Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mftfle MM. 10 des Iraufefnüter Iftaelifififten Familimklaiies. Generalversammlung des BereiusZder Kantoren und der übrigen Knttusbeamteu im Königreich Bayern. (E.B.) Die erste ordentliche Generalversammlung des vor einem Jahre gegründeten Vereines tagte am 15. Januar im Hotel Plaut in Nürnberg und wurde vom Vorsitzenden, Oberkantor Neufeld- Nürnberg, eröffnet. Der'Besuch war. ein zufriedenstellender und das Interesse, sowie die aktive Beteiligung an den Verhandlungen eine sehr rege und allgemeine. Rabbiner Dr. F r e n d e n t h a l - Nürnberg erschien während der Sitzung. Der 1. Vorstand der Kultusgemeinde, Jnstizrat Dr. Held, hatte sein Nichterscheinen mit dringlichen Abhaltuiigsgründen entschuldigt, ebenso Rabbiner Dr. Klein. Nach Rechnungsablage des Kassiers, M. G o dlewsky-Neumarkt, wurde für den nach Frankfurt berufenen Herrn Schloß der Unterfertigte znm Schriftführer gewählt u. Herr Bergmann- Fürth, der dem Verein 300 Jk spendete, zum Ehrenmitglied ernannt. Bezüglich der Fortbildungskurse, Antrag Neufeld-Nürnberg, konnte ein positives Resultat nicht erzielt werden, weshalb man die Angelegenheit für eine spätere Tagung zurückstellte, umsomehr, als Dr. Freudcnthals Vorschlag dahin lautete, bez. der Auss- und Weiterbildung der Schochtim zunächst einmal mit der Rabbincrkonferenz in Fühling zu treten. —. Kollege Kr Lmer- Ansbach beantragte, die orthodoxe Vereinigung in Bayern darum anzugehen, auch Vertreter der Kantoren und übrigen Kultusbeamten zu ihren Sitzungen zu kooptieren. Der Antrag wurde akzeptiert. —.Weiterhin beantragte Krämer- Ansbach, daß bei vorkommenden Todesfällen von Mitgliedern fürderhin je 2.— Jk durch jegl. ordentl. Mitglied an die Witwe bezw. die Hinterbliebenen entrichtet werde, welche Beträge bei Annahmeverweigerung dem Bereinsdermögen zugute kommen. Der Antrag fand Annahme. — Gadle w s k Y-Neumarkt hatte mit seinem Anträge vollsten Erfolg, den Termin für die Beitritts gebühr von 5.— Jk auf 1. Juli 1911 statt 1. Januar dS. Js. zu verlängern, wodurch den noch Fernstehenden die Gelegenheit geboten istvon dieser Erleichterung Gebrauch zu machen. — Weigersheimer - Schweinsurt wünscht ab 1. Januar 1911 Staffelung der Aufnähmebeiträge und ztvar ab 25. Hebensjahr p. a. um je 5.— Jk steigend, mit auf Wunsch zu geivährender Ratenzahlungen, was einstimmige Annahme fand. Biel wichtiges wurde noch besprochen, aber last not least sei noch des vom Vorsitzenden gehaltenen wichtigen Vortrages gedacht, dessen Hauptinhalt n a ch st c h c n d e Wiedergabe finden soll: Wenn wir unser ganzes 'Tun und Lassen, unser Fühlen und Denken so einrichte» wollen, daß es sich mit der jüdischen Auffassung deckt, müssen wir das Lebensbuch unserer 'Ahnen aufschlagen. Hier finden wir auch Aufschluß über die Bedeutung der Tefiloh, über deren Ausschmückung durch die Melodie und über die Persönlichkeit des Scheliach Zibur im eigentlichsten Sinne des Wortes. Das Bedürfnis, zu Gott zu beten, finden wir schon bei den Stammvätern, Wo sie sich niederließen, war das Hauptaugenmerk auf den Bau eines Altares gerichtet. So sehen wir ferner, als das größte Minder dem Volke.Israel am Roten Meere zuteil wurde. Mosche das herrliche Lied anstimmen, und als sie die Wüstenwanderung antraten und nach kurzer, Zeit mit Amalek in einen Krieg verwickelt würden, war cs abermals Mosche, der inbrünstig zu Gott hetete, damit sein Volk den Sieg erlange. So entstanden die von Mosche verfaßten