Vereinigung von einzelnen Mitgliedern, sondern von Gemeinden, und die kleinen Gemeinden haben sich denk D. I. G.-B. angeschlossen, weil jede einen stimmberechtigten Vertreter zum Gemeindetag entsenden kann. Nach dem vorgeschlagenen menen Wahlrecht läge die Majorität auf dem Gemeindetag in den Händen der Grotzgemeindevertreter. Wenn der D. I. G.-B. —: als wäre er «ine Aktiengesellschaft — sein Geld gibt, damit die Großgemeindcn in den Kleingemeinden Herrschen, dann soll er es lieber behalten. Man will die Blankomandate, die gerade Bedeutung für die Kleingemeinden —> da diese ja meist nicht in der materiellen Lage sind, einen Vertreter zu schicken —, haben, abschaffen. Das wäre so, als wenn der Reichstagsabgeordnete nur in dem Wahlkreise seines Wohnortes gewählt werden dürfte. * ■ , . Das neue Wahlrecht macht den Eindruck, daß die kleinen Gemeinden dafür bestraft werden sollten, daß sie auf dem letzten Gemeindetag gegen den vorgeschlagenen Organifationsentwurf gestimmt haben. Käme es dem Ausschuß des D. I. G.-B. wirklich darauf an, durch Entziehung der Blankovollmachten das Interesse der! leinen 'Gemeinden zu wahren, dann sollte er mal diese Gemeinden über ihren Standpunkt i,uv Frage der Blankomandate abstimmen lasse». Es ist doch Sache der Gemeinde, ob sie ihren Kandidaten aus ihrer Mitte wählen will oder.nicht Die Leiter des D. I. G.-B. wenden ein, daß auf 'dem letzten Gemeindetag Leute waren, die der Trennnngsorthodoxie angehören. Wenn der D. I. G.-B. nicht 'für deren Interessen arbeiten will, dann soll er eben solche Dinge wie seinen Organisationsentwurf und seine Wahlrechtänderung weglassen. Ebenso wenig wie eine Frankfurter Religionsgesellschast ohne die Fehler von der anderen Seite entstanden wäre, ebenso wenig hätten sich Gegner des G.-B. um dessen Angelegenheiten gekümmert. Und welchen Männern eine zehnmal so große Gewalt als bisher gegeben werden soll, zeigt die Tatsache, daß der Ausschuß des D. I. G.-B. Ich nach einem Bericht des Herrn Prof. Dr. Türk jegeit die jüdische Volksschule ausgeprochen hat, ihm also sein politischer Libe ralismns höher als sein jüdischer Liberal i s m u s steht, denn selbst extremliberale Herren lind unter den -obwaltenden Verhältnissen, für die jüdische Volksschule. - Schließlich würde das vorgeschlagene Wahlrecht nicht einmal zu Gunsten der Großgemeinden, sondern nur züGunsten ihrer jeweiligen Borstandsmajoritäten wirken. — Möge der D. I. G.-B. die Kleingemeinden nicht auf eine abschüssige Bahn und seinen Gegnern in die Arme drängen; es wäre ein Unrecht und ein Fehler! Direktor Dr. Adler: Das Wahlgesetz dürfte mit dem Organisationsentwurf im Z u s ain m en h an g stehe n. Es sind für eine staatliche jüdische Organisation gegenwärtig weder Zeit noch die maßgebenden Faktoren günstig; man würde vielleicht nur erreichen, daß uns Jiwen manches Recht genommen würde. Die Vertreter der Großgemeinden haben de facto auch nach dem bisherigen Statut die Macht gehabt.. Damit könnte es nur anders werden, wenn die Vertreter der Kleingemeinden Reisediäten bekämen. Die Frage, das Wahlrecht zu ändern, entstand erst, als die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, die gegen den D. I. G.-B. gegründet ist und dessen Aufgaben erfüllen will, gelegentlich des letzten Gemeindetages auf den Plan trat. Es ist sicher ein Fehler, daß ein einziges Mitglied einer Großgemeinde sämtliche Stimmen seiner Gemeinde in sich vereinigen soll (80 Stimmen in Berlin, 45. in Frankfurt). Wie bisher dürfe seiner Ansicht auch fernerhin jeder nur 5 Stimmen höchstens haben; Berlin hätte also durch 16 Herren vertreten zu sein. Auch sei es. unverständlich, warum nicht der Rabbiner-, der Lehrer- und der Kantorenverband wie die Gemeindeverbände auf dem Genieindetag vertreten sein sollen und zwar wie diese mit je 10 Stimmen. Der Ausschuß hat sich nur gegen die jüdische Volksschule in Berlin, die mit ihren galizischen Kindern eine Ghettoschule wäre, ausgesprochen.*) Die Großgemeinden sind es fast ausschließlich die durch den D. I. G.-B. für den Religionsunterricht in den kleinen Gemeinden sorgen. Bei seinen vielen Stiftungen hat der D. I. G.-B. kaum eine für den Religionsunterricht, eine Schmach für die ganze deutsche Judenheit, die sonst für alles, sogar für Universitäten, Geld hat. Berlin und Frankfurt allein tragen -/z der Ausgaben des D. I. G.-B., und deshalb könne man es ihnen nicht verargen, wenn sie ein ausschlaggebendes Wort mitsprechen wollen. Würde der D. I. G.