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Neue jüdische Presse · 1911-03-17 · Heft 11 (17.3.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IrartKfrtrtei: ♦ d ♦ > 4 ■ ♦ ä V Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion und Hefchäfts-telle: Srankfurl a. M.. l3ttttQc|lra|c 7 10507. Herausgeber: Aati; H>eis. . Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. ' 9. Jahrgang. Freitag» den 17. Adar 5671 (17. März 1911). Nr. 11. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der Triumph Ludwig Geigers. — Panislamismus und Panjudäismus. — Jca und russische Regierung. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Aus den Vereinen. — Aus derLehrerwelt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Bünte Chronik. — Kunst und Literatur — Wochen-Kalend er. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Der Triumph Ludwig Geigers. „Der Zionismus ist tot! Welche erlösende Botschaft! Und nun vorbei Zion, vorbei Hebräisch, jüdisches Selbstbewusstsein, jüdischer Stolz, jüdische Ehre, alles, alles vorbei; wie danke ich Dir, o Herr! Ein Grauen erfaßt mich, wen» ich mich erinnere, wieviel Herzlcid, wieviel Seelenpein das verfluchte Wort Zionismus mir bereitet hat. Wie Pflegte all mein Inneresfönulich vor Wut zu beben, als mein Ohr „hebräische Sprache", „jüdischer Stolz", „jüdische Renaissance" vernahm! Und jetzt? Wie danke ich Dir, o Herr!" Also sprach Ludwig Geiger, der treue Sohn des jüdischen Volkes, als die Botschaft von der jüngsten Rede Hakki Paschas im türkischen Parlament über den Zionismus eintraf. Der Zionismus tot! Was hat sich denn eigentlich ereignet, was geschah? Hier der Sachverhalt: Auf das Rednerpult eines oppositionellen Abgeordneten namens Jsmael Bey kam eine Denunziation gegen die Zionisten von irgend einer verkäuflichen Kreatur ä la Fresco, die in Diensten der verschworenen jüdischen Feinde und Verräter ihres Volkes steht, geflogen, welche besagte, daß die Zionisten es darauf abgesehen hätten, ein jüdisches Königreich in Palästina zu gründen. Dies zu erreichen, trachteten sie mit Hilfe der jüdischen Großfinanz, wie Sir E r n c st Cassel, der Dreyfusbank u. dgl. mehr. Die jüngste türkische Anleihe in Deutschland sei gleichfalls ein Werk der Zionisten; in Berlin werden die Sachen geschmiedet, jenseits des Bosporus getragen und von der türkenfeindlichcn Pforte akzeptiert. So ungefähr die Aussührungen Jsmael Beys.- Und' die Antwort des Großwesirs Hakki Pascha? Zunächst machte - der Großwesir, noch bevor er zur eigentlichen Antwort überging, die Kmnmcr darauf aufmerksam, daß aus dem Zögern zu urteilen, mit dem I s m a e l B c ts g csprochcn hat, man zu der Annahme gelangen muß, daß ihm all die Dingegegen den Zionismus, die er vorgebracht hat, von anderen i n d e n M u n d gelegt worden sind. Was der Großwesir zur Antwort über den Zionismus gab, lautet ungefähr wie folgt: Als Zionismus bezeichnet man die Ideen gewisser Israeliten in Europa, die bestrebt sind, durch Einwanderung zahlreicher fremder Juden in der Zukunft ein israelitisches Königreich in Palästina zu gründen. Es sind Phantasten, die glauben, daß man. so leicht Königreiche gründen kann. Die israelitische Nation ist die einzige der Welt, die ihre Lage nach Maßgabe der Wirklichkeit regelt, ohne sich von Gefühlen leiten zu lassen. Es ist darum eine Fabel, alle Juden in dieses Phantasiegebilde einspinnen zu wollen, und es besteht gar kein Zusammenhang zwischen Sir Ernest Cassel und dein Zionismus. So ungefähr die Ausführungen des Großwesirs. Auf diese seine Antwort folgte die prompte Erklärung Jsmael Beys, er müsse feststellen, daß der Großwesir mit ihm in der Beurteilung des Zionisnius übcrcinstimme. Darauf der Großwesir: „Die Kammer hat verstanden, was ich gesagt habe, Ihre Feststellung war unnötig." Was besagen nun die beiden Reden? Daj die Worte Jsmael Beys darauf ausgingen, den Zionisnius zu diskreditieren, wer ivollte es bestreiten? Die Opposition im türkischen Parlamente setzt sich meist aus den fremden Nationalitäten zusammen, die naturgemäß für oie Türkei eine Dezentralisation auf einer Basis der autonomen Selbstverwaltung der Minoritäten anstreben müssen. Da sollte doch nur Wohlwollen seitens der Opposition den Zionisten, die Selbstverwaltung auf dem rein jüdisch-geistigen Gebiete und im höchsten Falle ganze Autonomie innerhalb und unter der türkikischen Herrschaft — niemals aber ein