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Neue jüdische Presse · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. frankfurter ZfraEUrS gamilienvlatk. 8eüe 5 willen Hättest Du Dich so' viel mit ihr abgegeben; seit Mamas Ablebe» hättest Du Dich säst nie mehr mit ihr unterhalten, wärst nie mehr freundlich zu ihr gewesen. ES hahe sie sehr geschmerzt, immer habe sie sich gefragt, wodurch sie Dein verändertes Benehmen ihr gegenüber verschuldet .haben könnte, — sie wäre sich keiner Schuld, .bewußt gewesen. — Jetzt aber verstehe sie alles tmd werde Dir nie genug danken können für die unendliche Güte, für die unzähligen Wohltaten, die Du ihr, dem fremde» Kinde erwiesen habest, aber —" „Entschuldige, daß ich Dich unterbreche, aber wenn sic "sich wieder einmal derartig äußern sollte, so sage ihr, daß Mama und ich oft darüber gesprochen haben, daß Lili alles, was ivir für sie getan haben, mehr als' hundertfach vergolten hat durch die große Freude, die sie uns stets bereitet hat." „Das weiß ich! — Aber sic behauptet, sie dürfe Deine Güte nicht länger in Anspruch nehmen, denn sie wisse, daß Du ihre Gegenwart oft als Last oder vielmehr als Belästigung empfunden habest. Und noch inehr solchen Unsinn." „Armes Kind!" sagte Herr Meier. „Ja, das habe ich ihr auch gesagt. Wie man sich solchen Unsinn cinreden kann, das ist mir unbegreiflich!" „Unbegreiflich ist mir das gerade nicht", versetzte er tief aufatmend, während das Blut ihm ins Angesicht stieg. Emmi blickte ihn betroffen au, er aber mied cs, ihrem Blicke zu begegnen, während die Farbe in seinem Angesicht stieg und schwand. „Ich verstehe Dich nicht, Papa, wolltest Du sagen, daß Du ihre Gegenwart zuweilen als Belästigung empfunden hast?^ ' „Ihre Gegenwart allein vielleicht nicht, — aber tueitii Egon bei ihr war, das war mir gradezu ein Pein." Emuri schüttelte staunend den Kopf, er sah es nicht, sein Blick haftete am Erdboden. Nach kurzem Schweigen fuhr er mit merklich belegter Stimme fort. „Erinnerst Dil Dich an die letzten Worte, die Mama wiederholt gesprochen hat?" ' „Gewiß! Ich verstand sie nicht; — doch jetzt verstehe ich sic!" fügte sie hastig Hinz», indem sic .seine Hand ergriff und ihm forschend ins Antlitz blickte. „Papa! — wär's möglich?" Noch immer hatte er den Blick zum Boden gesenkt, mit halblauter, bebender Stimnie fuhr er fort. „Mißverstehe mich nicht. — Erst Mamas letzte Worte — oder vielmehr die Erinnerung an dieselben hat cs mir selbst klar gemacht, daß die. väterliche Zuneigung, die ich bisher für unsere Adoptivtochter empfunden, sich in ein anderes Gefühl gewandelt hatte. — Und sie war Braut eines anderen: — Bedenke, wie sehr ich ans meiner Hut sein mußte! '—" Emmi atmete tief auf und zog die Hand d:s Baters an ihre Lippen. „Papa, lieber Papa! — Jetzt verstehe ich alles, und jetzt hoffe ich auch, daß sich Mainas letzter Wunsch verwirklichen wird." „St'st! Kind, nur nichts überstürzen. Versprich mir, daß Du mit Lili darüber nicht sprechen wirst. Sic muß erst ruhiger werden, muß mit sich selbst ins Klare kommen. — Wie lange könnt Ihr hier bleiben?" „Bis heute abend, spätestens bis morgen früh. Viktor muß morgen Abend unbedingt zu Hause sein." Hause sein." „Was machen wir da mit Lili? — Daß sie unter den obwaltenden Umständen hier bleibt, erscheint nicht ratsam." „Nein, gewiß nicht. Aber da.Du