Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage pllt. 19 des Frankfurter Ifmetltififten Famlimklattes. Die Zurücksetzung der deutschen I Juden im Heere und die Frankfurter | Protestversammlung. Von Dr. mcd. Julius W o l f - Obertshausen. Am Abend des 27. April d. I. bot der große Sank des Kaufmännischen Bcreinshauscs ein glänzendes Bild. Der „Verband der deutschen Inden" und der „Zentral-Verein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatten eine öffentliche Versammlung cinbcrufen. Gegenstand der Tagcsordimng bildete die Zurücksetzung der deutschen Juden im Heere. Biele hunderte jüdischer Frauen und Männer folgten mit gespannter Anfmerksamkeit den geistvollen und formvollendeten Aussührnnge» der beiden Zieferenten, Herrn Justizrat Dr. Breslauer-Berlin und Herrn Rechtsanwalt Dr. Löwenthal-Frankfurt. Herr Justizrat Breslauer erhob gegen die „unteren Kriegsherren" den Vorwurf der llnchrlichkcit, weil sie den grundsätzlichen Ansschlutz der Inden aus dem Osfiziersstande mit allerlei Ausflüchten zu bemänteln suchten, ivährend doch der wahre und einzige Grund int Antisemitismus zu finden sei. Der, im übrigen qualifizierte jüdische Einjährige brauche nur die Taufe zu nehmen, und die Offizicrslaufbahn stehe ihm offen. Herr Dr. Löwenthal schilderte in beweglichen Worten, wie die Zurücksetzung der Juden im Heere nur ein Glied sei in der . großen Kette ihrer Ausschaltung aus verschiedenen Kategorien höherer Staatsämter. Das ganze Unheil sei auf gewöhnliche Selbstsucht und gewöhnlichen Neid einer kleinen, aber herrschenden Minderheit im Staate zurückzusührcn. Zorniges Pathos, lächelnde Ironie und beißender Spott vereinten sich in den beiden Reden zu einem bunten Farbengeinisch, um ein grelles Bild von dem Glaubens-Martyrium der Juden in deutschen Landen zu malen. Brausende Beifalls-Stürme zeugten von der begeisterten Zustimmung der Zuhörerschaft. Als ich in später Nacht aus der glänzenden Versammlung in meine stille Stndierstube zurückgekehrt war, entnahm ich meiner Bibliothek ein mir längst vertrantes Buch, Schopenhaner's „Parerga und Paralipomeua," Band 2. Ich schlug cs auf und fand in dem Abschnitt über „Politik und Rechtslchre" folgende Ausführungen: -„Dies ist ja eben das Vergehen und das Schicksal des kleinen jüdischen Volkes, welches, tvirklich wundersamer Weise, seit bald zwei Tausend Fahren aus seinem Wohnsitze vertrieben, noch immer fortbesteht und heimatlos umherirrt; Ivährend so viele große und glorreiche Völker, neben welchen eine solche Winkelnativn gar nicht zu nennen ist, Assyrer, Meder, Perser, Phönizier, Aegyptcr, Hetrnrier nsw. zur ewigen Ruhe cingegangen und gänzlich verschwunden sind. So ist denn noch heute diese gcns cxtorris, dieser Johann ohne Land unter den Völkern, auf dem ganzen Erdboden zu finden, nirgends zu Hause nnd nirgends fremd, behauptet dabei mit beispielloser Hartnäckigkeit seine Nationalität, ja, möchte, eingedenk des Abraham, der in Kanaan wohnte als ein Fremdling, aber allmählig, wie sein Gott es ihm verheiße», Herr des ganzen Landes ward (1. Moses, 17, 8), — auch gern irgendwo recht fußen imd Wurzel schlagen, um wieder zu einem Lande zu gelangen, ohne welches ja ein Volk ein Ball in der Luft ist." — — — „Ihre Religion, von Hause aus mit ihrem Staate verschmolzen und Eins, ist dabei keineswegs die Hauptsache, vielmehr nur das Band, lvelches sic zusammenhalt, der Point de rallicincnt und das Feldzeichen, daran sie sich erkennen." —.