losgelöstes Königtum -— anstrcben, cntgcgcngebracht werden; allein die Opposition, die nur auf die Diskreditierung der verhaßten zentralistischen jungtürkischen Regierung ausgeht, ist in ihrem Kampfe skrupellos; worauf es chr hauptsächlich ankommt, ist einzig und allein, zu beweisen, daß die großen Ereignisse der letzten Zeit, das Scheitern der Anleihe in Frankreich sowie in England und die Unterbringung derselben in Deutschland, von einer der Türkei feindlichen Hand, nämlich vom Zionisnius, hcrrühren und mithin für das Reich nur verderblich sein können. Und so kaiu die Mär von dem Bestreben der Zionisten, ein getrenntes Königreich in Palästina zu begründen. Und wenn auch die Jsmael Beys, wie von verschiedenen Seiten des Hauses mit Recht bemerkt ivurde, vom Zionismus keinen blassen Dunst haben, so stehen diesen doch die Freskos, die zum Schaden des eigenen, angestaimnten Volkes, sowie des Wirtsvolkes im Interesse frenider Völker — sagen mir Frankreichs und Englands — arbeiten, zur Verfügung. Und der Großwesir, wie ist seine Antwort zu verstehen? Er hätte die Mär von dem jüdischen Königreich niit einem Hauch wegblasen können, und zwar auf ganz einfache Weise; er hätte nämlich erklären können, daß es ini Interesse einer jüdischen Nation liegt, eher unter dem Schutze einer starken, bewasfncten, verwandten Macht, wie es die Türkei ist, sich zu stellen, als als kleines Ländlein isoliert in der Mitte von feindlichen andersgläubigen Nasionen zu stehen. Der Großwesir aber tat dies nicht; weshalb nicht: Den jüdischen Geldgebern zuliebe, deren Religion und Nationalismus nur der Mammon ist, und die in ihrer überwiegenden Mehrheit einstweilen dem völklichen Zionismus feindlich gesinnt sind. Mit wenigen, zu nichts verpflichtenden Ausdrücken hat er die Opposition beschwichtigt, die jüdischen Geldmagnaten beruhigt, ein ganzes Heer von wütenden Assimilanten beglückseligt und selbst den persönlich dargebrachten Dank des jüdischen ChachaM Baschi, des dankbaren Schülers der scheinbar jüdischen und de facto französischen Alliance, eingeheimst. Doch was der Großwesir mit der einen Hand den jüdischen Ueberläufern und Geldsäcken scheinbar gab, das gab er tatsächlich den Zionisten, denn gleich nach seiner Rede genehmigte das Ministerium die Oppenheimer'sche Siedlungsgenossenschaft. Den Assimilantcn das geflügelte Wort, den Zionisten die wohlwollende Tat! Wie stcht's um Ihren Sieg, Herr Professor Geiger?! .... * * * Man sieht, mit dem Zionismus ist cs lange nicht so schlecht bestellt; auch wenn das Ministerium Hakki Pascha wirklich dem Zionismus feindlich gesinnt gewesen wäre. Das nationale Judentum hat lange genug gehofft und gewartet, ganze zweitausend Jahre, und gar viele, sehr viele und große, ja ungeheuer große Widerwärtigkeiten zu überstehen gehM'uns» wirklich auch überstanden. Kurzum, das nationale Judentum kennt die Kunst des Ausharrens, des Wartens- und wird auch, wenn es sein muß, warten. Allein mit dem Assimilanteutum ist es schief, gar sehr schief bestellt! Die Methode des allmählichen Verschwindens hat sich einfach nicht bewährt, die Wirtsvölker drängen und sagen: wir warten nicht länger, auch wollen wir nichts Halbes, die Entscheidung drängt: entweder ganze C h r i - st e n und sofort, o d e r, w e n n n i ch t d i e s, dann lieber ganze Juden! Doch die Entscheidung ist unendlich schwierig; einerseits ist der Bolksvcrrat in unserem nationalen Zeitalter stark verpönt, anderseits beginnen die Völker, gewitzigt durch die reiche Erfahrung des verflossenen Jahrhunderts, einzusehen, daß der Jude seine besonderen Rasscnmerkmale und individuellen Volkseigenschaften auch nach der Taufe nicht abzulegen vermag. Da tagte z. B. neulich in Rußland ein A d e l s k o n g r e ß, und nach langer, eingehender Beratung faßte die illustre Versammlung eine Resolution dahingehend: den Juden wie den getauften Iuoen jegliches Amt im Staate vorzuenthalten und auch sonst die Rechte der e r st c r e n wie der letzteren zu beschneiden. Und den Beschlüssen des Adels wird nicht nur in Rußland, sondern auch in anderen Ländern Rechnung getragen. Die schikanösen Maßnahmen der russischen Regierung gegen die Juden richten überhaupt sich in der letzten Zeit in gleichem Maße auch gegen die Getauften. Kurzum, die Lösung der Jndenfrage durch die Assimilation versagt, der Weg zur Taufe ist fast gesperrt.

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