Psalmen und Gebete, so jene des Königs David, die herrlichen Dichtungen und Gebete des Königs Salamon, die auch im heil. Tempel eine . Stätte fanden. Sind uns doch die Gebete des Hohenpriesters, die täglichen der Leviten, die später durch die große Synode erweitert und in festere Form gesetzt wurden, sehr wohl bekannt. Und als der heilige Tempel in Flammen aufging und Israel ins Exil wanderte, fand es abermals im Gebete Erbauung und Trost. Im 9. Jahrhundert, im Zeitalter der Peitanim wurde der Gottesdienst mit herrlicher Poesie ausgeschmückt, und es entstanden damals fast 2000 hebr. Lieder und Gebete. Daß nun die Melodie die ästhetische Grundlage des Gebetes und Gottesdienstes ist, dafür besitzen wir schon im Pentateuch sichere Belege. Mosche und das' Volk singen das Meereslied, und die Schwester Mirjam antwortet mit den Frauen im Wechselgesange. Ein hochpoetischer Sang ist das' Lied der Rrchterin Debora beim Siege über Sissera. Von der Ueberzeugung getragen, daß die Kunst das Gemüt beeinflußt, fand auch in den Prophetenschulen der Gesang eine ausgedehnte Pflege. Davidder große Dichter und Musiker führte die liturgische Musik und den Gesang als wesentlichen Bestandteil des Gottesdienstes ein, er selbst übernahm die Oberleitung und die Direktion übertrug er den 3 Leviten Asaph, Heman und Ethan. Auch war es Vorschrift, 5 Jahre dem Studium zu obliegen, erst dann wurden sie zum Dienste eingereiht und nach Vollendung des 50. Lebensjahres mußten sie denselben .quittieren. Dieser Kultus übertrug sich später auf die Verrichtungen im Tempel unter seinem Sohne Salamon und fand noch Erweiterung, Der Gesang verschwand auch dann nicht, als die Israeliten in die Verbannung wanderten. Als sie wieder zurückkchrten, fanden sich noch 200 Sänger, die den Dienst im 2. Tempel aufnahmen. Daß' der Gesang auch im talmndischen Zeitalter hochgeschätzt wurde, finden wir in einer Deutung der Weisen auf den Vers: „Ehre Gott mit deinen! .Vermögen": „mehonecho heißt auch migronecho, mit Deiner Kehle, ü. h. wer eine schöne Stimme besitzt, hat auch die Pflicht, das Vorbeteramt zn übernehinen." Im Sefcr Chassidim heißt es: „Wenn du dich nicht sammeln kannst, dann suche nach Melodie beim Gebete, und das Herz wird fühlen, was dein Mund spricht, weil der Gesang es ist, welcher das Gemüt empfänglich macht, das Herz erfreut, auf daß dein Atund sich fülle mit Liebe und Freude zn dem, der in dein Herz sieht, um ihn zn loben mit Inbrunst und Ehrfurcht." Wir kommen nun zu dem Träger des Gottesdienstes, dem Scheliach Zibur. Der Borbeter ivar immer eine Begleiterscheinung des jüd. Volkes. Auch hier sei wieder aus Mosche zurückgegrifsen, der nach Ueberlieferung mit dem Volke abwechselnd sang, wie es die Worte „Wajomru lemor" bekunden. Jederzeit finden wir die Vertreter des Kantorenstandes auf ihren! Posten, während des 1. und 2. Teinpels und erst recht nach der Verwüstung des letzteren, als sie „Korowo" genannt, auch Führer und Lehrer des Volkes waren, Beamte, die an Stelle der Opfer das Gebet der Genieinde dem Allvater darzubringen haten. Die Bezeichnung Scheliach Zibur ist erst späteren Datuins. Von ihn! verlangt der Talmud Fröinmigkeit, schöne Stimine, Beherrschung der Gebete in korrektem Vortrage und die Fähigkeit, das Volk zn unterrichten,- auch durfte er seines Amtes nicht ohne weiteres enthoben werden, —. Satzungen, die noch heute ihre religionsgesetzliche Geltung haben. Verdienst der Borbeter ist es, daß uns all die traditionellen