Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. 5K. 15. KvmkfüÄer NrarWsWS gauckienSlali erlaubt mau wenigstens zu bete», lvie es uns vorgeschriebe» ist. . ,/Damit ist imS nicht geholfen," erwiderte Chajim; „was mache» wir morgen und über acht Tagen, wenn die Katholiken ausb leiben und nach ciner andren Stadt Fahren?" Die Gruppe zerstreute sich bald, und die Leute begaben sich stillschweigend und ernst nach der Synagoge, um Maariw zu beten und die schlechte Nachricht allgemein bekannt zu machen. In derKehillah wütete zu dieser Zeit ein förmlicher. Bürgerkrieg. Die Minorität gehörte zur misnagdischen Richtung und glaubte, von der chassibischen Majorität der Gemeinde schlecht behandelt worden zu sein. Sic drohten, sich von der Gemeinde zu trennen und einen besonderen Rabbiner und Schachet zu berufen. Diese Differenzen bildeten den Gegenstand einer erhitzten Debatte, die soeben mit großer Erbitterung in der Synagoge geführt wurde, als die Kunde von der Schließung der katholischen Kirche hereinbrach. Die Nachricht wirkte erschütternd auf alle Gemüter, die plötzlich düster und verstimmt wurden. Die Meinungsverschiedenheiten verschwanden auf einmal von der Oberfläche, nitd die Sorge um einen neuen Rabbiner mußte ihre» Platz der Sorge um einen neuen katholischen Geistlichen räumen. Die Gedanken aller waren auf einen Punkt gerichtet: Wie ist die Wiedereröffnung der geschlossenen Kirche und die Berufung eines neuen Priesters zu bewirken? Die Befürchtung Chajinis bewahrheitete sich im vollen Umfange. Die Katholiken hörten auf, das Städtchen zu besuchen, und der Markt war leer und leblos. Die Armut der Gemeinde nahm zusehends zu, die wohlhabenderen Baalcbatim griffen ziun Wanderstab und begaben sich nach Amerika, j>er Raw begann, sich um eine andre Kehillah umzuschen, und .auch der Polizist des Städtchens ersuchte die höheren Instanzen um Versetzung nach einem andren Platze, da es zu Ende war init dem freien Schnaps und Tabak. Unzählige Versammlungen und Beratungen wurden einherufen. Mau wendete sich an den Gouverneur und den Erzbischof, man dachte sogar, direkt an den Kaiser zu schreiben. ES half aber nichts. Die Kirche blieb., trotz alles Bitten und Flehens, für immer geschlossen. Der katholische Priester umrde zur idee fixe des Städtchens. Kommt ein Jude auS einer benachbarten Stadt -und fragt: „Nun, wie geht es', Brüder?" erhält er zur Antwort: „Schlecht, lieber Freund, wir haben keinen polnischen Galach!" Der Fremde macht natürlich große Augen und fragt: ,Llber Ivozu braucht Ihr denn einen Galach?" ,/Was reden Sie?" antworten ihm die Leute und bemitleiden seine Einfältigkeit. „Seitdem wir unsren, katholischen Galach verloren haben, haben wir keinen Markt und kein Parnosoh." Der Fremde begreift die Situation, seufzt mit den Leuten uird versucht, sie zu trösten. Die Leute empfinden aber den Schinerz zu sehr, als daß sie sich trösten könnten. Hätten sie die Mittet, so wären sie schon längst äusgewandert. Die Differenzen sind natürlich schon längst vergessen. Daß man an die Berufung eines zweiten Rabbiners nicht mehr denkt, braucht nicht erwähnt zu werde»/ Bunte Chronik. Die Juden iu Italien. In einem Aufsätze Ludwig Bato's anlKßlich des fünfzigjährigen Jubiläums des geeinigten Italiens lesen wir: Es lväre töricht, von einem Nichtvorhlindensein des Antisemitismus in Italien zu sprechen. Im Volke gilt das Wort sbrso noch