selbst davon anfängst, werden ivir über diese 'Angelegenheit rasch einig sein. Wir, Viktor und ich, ‘ haben schon heute morgen davon gesprochen, daß cs am besten wäre, wenn Lili, wenigstens für die nächste Zeit, mit uns nach Wien gehen würde. Wir hatten nur gefürchtet. Du würdest es nicht zngeben, weil sie Dir zu sehr fehlen ivürde. — Und wann lvirst Du fortgehen?, Papa?" „Ich? wohin sollte ich gehen?" . „Was weiß ich. Nach Norderney, Ostende oder soiist wohin. Du hast es doch versprochen." „Das war vorgestern, aber heute — sieh' mich an, koinme ich Dir noch so kurbedürftig vor?" „Nein, wirklich, es ist merkwürdig, heute siehst Du ganz anders aus." Er atmete tief ans. „Also erlassest Tn mir die Badereise, znm Dank werde ich Euch i» nicht allznfcrner Zeit besuchen." Egon hatte das Bett bereits verlasse». Bis auf eine große Mattigkeit, eine Schwere in allen Gliedern fühlte er sich körperlich wohl. In sciriem Jnner» jedoch sah es wüst ans. Untätig saß er da, den Kopf auf die Brust geneigt, als lausche er den unheimlichrn Stimmen in seinein Innern, hin und wieder fuhr er zusammen, ivie vom Entsetzen geschüttelt, das war, wenn er sich nochmals und abermals vergegenwärtigte, was geschehen wäre, wenn — Lili hatte doch recht, sie nnlßten Gott danken. Das sagte er .sich wieder und immer wieder, — aber empfinden konnte er's nicht, — in ihm blutete noch alles, — in ihm schrie alles auf .in namenlosem Schmerz. Sein Freund Jakobson weilte viel bei ihm, er, der erst vor kurzem so Schweres durchgemacht hatte, erschien den Eltern als der beste Tröster für ihren Sohn. — Doch umsonst, Egon hörte nicht auf ihn. Die Woche neigte sich bereits zu Ende; noch immer saß er teilnahinlos da, beantwortete kaum die direkt an ihn gerichteten Fragen und Hatte sich »och nicht entschlließcn können, wieder ins Büro zu gehen. Da kam der Doktor eines Tages nach Hause und teilte ihnr mit, er habe soeben mit seinem Chef gesprochen; derselbe beabsichtige in den nächsten Tagen einen zuverlässigen jungen Mann Über den Ozean 511 schicken, um drüben in Amerika eine hochwichtige geschäftliche Angelegenheit zu erledigen. Wenn Egon sich dazu aufraffen könne, möge er zu ihm kommen, die Angelegenheit mit ihm zu besprechen. Das wirkte endlich. Fort, weit fort von allen Bekannten, dann glaubte er, es vielleicht eher ertragen zu können. Dankend drückte er dem Vater die Hand und begab sich sofort zu seinem Chef. Dieser war entsetzt über die Verheerungen, die die wenigen Tage in dem Angesicht des vor kurzem noch so Lebensfrohen, Jugendfrischen angerichtet hatten. Er hätte ihn kaum wieder erkannt, er schien um Jahrzehnte gealtert. Doch ruhig und eingehend konnte er mit ihm das Erforderliche besprechen und hielt sich sogar überzeugt, daß er keinen Zuverlässigeren hätte schicken können. Frau .Doktor Hoffmann geriet jedoch außer sich, als sie von der Machenschaft ihres Gatten, wie sie es nannte, erfuhr. Einen Kranken allein so weit fort zu schicken, erschien ihr entsetzlich. Sie wollte nicht zugebcn, daß grade dadurch die Genesung herbcigcführt werden könne. Da sie sich nicht anders beruhigen wollte, kamen sie überein, seinen Freund Jakobson zu ersuchen, auf ihre Kosten die Reise mit ihrem Sohne zu machen und wenigstens in den ersten Wochen bei ihm zu bleiben; für die ganze Zeit glaubten sie ihn nicht dazu bestimmen