Gebete und Segenssprüche erhalten bleiben. Im Buche Juchasim wird uns die erste synagogale Feier init Chor nebst sämtl. gesungenen Stücken initgeteilt. Ein Aufschwung moderner Art begann tut 14. Jahrhundert, durch Marill, der auf die deutschen Juden den stärksten Einfluß ausübte. Eine Umwälzung entstand in Italien durch Salamon de Rosi, der 1560 in Mantua das Licht der Welt erblickte und einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit Ivurde. Sein Werk „Haschirtni ascher Lischlomo" ivurde nicht nur in Italien, sondern auch in anderen Ländern und in mannigfachen Synagogen eingeführt, ivodurch der Chorgesang seine Förderung fand. Bon verschiedenen Mihständen abgesehen, die sich im 17. Jahrhundert durch Wahl ungeeigneter schiluche de Zibure vollzogen, die fremde Melodien, Volkslieder und dgl. beim Gesänge verwendeten und einführten, bildete sich anfangs des 18. Jahrhunderts, besonders in Polen, das Institut der Sänger und Bässe heraus, bis endlich zur Zeit der Emanzipation die großen Werke von Sulzer, Naumburg, Lewandowsky und vieler anderen mit „neuent Lichte" erschieneit und den synagogalen Gesang in 'die' geregelten Bahnen der Kunst lenkten. Nebst der Pflege dieser gilt es aber, daß der Scheliach Zibur nicht blos auf dem Gebiete der Musik und des Gesanges, sondern in noch viel höherem Grade als Beispiel tiefer Religiösität diene und erfüllt von hebräischem und profanem Wissen sei, bescheidenen Lebenswmtdels, seiner alten Vorgängerwürdig und ebenbürtig. I. Oppenheimer - Neumarkt Schriftführer. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Glogau. Nahezu eine halbe Million Mark hat Frau Luise Weiß stein s. A. für eine Stiftung vermacht. Dieser „Eduard und Luise Weißstein'schcr Hilfsfonds" wird von einem besonderem Kuratorium verwaltet und gewährt Beihilfen jüdischen Krankenhäusern, Studierenden usw. Breslau. Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottländer überwies der Universität zu ihrer Hundertjahrfeier 250 000 Jk, deren Zinsen zur Heranbildung von Forschungsreisenden dienen sollen. Swttgart. Dr. Rosenfeld in Horb wurde zmn Sanitätsrat und .Stadttierarzt Erlanger in Buchau zum Deterinäroffizier ernannt. Wie«. Erzherzog Rainer erschien dieser Tage im Atelier des Malers David Ko hin, um ihm zu einem Bilde zu sitzen. —. Dr. Paul Hammerschlag, Direktor der Kreditanstalt für Handel und Gewerbe, ist mit dem KvMturkrenz des Franz Iosef-Ordeus misgezeichnet worden. Budapest. Emanuel I. Weisz, der als Vorsteher der Chewra Kadischa und des Jsr. Handwerk- und Ackerbauvereins' in hervorragendem Maße jüdische Wohltätigkeit übte, ist — 75 Jahre alt — verschieden. — Dr. Armin Fodor wurde zum Kurialrichter, Prof. Dr. Ignaz Goldzieher zmn Hosrat ernannt. Zioni. Budapest. Max d. Beck, Ausschußmitglied der Pester Gemeinde, wurde die erbliche Baronie verliehen. Zioni. Mailand. Giuseppe Pontremoli, Schwiegervater des' Ministerpräsidenten Luzatti, ist verschieden. London. Marcus R a t h a n Adler, der Bruder des Chief-Rabbi, ist im 74. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene war bekannt als Mathematiker und Statistiker. 