Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mftge M 81c. 11 (tes Inmftfnrtet IsMkWm Familmklattes. AdlmmMatsde-rllunm auf das „Frankfurter Israelit. Familienblatt" nehmen sämtliche Po st an st alten des Jn- und Auslandes zu . MK. 1,02 (inkl. Iiefernug frei j«s Haus) für das zweite Vierteljahr 1S1I entgegen. — Streifbandzusendung für Deutschland uno Oesterreich- Ungarn äHcttt 150, für die übrigen Länder Mk. 2.— vierteljährlich. einiger Großen zu dessen Befreiung aufgeboten.» jar, die solen dir weren war" — ein Brauch, Manchmal tönen auch politische Nachrichten da-1 der sich auch im Hebräischen eingebürgert hat. Prager Judenbriefe. In den Sammlungen des Wiener Hof- und Staatsarchivs befindet sich ein Bündel vergilbter Bogen, die jüdisch-deutsch und hebräisch beschrieben sind. Die Entzifferung ergab, daß es jüdische Briefe sind, im November des Jahres 1619 in Prag abgeschickt und nach Wien adressiert. Boten trugen die Briefe über Land, und infolge der beginnenden Wirren des dreißigjährigen Krieges mochten wohl, wie solches auch in den Briefen des öfteren erwähnt wird, Boten beraubt worden sein, sodaß die Briefe auf irgend eine Weise in einen Winkel zwischen „Haupt- und Staatsaktionen" gerieten, um schließlich als eine Art Kulturdokument eine Auferstehung zu erlangen. Da nun die jüdische Geschichte dieser Jahrhunderte außer rabbinisch-literarischen Erzeugnissen wenig dauernde „Monumente" hinterlassen hat, da ferner gerade das Intime des jüdischen Lebens eigentlich einen Hauptinhalt unserer Geschichte im Golus bildet und dieses vielfach mehr gefühlsals „quellenmäßig" ins Bewußtsein der nachgeborenen Generationen gelangt ist, hat ein solcher Fund eine ziemliche Beden tung, — wenn er auch nur spärliche Daten darüber enthält, was, über den engen Kreis dieser Personen hinausreichend, doch Welt und Sinn dieses Kreises bildet. Wie die Herausgeber .in der Einleitung hervorheben, ist die Sammlung dadurch ganz eigenartig, daß hier gleichsam im Querschnitt ein Stück Leben vor uns aufgerollt wird, Leben aus einer Woche etwa, gleichsam, als ob wir plötzlich in die einstige Prager Judenstadt entrückt würden und sähen, was eben jetzt all diese Menschen tun und treiben und speziell, was sie einander zu sagen haben. Das geht wie ein unsichtbares Band zwischen den Briefen hindurch. Und etwas von den vielen Spiegelungen desselben Zeitmomentes in vielen kleinen Lebensschicksalcn steckt darin. Im allgemeinen ist dieser Zeitmoment frei von großen, speziell jüdischen Schicksalen, es kommt mehr die allgemeine Unsicherheit zu gesteigertem Ausdruck. Sehr mühselig wird der sonst anscheinend sehr rege Verkehr zwischen den beiden großen Gemeinden. Man wagt kaum mehr, den Weg zurückzulegen, und einige werden erwähnt, die mitten auf dem Wege zur Umkehr gezwungen waren, andere, die mancherlei Um!- und Irrwege durchmachen. In Wien herrscht eine Seuche, uno eine Gruppe von Reisenden muß drei Tage beim Friedhof liegen, ehe sie in Prag eingelassen wird. So trennt die Not der Zeit Vater und Kinder, Gatte und Gattin. Es scheint manchmal, als ob ein kurzer Ausenchalt bei Eltern oder Verwandten plötzlich zu dauernder Trennung geführt hätte. Andererseits scheinen doch die Mitglieder einer Familie häufig in dauerndem! Wohnsitz weit zerstreut zu sein, wobei sie jedoch im innigsten Kontakt miteinander bleiben. Kinder werden des „Lernens" halber hierhin und dorthin geschickt, zu Heiratsvermittlungen werden weite Reisen unternommen, seltener aus geschäftlichen Gründen. Das friedliche Bild der Familienerlebnisse aller Art wird nur manchmal unterbrochen: durch die Mitteilung von einer Plünderung der zwischen, wie die, daß der „Duc" von Bayern Nördlingen eingenommen und von der Krönung des pfälzischen Kurfürsten. Sehr