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Neue jüdische Presse · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Baron Albert Rothschild. (Im Feuilleton des N. P. I. behandelt der gewesene. Sektionsrat Baron DocziLajos die Persönlichkeit dieses jüdischen Grandseigneurs ausführlich und da ich glaube, daß, die kleinen Ausschnitte -den jüdischen Leserkreis des Familienblatts interessieren werden, will ich sie nicht vorcnthalten). ■ Ein Stück Wien ist mit Baron Albert Rothschild gestorben. "Das können selbst die rassigsten Jndcnhasser, die noch immer die Herren von Wien sind, nicht leugnen. Er war, nicht nur der letzte Großbankier, in. der voin unpersönlichen Bankenwesen beherrschten üstcrr. Finanzwelt, sondern auch eine Persönlichkeit, gerade wie sein früher verstorbene Bruder Natlmniel_der sich vom Geschäfte ganz abkchrte und nur dein Genüsse der ihm gewordenen Glücksgaben. im nobelsten und edelsten Sinne — sein Leben gewidmet hat. Dieser Mann, der intimen Anschluß an die hohe Aristokratie fand, aber ebenso eifrig . den Kultus des Schönen und Interessanten pflegte, hat doch. im Leben wenig genossen und die Ruhe im Grabe erst nach langen, entsetzlichen Leiden finden können. Er entbehrte Jahre lang einen Genuß, der den Aerinstcn nicht versagt ist; er fand keinen Schlaf und fürchtete den Irrsinn.' Seine Riesenvermächtnisse für Gründung von Nervenheilanstalten künden der Nachwelt nicht nur, was ein Reicher bieten, sondern auch, was er leiden kann. Nun ist ihm sein Bruder, der Chef des Wiener Hauses, ohne daß ihn Krankheit, und Leid vorher gemahnt hat, .nächgefolgt. . " Ein Hymnus "ist leichter geschrieben als eine Charakcristik, und da der Verstorbene ' nicht zu jenen . gehörte, mit denen sich die Geschichte beschäftigen wird, so muß ihnr die Gegenwart ganz gerecht werden und dem Guten und Vorzüglichen an ihnr durch Andeutung seiner Menschlichkeiten das rechte Relief geben. Die Reichen und Mächtigen überschüttet man gerne bei ihrer Bahre mit einem Strom von Licht, daS alles, verwirft, was ihnen eigentümlich war. Ich hatte immer eine Antipathie gegen die Totenmasken, die berühinten Männern abgenommen wurde, weil sie in der Regel eben dasjenige wiedergchen,. was diese im Leben nie gewesen siird: nämlich das Tote. Haben wird doch einem Toten gegenüber, der uns des Gedenkens wert ist, das natürliche Streben, ihn aufleben zu sehen. So gibt eben auch ein Panegyrikus auf Männer, welche Tausenden Gutes getan haben, nur eine starre Allgemeinheit, eine Abstraktion rrnd keine Individualität. Baron Rothschild Ivar ein guter Mensch, wenn auch kein gütiger. Er hat alles, -was er für Einzelne und die Gesamtheit tun konnte, mit voller. Hand-und vollem Herzen gegeben, nur sich selber nicht. Das konnte er nicht, das war ihm nicht gegeben. Dies können die Mächtigen der Welt überhaupt selten: Iveder die Könige noch die. Geldfürsten. Vielleicht ans dem tiefen Grunde, iveil sie nur zu geben und nichts zu empfangen haben. Die Freude, unverdächtige Beweise, von Liebe und Hingebung zu empfangen, wird ihnen selten zuteil, besonders, wenn sie gescheit sind. Baron v. Rothschild war ein sehr. gescheiter Mann. Vielleicht ein wenig zu gescheit. Für Schmeicheleien hatte er kein Ohr, eberisowenig für slehendliche Bitten, die auf seine Taschen zielten, indem sie sich an sein Herz richteten. Er hat sich keine Freude gemacht. Mer ist dabei ein