9C:tf jüdischem Gebiete hat er veröffentlicht „Gesundheitsgesetze der Bibel und ihr Einfluß auf die Konstitution der Juden" und „Reisen Benjamins von Tudela". Er schrieb auch über die chinesischen Juden. Adler war in erster .Ehe mit Fanny Myers verheiratet und in zweiter Ehe mit Miß Kisch. Aus -er zionistischen Beweg««-. Frankfurt a. M. In der Misrachi-Ortsg r u p p e sprach gestern Professor S u l z b a ch über „R o m i m L i ch t e d e s Tal m u d s". Der Gegensatz zwischen Rom und Juda ist der, der zwischen Esau und Jakob, zwischen der Faust und dem Geist, zwischen der Gewalt und dem Rechte besteht. Inda war in seiner Anschauung über Rom trotz der ihnt angetanen Unbill seitens Roms durchaus gerecht. Das Schöne an Rom, die staatliche Ordnung und die technische Kultur, haben unsere Weisett rückhaltlos gerühmt, doch das Tadelnswerte, die Unsittlichkeit, Habsucht und Gewalttätigkeit, tadelten sie auch. Redner belegt seine Ausführungen mit schönen Erzählungen aus Midrasch und Talmud und schloß mit der Mahnung, festzuhalten an der jüdischen Lehre und der jüdischen Zukunft. Darauf unterbreitete der Vorsitzende, Professor Wehl, der Versammlung den Entschluß des Misrachi, Kurse für Tenach mit anschließender Unterhaltung im Hebräischen eiitzurichten und schlug vor, eine Kommission — je 2 Mitglieder aus den drei bestehendeit Zionistengruppen — ztt wählen. Herr Perlmutter bekundet seine Freude über diesen Vorschlag, da das Studium des Hebräischen unerläßlich sei; das hebräische Wissen aber der aus der Israelitischen Realschule der hiesigen Religionsgesellschaft entlassenen Jugend fei sehr minimal, über das nnregelinäßige Verb hinaus wird im Unterricht nicht gegangen, und sogar die nötige Begeisterung für weitere Selbstbildung wird der Jugend nicht beigebracht. Professor W e y l nimmt die Schule in Schutz; die Schule, meint er, gibt bei der knapp abgemessenen Zeit eine gute Grundlage. Professor S u l z b a ch schließt sich seiner Ansicht an und verivahrt sich ebenfalls gegen die unfreundlichen Anschauungen Perlmutters an der Schule. Zur Erwiderung meint Perlmutter, daß er ein Freund der Schitle sei, aber gerade an der Kritik erkennt man deit Freund; doch hofft er, daß mit dem Augenblick, da die Gemeindemitglieder für die Pflege des Hebräischen als Sprache eintreten werden, die G e in eindeschule nolens volens hebräisch wird pflegen müssen. Es sprachen noch Gort ein, Dr. Fcuchtwanger und Lehrer Stern. Köln. Die auf den 28. März nach Berlin einberufene Sitzung des Aktionskomitees ist verschoben worden. London. In einem Interview, das der Präsident der zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn in Köln, einem englischen Journalisten betreffs der türkischen Parlamentsdebatte gewährte, gab er seinem Befremden darüber Ausdruck, daß der Großwesir die zionistischen Bestrebungen als ein Phantasiegebilde bezeichnete. Die zionistische Bewegung sei eine praktische Bewegung, welche bereits bedeutende wirtschaftliche Vorteile für Palästina erreicht habe. Weiter erklärte Herr Wolffsohn, die in der Kammer gefallene Aeußerung, die zionistische Organisation hätte der türkischen Anleche Schwierigkeiten bereitet, sei absolut unrichtig. Wie immer die Haltung der türkischen Regierung sei, so würden die Zionisten doch niemals irgend etwas unternehmen, was die türkischen Staatsinteressen gefährden könnte. Herr Wolsfsohn ist davon überzeugt, die türkische Regierung werde schließlich zu der Erkenntnis kommen, daß die Realisierung des Zionismus ebensosehr im Interesse des ottomanischeu Staates wie des jüdischen Volkes gelegen sei. Er sei sicher, daß die türkische Regierung dann bereit sein wird, auch finanzielle Verhandlungen mit der zionistischen Organisation zu führen. — Fitzmaurice, der erste Dragoman der englischen Botschaft in Konstantinopel, ist ab berufen worden. Er stand in