Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage z» ilt. 20 rfes ftimftftdet IftaeEitiftfien FaMMalks. Berliner Brief. Antisemitismus überall. —> Eine empörende Rohheit. — Kulturkoiiservatismus auf der Universität. — Deutsche Schriftsteller und Juden. — Awrnm Halberthal und der Herr Baron. Wenn jemand ' ein jüdisches Aussehen hat. so bekommt er das in Berlin oft genug deutlich zu Hören. In der Tat! mau möchte nicht glauben, wieviel Antisemitismus in Berlin herrscht. Alt und jung, gebildete und ungebildete Leute, sie alle sind mit einem tiefen Hast gegen uns Juden erfüllt, der je nach dem Stande andersartig zum Ausdruck gebracht wird. Bor kurzem aber passierte mir etwas, was meine schon pessimistischen Anschauungen im Punkte des Judenhasses sich nicht hätten träume,r lassen. Nach Sabbat Ansgang wurde eine Leiche nach dem Friedhof überführt. Bor dem Hanse, in dem der Verstorbene wohnte, hatte sich eine Anzahl Leute aiigesammclt, darunter auch mehrere größere Schulknaben. Als her Leichenlvagen sich in Bewegung setzte, begannen die Knaben ansznspeicn und Schimpfworte n ach zürn sc n. Auf dem Wege dann durch den Nordosten der Stadt trafen zwei dem Arbeiterstande angehörcnde Franc» den Leichenwagen. Da hörte ich,-wie die eine zur anderen sagte: 'Ne Indenlei ch e, s p n ck a » §! . So tief ist, der Judenhaß also cingelvurzclt, das, er nicht einmal vor dem Tode Hält machte! <— Auch an der Universität ist kein Abflauen antisemitischer Strömungen bemerkbar in, Gegenteil: es wird von Semester zu Semester schlimmer. Als vor etwa anderthalb Jahren auch die uichtinkorporiertcu Studenten Mitglieder in den Jubilättinsausschust (es stand damals die Zcnte narfcier .der Berliner Universität bevor) entsenden sollten, damals, als. die Freistudenten zum ersten und einzigen Male zeigen konnten, welcher Gesinnung sie sind, da wurde man mit Staunen und Schrecken gewahr, daß auch unter ihnen das nationale (soll heiße» antisemitische) Element ziemlich stark vertreten ist. Ein Teil der Freistndentensonderte sich von der allgemeinen Freistudentenschaft ab, weil diese auch Juden als Kandidaten für den Jnbilänmsansschust aufgestellt hätte. Wenig später wurde dann der „Deutsch völkische' Stndcntcnvcrband" begründet, dessen Aufgabe es ist, deutschvölkische Eigenart zu Pflegen und ferner die Macht der Juden zu brechen. In ihm sprechen und in seinem soeben gegründeten -Organe schreiben die bekanntesten Anti tisemiten: A d o l f Bartels, Lieberman n von Sonnenberg, Dr. Rösicke n. a. Merken wird man sichauch, dast zwei bekannte Schriftsteller, Willy Pastor und auch Felix Dahn sich zu den „nationalen" Männern rechnen. Ja, mit den Schriftstellern, da ist das auch so eine Sache. Dast die Inden sie fördern, solange sie „noch nicht erkannte Talente" sind, dagegen hat keiner, kein einziger etwas einzuwenden. Sitzen sie dann aber erst fest im Sattel, merkwürdig, urplötzlich entdecken sic ihr antisemitisches Herz. Ein zu charakteristischer Beleg hierfür ist ein Briefwechsel zwischen dem Romanschriftsteller A. H a l b e r t und dem Balladendichter B ö r r i e s Freiherr von Münchhausen, dem Verfasser des „Juda." Halbert gibt in München eine Zeitschrift „Der Brief" heraus, die sich, die Reform des heutigen Briefstils zur Aufgabe gestellt hat. Auf eine an die namhaftesten Schriftsteller Deutschlands gerichtete Umfrage erhielt der Herausgeber von