iniiner als Schimpfwort, und cS gibt Wörterbücher, Ivelche dieses Wort mit „Wucherer" übersetzen. Sogar die Parole „Kauft nicht bei Juden!" hat in diesem schönen Laitde ohne besondere Propaganda Anhänger gefunden. Es - ist mir u. a. ein g-all bekannt, daß ein Kaufmann im völlig judenreinen Siracusa bereits ailfgcgebene Bestellungen zurückzog, als er erfuhr, daß der Reisende Cassnto heißt. Denn in Italien wird der Jude am Namen ebenso leicht erkannt wie bei uns. Nicht als Zeichen besonderer Judcufrenndlichkeit haben es die Juden in Anrona betrachtet, als sie vor acht, neun Jahren eines schönen Morgens an 'ihren Ladentüren folgende Aufschrift vorfanden: „Geht nach Hause, ins Judenland!" Es sind dies wohl vereinzelte Erscheinungen, aber sic sind symptomatisch. Zu rohen Ausbrüchen dürfte cs nie kommen, hierfür bürgt der Volkscharakter und —■ die geringe Zahl der int Lande lebenden Juden. Allerdings haben die Inden dem Papste viel zu verdanken. Dem Papste? Jawohl. Freilich nicht seinem Wohlwollen. Der Papst sieht nämlich in den Italienern noch immer die Usurpatoren seiner Macht und läßt demzufolge die Gründling einer politisch-katholischen Partei nicht zu.... . Fast banal klingt die Konstatierung, daß die Juden in allen radikalen Parteien, oft an leitender Stelle, vorzufinden sind. Die republikanische nennt einen Barzilai ihren Führer, und Emilio Trcves gilt als einer der erste» Sozialisten des Landes. Und Nathan! . Man hat cs' nie vergessen könne», daß Nathans Wiege nicht auf italienischem Boden stand, er wird oft daran erinnert, daß sein Vater ein nach England ausgewandertcr deutscher Jude war, der eine italienische Jüdin zur Frau nahm. Daß die italienischen Exilanten, darunter Garibaldi und Mazzini, im gastfreundlichen Hanse seines Vaters ein richiges Heim fanden/ daß der junge Nathan den in ihre Heimat zurückkehrenden Patrioten folgte und ihnen streitend und wirkend geholfen hat, das, dritte Italien zu errichten, wird wenig oder nie erwähnt. Und Nathan hat sich redlich bemüht, seine Vergangenheit und. Abstammung vergessen zu machen! Hierin kann nur noch der jetzige Ministerpräsident L » i g i L n z z a t i mit ihm wetteifern. Lnzzati, einst Samuele Luzzati genannt, der mit bcit_ Antiklerikalen liebäugelt, ist zugleich der größte Verehrer des Christentums. Für das Judentiim hat er nie ein begeistertes oder preisendes Wort gefunden. Ihm gilt der Heiland als die erhabenste Gestalt der Weltgeschichte, und er rühmt sich oft, den alten Poeten Cardneci, dem alles Christliche verhaßt lvar, von der maßlosen Wohltat des Katholizismus für die Menschheit überzeugt zu haben. In dieser Hinsicht ist Nathan nicht zweideutig. Aber lvcnn er von der Freiheit und Verbrüderung der Völker, vom Hasse gegen die Unterdrücker tönend spricht, denke ich daran, daß er das Geschick des eigenen, des jüdischen Volkes auch so vertreten möchte. Spenden. Bci der Osfenbacher Nationalsonds-Kommission gingen anläßlich der Vermählungsfeier Wodowski- Fciner ein: Spende der Osfenbachcr Ortsgruppe l Lelbaum li,— J( Spende der Gäste 2 Oelbäume 1*2,— „ Beim Frkf. Jsr. Familienbl. gingen ein: Hedlvig imd Hugo Wohlsarth gratuliere» Hennh Falkenstci» zum bestandenen Examen 1 Oclbanm li,— .li. Bereins-Kalender. Samstag. Verein „Bicf ot Chaji in", l Uhr, Hörsaal Friedberger Anlage: Schir Haschirim (Jakob Rosenhcim). 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