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Neue jüdische Presse · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hedakti-» und Frankfurt a. M.. .ßnrtQeJltrrige 7 %etefon 10507. -r-F:-:- Hevausgebsr: SalU cheis. ■ r--- - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ° Abonnemcntspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Lesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 2. Nissan 5671 (31. März 1911). Nr. 13. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Tragödie der Assimilation.— Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der .Zukunft. — Gegen den Strom. — Wochen- Kalend er. —. Sprechsaal. — Spenden. — Familiennachrichten. Die Tragödie der Assimilation. ' Bon Ma x im An in. Für die kulturelle Bedeutung und Größe der Ideen ist ihre Beziehung zum Tragischen oft der geeignetste Wertmesser. Die Geburt und der Ver>- lauf unter dem Zeichen der Tragödie ist mit. dem Wesen oder vielmehr mit der Wesenslosigkeit einer Ivinzigcn Idee sehr schiver vereinbar. Der Platte Pfad der Mittelmäßigkeit ist ihr regelmäßiger Lebenslauf. Die Höhen sind ja bekanntermaßen nur für Schwindelfreie . . . Das nnbe- . merkte Dnhinsicchen ist ihr normales Ende. Nun ist es aber einer geistcsarmen, ivinzigcn Idee in der neuesten Geschichte des Judentums zum Teil gelungen, sich zur Ausnahme aus dieser Norm zu schwingen. Es ist — die Idee der Assimilation. Daß sic nunmehr gänzlich bankerott ist, braucht heute gewiß nicht! - erst bewiesen zu werden. Nur war es ihr ge- gönnt — wenn auch in der Seele der allerwenigsten ihrer Adepten — den Wieg von der farcenhaften Ataskerade zur bedeutungsvollen Tragödie durchzumachcn. Dje Assimilation hat ihre Tragödie erlebt. 2 i e Tragödie d e r A s s i in i l a t i o n,— i st in dieser B eg r if fs v c r b ind n n g nicht ein i n nc r c r W i d e r s P r u ch en t h a lten? Schließen sich diese beiden Begriffe nicht gegenseitig aus? Tragödie- — das große Ringen der aus der unergründlichsten Tiefe der übcriviirdnngsfrohen Seele emporfteigcndcn Leidenschaft. Assimilation — die kleinmütige Flucht vor einem! , an dramatischen Komplikationen so überreichen Schicksal, der Verrat an einem Volke, dessen Eie- - schick eine jede wahre Kampfesnatur, die Sinn sind Begeisterung für das Große in der Seele, trägt, zur mutigen nird opfcrfrohcn Hingabe anfeuern würde. -Der Durchschnittsassimilant ist in seiner elenden Selbstverleugnung ebensowenig tragische wie her Nur - Schekel - Nationalist in seiner wohlfeilen Selbstbejahung. N u r d i e g r v ß e S eh n sucht nach innerer E i n h c i t und a l l s c i t i g e r H a r m o n i e d c s D a s e i n s ist cs, die a l l e i ns d i e w a h r e G r ö ß e u n d d e n hi st o r i s chbcrechtigten 'Sinn der h e u t i g c n I u d c n - not ausmacht. Das tragische Los des Judentums hat seine , schwindelnden Höhen und erschreckenden Tiefen. Seinen Höhen nähert sich der schöpferisch-bejahende Schickung eines H e r z l. In seine Tiefen führt der qualvoll-verneinende Sturz eines Meiittilget . . .7Wer aber einmal die Höhen, erklommen, wer einmal in die Tiefe geschaut hat, der kann unmöglich die öden Mttelioege des?llhtagsjuden weiter wandeln, den erfaßt die überwältigende Sehnsucht nach Ucberwindnng der nastivnalen ZwittercMenz. Der Adler bohrt seinsein Weg in die lichtvolle Höhe, und wenn ihm die Flügel geraubt sind, dann stürzt er jäh in die finstere Schlucht . . . Rur nicht das langsame Siechen, nur nicht das elende Zivielicht, das armselige Flickwcrk . . . Hcrzl oder Meininger — tertium non datur! * * * - /• Wie wird also die triviale Komödie der Assimilation zur erschütternden Tragödie? Nur wenn die Assimilation nicht als der bequemere Weg zur wohlbeleibten Behaglichkeit, sondern als die einzig mögliche — n n d so l glich notwendige — Ueberwindung des historischen Indenverhängnisses gedacht, aber auch erlebt wird. Und nntcr diese Kategorie der tragischen Assimilation fällt auch derFal'l- W c i n i n g e r. Man lasse sich von der Oberfläche nicht gefangen nehnien, und- — in der übermütig-zerschmetterndcn Anklage des verneinenden U e b e r w i n d e r s wird das Ohr deutlich die wehmütige Klage des von der Last des Indenloses U e b c r w u n d e n c n vernehmen. Man schaue prüfenden Auges dem „Judenhasscr" Wcininger ins Antlitz, und unter der sarkastisch-verzerrten Maske des unerbittlichen Anklägers wird man die verwirrten Züge des angstbcklommenen Angeklagte n erblicken. Man dringe tiefer in das Innere seines Schaffens, und nirtcr der objektiven Hüllej des strengen Wissenschaftlers wird man die von den Krallen der Erlösungssehnsucht zerfetzte Judcnseclc erblicken. Die agonisierendc Judensecle, der keine Hoffnung mehr innewohnk; der Adler, dem die Flügel geraubt sind; die Leiden des Hcrzbschen Strebcns ohne die Kraft des Herzl'schen Willens, — das ist dje Tragödie Otto Meiningers, die Tragödie der bei der Ucberivindung des Judenleidens versagenden Assimilation. * * * Welcher Ansicht man über die Wege und Mittel zur Lösung der Judenfrage auch sein mag, — ihr innerer Kern, ihr kulturell-historischcr Inhalt ist und bleibt: die Befruchtung des bisher vegetierenden nationaljüdischen Knltnrt y P u s durch den allgemein-schöpferischen Gehalt der modernen K n l t u r. Auch vor Weininger stand das Problem in dieser Gestalt. Wie kein anderer fühlte er die Unhaltbarkeit des jüdischen status quo. Die Mangels und Abnormitäten des. jüdischen Daseins starrten ihn in einer derartig karrikaturmäßig übertriebenen Form an, daß die krankhaften Ersch'einungs forme n des Judenleidens für ihn sogar den gesunden Kern des Judentums verhüllten. — Es fehlte eben Weininger der starke Wille zur bejahenden U m w ä l - znng, um hinter dem Zeitlich-Ärbrechlirhen das Historisch-Gesunde und Aufstrebende zu erblicken, und — die negative Lösung des Problems war gegeben: die absolute Verneinung des jüdischen Kulturtypns als solchen .. . War diese Lösung psychologisch bei Weininger einmal gereift, so war eo ipso die Richtung seines schnurstracken, jeden Kompromisses abholden Gedankenflusses unabänderlich in ein ehernes Bett gelenkt: Das' Judentum mußte verdamnit werden . . . And aus Wirklichkeit und Phantasie, aus Wahrheit und Lüge konstruierte sich Meininger sein Judentum zurecht, ein Judentum, für welches bei ihm wahrlich nichts als ein entschiedenes Todesurteil übrig bleibenj konnte: „Die Juden müssen innerlich das Judentum in sich besiegen" ... Bei der Begründung und Ausgestaltung dieses 'aprioristischen Postulates kam Weininger eine ausgesprochen jüdische Besonderheit seines Denkens zuhilfe, die sich wie.ein roter Faden durch feinj gesamtes geistiges Schaffen verfolgen läßt. And zwar wird der Weiningersche Gedankcngang stets und vollkommen von begrifflichen Abstraktionen pnd absoluten Kategorien beherrscht, bei deren Bildung und Ailsgestaltuiig er oft rücksichtslos alles Empirische, Konkrete aus seinem Gesichtsfelde zu entfernen wußte. Was ist das Weiningersche „Weib"? Ein „W", ein Etivas, eine platonische Idee, eine ab>- folnte Kategorie, eine geistige Konstitution, die beim Manne' wie beim Weibe wirksam austreten kann. Was ist ferner das Weiningersche Judentum? Weder Rasse, noch Volk, weder Konfession noch Nation, sondern — eine „Geistesrichtung", eine „psychische Konstitution, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet".*) „Das Fudent u m darf man nicht mit den Juden verwechsln."**) Allerdings hat dieses Judentum in derj Juden seine voriviegende historische Verwirklichung gefunden. Nun ist ja ein derartiges, gewissermaßen algebraisches Vorgehen auf dem Gebiete der sozialj- I psychologischen Forschung gewiß gerechtfertigt. Jedoch stets bei der unnmgänglichen Bedingung, daß nur Elemente den Realität, nur die vorwiegen!- den und für die gegebene soziale Gruppe charakheristischen Momente der Verallgemeinerung unterzogen werden. Am allerwenigsten bleibt aber Meininger gerade dieser Forderung der Wissenschaftlichkeit gerecht. Nemesis hat die Binde von ihren Augen gestreift, — das Todesurteil war vor den Gerichtsverhandlung gefällt. Das Judentum m n ß t e v c r d a »l m t w c r d e n. D u r ch d i e s e s Ziel sind für Weininger alle Mittel geheiligt. Die historisch bedingten Schattenseiten des Ghcttojudentums, die moralische Dekadence des Assimilanten-Judentnins und — nicht in geringerem Miaßo — auch die übertriebenen, ja nicht! *) Otto Weininger. Geschlecht und Charakter. Wien und Leipzig. IMS. 6. Anfl. S. 412. **) MM 414.

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