zu können, da er am Beginn der Vorlesungen wieder in Berlin sein wollte. Jakobson lehnte jedoch zuerst den ganzen Vorschlag entschieden ab, da er seine Mutter nicht allein lassen wolle. Als Frau Mairokvitsch jedoch hinzukam und davon hörte, bestand sie darauf, daß er darauf eingehe, da sie auch für ihn von der länger« Seereise und der zeitweiligen Acnderuug der Umgebung Gutes hoffte. Und da er trotzdem ./ich noch nicht entschließen konnte, erklärte ihm Doktor. Blau, er könne ohne Sorge reisen, seine Mutter werde nicht zu viel allein sein. Er Ivisse doch, daß Irma wiederholt den Wunsch geäußert habe, ihr Vater möge seiner Mutter die Hand bieten, und könne er sich >vohl denken, daß er diesen Wunsch nur allzugern erfüllt habe. 'Auch seine Mutter scheine nicht abgeneigt und habe ihre Zusage in den nächsten Tagen in Aussicht gestellt. Diese Mitteilung gab den Ansschlag, und am Abend des folgenden Tages traten die jungen Leute . ihre Reise an. Mehrere Wochen waren verstrichen. Lili hatte sich im Hause ihrer Schwester sehr bald heimisch gefühlt und hatte auch allmählich ihren Gleichmut wieder gefunden. Ernstlich . trug sie sich mit dem Plane, eine» Beruf zu wählen, durch den sie sich selbständig werde ernähren können. Sollte .sie Lehrerin werden oder Medizi» studieren oder Klavier unterrichten? — -Emmi wollte nichts hören von alle dem Unsinn, wie sie es nannte: ihr Schwager riet ihr, den Väter um seine Ansicht zu ersuchen. Dazu konnte sie sich jedoch nicht entschließen; seitdem sie wußte, daß er nicht ihr Vater lvar, hätte sie es als zudringlich betrachtet, ihn in irgend lvelchcr Beziehung zu belästigen. Sie hatte ihrem Bruder geschrieben und ihil um Rat gebeten, hatte durchblicken lasse», daß sie am liebsten zu ihm kommen würde. Aber- Egon iveilte in Rewyork, sie konnte nicht so rasch ans Antwort hoffen. _(Fortsetzung folgt.)_ „Zu Geschenken eignen sich meine Operngläser, Feldstecher.Lorgnons, Barometer Thermometer. Brillen. Pincenez; Spezialwerkstätte lür Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel" „I. W. Albert. Inh. Paul WanSerch, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzeistr. und Weißfrauenstr. l l. Tel. 7254. Amt I." Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Georg Amendt, Nacht Bleidenstrasse 10.__ Spitzen und Stickereien kauft man am billigsten und Vesten inr Spitzenhaus Albert Levu, geil 81 gegenüber Grand Bazar. Kaiser Friedrich Quelle . Offenbacn a. M. —.. Gegen (Hebt and Bheamattamna bewährt. F* Uleimger General-Vertreter: Friedrich Stau., Frankfurt a. H., Stallhurgatr. 9. Tel. 259 u. 714. Gustav Schwarz 14 Gatleutstrasse 14 nächst dem Schauspielhaus. Kein Laden. Tel. 13479. Kunst und Literatur. Max Maurenbre'cher: I. Von Nazareth nach Golgatha, ll. Bo» Jerusalem nach Rom. Unternehmungen über die weltgeschichtlichen Zusammenhänge des Urchristentums. Buchverlag der „Hilfe." Berlin-Schöneberg. 1909 und 1910. Preis pro Band kart. 4.— J£, geb. 5.