Herrn v. Münchhausen einen Brief, der von Antisemitismen strotzt. So heisst es: , „Bor allein aber, sehr geehrter Herr, glauben Sie, Last Sie der Reformator des deutschen Briefstils werden könnten?" Sehen wir Uns Ihre Legitimation an! Sie heisten Abraham Halberthäl imd fehlen gegen den ersteir Satz des vertraulichen Briefes dadurch, dast Sie in ein Pseudonyin verschleiert, also nicht offen kommen. Sie sind rumänischer Jude — werden Sie die letzten Feinheiten arischen Fühlens und deutscher Sprache mich erfühlen können? Sie sind klug genug, um mir ziizugeben, dast die meisten Ihrer Landsleute und Rassegenossen, das nicht können, nicht wahr? Und werden mir zugeben, dast das zum Reformieren des deutschen Briefes ziemlich, wichtig ist. Ihr Brief legitimiert Sie nicht. Er beginnt mit einer falschen Anrede („Herr Doktor" statt Baron), er schließt mit einer Floskel, die nur persönliche Freunde anlvenden dürfen („ich begrüße Sie") Und zum Schluß: „Ich Umst Sie leider, um der Wirkung meiner Antwort gewiß zu. sein, verpflichten, diesen Brief, ohne jede Auslassung abzudrncken, aber dä ich Sie ja als gerechten und liebenswürdigen Mann kenne und achte, so ist die Erfüllung der Bitte ebenso selbstverständlich, wie die Bitte unnötig ist." Kommentar überflüssig! Doch sei aus der Antwort Halberts folgende Stelle hierhergesetzt: „Haben Sie vor einigen Jahren ein Buch hernnsgegcbe», das Juda hiest? Ließen Sie dieses Buch von Ephraim Moses Lilien illustrieren? Ließen Sie cs aus gut Bütten drucken und von armen Zionisten und reichen Modedamen kaufen? Sehen Sie, Herr Baron, dieses Buch ist das einzige, bas man damals von Ihnen kannte, 9hm setzen Sic den Fall: Ein jüdischer Schriftsteller hätte damals an Sie die Aufforderung gerichtet: „Herr von Münchhausen, Ihre Legitimation!" Was hätten Sie dazu geantwortet? Ein gutes Recht zu dieser Frage hätten Sie nicht abstreiten können. enn Sie, ein arischer Baron, schrieben ein Buch, das von nationalen Gefühlen einer Rasse handelte, von Erinnerungen und Empfindungen eines alten Volkes spricht. Diese Frage ist an Sie nicht gestellt worden." Deutsch-Israelitischer Gemeiudebmkd. Einen Monat vor denk am 11. I uni zu - s a m m e n t r c t e n d e n G e m e i u d e t a g c sind die „Mitteilungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes" erschienen. Die Tagesordnung jener Versammlung lveist zwei bedeutsame Beratungsgegenstände ans. Eiil hervorragender Fachmann lvird über die den Gemeinden bevorstehenden neuen Pflichten nach dem Entwurf eines Reichsgesetzes für Angestellte referieren. Ferner gilt es, eine neue Grnndverfassung des D. I. G. -B. anzunehmen. Die Blenderungen sind meist forinaler Natur oder auch nur stilistische Verbesserungen: lvichtig ist die neue Bestimmung des 8 13 über die Vertretung ans dem Genieindetage, durch die einerseits eine gerechte Berücksichtigung der Ansprüche der Grast- und Mittelgemeindcn, andererseits eine angemessene Bertretnng der kleinen Gemeinden —, durch Zusammenschluß — bezweckt werden soll. Der Bericht des gcschüftsführenden Vorsitzenden gibt ein Bild der Tätigkeit des Bundes seit dem letzten Geincindetage vor 2 Jahren. Der Bund umfaßt 10 preußische und 3 außerpreußische freiwillige Gemcindeverbändc und 1lX)8 Bund es gemein den, darunter sind 661 preußische. Die von den Provinzialverbänden und den preußischen Groß- und Mittelgemeinden eingeforderten Gutachten über das Organ isat io ns ge setz lauteten größtenteils günstig für die Fortsetzung der Arbeiten der gemischten Kommission, auch der 4. Verbandstag hat sich im gleichen Sinne geäußert; dennoch lvurde beschlossen, die seit 2 Jahren ausstehende offizielle Stellungnahme des Rabbinerverbandes abznwartcn.