-„Demnach ist es eine höchst oberflächliche und falsche Ansicht, wenn man die Juden bloß als Religionssektc . betrachtet: wenn aber gar, um diesen Irrtum zu begünstigen, das Judentum, mit einem der christlichen.Kirche entlehnten Ausdruck, bezeichnet wird als „Jüdische Konfession", so ist 'dies ein grundfalscher, auf das Jrrcleiten absichtlich berechneter Ansdruck, der gar nicht gestattet sein sollte. Vielmehr ist „Jüdische Nation" das Richtige." — — — „Daß sie mit Anderen gleiche bürgerliche Rechte genießen, heischt die Gerechtigkeit, aber ihnen Anteil am Staate einzuräumcn, ist absurd: sic sind und bleiben ein fremdes, orientalisches Volk, müssen daher stets nur als ansässige Fremde gelten." So dachte und schrieb vor einem halben Jahrhundert der geniale „christliche" Philosoph, einer der hervorragendsten und tiefgründigsten deutschen Denker. Schopenhauer war Atheist und frei von religiöser Unduldsamkeit gegen den jüdischen Glauben. Schopenhauer war ferner ein von reichlicher Rente eines ererbten Vermögens lebender Privatgelehrter Und stand hoch erhaben über Konkurrenzfurcht und Brotneid gegen die Juden. Und wie Schopenhauer dachte, so denkt oder empfindet heute noch die weitaus' überwiegende Masse des deutschen Volkes. Der Ausschluß der Jicden aus dem' Osfiziersstande und ihre Ausschaltung nicht nur aus einzelnen Mieren Staatsstellungen, sondern aus fast allen hohen mittleren und niederen > Staatsämtern, sind sie nicht eine packende Jllu-I stration zu den von Schopenhauer ausgesprochenen | Gedanken und Grundsätzen? Der Durchschnitts-Dc!!tschc empfindet den Juden als Fremdling und als Paria; er empfindet auch den gebildeten und den reichen Juden als Paria. Der sogenannte Gebildete ist sich dieses Gefühls bewußt nnd sucht es auf mancherlei Art zu begründen, bei dem niederen Volke ist das Gefühl mehr ein dumpfer, von Alters' her vererbter Instinkt. Will man darüber Klarheit erhalten, so gehe mau in die deutschen Dörfer nnd lebe einmal längere Zeit inmitten ihrer Bevölkerung. Die Großstädte mit ihrem internationalen Gepräge bieten dazu keine Gelegenheit. Dem deutschen Landbewohner ist die Vorstellung jeder mit der Person eines Inden verbundenen öffentlichen Autorität etwas Absurdes. Vor den äußerst spärliche» tatsächlichen Erscheinungen dieser Art beugt er sich, als vor Tatsachen, aber mit stiller, geringschätziger Verwunderung. In nranchen, vielleicht sogar in vielen Gegenden Deutschlands pflegt der Bauer, auch wenn er in glcichgiltigen Dingen von einem Juden spricht, dem Namen desselben das schmückende Beiwort „Jud" hinzuzufügcn; so sagt er: Der Jud' Cohn, der Jud' Hirsch, der Jud' Oppenheimer usw.; oder er verbindet der Abwechslung halber Namen und Beruf: „der Kornjud', der Mehljud', der Kälberjud'" usw. Der christlichen Dorfjugend ist das Wort „Jud" ein frühvcrtrautes Schimpfnwrt. Es braucht nur einmal ein „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", dem die Abzeichen seines Glaubens deutlich ins Gesicht gezeichnet sind (was sonderbarer Weise bei diesen Staatsbürgern häufig der Fall sein soll, während man einem christlichen Staatsbürger niemals vom Gesichte ablesen kann, ob er dem katholischen oder dem evangelischen Glauben angehört), also es braucht nur einmal ein solcher Jude durch ein fremdes Dorf zu Lehen, und es kann ihm leicht geschehen, daß ihm aus liebem Kindermunde die Hohnworte nachschatlen: „Jud'! — Jud'! — Jtzig!" — Der in allen Schichten des deutschen Volkes bald verborgen geMtcn, bald offen zu Tage tretende, stets 'vorhandene Antisemitismus richtet sich nicht oder doch nur .zum geringsten Teile gegen den jüdischen Glauben. Zahllose deutsche „Christen" stehen dein .christlichen Glauben gleichgültig oder gar ablehnend gegenüber. Warum sollten sie