— J6 Die vorliegenden Unternehmungen Max Maurenbrechers haben bei ihrem Erscheinen das größte Aussehen erregt, und haben den Namen des Autors schnell in die weitesten Kreise ' getragen. Und mit Recht. Denn der These, die Manrcnbrecher aufstellt, ist eine originelle und — was wichtiger ist — recht einleuchtende. Es ist hier nicht der Ort, diese These hier' auf ihre Richtigkeit hin zu untersuchen, aber man muß zugeben, daß Manrcnbrecher sie mit größter Sachkenntnis und überaus scharfer 'Logik zu begründen sucht. Ich habe selten ein Buch gelesen, das bei strengster Wissenschaftlichkeit so ungemein klar geschrieben ist. Nimmt man hinzu, daß der Stil außerordentlich schön und lebhaft, ost hinreißend und poetisch ist, so hat man die wichtigsten Vorzüge der zwei Bände. Sie werden auch dem jüdischen Leser, der sich näher über das Problem des Christentums unterrichten will, aufs lebhafteste interessieren, zumal Maurenbrecher in der Benrteilimg des Judentunis und .seiner Vertreter zur Zeit der Enstehnng des Christentums recht objektiv ist. Tr. 9t. Die religiöse Jude «frage von Rabbiner Dr. Emil Cohn-Kiel. Sonderabdruck aus den Preußischen Jahrbücher». Band 143, Heft 3. Die jüdische Reformbewegnng und das in ihren Bahnen nnmdelnde liberale Judentum haben nichts als Kritik gebracht und nur revolutionierend gewirkt. Die Reform war keine Reformation, und materiellen Untergrund gab ihr die erwartete Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung spielt im Denken der deutschen Inden die Rolle des Gottesrciches, ist ein religiöses Ideal gelvorden; ihr hat die deutsche Jnbenheit Charakter, Seele und die Reinheit der jüdischen Religion geopfert. Die Reform .hebt die Ethik des Judentums hervor; aber diese Hervorhebung der Ethik entspringt wieder der Tendenz des Zeitgemäßen, ist Apologetik, — und cs ist schlimm, wenn in einer Religion nichts übrig bleibt als die Apologetik. Wir lebe» von den Angriffen aus uns: und wenn wir auf die Anpreisungen fremder Werte sagen können: „Das haben wir auch!" oder gar: „Das hatten wir auch!", so gilt es uns als ein Triumph. Die Gotteshäuser sind verödet, weil in ihnen nicht religiös, sondern über Religion gepredigt wird, über die Dinge, nicht in den Dingen. Und Religion will erlebt sein! Erlebnis ist Bewegung, tlnd Bewegung ist Religion. Erlebnis ist Schöpfung, — und schöpferisch soll Israel wieder werden. ‘ Nur als Volk und nur ans eigenem Boden kann Israel wieder schöpferische Kraft gewinnen. Während, das moderne liberale Judentum trotz seiner ethischen Ideale eine Tachlisreligion genannt werden muß, ist der Zionismus trotz seiner Ablehnung religiöser Arbeit ein ewigreligiöses Ideal. Jeder Fußtritt Landes, der in Palästina von jüdischen Bauern bearbeitet wird, ist ein Stück der großen Erneuerung miscrer Religion. Dies der Inhalt des Cohnschen Aufsatzes, der viel Anregung zu ernstem Nachdenken gibt. Gegen Cohns Auffassung vom Talmudismns müssen wir opponieren, denn ver Talmndisnnis als solcher ist freies Leben auf dem Boden der erst durch Gesetze ermöglichten Freiheit und knüpst an das Leben rrnd seine Forderungen direkt an. Das Gravierende der Cohnschen Ausführungen ist, daß sie Aeußerungen eines liberalen Rab» biners sind. Dr. G. Für den Schulbedarf. Reisszeuge, Reisshretter, Rels*sch!enen, Winkel, Linear Zeichenblocks, Plastilin, Farbkasten, Pastelle etc. J. Einmal & Söhn, Schlllerstrassfe 26. Wocherr-Kalender. «Zeitangaben nach dem Luach ) Samstag, den 15. April (= 17 Nissan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 8 Uhr 10 Min., in Berlin 7 Uhr 46 Mm. Pesach-Ende: Donnerstag, 20. April 8 Uhr'20 Min. (Frankfurter Zeit), 7 Uhr 56 Min. (Berliner Zeit).

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