*) Im Anschlüsse an die Verhandlungen des 3. Berbandstages vom 18. Mai 1909 ist die am 1. Oktober 1910 eröffnete Deutsche Zentralstelle für jüdische Wa n d e r a r m e n f nrsorge ins Leben getreten. Besonders sei aus das Reserat des Herrn Dr. Kahn S. 66—70 hingewiesen; hier wird zum ersten Male'der bedeutsanre Erlaß des Ministers des Innern vom 3. Dezember 1910, durch, beit die Rückwandererfrage geordnet werben soll, bekannt gegeben, lieber diese bedeutsame und erfolgreichste Leistung der Berichtseit handelt ein besonderer Artikel „Reform der jüdischen Wandcrarinenfürsorgc" S. 38—50. Die Bemühungen des D. I. G.-B., das preußische Schul unter Haltungsgesetz vom 28. Juli 1903 günstiger für die bedürftigen jüdischen Gemeinden zu gestalten, sind leider erfolglos geblieben, da der Kultusminister unter deni 23. Juni 1909 eine Petition des D. I G.-B. betreffend Herabsetzung der für die Berücksichtigung ans deni Resolutionssonds ersorderlichen Minimalzahl von 12 volksschulpflichtigen Kindern abschlägig beschieden hat. Infolgedessen haben die Beihilfen der G e m e in de - Nnterstützungs kommissiou und der Brünn-Stiftung mr kleine Gemeinden zur Ermöglichung eines durch einen senlinaristisch geprüften Lehrer erteilten Religionsunterrichts gewährte Beihilfe die alte Bedeutung erhalten. Eine vergleichende tabellarische Uebersicht aus S. 35 zeigt die Zunahme der im letzten Jahre unterstützten Gemeinden. 1901 erhielten 149 Klientelgemeinden zusammen 14 016.25 Mark; die noch nicht abgeschlossenen Bewilligungen für 1911 betreffen schon jetzt 200 Gemeinden mit einer Gesamtsumme von 21076 Jf. Die vom D. I. G.-B. begründete» und verwalteten Anstalten für soziale Zwecke haben in den verflossenen zloei Jahren eine große segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Ueber die Frequenz der Fürsorge-Erziehungsanstalt für Knaben in Repzin und für Mädchen in Plötzensee geben Tabellen auf S. 20 Aufschluß. Seit ihrer, vor 10 Jahren erfolgten Eröffnung hat die erstere Anstalt 144 Zöglinge aus allen Teile» des Reiches ausgenommen, von denen z. Zt. 37 anwesend sind. Ilm deni Andrang zu genügen, wird zur Zeit ein Anbau ausgeführt. Im Plötzenseer Institut, das ein.Jahr später für schulentlassene weibliche Fürsorgezöglinge erösfnet wurde, waren bis jetzt 69 Insassen; z. Zt. ist die Frequenzzisfer 20. Die Anstalten erfordern zusammen jährliche Zuschüsse von 9—11000 Mark. Die I sr ae l i t is ch e Er z iehun g s a n sta l t für geistig znrückgebliebene Kinder in Beelitz besteht seit 2Vs Jahren und hat bereits 39 Knaben und 27 Mädchen ausgenommen, gegenwärtig sind 27 Knaben und 13 Mädchen vorhanden. Der Andrang der ersteren ist so groß, dast schon jetzt an bedeutende Erweiterungsbauten gedacht werden must, die auch neue Arbeitsräume jür die so wichtige handwerksmäßige Ausbildung der Zöglinge enthalten sollen. Die Jüdische Arb e it e r kolo n ie in Weißensee hat in 9 Jahre» 4516 Manu, also jährlich durchschnittlich 500 Mann beherbergt», und mit Arbeit versehen. Die Bedeutung dieses segensreichen Instituts ist durch die