den Juden wegen seines Glaubens hassen und verachten? Und doch hassen oder verachten sie den Juden. Zahllose Juden stehen ihrem Glauben gleichgültig gegenüber. Und doch werden sie von ebenso gleichgültigen „Christen" gehaßt und verachtet. Also am Glauben kann's nicht liegen. Der praktische Antisemitismus im Heere und in der Verwaltung ist die zweckbcwußtc Abwehrbewegung des sich in seiner sozialpolitischen Vormachtstellung hedroht f ü h l e n d e n H c r r e n v o l k c s, alias „W i r t s- Volke s", gegen das A u f st e i g e n eines in der Minderheit befindlichen fremdartigen Volksclcmentcs aus tausendjährigem sozial-politischen Paria- Dasein. Das stärkere bodenständige Herrenvolk sucht mit eiserner Faust das' schwächere fremde Knechtsvolk in seinen Niederungen festzuhalten. In freien Gewerben Reichtum und Einfluß zu gewinnen, kann man letzterem nicht wehren, nian kann ihm auch in einem modernen konstitutionellen Staate nicht das aktive und passive Wahlrecht vorenthalten, im übrigen aber — wie sagt Schopenhauer? — „ihnen Anteil am Staate eilt» zuränmen, ist absurd." — Die Tatsache, daß der politische Antisemitismus gerade in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts plötzlich und tnit heftiger und andauernder Gewalt cinsctzte, ist ein unumstößlicher Beweis für unsere Behauptungen. Diese Volksbewegung war eben der natürliche Ausfluß des durch die großartigen Kriegserfolge und die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches mächtig erstarkten deutschen Nationalgefühls. S t a m m e s d ü n k c l und Rassenhaß, K o n k u r r e n z f u r ch t und N e i d. und zum kleineren Teil auch religiöse Unduldsamkeit, das sind die Wurzeln des vielvcrzwcigten Giftbaumes Antisemitismus. Und dieser Baum wurzelt durchaus nicht nur in dem engen Bereiche einer kleinen bevorzugten Kaste, sondern in dem Weit schicht i g e n Boden des ganzen deutschen Volkstums. Wenn sich dem getauften Juden die Offiziers- und Beamtenlaufbahn erschließt, so dankt er dieses „Glück" nicht dem problematischen Glanbcnswesel, sondern der Erfahrungstatsache, daß der getaufte Jude durch Mischehe auch sein jüdisches Volkstum preiszugeben und durch seinen Nachwuchs vollständig im Deutschtum nnterzugehen pflegt. Ein tvenig Blutmifchung ist willkommen. Aber laßt es doch einmal auf Massentaufen ankommcn, daun dürfte der Erfolg ein wesentlich anderer sein. Den deutschen Juden aber, die da wähnen, durch Protestversammlnngen, Resolutionen und Petitionen ihre volle Emanzipation erzwingen zu können, möchte ich ein längeres Zitat aus dem jüngst erschienenen Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben" dcS berühmten^ „christlichen" Rational - Ockonomen Werner « ombart ins Stammbuch schreiben. Sombart, der den landläusigen Antisemitisinns mit einer souveränen Gebärde der Verachtung abtut, nnd tatsächlich mit seinem Epoche machenden hochwissenschaftlichen Werke dem jüdischen Volke ein höchst ehrenvolles Denkmal geschaffen hat, schreibt (2. 818) folgendes: „Deshalb liegen ihnen (den Inden) aber auch alle rein auf dem Persönlichen aufgebauten Abhängigkeitsvcrhältnissc fern: persönliches Herrschen und persönliches Dienen, persönliche Hingabe. Der Jude ist seinem innersten Wesen nach aller Ritterlichkeit, aller Sentimentalität, aller Chevalcrie, allem Feudalismus, allem Patriarchalismus abgeneigt. Er versteht auch ein Gemeinwesen nicht, das auf solchen Beziehungen aufgebaut ist. Alles Ständische, alles Zünftige ist ihm zuwider. Er ist politisch Individualist. Seinem Sinn entspricht der „Verfassungsstaat", in dem alle Beziehungen auf klar umschriebene