hart sind die materiellen Verhältnisse der -Juden mitgenommen. Abgesehen davon, daß einige der Vornehmsten, darunter der bekannte Lipman Josef Heller, einfach ausgeüündert wurden, daß Pfandschulden überhaupt nicht mehr zurückerstattet wurden, — werden nur zu häufig kleine und kleinste Anleihen erwähnt, ne der eine beim andern machen muß. Charakteristisch ist das etwas pathetische Zitat aus dem Buche der Sprüche: „Ich bin bekümmert über das Vergangene, beunruhigt durch das Gegenwärtige und in Furcht vor der Zukunft." Interessanter als diese Anzeichen der äußeren Situation ist das» was man gleichsam über Art und Stil jenes Lebens selbst aus den Briefen herauslesen kann. Ein Monument rührender Gattenliebe ist z. B. der letzte Doppelbrief der Sarel Gutmann mit seinem Eingang: „Vor großem Vielschreiben, Ivos ich hätt' zu schreiben, kann ich nicht schreiben," der Fülle wechselnder Stimmungen und Mitteilungen und dem Geständnis: „Ich kann doch alles nicht schreiben vor großer Bangigkeit". Charakteristisch ist die Hochschätzung der Gelehrsamkeit, welche sich ebenso in der Ehewahl zeigt wie in der Mahnung eines Vaters an seinen Sohn, nur ja nicht sein Lebensziel im „Geschäft" zu erblicken. Ausfallens sind die vielen Titulaturen, welche sogar zwischen Verwandten gebraucht werden. Die Kvhanim führen einen besonderen Titel und sogar als Briefsiegel das Abzeichen der Priestcrhände. Und eine gewisse innige Einfachheit des Lebens äußert sich noch mehr im Stil als im Inhalt der Briefe. Für den wissenschaftlichen Erforscher der jüdischen Volkssprache müßten die Briefe eine Fundgrube bilden, auch für den Psychologen dieser Sprache. Wenn heute der „Jargon" bald verhimmelt, bald verachtet wird und im Lcbensgebrauche, bald journalistisch verunziert, bald künstlerisch veredelt, auftritt, so sehen wir ihn hier gleichsam nahe dem Quell seiner Entstehung (was sich auch in dem ganz flüssigen und unbestimmten Charakter der Orthographie und Flexion ausspricht). Er ist noch wirklich ein halbes Deutsch und tragt sogar noch etwas von der Gemütsruhe und -breite des damaligen Deutsch an sich — ohne eine gewisse rüde Derbheit der Sprache, an deren Stelle vielmehr das jüdische Volksgemüt seine eigene Weise ausprägt. In vieler Beziehung stehen übrigens die Spuren des Jüdisch- Deutsch, wie sie in Deutschland und Oesterreich noch vorhanden sind, dieser Sprache näher als die Volkssprache des Ostens. Charakteristisch ist auch die Rolle des Hebräischen in diesen Briefen. Es ist noch immer Volkssprache, wenn auch in mehr idealem Sinne Der Gelehrte schreibt auch seine Briefe hebräisch, ebenso werden offizielle Briefe, wie an Gemeindevorsteher usw., hebräisch abgefaßt. Auch sonst kehrt die hebräische Phrase ungemein häufig wieder, in Briefeingängen und -schlüssen, und wo es nur einen Sinn gibt, bei allen, welche siq nur keimen, auch bei Frauen. Wenn auch die gewöhnliche Sprache weniger hebräische Elemente enthält als das heutige Jüdisch, so treten diese wieder in kompakten Satzkomplexen häufiger auf. Die hebräische Phrase ist pathetisch, bilderkühn, ohne einer gewissen keuschen Ehrfürchtigkeit zu entbehren. Ein Briefausgang lautet z. B.: „Er neige sein goldenes Szepter dem Hochtönend dient oft der Name des Angesprochenen als Thema eines Bibelverses, wie wenn z. B. ein Brief an den angesehenen Jakob Teitsch von Nikolsburg eröffnet wird mit den Worten: „Und Jakob war ein rechtschaffener Mann, er, der in Zelten wohnte". So langgedehnt sind auch manchmal die bloßen Adressen. Im Jüdischen klingen Natürlich müssen die Briefe für jüdische Familiengeschichte einen besonderen Wert haben. Dr. Wachstein, der die Wiener Grabinschriften auf das Genaueste erforscht hat, ist hier in die ver-- borgensten Zusammenhänge eingedrungen. Befinden sich unter den Schreibern wie unter den Adressaten doch auch klangvolle Namen, so Lipman Lech .Heller (bekannt als Verfaffer des „Tossafot Jomtob), Moses Maor Katan, Jakob Prilram und einige in ihrer Zeit repräsentativ bedeutende Vertreter der Wiener Gemeinde. So sei denn noch hervorgchoben, in wie tüchtiger Weise es die beiden Herausgeber Dr. Landau und Tr. Wachstein verstanden haben — der eine mehr vom sprachwissenschaftlichen, der andere mehr vom historischen Standpunkte aus —, die Briefe auch in jener Gestalt dem Leser vorzuführen, daß die Spiegelung der Zeit und des Kulturzustandes in chnen deutlicher hervortritt. Tenn an und für sich wfürde es schon der jüdische, — geschweige denn der nichtjüdische — Leser schwer zustandebringen, sich durch private Alltagsbriefe hindurchzulesen. So sind denn der Sammlung eine vortreffliche und sehr interessante Einleitung, mannigfache Erklärungen in Bezug auf Sprache und Etymologie, Register der Ereignisse, der Familien, ferner Photographien der Handschriften und der Bricfsiegel beigcgeben. Ein Brief ist nebst einigen Briefstellen in einer Geheimschrift abgefaßt, und es soll den Herausgebern erst kürzlich gelungen sein, diese zu entziffern. Manches, was man in jener gefährlichen Zeit „über Feld nicht schreiben konnte", mag «ich hier noch als Ergänzung finden. Der Text wird sowohl im Original als in deutscher Transskription gegeben, wobei allerdings das Jüdische einigermaßen zweigeteilt erscheint, indeni die deutschen Elemente in ihrer unveränderten Form, die hebräischen aber in moderndeutscher Nebersetzung ausgenommen sind. Dr. Ernst Müller. > Synagoge in Nikolsbnrg oder einem Tumult in........ ^... . Prag. Ein Prager ist in Wien in Gefangen-! innig die gereimten Briefanfänge „vil freud und schaft geraten, und es wird der Machteinfluß | nimer mSe kein leid" oder „vil guter seliger Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Es ist bereits ein Jahr verstrichen, seitdem der Frankfurter große Rabbi verschieden ist. Um das ehrende Andenken dieses großen Gelehrten und Fichrers in Israel zum Ausdruck zu bringen, hielt Rabbiner Dr. Nobel vor drückend überfüllter Synagoge — alle Stände und alle Richtungen waren vertreten —. einen H e'sped. Es würde zu weit führen, wollte man die ganze Fülle der Gedanken dieses geistreichen und tiefgründigen Redners' hier wiedergeben, wir wollen uns daher nur auf das Wesentliche beschränken. Redner zeichnete die große Persönlichkeit des Dahrngegangenen, bei dem sich überragende Klugheit und Gelehrsamkeit wunderbar mit großer Milde und Versöhnlichkeit gepaart haben, in dem die höchsten Güter des Judentums mit den höchsten Gütern der allgemeinen Kultur harmonisch wohnten und der daher zum berufenen Führer und „Rabbon" der gesamten deutschen Judenheit wurde. Daher auch sein segensreiches Wirken, das sich auf alle Kreise erstreckte, insbesondere aber auf die Armen des Geistes und des jüdischen Wissens, die nicht den graben ,/Oerech hamelech," den Weg der Ahnen und des eigenen angestammten Volkes, auf dem jede Nation und jedes Natiönchcu schreiten, kennen und so nicht wissen, wo zu wandeln, nach Rechts oder nach Links, und leider meist rein zufällig nach Links abschweifen. Nach der Rede zündete Rabb. Dr. N o b e l ein ewiges Licht (Ner tomid), ein sinniges Kunstwerk aus der Meisterhand des Sohnes, des Ziseleurs Leo Horovitz, an. Frankfurt a. M, Bon weiteren Ehrungen Rabbiners Dr. Horovitz, anläßlich seines 1. Jahrzcitstages ist zu berichten: Purim war in der Löb Reißschen Synagoge (Hermesweg) zum ersten .Wale ein Pvrauches aufgehängt, das der Vorstand der Synagoge zum Andenken an Rabbiner Dr. M. torovitz gestiftet und dessen Text Herr Jacob . Posen verfaßt hat. Der sehr geschmackvoll