Schaffung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge noch gewachsen. Das G e s a nr t a r ch i v der D e n t s ch e » Juden ist durch die llebersiedlung in die von der Berliner jüdische» Gemeinde mietsfrei zur Berfügrmg gestellten, allen modernen Anforderungen entsprechenden Räunre in ein. neues Stadium der Entwicklung getreten. Unter den Stiftungen zu Gunsten der @e» meindebeamten nimmt die FriedrichWilhelm *) Auf den unverfänglich ist, sationsgesetz eingehen. Victoria-Stiftung die erste Stelle ein. In nahezu 30 jährigem Bestehen hat sie zu 1438 Versicherungen von Gemeindebeamten über eine Gesamtsumme von über 6 Vs Millionen Mark, von denen die Stiftung etwa i/t der Prämien trägt, beigesteuert. Seit Bestehen des Vertrages sind 679000 fällig geworden. In der Berichtszeit ind 100 neue Versicherungen über eine Gesamtsumme von ca. 000 000 ,/ß hinzugekommen. Interessante Berechnungen, aus denen sich ergibt, dast bei gleichen Aufwendungen, wie sie der neue Gesetzentwurf von Beamten und Gemeinden fordert, die Ergebnisse bei Bictoriaversichernngen sich ungleich günstiger stellen als die staatlichen Leistungen, werden auf S. 31 angestellt. Die übrigen Stiftungen — Theodor Marcus-Stiftung für Beihilfen zu Prämienzalilnngen, P h i l i p p s 0 n - Stiftung: Unter- Stützung in vorübergehender Notlage, Herxheim cr-S.tis tun g: Stipendien an Lehramtskandidaten, Stiftung d eS G en er a l kon sul s Franz Philipps»» in Brüssel: zur Veranstaltung von Borlesungsknrsen für akademisch gebildete Lehrer der jüd. Religioit 1—^ haben in bisheriger Weise gewirkt. Neu hinzngekomme» sind die beiden Stiftungen des Herrn Siegfried Brünn für Feriensortbildnngskurse jüd. Lehrer und zur Gewährung, von Prämiengaben an Lehrer in kleinen Gemeinden, die sich der schulentlassenen Jugend annehmen. Prämiengaben haben auch die R a ch 0 d - S t i ftung und die Mvntefiore-Stiftnng verteilt. Die Kristeller-S tiftnng unterstützt nach wie vor Handwerkslehrlinge, studierende Techniker und Handwerksmeister. DieLeoSchaefer- Stiftnng nimmt sich der entlassenen Fürsorgezöglinge an, die Silberstein-Stiftnng wird von nächsten! Jahre ab Universitätsstudierenden beiderlei Geschlechts Stipendien gewähren. Die Lehrabteilnng hat pädagogische, religions- und sprachwissenschaftliche, verwaltungsrechtliche und belletristische Werke subventioniert und vielfache prinzipielle Fragen zu beantworten gehabt. Die Bibliothek des D. I. G.-B. ist aufgelöst worden, ein Teil der Bücher ist an die Bibliothek der Berliner Gemeinde, ein anderer an die jüdische Lesehalle gefallen. Das Statistische Jahrbuch wird bis zum Gemeindetage eine Neuauflage erfahren. Bon den Leistungen ans dem Berwaltungsgebiete ist die Durchführung der Konzentration der Strafgefangenen in Orten, wo sich der.Sitz eines Rabbiners befindet, die durch einen vom D. I. G.-B. herbeigeführten Erlaß des Ministeriums des Innern angeordnet wird, die bemerkenswerteste. neuen § 13, der garnicht so und auf den Punkt Organiwerden wir in der nächsten Stummer ' D. Red. Der Indische Natioualfouds. In seinem uns vorliegenden neuen Flugblatt gibt das Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonös in Köln (Karolingerring 31) eine gedrängte aber umfassende Uebersicht über die Ziele, die bisherigen Erfolge und die verschiedenen Sammelmittel des Fonds. Aus dem interessanten Inhalt heben wir nur folgendes hervor: