Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mane ftn llt. 18 des fmnftfntk IsmeMslkm IttüiiEienfitattes. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Endlich liegt uns die vom Verbände der jüdischen Jügendvereine Deutschlands hcranZgegchenc Gedienknnmmer zur Jahrhundertfeier der Judenemanzipation in P r e n st e n vor. Aus dem, was wir vorher von dem Rundschreiben des Verbandes, dessen Ergebnis die Gedenknnmmer darstellt, gehört und gelesen hatten, war uns nicht klar geworden, was mit der ganzen Veranstaltung beabsichtigt werden sollte. Nur eins schien sicher: es mußte etwas ganz besonderes sein, denn sonst hätte doch der Verband nicht so überaus glückstrahlend der ganzen deutschen Judenhcit seine Urheberschaft verkündet. Nun aber liegt das Werk vor uns! — Daß wir jedoch jetzo klüger geworden und uns eine Ahnung von dem moralischen Hintergrund der Sache aufgedämmcrt wäre, — das können »vir nicht gerade behaupten. Der Verband hat Staatsmänner und Politiker, Männer der Wissenschaft, Schriftsteller und Künstler um einen Beitrag zu seiner Gedenknnnlmcr gebeten und dabei als seine Aufgabe angegeben: ' „Tie schulentlassene jüdische Jugend zn treuen, selbstbewußten Anhängern ihrer altehrwürdigen Gemeinschaft hcranzuziehen und ihr stets vor Augen zu führen, daß nur ein aufrechter Jude der andersgläubigen Mitwelt Achtung abnötigen kann." „Diese Jugend zur freudigen Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber dem deutschen Baterlande heranzuziehen und den erklärlichen Pessimismus, der weite jüdische Kreise angesichts der vielen Entrechtungen der Juden ergrissen hat, mit aller Energie zn bekämpfen." Wenn man mit Worten eine alleruntertänigste Verbeugung auszndrücken vernmg, so ist ' es hier geschehen. Und warum sollen so vieler Loyalität nicht einige Zeilen des Dankes und der Anerkennung folgen? Liebenswürdige Worte sind gefolgt. Doch das Ergebnis, der verfolgte und erreichte Zweck?. Recht drastisch weiß die „Jüd. Rundschau" den Inhalt der Antworten wie folgt nebcneinandcrzustcllen: „Es wird alle, die sich mit der Judenfrage beschäftigen, lebhaft interessieren, daß der Kriegsnllnistcr „aus grundsätzlichen Bedenken", der Minister des Innern „ans grundsätzlichen Erwägungen", der Staatssekretär des Reichsmarineamtes „aus prinzipiellen Gründen", der Landwirtschaftsminister „grundsätzlich" keinen Beitrag liefern wollten, wogegen dies' der Staatssekretär des Reichsjustizanrtes „im Einklang mit dem von ihm in ähnlichen Fällen beobachteten Verfahren"' nicht zn tun wünschte. — Dernbnrg besitzt das geschätzte Schreiben vom 3. Februar und wünscht den Zielen des Verbandes jeden Erfolg. — Ein halbes Dutzend freisinniger Abgeordneter teilt mit, daß die Toleranz edel wäre, wogegen man dies von der Unduldsamkeit nicht sagen könne. — Ebensoviele lehnen es ab, einen Beitrag zu liefern, La sie prinzipiell gegen konfessionelle Absonderung sind. — Auch Adele Schreiber möchte einem besonderen jüdischen Jugendverbande „ebensosehr entgegentreten wie der gleichfalls irrigen Ansicht: Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein!" — Geheimrat Eulenburg bestätigt, daß es recht tüchtige jüdische Aerzte gibt. — von Drygalski empfindet für einzelne Juden Hochachtung und Freundschaft und begegnet anderen wie jedem anderen entsprechenden Menschen. Gelegentlich hat es ihn gewundert, wieso sich noch nie ein Jude zn einer deutschen Südpolar-Expedition gemeldet hat, während jüdische Forschnngsreisende in anderen Erdräumen hervorragendes geleistet haben re. re." Wir glaubten, die Zeiten seien vorbei, in denen man bei' uns Juden glücklich war, von den Christen attestiert zn bekommen, — obwohl Jude -7-7, ein Mständjger Mensch zu sey^ Wir glaubten, die deutsche Judenhcit habe die Periode endlich glücklich überwunden, in der sie in ihrem Tun nnd Lassen ängstlich nach den Augenwimpern der Christen sah. Wir freuten nns, die Selbstachtung als die erste 'Stufe der Gesundung der deutschen Judenhcit konstatieren zn können. — lind nun erweist es sich, daß es deutsche Juden mit jüdischem Interesse gibt, die sich unbewußt gegen die jüdische Selbstachtung vergehen! Auch die jüdische Jugendbewegung ist ein frohes Zeichen aüfkeimenden j ü d i s ch c n Lebe n s. Sie hat günstig eingesetzt, und daß Männer mit denr richtigen Empfinden in ihr find, zeigte ans dem Hannoverschen Delegiertentag die Annahme des Antrages, daß diejenigen Vereine,, in deren Statuten der Passus enthalten ist, daß politische und religiöse Fragen in ihren Vereinen von der Erörterung ausgeschlossen sind, diesen Passus zu streichen haben. Bedeutet doch, ein derartiger Paragraph, der — gut gemeint — unliebsamen Debatten Vorbeugen will, in Wirklichkeit einen Hemmschuh für die freie Entfaltung jüdischen Lebens! Das Rundschreiben jedoch' war keine glückliche Tat bes Jugendverbandes. Möge es eine Episode in der Geschichte des Verbandes bleiben! Wir haben das Vertrauen zn dem Wollen Rechtsanwalts Dr. Apfel, des Verbands- Vorsitzenden, daß er die Zeichen der Zeit versteht. Gebreche« der Zeit. Würde einer der Großen unseres Volkes aus den Tagen seines Bolljudentnms heute aufcrstehen, er müßte sich selbst unter denen, die noch treu zum Sinaigcsetze schwören, wie in einer fremden Welt fühlen. Denn selbst das traditionelle Judentum bietet heute bei aller Einheit seiner Grundlage doch nichts Einheitliches und ist überdies von fremden Anschauungsweisen durchsetzt. Es wäre die Aufgabe eines' genialen jüdischen Geschichtsschreibers, jene Verbindung oon Jüdischem und Nichtjüdischem zu scheiden; er müßte den Einflüssen nachgehen, die zur Bereinigung solch' ungleichartiger Anschauungen führten und die Verkrüppelung des Golusjuden-Typus zeugten. Zn dickleibigen Bänden würde ein solches Werk anwachsen. Der jüdische Zeitungsschreiber jedoch vermäg iitur, an H^liid der Ereignisse des Tages immer wieder seinen Warnungsruf ertönen zu lassen. Vor uns liegt der Jahresbericht der Israelitischen Allianz zn Wien. Er erzählt uns von denk Widerstande, dem das Schulwerk dieser Organisation in Galizien seitens führender orthodoxer Kreise begegnet, ©ja treten uns nicht mehr die alten „jüdischen Geistesfürsten entgegen, die Meister auf allen Gebieten des Wissens waren und denen das Studium das .Höchste galt. Da ist auch nichts mehr von djqm alten jüdischen Volksjgefühl nüt all seinen Tugenden einer freiheitlichen, aufrechten Gesinnung zu verspüren. Sondern da weht eine Luft der Unsicherheit, Unfreiheit und Aengstlichkeit. Und in diesem Gefühl scheut man sich nicht, mit jämmerlichen, kleinlichen Mitteln geistige Strömungen unterbinden zu wollen.: Lassen wir die Tatsachen, wU Ke der Jahresbericht der Israelitischen Allianz gibt, sprechen! In Orlesko, in welchem Orte seit fast vier-« zig Jahren kein einziger jüdischer Knabe die öffentliche Volksschule besuchte, bot die Allianz denk chjassidischj^n Rabbiner an, in das Lokalkomilee einzutreten, um so Einfluß auf die oonj der Allianz gegründete jüdische Volksschule zu gewinnen und sich z'n überzeugen, daß die Kinder in streng jüdischem Sinne erzogen werden; der gegen jegliche moderne Bildung mißtrauische Rabß biner lehnte ab. Doch dsas nicht allein, — er versagte den Eltern der Schulkinder den Eintritt Iin sein Bethaus, versuchte auch mit wirtschüfhlichem Bjoykott gegen sie vorzugehen und veranlaßte schließlich seine Anhänger, ihre Knaben in die christliche Volksschule einzuschreiben in der Erwartung, so die jüdische Anstalt überflüssig zu machen. Trotzdem steht heute die jüdische Schule fest da. ' Noch größer waren die bereiteten Schwierigkeiten in Nicmirow. Auch hier waren es isie Chassidim, die — und zwar unter dem Einflüsse des Belzer Wnnderrabbi — eine heftige Gegenagitation entfalteten. Zuerst suchte Man das Mjkesi ten eines Schullokales unmöglich zn machen, und als das nichts half, wandte man sich an den Bezirksschulrat, damit dieser wegen baulicher Mängel des Schulgebäudes die Eröffnung der Schule verweigere. Der Obmann des SchulkomiteeZ wurde dreintal wegen angeblich schlechter Führung seiner Apotheke bei der Statthalterei angezeigt, ein anderes Mitglied des Schulkomitees wurde denunziert, daß es sein Skmt als Bezirksrichter zu Dc- Nunziationszwecken mißbrauche und dergl. Chikanen mehr. . Inquisition und Denunziation sind nie jiddische Waffen geweseri. Daß sie heute nicht Mehr als solche verschmäht werden, zeigt eine bedenkliche Ertfernung von dem Stande eines normalen JndentmM. Es ist hierbei ganz gleichgültig, ob die Israelitische Allianz, trotzdem sie anscheinend alles getan, hat, den Schulen einen streng jüdischen Charakter zn geben, mrd den Ortsrabbinern Einfluß auf die Schulen gewährt, das Vertrauen der Orthodoxie hat oder nicht. Nach den bisherigen Erfahrungen der Orthodoxie Galiziens mit der sogenannten Intelligenz ist ein mißtrauisches Verhalten durchaus verständlich. Allein hier war ihr Mißtrauen nicht berechtigt, und das Greifen zu Inquisition und Denunziation ist jedenfalls unjüdisch. Der Zweck hat bei uns Juden niemals die 'Mittel geheiligt. Unsere Waffen waren stets die Opfersähigkeit, die Ueberzengnngstreue nnd das Wissen; mit ihnen erhielten wir das Judentum und b auten es weiter für die Zukunft! Berliner Brief. Was die Jugend leistet. (Der Jugcndbund. Die Arbeit der Mädchen). —. Eine jüdische Freistndentenschaft. All dem Aufkeimcir des jüdischen Lebens in der Rcichshauptstadt hat die Jugend den hervorragendsten Anteil. Es ist eine Freude zu sehen, wie ernst den. jungen Leuten das Streben ist, bewußte Juden zn werden. Vor nns liegt der Rechenschaftsbericht des „Indischen Jugendbnndes Berlin." 600 Mitglieder zählt bereits der Verein, und cs unterliegt keinem Zweifel, daß er in einigen Jahren das' erreicht hat, was er sich als Ziel gestellt: ein Sammelpunkt zu sein für die gesamte Berliner jüdische Jugend! Kurse in Hebräisch nnd jüdischer Geschichte sowie ein Diskütierklub, der seine Mitglieder befähigen will, an Debatten ' über jüdische Fragen teilznnehmen, und Borträge kommen dem jüdischen Wissensjünger der jungen Leute nach, während Klubränme, Ruderabteilungen üsw. der Geselligkeit Genüge leisten wollen. Was der Jugendbund" für die jungen Männer, will der „Verein jüdischer Mädchen" für die weibliche Jugend sein. Ein Sammelpunkt „aler Berussschichten, aller sozialen Stände, aller Meinungen und aller Richtungen, sofern sie nur an der Erhaltung nnd Stärkung des Judentums Mitarbeiten wollen." Der Verein besteht jetzt gerade ein Jcchr nnd hat nicht nur Borträge veranstaltet, um Bildung und Verständnis für das Judentum zu verbreiten, nnd regelmäßige Kurse in/ jüdischer Geschichte, Hebräisch und Bibelkunde, sondern es fanden auch gesellige Zusammenkünfte statt, wo die Mitglieder miteinander sich anfrennden konnten. Der „Verein jüdischer Mädchen" hat bereits eine Mitgliederzahl von 160. In der Generalversammlung, die kürzlich stattfand, wurde beschlossen, die Aufnahme in den .^Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" nachzusuchen und ferner dahin zn streben, baldmöglichst eigene Klubränme zu mieten. Doch damit dürfte es wohl noch gute Weile zu haben; denn augenblicklich ist die finanzielle Lage sehr schlecht. Merkwürdig ist es, daß sich kein einziger Gönner findet, der dem „Verein jüdischer Mäd- I chen" eine größere Stimme zur Verfügung stellt. Dem „Jüdischen Jngendbund" werden des öfteren größere Zuwendungen gemacht, aber diesem Ver«