guter, fühlender Mensch gewesen, das zeigte er besonders denen, die ihm am nächsten standen und jenen, die ihn nie zu Gesicht bekamen. Die großzügige Wohltätigkeit, die er übte, betätigte sich imnier ohne Ostentation;, ohne"Abzielen auf Anerkennung von unten oder oben, aber auch ohne Effusion des Gefühls. Es schien dabei keine Saite seines Empfindens zu vibrieren. Das war auch wie eine Sache des .Hauses Rothschild, bndget- und geschäftsmäßig' systematisiert. In seiner, Sektion für Mildtätigkeit wurden vom Chef Hunderttanscnde jährlich, zum güten Zweck verausgabt. Persönliches und eifriges Interesse zeigte er aber, wen» es sich um Werke für Juden im Auslände handelte. Er hatte Anstalten fast in allen Weltteilen, für seine unglücklichen oder hilfsbedürftigen. Glaubensbrüder. ' Da gab es denn bald in Kleinasien, bald in Konstantinopel, bald überseeisch Schwierigkeiten seitens der Behörden, zu deren Besiegung diplomatische Hilfe nötig war. In diesen Dingen trat der Baron immer persönlich ein. und Ivurde nicht Müde, mich wegen Beschleunigung anzuspornen. Dabei legte er seine „üble" Gewohnheit, mit Gleichgestellten durch Botschafter zu verkehren, beiseite. Manchmal bedurfte er solcher Mahnung, der auch immer Folge gegeben wurde. Er hatte, trotzdem er Seigneur durch und durch war, die Manieren, aber nicht die Manier des großen Herrn. Er war einerseits! durch den Umgang mit Heuten, die ihn brauchten, verdorben, andererseits durch manchen dumpfen Widerstand in jenen Sphären, Ivo er zum größten Teil heimisch geworden, rinsicher geworden. . . . Millionäre und Barone, die er nie — ohne dabei unartig oder hochfahrend zu, sein —, an sich zu nahe heran ließ, sagten von ihm: Rothschild ist ein guter Jude, aber er mag nur die Armen. . ' Er war nicht eitel, eher ehrgeizig .und das nur sich selbst gegenüber. Er hatte nichts Großes mif der Welt zu tun. Er hatte keine Leidenschaften, nur Passionen, lind diese waren ganz imprätensiöser Natur. Sein Ehrgeiz richtete sich darauf, alles, was er anfing, so gut und so vollkommen zu machen, als es ihm eben möglich war. Rothschild, der Milliönär, der Fortsetzer einer Gelddynastie, die noch immer mehr Weltruf hat als die zehnfach reicheren Milliardäre Amerikas, hat seinen Sinn nie auf Mehrung seiner Millionen gerichtet. Er leitete sei» Haus, als ob er es heute begründen müßte: das. tat er ans Pietät für seinen Vater und seine Voreltern, ans schuldigem Respekt für seineil Beruf, aber er haschte nicht nach Gewinn und nicht einmal nach Ausbreitung seiner Macht. - Seine Beamten klagten, daß er eigentlich sein Vermögen nur verwalten, nicht vergrößern wolle. Er wollte nicht, daß der Wiener Platz durch ihn kleiner werde, darum löste er seine Bureaux nicht auf. Er war. eiy guter Oestreicher, er den Lueger als vaterlandslos beschimpfte. ... Er ist nun dahingegangen, nach einem Leben von Arbeit in Genuß und Genuß in der Arbeit. Er hat keine Schöpfungen hervorgebracht, aber stets^ seine Kräfte geübt. ... - Zioni. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Geb. Sanitätsrat Dr. M. Krön er, Ritter des Eisernen Kreuzes, feiert am 24. -dss. Mts. seinen 70. .G e b u r t s t a g. — Dem Rechtsanwalt Hugo M a r c u s e wurden vom Kaiser von Deutschland und vom Kaiser von Oesterreich k o st b a r e Busennadeln verehrt. £ Berlin. Im Alter von 57 Jahren verschied der Mitinhaber des „Berliner Tageblatt" Emil M o s s e. Sowohl durch ' seine hervorragende geschäftliche Tätigkeit, als auch durch seine Wohltätigkeit, hat er sich einen angesehenen Namen verschafft. Gießen. Der Mathematiker Geh. Hosiat Piofessor Dr. Moritz Pasch tritt in den Ruhestand. Dortmund. Für den aus Gesundheitsrücksichten zurückgetreten S. Flörsheim-Dortmund wurde Justizrat Dr. Frankensteiu-Bielefeld z'üm Vorsitzenden des Verbandes der Synagogcngemeinden Westfalens gewählt. Dortmund, Sally Flörsheim ist nach langem, schwerem Leiden gestorben. Der Entschlafene stand 6 Jahre lang an der Spitze des Verbandes der Synagvgengemeinden Westfalens. Breslau. Anläßlich seines Uevertritts in den Ruhestand ist dem Geh. Negierungsrat Prof..Dr. Jakob Rofanes der Rote Adlerorden 3. Klasse mit bcc Schleife verliehen worden. Lörrach. Die Groß Herzogin verehrte Frau David N o r d m a n n, die das 30jährige Jubiläum als Vorsteherin des jüd. Frauenvereins und den 75. Geburtstag feierte, ihr Bildnis im g o l d e n e w R a h m e m (L.) Posen. Moritz Schminke, ein Veteran ans den Kriegen 1866 und 1870/71, feierte seiner;, 70. Geburtstag. Wien. Die Akademie der Wissenschaften verlieh folgenden jüdischen Gelehrten Subventionen: Dr. Moritz K o h n - Wien, Dr. F. Ehrenhaft- Wien, Dr. Michael Stark-Czernowitz und Dr. R. Kraus. . In Sarajewo, der Hauptstadt Bosniens, verschied — 78 Jahre alt — Salomon Efendi. Nach der, Einnahme Sarajewos im Jahre 1878 wurde er zum Vizebürgermeister ernannt. Die sephardisch-jüdische Kultusgemeinde verlieh ihm den Titel eures Ehrenpräsidenten. Budapest. Dr. Samuel Rado, Chef des „Ungar. Telegr. Korrespondenzbüros", und Dr. Ludwig B r o d y, Redakteur des „Neuen Pester Journal", erhielten die Hofratswürde und Dr. Sigm. Schiller Redakteur des „Pester Lloyd", den Eisernen Kronenorden 3. Klasse. — Des jüdischen Tischlermeisters Ludwig Dalnokis Lustspiel „Der Pester Junge" wurde im Kecskemeter Stadttheater mit großem Erfolg gegeben. Zioni. Budapest. In Dunaf ö l d d a r verschied — 108 Jahre alt — die durch ihre Wohltätigkeit bekannte Frau Henriette Reiß. — In Snyatin ist. das Große Beshamidrasch bis ans den Grund'niedergebrannt. Czernowitz. Der Gemeindeausschuß der Stadtgemeinde Dornawatra hat in seiner am 18. d. M. abgehaltenen Sitzung den Reichsrats- und Landtagsabgeordnetcn Herrn Dr. Straucher einstimmig zum Ehrenbürger von Dornawatra ernannt. Rom. Der König ernannte Simone Lattes und Dr. Vittorto Emanuele Ovazza, beide in Turin, zu K ä v a l i e r e n d e s Kroneno r d e n s. San Remo. Hier verschied der Sohn eines angesehenen russischen Rabbiners. Der Vater wollte nicht, daß sein Sohn auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt iverdc,' hatte aber nicht das Geld, ihn nach dem Friedhof einer jüdischen Gemeinde zn überführen. In seiner Not half ihm Frau Sal n tz k i, deren Manu hier gestorben war und die sich neben der Grabstätte ihres Mannes eine eigene Grabstätte erworben -hatte; sie überließ ihre Grabstätte dem Sohir des Rabbiners. Aus den Bereiueu. Frankfurt a. M» In; Verein für jüd. Geschichte und Literatur sprach gestern Abend Prof. Dr. G o ld sie in-Darmstadt, einer unserer geistreichstes besten'und sympathischsten jüdischen Redner, über Buddhismus und Judentum, diese beiden Grundtypen der Weltanschammgen. Buddhismus, Verneinung des Selbsterhaltungstriebes, Judentum, Bejahung des Lebens. Der Buvdyismns ruhend auf dem Leiden nn» dem Glauben, daß der Mensch,(o