Rechtsverhältnisse zurückgcführt werden. Er ist der geborene Vertreter einer „liberalen" Weltanschaunng, in deren Umkreis es keine lebendigen individuell verschiedenen Menschen mit Fleisch und Blut, sondern nur abstrakte- Staatsbürger mit Rechten und Pflichten gibt, die eigentlich auch nicht mehr von Volk zu Volk verschieden sind, sondern die die eine große Menschheit ausmachen, die selbst nichts anderes als eine Smnme aus qualitätslosen Einheiten darstellt. Wie so viele Juden sich selbst nicht sehen — wenn sie ihre so deutliche Eigenart ableugnen und behaupten: zwischen ihnen nnd einem Deutschen oder Engländer usw. gäbe es gar keinen Unterschied i—, so sehen sic auch die anderen Menschen nicht als Lebewesen, sondern nur als Rechtssubjekte, Staatsbürger oder sonstwie abstrakt. Sic erkennen eben die Welt mit dem Verstände, nicht mit dem Blute und kommen darum leicht zu der Meinung, daß alles, was mit Hilfe des Verstandes ans dem Papiere geordnet werden kann, auch im Leben sich müsse ordnen lassen. Gibt cs doch immer noch Juden, die „die Judcnfrage" lediglich als ein Problem der politischen Verfassung ansehen und die wirklich überzeugt sind, daß ein „liberales" Regime den.llnterschied zwischen Inden und Wirtsvölkern aus der Welt schaffen könne." — Ja, Herr Sombart, es' gibt wirklich noch solche Juden. Es gibt solcher Juden in Deutschland sogar sehr viele, ach! nur allzuviele. Und während diese deutschen Juden eifervoll nach staatlichen Ehren und Würden trachten, stöhnen jenseits der östlichen Grenzpfählc Deutschlands Millionen ihrer „Glaubensgenossen" unter dem zermalmenden Drucke xiner mit raffinierter Grausamkeit funktionierende» .barbarischen Ausnahme-Gesetzgebung. Während diese deutschen Juden gleißenden Phantomen nachjagen, ringen in den Rieseupscrchen der russischen Ansiedlungs-Rayons Millionen ihrer „Glaubensgenossen" verzwcislungsvoll um Lickst und Luft und dürftigste Leibcsnahrung. Während diese dctstschen Juden int Sturmlauf nach dem Offiziers- Degen starten, werden in Rußland Zehntausendc ihrer „Glaubensgenossen" von ihren Wohnsitzen Vertrieben wie wilde Tiere. Während diese deutschen Juden begehrlichen Blicks nach den Sesseln der höheren Staatsämter schielen, werden in Rußland Tausende ihrer „Glaubens-Genossen" und „Genossinnen" samt ihren armen Kindlein von eigens hierzu privilegierten Pöbelbanden überfallen, beraubt, geschändet und niedergemetzelt. Aber was geht das uns an? Wir sind deutsche Juden! Was kümmern uns die Russen? Oder doch, sehr viele von uns zahlen ja ihren Jahresbeitrag an den .„Hilfsverein der deutschen Juden" nnd an die Alliance Jsraelitc Universelle. Das genügt. Mehr kann man nicht tun. Genügt daswirklich, i h r „d e u t s ch c n Staatsbürger jüdischen Glaubens?" Kann mau wirklich nichts anderes tun? Ich poche mit gramvoller Frage an euer viel gerühmtes jüdisches Herz, ich poche an euer jüdisches Gewissen, ihr „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens!" —*) Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß wir die Ansicht des gesch. Schreibers bezüglich des Wesens des Judentums vollauf akzeptieren; gewiß sind wir eine Nation, wenn auch das Religiöse vom Judentum n i ch t zu trenneu ist. Das Leugnen dieser feststehenden Tatsache ist ebenso töricht wie auch schädlich; töricht, ivcil unnütz und zwecklos —: da niemand, selbst nicht die liberalen Rabbiner inklusive Goldmann au die Konsessionalität des Judentums glauben —; schädlich, denn durch das Verheimliche» der jüdischen Nationalität gibt man zu, daß nationale Minderheiten keine Rechte zu beanspruchen haben. Da n.äurlich die