-B. jemals einen Partei standpunkt einnehmen, was er bisher-.nicht getan hat, so würde er sich zu Grunde richten. Martin Levigard, der folgende Redner, legte in -seinen Worten. den-Hauptwert darauf, daß die Großgemeinden illiberal und indifferent sind und schon aus diesem! Grunde nicht durch eine Ztvangsorganisation das Schicksal der deutschen Judenheit in ihre Hände gelegt werden darf. Dr. W. Hanauer, der Vorsitzende, mjacht in seiner Kritik des D. I. G.-B. darauf auf merksam, Daß bei der Ablehnung des Organisationsstatuts gerade liberale Herren ausschlaggebend waren. Wenn man immer das großmütige 'Sorgen der großen für die kleinen Gemeinde» hervorhebe, so müsse er doch hervorheben, daß von 1100 Mitgliedern des D. I. G.-B. 1000 kleine Gemeinden sind und diese schon 10000 Jk von den 20000 Jk für die Subventionen der kleinen Gemeinden zahlen. In seinem Schlußworte konstatierte Dr. Heinemann, daß auch Direktor Dr. Adler schwere Bedenken gegen den Wahlparagraphen, besonders gegen die erdrückende Gewalt der Großgemeindevertreter geäußert habe. Es gelte nicht, aus dem Gemeindetage neue Vorschläge zu machen, sondern den vorgelegten Entwurf abzulehnen. Die Versanrmlung nahm e i n st i m m i g folgende R e s o l u t i o n an: „Der Centralverein Jsr. Gemeiudemitglieder protestiert aufs entschiedenste gegen die geplante Wändernng des Wahlrechts. Sie würde der großen Mehrzahl kleinerer Gemeinden eine Vertretung nnmöglich machen, den Stimmen der etwa vertretenen jedes Gewicht nehmen und den entscheidenden Einfluß nicht etwa den Großgemeinden, sondern den jeweiligen Mehrheiten in ihren Vorstände» zuerteilen. Als treues Mitglied des Gemeindebundes warnt der Verein vor einem Schritte, der zahlreiche Gemeinden aus dem Bunde drängen, ihm das Vertrauen der jüdischen Allgemeinheit entziehe» und den Voten des Gemeindetages der Regierung und der Oeffentlichkeit gegenüber jede Antorität nehmen müßte." *) Wer Herr Pr. Dr. Türk, der grundsätzliche Gegner jüdischer Volksschulen, ist nach wie vor Delegierter des D. I. G.-B. im Verband der jüdischen Lehrervereine! D. Redakt. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Geh. Justizrat B. Timen darf er, Präsident der deutschen Großloge des B. B. O., ist infolge Uebcrbürdung ans dem B o r st a n d der üdischen Gemeinde ausgetreten. Berlin. Dr. Remak, Geh. Medizinalrat und außerordentlicher Universitätsprofessorhervorragend auf dem Gebiete der Nervenheilkunde, ist verschieden. Berlin. Jacob H. Schiff- New-Dork ist hier eingetroffeu -und im Hotel Esplanade abgestiegen. — Stadtverordn. Rechtsanwalt Sonnen selb erhielt den Titel I ustizrat. — Stadtverordneter Sieg m. Salinger- Schöneberg feierte seinen 70. Geburtstag. Stuttgart. Geh. Kommerzienrat Alexander v. Pflaum erhielt den preußischen Kronenorden 2. Klasse. Nürnberg. Der Selbstmord des Rechtspraktikanten und Einjahrig-Freiwilligen Anton Friedrich Kohn, einzigen Sohnes des Bankiers Georg Kohn, wird mit gekränktem Ehrgeiz infolge Nichtbefördernng im Militärdienste erklärt. Stratzburg. Zu Mitgliedern der Handelskammer wurden neugewählt: Achilles Baumann (Jllkircher Müylwerke), Eduard Herzberg (Bon Marchs) und Direktor Alfred Loewe (Elektrizitätswerk). Elberfeld. Stadtrat Max Simon, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, erhielt den Kronenorden 4. Klasse. Borken. Hier feierten jüngst Frau Rosenbusch ihren 95. G eb nr t s t a g und Frau B ach - rach ihren 92. Geburtsta g. Budapest. Hier wurde am 22. d. das von der „Chewra - Kadischa" errichtete „Hans der Liebe" eröffnet. Dasselbe soll einstweilen 180 unheilbaren Kranken — ohne Unterschied der Konfession — Unterkunft gewähren, die hier bis ans Lebensende verpflegt und versorgt werden. Auch die nichtkonfessionellen Blätter loben einstimmig die großherzige Tendenz der Stiftung und sind voll des Lobes über den Prachtbau und die glänzende Einrichtung, die vielleicht unter allen humanitären Instituten Europas nicht ihresgleichen haben. Die Baukosten beliefen sich auf l’/t Millionen Kronen. Budapest. Ein Bildchen dom israelitischen Tau fad el gibt das Amtsblatt mit seiner Meldung, daß Generalkonsul Baron LadislansDirsztay icher sein Söhnlein Viktor Kuratel verhängen ließ, weil es mit der Monatsapanage von — nur — 3000 Kr. nicht auskommen, dafür aber par tont eine Karbaretsängerin heiraten wollte. — Da Baron Dirsztah samt'" Nachwuchs noch, vor kurzem ein gewöhnlicher „jüdischer Fischet" war, muß entschieden anerkannt werden, daß diese Familie mit bewundernswürdiger Schnelligkeit die Karriere zu den Höhen aristokratischer Weltanschauung zurückgelegt hat. — Eine seltene Auszeichnung empfing Wgeordneter Dr. Julius R o s e n b e r g 7 der dem Abgeordnetenhause bereits länger als 25 Jahre angehört, mit der Verleihung des Kleinkreuzes des Stephan-Ordens. Czernowitz. Sladtbaumeister Julius Bochner erhielt den Titel Kaiserl. Rat.