lange ins Erdendasein wiederleyrt, bis er alte Leidenfchast resttos niedergekämpst, das Judentum sich aufbauend auf den vier Grundanfchaunngen: Gott bedeutet die ethische Weltmacht; das Verhältnis Gottes zur Welt ist das Verhältnis des Schöpfers zn (einer Schöpfung'; der Glaube an eine Geschichte, d. h. an eine Verwirklichung letzter Ideen innerhalb des menfchheitliche» Tuns; der Glaube-an die Unsterblichkeit der menschlichen Persönlichkeit. Die Weltanschauung des Judentums in. dem westeuropäischamerikanischen Kulturkreis die treibende Krast imd trotz .vieler gebildeten Juden, die sie gern als überwunden hinpellen, bei den bedeutendsten philosophischen Geistern dev .Gegenwart der Aufbau ihres Denkens, Frankiurt a. M. Die Bereintgung „Nachlaß Zwi" wird am Mittwoch, den 15. März im großen Saal des Kaufmännischen Vereins einen Purim-Kommers mit Damen Peranstalten, wozu große Vorbereitungen getroffen werden." Das Programm, das in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung kommt, wird neben hervorragenden musikalischen Darbietungen (Kapelle der 63er, unter persönlicher Leitung des Dtnsikmeisters Paul Georgy) ein ausgesprochen humoristisches ' Gepräge tragen. Mainz. Im Jüd. Jugendveretn sprach Julius Simon-Mannheim über den „Zionismus". In der Begrüßung verteidigte der Vorsitzende, Dr. jur. Simon, selbst kein Zionist, das Bestreben des Jugendvereins, jüdische Fragen der Gegenwart.zur Diskussion zu bringen. Der Referent gab dann in formvollendetem Vortrage ein klares Bild der zionistischen Bewegung^ Nach dem starken Beifalle, der den Ausführungen folgte, entwickelte sich eine lebhafte und angeregte Diskussion. Auf die 'Fragen der einzelnen Diskussionsredner antwortete znm Teil der Referent und, da er.'früher abreisen mußte, L. Perlmutter- Frankfurt a. M. An der Debatte nahmen ferner teil H. Bloch, Dr. Kaum, Dr. Simon, Referendar Seelig, Lehrer Rosenberg und B. Starn- Wiesbaden. Im Schlußworte betonte der Vorsitzende den außerordentlich harmonischen Verlauf der Debatte, der den besten Beweis für die Richtigkeit der tzpm Mainzer Jugendverein beobachteten Vereinspolitik abgegeben habe. Hoffentlich gewinnt dieses Beispiel Nachahmung bei den anderen jüdischen Jugendvereinen, die noch die altmodische „Neutralität" bewahren, jede Diskussion über jüdische Fragen anszuschließen, anstatt diese in wirklich neutraler Weise durchzuführen. P. -t. Stratzburg i. @lf. Der jüdische Turnverein ist im verflossenen Jahr von 108 Mitgliedern auf 147 Mitglieder gestiegen; außerdem besteht noch eine Riege von 36 Zöglingen. Budapest. DerB ereinzurFörderungdes Handwerks und Ackerbaus bei den ungarischen Juden hat beschlossen, für den jü-- bischen' Gärtnerknrs 100 000 Kronen flüssig zn machen. 78 Handwerkslehrlinge wurden neu ausgenommen. An' 15 Jndustrieschüler wurden Stipendien bis ä 200 Kronen verteilt und 9 aus der Schule getretenen fertigen Meistern zur ersten Einrichtung 500—1800 Kr. gegeben. Zioni. Budapest. Justizminister Szekely bat dem jüdischen Patronageverein zum Ban des Asyls für schutzlose Kinder 13,500 Kr. überwiesen, Zioni. Aus der Lehrerwett. Fraulfurt a. M. Der Verein „Achawa" (Vorsitzender: Julius Heyman) veröffentlicht seiilen 46. Rechenschaftsbericht. Danach zahlte der Verein, in seiner letzten Berichtsperiode 132 Pensionen an Lehrer und Lehrerswitwen und verausgabte dafür

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